Sonntag, 2. Dezember 2012

Nach dem Kino

Dann aber endet der Film, und wir drängen erst aus dem Saal und dann nach unten. Voll ist es auf der Schönhauser Allee, denn vor Weihnachten ist die Stadt noch voller als sonst, zum Platzen voll sozusagen, denn sobald der erste Advent naht, versammeln sich auch die Bewohner entlegender Stadtteile, Brandenburger sogar, auch viele, viele Touristen in den Geschäften der Innenstadt, auf ihren Straßen und vor allem auf ihren Weihnachtsmärkten. Da ist es dann ganz, ganz voll.

Der J. und ich trinken noch einen Glögg. Das machen wir jedes Jahr, auch wenn ich den eigentlich gar nicht so gern mag, und dann erzählen wir uns die besten Szenen des Films noch einmal. Die Kaffeeszene, sage ich. Der Nazifilm, sagt der J., und dann fragen wir uns, ob eigentlich auch Leute außerhalb von Berlin den Film mögen. "Nichtstun ist doch auch anderswo eine Lebensform.", gebe ich zu bedenken. "In Berlin hat Nichtstun aber schon eine sehr spezielle Ausprägung gefunden.", weiß der J., und dann laufen wir sehr vergnügt heim.

Das alles liegt hinter uns, versichern wir uns, und hören uns ein wenig ungläubig zu, wie wir das sagen. Wir waren sehr lange jung, wissen wir. Selbst als wir schon lange richtig gearbeitet haben, also so richtig mit Verantwortung und richtigem Geld und Sekretärinnen und so, waren wir noch jung oder haben zumindest so gelebt. Diese langen Nächte am Landwehrkanal mit dem Saum von Licht weit im Osten. All der Beton, der fremde Schweiß und die Bässe, die bröckelnden Mauern von Mitte. All die Sonne, das Bier und Grillen schon morgens am Falkplatz und mit uns die Ewigkeit, weil nichts drängte, damals, und nur Wunden schmerzten, die nicht verschwinden, wenn man irgendwas macht.

Das ist alles vorbei, schärfen wir uns ein, und wir lachen. Ein letztes Bier holen wir uns noch auf dem Heimweg, verabschieden die K., die auf dem Sofa schlechte Romane liest und lesen, bis die Augen zufallen, und nehmen im Schlaf nochmal einen schmerzlosen Abschied. Es war schön. Es hat mich meistens gefreut.

Sonntag, 25. November 2012

Andere Mütter

Andere Mütter sind längst wieder schlank. Sie haben in der Schwangerschaft nämlich vorbildlich gegessen. Viel Vollkorn. Viel Milchprodukte. Einmal die Woche rotes Fleisch, einmal Fisch und ganz, ganz wenig Fett. Und nur Olivenöl und so und keine Butter.

Ab dem Tag der Geburt haben sie Beckenbodengymnastik gemacht und dann ganz konsequent trainiert. Einmal die Woche Yoga, einmal Pilates und einmal machen sie bei diesem Mordprogramm mit, das Lauf, Mama, Lauf heißt und bei dem es um Fitness mit Kinderwagen geht. Sie wiegen jetzt wieder so viel wie vor der Schwangerschaft. Ihr Kind hatten sie auch beim Sport immer dabei. Dieses Kind wurde sechs Monate voll gestillt, wird jetzt teilgestillt und isst ansonsten gesunden Brei, den sie ausschließlich selbst kochen.

Andere Mütter fördern ihre Kinder und fahren mit ihnen zum PEKiP, zum Babyschwimmen und zu Kursen, durch die Kindern überaus musikalisch werden und später genauso gut englisch wie deutsch sprechen. Sie haben eine enge, aber nicht zu enge Beziehung zu ihren Kindern, die nachts seit dem sechsten Monat im eigenen Zimmer schlafen.

Ab und zu treffen die anderen Mütter mich auf der Straße und grinsen mich herausfordernd an.

Ich persönlich wiege heute noch acht Kilo mehr als früher. Ich habe in der Schwangerschaft nämlich fast ausschließlich (und das ist keine literarische Übertreibung) Finger Food gegessen, das bei den unzähligen Besprechungen gereicht wurde, an denen ich teilnehmen musste, weil im Büro gerade besonders viel los war. Abends habe ich immer versucht, bei dem Thai-Imbiss schräg gegenüber noch was zu essen zu kaufen, der um elf dicht macht. Leider habe ich es öfter nicht geschafft als geschafft.

Was fast noch beunruhigender ist als die acht Kilo: Es wird nicht mal tendenziell weniger. Ich esse nämlich einfach zu gern. Und ich mache ungern Sport. Ich wüsste auch nicht wann. Ich arbeite zu viel und ich trinke gern Wein, und wenn ich mal einen Abend etwas weniger esse, dann schlage ich am nächsten Tag wieder über die Stränge. Meinem Sohn geht es im Übrigen nicht anders: Zuerst wurde er teilweise gestillt und teilweise mit Fläschchen ernährt. Jetzt ist er zehn Monate alt und isst ungeheure Mengen von eigentlich allem, was er bekommt. Am liebsten isst er Pfannkuchen. Spaghetti Bolognese ist auch nicht schlecht. Im Ergebnis habe ich das schwerste Kind von allen.

Nachts schläft der Kleine immer noch bei uns. Um ehrlich zu sein, schläft er sogar bei uns im Bett in der Mitte. Der kleine Kerl ist nämlich hochmanipulativ und schläft zur Durchsetzung seines Ziels "dauerhafter Gemeinschaftsschlaf" nur dann durch, wenn mindestens ein Elternteil in dauerhafter Tuchfühlung bleibt.

An Elternkursen habe ich auch nicht teilgenommen. Und ab Januar geht der F. den ganzen Tag in die Kita. Die anderen Mütter singen in der Zeit, in der mein Kleiner in der Kita sitzt, vermutlich mit ihren Kindern, lesen Bilderbücher vor und treiben Sport, aber ich, tja.

Da werden die anderen Mütter wohl noch etwas grinsen.

Sonntag, 18. November 2012

Anders

Immerhin liest man jetzt nicht mehr so viel von diesen "Parallelgesellschaften", die im Sprachgebrauch von Rassisten mit Abitur den Umstand umschreiben, dass Leute, die nach Deutschland einwandern, meistens ein paar Jahre brauchen, bis sie Karnevalsvereinen beitreten und Bausparverträge abschließen. Ich war von diesen Artikeln immer so ein bisschen genervt, denn ich finde das eigentlich ziemlich normal und habe keine Lust, die ganze Zeit davon zu hören, wenn ich Zeitung lese. Bei denjenigen, die von den Parallelgesellschaften sprachen, wirkte die Verschiedenartigkeit von Leuten verschiedener Herkunft nämlich immer ganz und gar nicht normal, denn in der Gedankenwelt dieser Menschen ist Konformität ein ausgesprochen hochgehaltenes Gut.

Nicht so ganz verstanden habe ich zudem, warum diese Menschen Parallelgesellschaften eigentlich nur auf Gruppen von Leuten beziehen, deren Großeltern nicht in den Grenzen Deutschlands von 1937 geboren sind, aber auf der anderen Seite nicht mit der Wimper zucken, wenn sie drei S-Bahnstationen weiter auf Parallelgesellschaften stoßen, bei denen man glatt hintenüberfällt, wenn man mal drüber nachdenkt. Also beispielsweise ich heute in der Schwimmhalle an der S-Bahn Landsberger Allee. Das ist eigentlich nur 15 Minuten Fußmarsch weg, aber - die Berliner werden mir zustimmen - ganz ausgesprochen woanders. Orte, an denen mehr als 50% der Anwesenden tätowiert sind, suche ich an sich nämlich selten auf. Auch Ausrufe wie "Meiki, komm mal zu mich hin!", stammen eindeutig aus einer Parallelgesellschaft, in der ich nicht Mitglied bin.

Oder neulich im Flugzeug. Ich hatte das Hotel nämlich im Internet gebucht, und dann festgestellt, dass es pauschal nur halb so teuer war wie direkt gebucht oder über HRS oder so. Außerdem war der Flug schon drin. Was ich nicht bedacht hatte: Anscheinend fliegt - außer uns Sparfüchsen eben - kein normaler Mensch heute noch pauschal in Urlaub, und so saßen wir in einer Maschine der Lufthansatochter Condor zwischen lauter Leuten, deren Zugehörigkeit zu einer Parellelgesellschaft auf eine fast schon lächerliche Weise auf der Hand lag. Auch über diese Parallelgellschaft ist mir wenig bekannt. Fest steht allerdings, das man in dieser 20 kg mehr wiegt als woanders und Printmuster auf T-Shirts mag. Männer, die Mitglied dieser Parallelgesellschaft sind, tragen übrigens gern Kleidung mit der Aufschrift Camp David.

Im Hotel sind wir dann auf eine weitere Parallelgesellschaft getroffen. Diesmal absichtlich. Der geschätzte Gefährte ist nämlich mit einem Paar befreundet, dessen männlicher Teil in der Türkei Niederlassungsleiter für eine Waffenfirma geworden ist und dann stilecht mit blonder Frau und Kind im schneeweißen SUV im Hotel vorfuhr. Seine Welt sieht der meinen vermutlich sogar ziemlich ähnlich, zumindest auf den ersten Blick, aber bei genauerer Betrachtung sind die Unterschiede auch nicht kleiner als die zwischen uns und den Leuten, die nach einer Landung im Flugzeug klatschen, oder denen, die so ein ganz und gar handgefilztes Waldorfleben führen: Parallelgesellschaften, wohin man schaut. Meine Mutter etwa. Die Putzfrau. Oder der Typ, der morgens immer um 8.15 vor der Bäckerei Zessin über die Straße schlurft, um um 8.17 in immer demselben Abfalleimer nach Pfandflaschen zu graben.

Ich finde das großartig. Zumindest finde ich das lustig. Bisweilen wünsche ich mir, mehr über diese Existenzen zu erfahren, zum Beispiel aus Blogs. Aber wie diese Leute, die Parallelgesellschaften beklagen, mit dieser unglaublichen Diversität klarkommen: Das wüsste ich schon recht gern. Aber sie werden es mir kaum verraten.

Montag, 12. November 2012

Dahin, mein Freund. Dahin.

Ach, denke ich und streiche mit der Hand über die stumpfe, ehemals glänzend-weiße Oberfläche. Nun ist es wohl hin. Mein kleines, weißes iBook.

So viel Privatgeschichte allein in diesem Gehäuse: 10.252 E-Mails liegen auf dem Rechner, und das sind nur die, die ich behalten habe, weil ich sie gut finde oder wenigstens wichtig. Auf dem ältesten von den vielen Photos stehe ich mit dem J. vor einer Brücke in Venedig und bin unfassbare 26.

Die Bewerbung für mein Promotionsstipendium habe ich damals auf diesem iBook getippt und die Diss auch. Mit diesem iBook habe ich in der StaBi am Potsdamer Platz gesessen und drei Jahre lang ein am Ende dann doch gar nicht so dickes Buch geschrieben, das beendet zu haben ich dann doch ein wenig stolz war, auch wenn es vielleicht nicht ganz das war ... aber lassen wir das.

Auch die Bewerbung für den Job, den ich bis heute habe, habe ich auf diesen Tasten getippt. Ich war halbwegs aufgeregt, denn es ist eine spannende Sache, sich den ersten Job zu suchen, aber dann habe ich es gut getroffen und bin immer noch da. In den nächsten Jahren habe ich dann seltener am iBook gesessen, aber abends habe ich die Texte fürs Blog auf dem Sofa geschrieben, und zwei Romane, von denen einer Mist ist, und den anderen will offenbar keiner haben.

Dann aber war das iBook so rein technisch eigentlich nicht mehr ganz state of the art. Vor einem Jahr habe ich deswegen einen iMac gekauft. Der steht nun nebenan in der Bibliothek auf dem Schreibtisch, aber ganz habe ich mich dann doch nicht daran gewöhnt, auch abends noch am Tisch zu sitzen und zu tippen. Lieber liege ich auf dem Sofa, und das geht halt nur mit dem iBook und ansonsten halt nicht.

Alt, aber gut, war mein iBook bis vor zwei Wochen, aber dann, eines Tages und ankündigungslos, ging es einfach zwischendurch mal aus. Gut, geächzt hat mein iBook schon die ganze Zeit. Richtig schön war es auc h nicht mehr: Altersflecken vom Kaffee und irgendwie so kratzige Stellen hatte das iBook, und an manchen Stellen zwischen manchen Tasten ist es eher grau als weiß.

Inzwischen aber geht der Akku gar nicht mehr. Nur noch mit Netzteil läuft das iBook, wenn der Stecker gezogen wird oder auch nur kurz wackelt, geht das iBook aus, und so ist dies wohl der letzte Text mit dem iBook, und dann, wie man einen alten Teddy in eine Schublade legt, lege ich auch das iBook beiseite und wische noch einmal mit der linken Hand über den kleinen, weißen Apfel.

Montag, 15. Oktober 2012

Oktober, 14

"Immerhin ein Kitaplatz.", rufe ich der I.2 zu, die hinter ihrer Tochter her zur Rutsche läuft. "Super.", antwortet mir die I.2 ein bisschen atemlos. Dass die Kita nicht nebenan, sondern zwischen so Plattenbauten keine zehn Fahrradminuten entfernt in Mitte steht, findet die I.2 nicht so schlimm.

Der J. dagegen ist ziemlich skeptisch. Der J. hat Vorurteile gegen Plattenbauten und alle, die in Plattenbauten wohnen, und sieht seinen einjährigen Sohn wohl schon umgeben von lauter rassistischen Kleinkindern mit kurzgeschorenen Haaren, deren erster Zwei-Wortsatz vermutlich "Ausländer raus" lautet. Aussagesätze beschließen die vom J. in der Kita vermuteten Kinder alle am Ende mit "wa", wie es unter sehr rustikalen Berlinern üblich ist. Wenn die Kinder nicht in der Kita sind, sehen sie fern.

Ich dagegen hoffe auf den Verdrängungseffekt netter, zugezogener Prenzlberger. Die Kita, behaupte ich, wird ganz bestimmt von Kindern aus unserer Nachbarschaft frequentiert. Im Plattenbau in Mitte wohnen doch vermutlich nur noch Rentner.

Im Übrigen - das sage ich auch dem J. - haben wir kaum eine Alternative. Die niedlichen Kleinkitas in der Nachbarschaft wollen ja alle, dass man Elternarbeit leistet, was bei uns nicht hinhaut, weil wir arbeiten, wenn andere mit Kleinkindern tanzen. Außerdem brauche ich eine Kita, die nicht so ewig lange im Sommer schließt. Ich frage mich immer, wie es eigentlich andere Eltern machen, aber wenn ich nachfrage, sind wir offenbar fast das einzige Paar, das aus zwei voll berufstätigen Personen besteht, die auch mal Abendtermine haben und mehr als 40 Stunden arbeiten gehen.

"Wir versuchen's parallel noch bei den anderen Kitas.", berichte der I.2, deren Tochter inzwischen die Wackelbrücke gegen andere Kinder verteidigt, und ziehe die Nase ein bisschen kraus. Ich habe mich ziemlich gefreut, als die Kitaleiterin letzte Woche anrief. Inzwischen hat mich der J. mit seinen Bedenken doch ein wenig angesteckt. Angestrengt überlege ich, wie man die Art und Güte der Miteltern und ihrer Kinder am Mittwoch abfragt, wenn wir mit der Kitaleiterin sprechen, und beschließe, die anderen Kinder ganz genau in Augenschein zu nehmen. Vielleicht sieht man ja was. Oder die Kinder sagen Sätze wie "Hammer, wa!" oder tragen Runen auf dem T-Shirt.

(Abends dann mit der J. lange gut gegessen und geplaudert. Zu wenig geschlafen. Schöner Tag, schöner Abend.)



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