Du und ich im Garten Eden

Nach dem Mittag werde ich ein bißchen schlafen, und du schläfst neben mir. Ein alter Mann wirst du sein, mit hängenden Backen und schlaffer Haut. Vielleicht wirst du schnarchen. „Mein Guter, mein Bester“, werde ich dir am Bart zupfen, damit du aufwachst, und du wirst lächeln, als sei ich noch jung. Vielleicht siehst du mich dann manchmal so, wie ich einmal war, du alter Mann ohne Brille in der Nachmittagsdämmerung um vier.

Bevor es dunkel wird, willst du in den Garten. Du harkst die Blätter von den Beeten, und freust dich über die Knospen und Triebe der Büsche und Stauden. Die zeigst du mir und stützt deine Hände auf die Knie, wenn du dich wieder aufrichtest. Du bist zu schwer geworden für deine Muskeln und Gelenke.

Mit einem sehr, sehr alten Hund sitze ich im Wintergarten und schaue dir zu. Von hinten siehst du manchmal aus wie der junge Mann, den ich vor fünfzig Jahren im ersten Semester kennengelernt habe, und ich lächele bei der Erinnerung an den Abend, als dein Freund H. mich zu dir brachte, weil er meine Freundin kennenlernen wollte. Daran erinnere ich mich gut. Die Feuerzangenbowle. Deine Gitarre, das eiskalte Bad, und die braune Couch, mit der du bis Berlin umgezogen bist.

An das, was gestern, vorgestern oder letztes Jahr passiert ist, erinnere ich mich nicht mehr. Vielleicht hat mein Gehirn schon ein paar Löcher, ein bißchen Zeitmottenfraß, ein bißchen mürben, braunen Verfall. Vielleicht lohnt sich das Behalten aber auch nur nicht, weil gestern, vorgestern, letztes Jahr, wenig passiert ist, was ich aufheben will. Wenn du im Garten die Beete harkst, erzähle ich die alten Geschichten dem Hund. Was alles passiert ist, und der Hund gähnt.

Dass wir Königskinder waren, leuchtend in den Nächten der Stadt, flüstere ich dem Hund in die Ohren. Die Kälte und der gleißende Dreck und die großen Zeiten unter dem Rad. Unsere blutende Haut in Fetzen, aber wenn ich zu lange erzähle, steht der Hund auf und trinkt ein bißchen Wasser.

Wenn es dunkel wird, kommst du ins Haus. Die Schuhe stellst du neben die Terrassentür und wäschst dir lange die Hände, die sich langsam ausbeulen. Knoten an den Gelenken hast du, als würden deine Knochen langsam weich und schöben sich hin und her. Ab und zu, wenn wir beisammen sitzen, streichele ich dir über die Hände und ängstige mich vor dem ersten Morgen ohne dich.

Tee werde ich kochen und Kuchen schneiden, den ich selbst gebacken habe. Vielleicht schlage ich Sahne. Du deckst den Tisch und wirst den Kuchen loben. „Meine Liebe, meine Schöne.“, wirst du mich nennen, als sei das noch wahr, und vielleicht küssen wir uns sogar noch, wenn keiner hinsieht. Auch nicht der Hund.

Vielleicht gehen wir später spazieren, zwei sehr alte Leute, langsam, die Straße entlang, wo es gut beleuchtet ist und die Wege glatt. Vielleicht koche ich abends Früchtetee und schmiere Brote, weil du das selbst nicht mehr gut kannst. Du wirst Witze machen, als nähmest du das leicht.

Am Abend gehen wir zu Bett. Ich werde mich nicht mehr ausziehen vor dir, und nur noch selten in den Spiegel schauen, wenn ich mich umziehe, um die alte Frau nicht zu sehen mit dem fleckigen, bleichen Fleisch voller Dellen. Im Nachthemd lege ich mich zu dir ins Bett, denn du bist warm, und ich friere jede Stunde, jede Nacht und überhaupt immer.

Nachts höre ich dir zu. Die Dämonen sind tot, weiß ich, und kann doch nicht schlafen. Sanft streiche ich dir übers Haar, dass du nicht erwachst, und halte manchmal besorgt meine Hand vor dein Gesicht, und atme auf, wenn du noch atmest.

steppenhund - 4. Mär. 2007, 21:55 Uhr

Ein wunderschöner Text.

Wenn es so läuft, haben die Königskinder ihr Märchen in die Realität gerettet. Schöner kann Liebe eigentlich nicht transformiert werden.
che2001 - 5. Mär. 2007, 11:29 Uhr

Tod, wo ist Dein Stachel, Hölle, wo ist Dein Sieg?

Das, was Du hier als Fantasie schilderst, meine liebe Modeste, wird im real
life mir von meinen Eltern vorgelebt, die allmählich in die Generation 80+
eintreten. Es ist rührend, zu sehen, mit welcher Liebe und Zärtlichkeit diese
alten Menschen miteinander umgehen. Wenn das Alter so aussieht, muss man
es nicht fürchten.
steppenhund - 5. Mär. 2007, 18:04 Uhr

Ich gratuliere dir zu deinen Eltern. Ich glaube, man bekommt als Kind viel Lebenskapital mit, wenn man so eine Rücksichtnahme vorgelebt bekommt. Du hast recht, man muss dann das Alter nicht fürchten, aber man kann noch mehr herausziehen. Eine Wertigkeit der Beständigkeit.
walhalladada - 4. Mär. 2007, 22:24 Uhr

Bereits Goethe hat in seinem 'Faust' mit 'Philemon und Baucis' den >>Mythos
lebenslanger Liebe geschlachtet und den 'Grundstücksspekulanten' zum Fraß vorgeworfen....

Schade eigentlich..., nicht wahr!
steppenhund - 4. Mär. 2007, 23:36 Uhr

gar nicht wahr!
creezy - 5. Mär. 2007, 0:20 Uhr

Das habe ich mich bei älteren Paaren immer gefragt, wie ist das – haben sie die Angst, der andere könnte eines Morgens tot sein? Oder glauben sie einfach weiter, sie seien so jung wie immer …?
Blodulv - 5. Mär. 2007, 17:50 Uhr

Liebe ist schön, vergänglich und doch unsterblich.
Schön geschrieben
Mukono - 5. Mär. 2007, 23:37 Uhr

meine Tante und mein Onkel

lebten auch so, als sie alt geworden waren. Kinder blieben ihnen versagt, obwohl sie sich früher Kinder wünschten. Zum Schluss waren die beiden selbst wie Kinder. An Ihrem 50. Hochzeitstag gab es ein großes Fest, und sie tanzten einen Ehrenwalzer allein. Plötzlich blieben sie stehen und küssten sich etwas verschämt mit spitzen Lippen vor allen Gästen.
Zwei Jahre später erkrankte meine Tante an Alzheimer, und irgendwann erkannte sie ihren eigenen Mann nicht mehr. Mein Onkel verriet mir aber "duschen tut sie immer noch gern mit mir"...
Danke für den Text, ich wurde an die beiden Alten erinnert, wahrscheinlich sind sie irgendwie jetzt noch zusammen.

lieben Gruß

Mukono
schauerfeld - 7. Mär. 2007, 2:26 Uhr

Ein schöner Text, Frau Modeste, auch wenn das schon gesagt
wurde.
Schön pastellige Farben, es ist ein frühes Frühjahr und
Spätsommer in Einem, Kunstlicht.
So treiben Sie die Zeit hinaus.

Dahineinaber: Königskinder. - ?
Ein Flitterwort, welches mir, mit Verlaub,
etwas zu grelle Epauletten trägt...
Vielleicht ein Codewort, ja.
Ein Wunsch: Seien Sie 'in wirklich' nicht so traurig, wie man hier
denken möchte!
Ein sehr schöner Text, wie schon gesagt wurde.
Soralis - 7. Mär. 2007, 14:28 Uhr

Das war grandios. Man fühlt sich an Philemon und Baucis erinnert.
King Fisher - 7. Mär. 2007, 22:55 Uhr

Da läuft es mir jetzt schon kalt den Rücken hinunter.
Wunderschön ist das.
tradem - 9. Mär. 2007, 15:49 Uhr

Meine Eltern, denke ich als ich diesen Text lese. Und ich frage mich: Ist die reine Möglichkeit für mich als Schwulen nicht schon Utopie?

Mein bester Freund und ich scherzen häufig über eine Alten-WG. Ja, vielleicht...
diefrogg - 10. Mär. 2007, 11:33 Uhr

Wunderschöner Text...

und sehr idyllisch. Ich will keine Spielverderberin sein, aber bei vielen Paaren sieht das wohl anders aus: Getrennte Schlafzimmer, häufige Sticheleien bei Tag, Fernsehen abends und zwischendurch nochmal ein bisschen aufblitzender Schalk in seinen Augen.
frankburkhard - 10. Mär. 2007, 12:36 Uhr

puhhh....

ich hab ja schon so und so oft meinen kaffee aufs keybord geprustet beim bloglesen, aber auf meine apfeltaste geweint hab ich heute zum ersten mal, melancholische frau. danke. jetzt mach ich mir die smiths an und wein noch ein bißchen weiter :-)
malles - 11. Mär. 2007, 10:23 Uhr

Die von Ihnen beschriebene Traumwelt ist wie ein Kokon, der die Liebenden vor Verletzung schützt. Leider ist da aber auch immer die Angst, man könnte aus dem Traum erwachen...
Das Lesen rief einige schöne Bilder in mir wach.
Sigourney - 11. Mär. 2007, 18:47 Uhr

Wunderbar geschrieben, selbst wenn es nur ein Märchen sein sollte.
So kenne ich es nicht, sondern nur die böse Variante, wortlos nebeneinander, bestenfalls Sticheleien, lieblos. Aber ich würde so gerne glauben, dass es für mich trotz dieses Elternhauses eine Chance gibt, das Alter mit meinem Partner so zu erleben wie Sie es beschreiben.
Modeste - 11. Mär. 2007, 23:32 Uhr

Danke allerseits - demnächst antworte ich wieder ausführlich, aber gerade muss ich schlafen.
Roland Schwarzer - 22. Mär. 2007, 20:01 Uhr

Jetzt hätte ich fast ein bißchen geheult. Schön!
morast - 28. Mär. 2007, 20:29 Uhr

Nicht immer mag ich deine Texte. Aber dieser ist wirklich ergreifend.

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