Schade um die Liebe

Strohdumm sei er, erzählt die Freundin am anderen Ende der Leitung, aber schön wie ein griechischer Gott, wie er da gesessen sei im ICE, unterhalten habe sie sich einmal quer durch die Republik mit diesem Berliner Schauspieler, auch wenn´s nicht einfach gewesen sei konversationshalber, denn ein Riesenrindvieh sei der gute Junge, aber ein sehr sehenswertes, und man sei schon fast handelseinig.

Noch im Schwarzwald habe er ihren Koffer in die Gepäckablage gehoben, und sie habe den Sitz ihm gegenüber eingenommen. Über dem Austausch grundlegender Personalien und der allgemeinen Redensarten über Restaurants, Parties oder Personen der Zeitgeschichte - die ja der eigentlichen Konversation nach der Sitte dieses Landes stets vorangehen - sei man schon vor Erreichen des Rheinlandes bei der Zukunft, der Liebe und der Vergangenheit angelangt, habe sich noch im Ruhrgebiet eine geradezu übermäßige Sympathie versichert. Ungefähr auf Höhe Ostwestfalens habe sie allerdings den kapitalen Fehler begangen, ihren Freund, wenn auch sehr dezent, zu erwähnen, und das habe ihn fast bis Wolfsburg beschäftigt, denn nicht noch ein weiteres mal möchte der griechische Gott sein Herz einer Dame übergeben, die ihrerseits nicht voll und ganz willens sei, jenes Organ ihm zu übereignen. Im Nichts zwischen Stendhal und Berlin habe sie ihn durch einige gezielte Desinformationen, die ja, wie niemand besser wisse als ich, ohnehin so gut wie wahr seien, wieder beruhigt.

„Und jetzt?“, frage ich, und die Freundin lacht leise ein wenig in den Hörer. Verlieben werde sie sich selbstverständlich nicht in einen Menschen, dessen IQ nur knapp über dem ihres Kleiderschrankes läge. Für eine Affäre dagegen sei der gute Junge geradezu die ideale Besetzung.

Ihr Freund? Ja, den werde sie nicht auf der Stelle abschaffen. Sie kenne sich, sie sei ein mieser Single, und so werde sie die Sache langsam auslaufen lassen. Sie habe es satt.

Einen Moment ist es still in der Leitung, und ich erinnere mich an die aufgeregten Telephonate nach den ersten Treffen vor einigen Jahren, den Jubel nach dem ersten Kuss, der ersten Nacht, dem ersten Urlaub. Die Tränen nach dem ersten Streit, die ersten Irritationen wegen seiner zu spärlichen Anrufe, ihre Wünsche, seine Eltern und seine Freunde kennenzulernen, denen zu wenig und zu spät entsprochen wurde. Seine Unfähigkeit, seine Freizeit ein wenig auch nach ihren Wünschen auszurichten. Ihr Ärger, weil er stets dann auftauchte, wenn er ausgefeiert, fertig und müde bei ihr auf dem Sofa lag. Ihre große Wohnung, in die er nicht einziehen wollte und blieb in seinem Kreuzberger Loch. Die vielen Wochenenden, an denen sie zu lange auf ihn wartete, und alle Freunde längst verplant und vergeben waren. Die Einladungen, zu denen er dann doch nicht mitkam, die Freunde, die er nicht mochte. Die vielen verjammerten Nächte mit Freundinnen auf den Bänken im Visite ma tente und im 103, im Wohnzimmer und im kakao. Die Klagen, es werde nicht besser. Die Ankündigungen, sie werde wieder mehr ausgehen, anderweitig suchen, und irgendwann finden.

Schade um die Liebe, denke ich.
blogger.de:moravagine - 5. Okt. 2005, 15:04 Uhr

Wer gegen wen?

Wer immer mit den Augen liebt, der darf keine Zeitung, kein TV und kein Internet betachten. Wer immer mit dem Geist liebt, der soll keine Bücher, keine Filme und keine guten Texte erfahren.
Wer also lieben will ohne Verzicht, der darf dann gerne auch mal vorher wissen, was er/sie eigentlich braucht. Das ist besser als zu wissen, was man will, denn der Wille ist recht wetterwendisch. Ach, und wer mit dem Körper liebt, der sollte gut Essen, Fahrrad fahren, eine Sonne von einem Wind unterscheiden können und, bitte, keinen zugekoksten Marathonsex präferieren. Denn gemeinsames Onanieren beim Geschlechtsakt ist kein Sex sondern das Abgleiten in eine handfeste Psychose. Und gutes Aussehen schadet der Person: Intelligenz entsteht nur im Wettbewerb. Gutaussehende Menschen kennen die Bedeutung dieses Wortes aber gar nicht...
Au-lait - 5. Okt. 2005, 16:29 Uhr

Mir persönlich wären solche eindeutigen Thesen zu dogmatisch. Der Bollerwagen meiner Fantasie schliddert auf einen schlammigen Pfad, wenn er versucht eine Antwort zu finden auf die Frage, warum gutaussehende Menschen die Bedeutung des Wortes Intelligenz nicht kennen sollten. Zudem ist die Frage doch in erster Linie, welcher Weg mit den einem selbst gegebenen Möglichkeiten der erfolgversprechendste ist, um dem persönlichen Glück oder Ziel am nächsten zu kommen. Dass Intelligenz allein glücklich macht, halte ich für ein Gerücht. Ich verzichte freiwillig auf einen kleinen Körnerkuchen Intelligenz und eine Wagenladung Wettbewerb und widme mich lieber den guten Freunden, die ich habe, den angenehmen, lustvollen Seiten des Lebens und schenke meinen Augen ein paar schöne Blicke.
Modeste - 5. Okt. 2005, 16:50 Uhr

Dass Intelligenz glücklich macht, halte ich für ein Gerücht. Ganz im Ernst, hätte ich die Wahl, würde ich mich jederzeit für die Alternative "schön und dumm" entscheiden, da hat man deutlich mehr von. Intelligenz macht bloß Arbeit.
Au-lait - 6. Okt. 2005, 10:48 Uhr

Zwei Köpfe, eine Meinung... :)
Kirschrot - 5. Okt. 2005, 15:11 Uhr

Oh weh. So einen hübschen, leicht beschränkten Jungschauspieler hatte ich auch mal. Leider lebte er sein Leben so wie die Vorabendserie, in der er spielte. Alles war schön, bunt und harmlos. Und für eine Affäre taugte er nicht, denn der Sex mit ihm war genau so uninteressant wie sein Geist.
mow - 5. Okt. 2005, 15:48 Uhr

Na, dann muss sie es nur noch hinbekommen, dass alles so auch dem Noch-Freund zu sagen und dann Schluss zu machen.

Und ich sollte vielleicht mehr Zug fahren. :-)
Modeste - 5. Okt. 2005, 16:23 Uhr

Dass gutaussehende Leute immer dumm sein müssen, ist, Herr Moravagine, aber ein hartes Verdikt. Da kennt die Welt doch manches Gegenbeispiel - meine Freundin zum Beispiel, die elegant, hübsch und blond durch die Welt schreitet.

Ich hoffe ja sehr für meine Freundin, Frau Kirschrot, dass es sich nicht um denselben Herrn handelt, sondern um ein anderes Exemplar, welches diesbezüglich begabter ist. Hoffen wir das also beste.

Und das Schluss-machen, Herr Mow, wird sicher nicht ausbleiben.
arboretum - 5. Okt. 2005, 18:07 Uhr

Frau Modeste, wiewohl Sie nicht blond sind, sind Sie selbst ein Gegenbeweis.
blogger.de:moravagine - 5. Okt. 2005, 16:30 Uhr

Elegant und hübsch...

ist die Freundin und dann auch noch blond. Ich dachte es mir doch gleich, dass sie nicht schön sei. So etwas gibt es hier in Deutschland eh kaum. Mir haben einige Mädchen und später Damen auch öfters mitgeteilt, ich sei sehr schön für einen Mann. Das war quasi die Initialzündung für mich, mich total gehen zu lassen. Jetzt, mit 20 Kilo mehr auf den Rippen, lichtem Haar und Sozialphobie läßt es sich bedeutend mehr genießen das Leben. Man ist niemandes Schwarm und kann sich um den Sinn des Lebens kümmern: Eben das wegzulassen, was Sinnlos ist. Das attraktive Aussehen gehört vehement dazu genauso wie hohle Phrasendreschrei oder Yoga- und Atemübungsgestählte Männchen und Weibchen aus der grauen Vorstadt der Postmoderne...

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