Donnerstag, 22. März 2012

22.03.2012

Heute mache ich nichts. Als Kind F. nach dem Frühstück um acht wieder einschläft, schlafe auch ich einfach weiter, hypnotisiert von den ruhigen Atemzügen des Säuglings. Draußen ist es hell, registriere ich noch durch den schmalen, leuchtenden Spalt zwischen Fenster und Vorhang. Und wenn schon.

Als ich um elf wieder erwache, trinke ich erst ganz, ganz langsam einen Malzkaffee. Dann trinkt Kind F. Milch. Zäh wie Akazienhonig fließt die Zeit an mir vorbei, stockt nur kurz, als das Telephon klingelt und verrinnt dann schläfrig glucksend irgendwo zwischen Schlafzimmer und Küche. Ich könnte ein bißchen lesen, fält mir ein, und hole mir Frank Goosens "Sommerfest". Den "Hasen mit den Bernsteinaugen" habe ich durch.

Erst gegen zwei gehe ich erstmals auf die Straße. Ich muss mehr spazieren gehen, habe ich mir vorgenommen, denn das Spazierengehen verbrennt Fett, und davon habe ich gerade zuviel. Ich schiebe meine Gewichtsentwicklung immer auf das Kind, aber in Wirklichkeit habe ich die gesamte Schwangerschaft über gegessen wie drei normale schwangere Frauen. Aus den Augenwinkeln beobachte ich mein Spiegelbild in den Fensterscheiben. Ich sehe aus wie ein Sack.

Auf dem Rückweg setze ich mich dann in die Sonne. Ich habe meine Sonnenbrille wiedergefunden und blinzele dem Frühling entgegen. Die ganze Stadt hat die Wintersachen ausgezogen und zeigt die noch etwas blassen Beine. Gut siehst du aus, Berlin, denke ich mir, und bestelle einen Saft namens Spreegold Spezial und einen Cappucino und erzähle Kind F., was alles in der Süddeutschen steht. Derzeit ist Kind F. noch schlankweg egal, was man ihm mitteilt, Hauptsache, man spricht mit ihm und lächelt ihn an, und erst, als ich ziemlich lange telephoniere, fällt ihm ein, dass jetzt Essenszeit ist. Ich zahle und gehe nach Hause.

Irgendwann sitze ich auf dem Sofa, und Kind F. liegt neben mir und schläft. Auf der Rückenlehne hinter mir döst meine schöne, blaue Katze, und ich blättere ein bisschen in der Zeit und in der neuen Nido, fange zweimal Goosens "Sommerfest" an, und frage mich dann doch, warum ich das gekauft habe. Es handelt sich, will mir scheinen, um ein möglicherweise ganz nettes, aber ungewöhnlich unbedeutendes Buch. Statt weiterzulesen schleppe ich also Kind F. ein paar Runden durch die Wohnung und singe ihm etwas vor.

Als meine Mutter anruft, ist der F. schon wieder eingeschlafen. Gut geht es mir, teile ich ihr mit, höre mir ein bisschen Tratsch an, lache über die Irrfahrten einer lieben, ziemlich törichten Tante, und sage, als sie fragt, sehr zufrieden: Nichts.

Mittwoch, 21. März 2012

21.03.2012

Langsam wird die B. mir unheimlich, die jeden Mittwoch meine Wohnung reinigt: Letzte Woche, da war ich nicht da, hat sie eine Schale Pistazien sortiert, die der J. halb gegessen und mit den Schalen stehen gelassen hatte. Diese Woche hat die B. dagegen nicht nur die Wohnung aufgeräumt und geputzt, sondern auch die Katzen gründlich gereinigt und gebürstet. Ich will nicht ausschließen, dass sie auch Kind F. und mich einmal so richtig porentief grundreinigen würde, bekäme sie dazu Gelegenheit. Heute aber bestand die Gelegenheit nicht: Mittwoch morgen ist Pilates, und der F. kommt mit.

Im Prenzlauer Berg gibt es bekanntlich mehr Pilates-Studios als Nagelstudios im Wedding, und sie sind alle, alle voll. Besonders voll wirkt so ein Pilates-Studio natürlich, wenn nicht nur ungefähr zehn schwangerschaftsbedingt leicht verschwabbelte Frauen mittleren Alters (alle außer mir blond) auf Matten liegen, sondern neben jeder Frau auch noch ein Kind liegt und je nach Alter und Temperament entweder an die Decke starrt oder teilweise geräuschvoll auf sich aufmerksam macht. Ich liege also auf einer grünen Matte und verspüre ein deutliches Zucken in den Nerven, die für Gereiztheit zuständig sind. Mich stört zwar mein eigenes Kind nicht. Für andere Kinder gilt das aber noch lange nicht. Da hilft auch der kleine lächelnde Buddha aus Stein in der Fensternische nicht weiter: Es soll ruhig sein. Gerade noch rechtzeitig endet die Kurseinheit. Im kurzen Gespräch mit einer anderen Kundin simuliere ich Verständnis und Interesse an ihrem störenden Kind und bin ein bisschen peinlich berührt: Die Frau erinnert sich von der letzten Pilates-Stunde noch genau an meinen Namen und den meines Babys. Ich hätte geschworen, weder sie noch ihre Tochter jemals gesehen zu haben. Leicht verschämt ziehe ich ab.

Als ich zu Hause wieder auftauche, ist die B. gerade weg. Die Wohnung ist unglaublich sauber und aufgeräumt, unfassbar insbesondere wenn man den Vorzustand kennt, und so lege ich mich erst einmal aufs Sofa, lese, telefoniere und genieße den Zustand. Schon, genau kann ich das sehen, lauert in den Ecken erneut die Entropie: Auf dem Tisch liegen mein Portemonnaie und die Post. Auf der Arbeitsfläche habe ich mit einem Tee gekleckert, und auf dem Couchtisch liegt ein Stillhütchen. Bis heute abend, das ist leider klar, wird es aussehen wie immer.

Immerhin, so tröste ich mich, wird der aufgeräumte Zustand dauern, bis Frau Engl mich besucht. Vorher schaue ich mir eine weitere Kita ein, denn irgendwer soll Kind F. betreuen, wenn der J. und ich wieder arbeiten gehen, und dann setze ich mich wieder aufs Sofa, kraule Kind F. den Bauch und warte, bis es klingelt. Leider sagt Frau Engl gar nichts zu meiner mordsaufgeräumten Wohnung, aber vermutlich steht dafür schon wieder viel zu viel herum. Selbst das Kuchenessen (drei fabelhafte Stück Kuchen vom Franz Karl in der Bötzowstraße) hinterlässt Spuren, die vorher nicht da waren.

Am Ende, irgendwann abends, sitze ich wieder auf dem Sofa. Neben mir schnarchen leise das Kind und die Katze. Zerstreut blättere ich in der ganz guten neuen Dummy zum Thema "Geheimnisse". Dann greife ich noch einmal zum Notebook. Die Wohnung, so scheint es mir, sieht wieder aus wie immer.

Dienstag, 20. März 2012

20.03.2012

Oh nein, ächzt der Nörgler hinter meinem linken Ohr. Dein Tagebuchblogen war immer schon sehr, sehr öde, weil dein Leben seit Jahren bar jeder Übertreibung zu den langweiligsten Leben der Welt gehört.

Mit dem neulich frisch geborenen Kinde F. hat sich der Langweiligkeitsfaktor noch einmal deutlich gesteigert. Du selbst, behauptet der Nörgler, langweilst dich zwar nicht. Dass liegt an den Hormonen. Für den Rest der Welt gilt das aber nicht, und so werden auch deine letzten Leser dein Blog verlassen, wenn du nichts weiter mitzuteilen hast als den ungewöhnlichen Appetit deines Knaben, der - vermutlich dank einer vom Vater ererbten Fressgier - eigentlich den ganzen Tag isst.

Immerhin aber, redet der Optimist hinterm rechten Ohr mir gut zu, ist es Frühling, und du bist den ganzen Tag unterwegs. Du könntest von der alten Russin erzählen, die dir heute in Mitte an einer Ampel eine abscheuliche Babymütze in schreiend grellen Farben verkaufen wollte, und dich als Dankeschön für ein paar Euro ohne Mütze so fest umarmt hat, dass dir fast die Rippen gebrochen wären. Auch der Kerl bei dm am Alex bedarf der entrüsteten Mitteilung, der ungefragt behauptet hat, dein Kleiner sei aber ganz schön fett. Beschwiegen werden sollte allerdings - hier sind sich Nörgler und Optimist ausnahmsweise einig - das Resultat einer ersten Gewichtsbestimmung nach der Geburt. Laut Nörgler bleibt das jetzt so, und auch der Optimist schließt schnelle Erfolge bedauernd aus. Vor lauter Schreck hast du heute abend nur ein paar Nudeln in Tomatensauce gegessen.

Ein paar längere Telefonate machen die Sache laut Nörgler auch nicht besser. Über den "Hasen mit den Bernsteinaugen" könntest du schreiben, aber dafür müsstest du das Buch erst einmal fertig lesen. Alles, schließt der Nörgler damit, spreche also gegen eine neue Runde Tagebuchblogen, und doch siegt am Abend irgendwann der Optimist.

Seien Sie also eingeladen: Langweilen Sie sich auf ein Neues chez Madame Modeste.

Samstag, 10. März 2012

Die Zahnbürste

Okay, haben Sie gedacht und missbilligend die weißen Sprenkel auf meinem Oberteil betrachtet. Kaum ist das Kind da, wird Madame also nachlässig, denn der evolutionäre Auftrag ist ja sozusagen erfüllt. Ganz sicher wird Madame schon Weihnachten die Achtzig-Kilo-Grenze sprengen und sich spätestens nächstes Jahr so eine formlose North-Face-Jacke kaufen, mit denen die ortsansässigen Muttis signalisieren, dass ihre s*exuell aktiven Zeiten der Vergangenheit angehören, und ihr Aussehen ihnen nun fortan egal ist. Es ist also aus mit Madame, haben Sie meine Telephonnummer schon einmal in Gedanken aus ihrem Handyadressbuch gelöscht. Madame gibt es nicht mehr, denn Mutti hat sie gefressen.

Doch so, dies anzumerken ist mir wichtig, verhält es sich nicht. Die weißen Sprenkel stehen in keinerlei Zusammenhang mit dem jüngst angeschafften Kinde F. Die weißen Sprenkel auf meinem Oberteil resultieren vielmehr aus meinem technischen Unvermögen; diesmal zutage getreten anlässlich eines neuen elektrischen Geräts: Einer neuen, weißen, erstmals elektrischen Zahnbürste. Letzte Woche online erworben, heute erstmals benutzt.

Der Hintergrund der Zahnbürstenanschaffung ist ein ernster: Vor drei Wochen bekomme ich ernsthafte Zahnschmerzen. Also so richtig, so schädelzermalmend unangenehm, und gehe am nächsten Tag zum Arzt. Der Arzt - in diesem Fall eine Ärztin - schaut mir in den Mund, macht irgendwelche Untersuchungen, entfernt eine schadhafte Füllung, und dann folgen grauenhafte Stunden, in denen die Ärztin Nerven entfernt, Karies wegbohrt, Wurzelkanäle mit einer Feile reinigt, und das alles entzündungsbedingt mit einer nicht so richtig gut funktionierenden Narkose. Ich habe gelitten.

Nun strebt der Mensch danach, Leiden zu vermeiden. Ich will also nie wieder zum Zahnarzt. Der Weg zur Vermeidung künftiger Zahnarztbesuche aber führt (gerade wenn man so miese Zähne hat wie ich) wohl nur über eine drastisch verbesserte Mundhygiene. Ich habe also Geräte bestellt. Wenige Tage später war die neue Zahnbürste da.

Ich habe bisher keinerlei Erfahrung mit diesen Dingern. Ich habe immer manuell gebürstet. Ich habe mich also mit dem neuen Gerät neugierig und ein wenig unsicher ins Badezimmer gestellt. Ich habe Zahnpasta auf den Bürstenkopf gedrückt. Ich habe den Mund geöffnet. Ich habe die Zahnbürste an meine Vorderzähne gehalten und den "On"-Knopf gedrückt. Erwartungsgemäß begann die Bürste mächtig zu rotieren, und ich schob die Bürste Zahn für Zahn durch meinen Mund.

Gut, auch mir ist aufgefallen, dass der Spiegel immer weißer wurde, aber ich dachte, dass muss so. Ich bin mit der Zahnbürste sogar noch durch die Wohnung gelaufen, und es spritzte weiß aus meinem Mund eigentlich überall hin, wo ich mich gerade aufhielt. Auch dabei dachte ich mir eigentlich nichts. Millionen Menschen nutzen elektrische Zahnbürsten, die Bedienung - so nahm ich an - müsse also einfach und eigentlich selbsterklärend gestaltet sein, und so beendete ich, ohne Verdacht zu schöpfen, irgendwann den Prozess der Zahnreinigung und verließ das Haus. Dabei, sehr verehrter Leser, haben Sie mich vermutlich gesehen.

Ihnen sind die weißen Sprenkel natürlich sofort aufgefallen. Ich allerdings lief selbstvergessen einfach so ein wenig herum, war frühstücken, unterhielt mich ein bißchen, und die sozusagen explodierte Zahnpasta wäre mir nie im Leben aufgefallen, wenn nicht mein Begleiter, der liebenswürdige J., mich auf diese Verunzierung meiner Oberbekleidung aufmerksam gemacht hätte. Zu diesem Zeitpunkt allerdings saß ich in einem Café, wo man schlecht seine Kleidung wechslen kann, denn in aller Regel hat man sonst nichts dabei.

Ich blieb also gesprenkelt. Irgendwann später habe ich mich dann umgezogen. Gleich, wenn ich wiederum die neue Bürste benutze, werde ich, wie man mir empfohlen hat, diesmal den Mund schließen. Und was Ihre Vermutung angeht, ich würde nun binnen kürzester Zeit verkommen:

Ich hoffe nicht. Ich tue mein bestes.

Dienstag, 28. Februar 2012

Die dicke Frau aus der Tram

Es ist also Dienstag, kurz nach acht, und Sie sitzen in der M 4. Am Alex steht die Frau neben Ihnen auf und geht. Schade, denken Sie. Die war nämlich eigentlich ganz hübsch, die Frau, jung und blond und schlank, und mit der dicken Frau mit den schwarzen Haaren, die sich jetzt auf den Sitz neben Ihnen fallen lässt, haben Sie keinen guten Tausch gemacht.

Sie schätzen die dicke Frau auf mindestens Größe 42, wenn nicht noch mehr. So dick sollen Frauen nicht sein, Frauen sollten ein bisschen auf sich achten, und selbst, wenn Sie wüssten, dass die Frau vor vier Wochen ein Kind bekommen hat, würden Sie immer noch denken, dass andere Frauen jetzt schon wieder mit Größe 36 durch Berlin schweben würden, statt in einem schlabbrigen Jersey und Leggings unter der Barbour Jacke (überhaupt: Wer trägt noch Barbour Jacken?) in der Tram herumzusitzen.

Sie wundern sich ein bißchen, was die dicke Frau wohl in Ihrer riesigen H&M-Tüte herumträgt. Bekleiden die da seit neuestem auch Elefanten? Sie würden sich bestätigt fühlen, wüssten Sie, dass die Frau gerade alle Hosen anprobiert hat, die H&M führt, und die beiden größten gekauft hat, die der ganze Laden bereit hielt. Die fährt sie jetzt nach Hause. Einen Trenchcoat und zwei Oberteile hat sie auch noch gekauft.

Dass die dicke Frau überhaupt vor allem deswegen bei H&M eingekauft hat, um angesichts der Kostengünstigkeit des dortigen Angebots das Provisorische ihrer derzeitigen Konfektionsgröße zu betonen, und so schnell wie möglich ihre Einkäufe von heute wegwerfen zu können, wissen Sie natürlich nicht. Auch ist Ihnen unbekannt, dass die dicke Frau sich geschworen hat, dass Sie am 01. Juni dieses Jahres die 60 kg wieder unterschreitet. Doch selbst wenn Sie das alles wüssten, selbst wenn Sie wüssten, dass die dicke Frau heute abend zu Hause ziemlich belämmert die neuen, total unförmigen Sachen in ihren Schrank hängen wird, fänden Sie die dicke Frau immer noch zu dick, denn Frauen sollen nicht so dick sein, ganz gleich, wie dieses unfassbare Übergewicht zustande kommt.

(Und selbst, wenn Sie das alles nicht gedacht haben sollten: Dass die Frau denkt, dass Sie genau das denken, reicht eigentlich aus, die dicke Frau zu deprimieren.)



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