Der Hallenwart

Auch der Herr L. sei tot, der die Sportanlagen gewartet habe, erzählt mir der C., der letztes Jahr einen Vortrag an unserer alten Schule gehalten hat. Totgefahren habe er sich, hat der C. gehört, vor einigen Jahren. Ob ich gewusst hätte, fragt mich der C., dass der Herr L. in seiner Jugend Leistungssportler gewesen sei, und ich nicke. Irgendein Sportlehrer, vielleicht der Dr. H., der Sport und Latein gab und ein bißchen aussah wie Hans Albers, hatte mit diesem Verweis dem Herrn L. mehr Autorität zu verschaffen versucht, damit der Herr L. nicht mehr gehänselt werde. Geholfen hat es nichts.

Wer den Herrn L. an die Schule gebracht hatte, weiß ich nicht, und auch der C. kann nichts dazu sagen. Der Schulleiter, Herr Dr. D., hatte einige Versorgungsfälle an die Schule gebracht, die Sekretärin etwa, eine grämliche, bittere Geigerin nach einem schweren Unfall. Den Bibliothekar, dem irgendetwas Unschönes zugestoßen war und der deswegen nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte, aber es trotzdem tat, ab und zu und nur zu Vertretungszwecken. Auch den Herrn L. wird der Dr. D. auf diesem Wege in die Schule gebracht haben, wo er in einer kleinen Wohnung über der alten Sporthalle hauste, die er mit mehreren Schlössern und Stangen verriegelte. Man erzählte sich, die Wohnung sei volle Pokale. Gesehen hat sie niemand von uns von innen.

Herr L. sprach auch ziemlich ungern mit uns. Er rauchte viel, er hatte einen kleinen Hund, und er schien entweder sehr schlecht zu verdienen oder Kleidung war ihm ganz und gar unwichtig. Jedenfalls trug er fast immer dasselbe: Eine graue Hose. Ein kurzärmliges, kariertes Hemd. Im Sportbereich einen blauglänzenden, billigen Jogginganzug. Neben ihm lief den ganzen Tag sein Hund durch die Schule und kläffte.

Mag sein, dass es am Kläffen lag. Vielleicht war es aber auch nur jugendliche Lust an der Destruktion, aber schon vor unseren Jahrgängen war es beliebt in gewissen Kreisen, den Hund abzufangen, einzusperren irgendwo in einem abgelegenen Raum der teilweise recht verwinkelten Schule, abzuschließen und den Herrn L. dabei zu beobachten, wie er den Hund suchte. Natürlich kläffte der Hund die ganze Zeit weiter, früher oder später fand der Herr L. den Hund dann auch jedesmal, wenn nicht eine mitleidige Seele den Hund vorher befreite.

Eine besondere Freude war es manchen, den Hund einzufangen, wenn der Herr L. getrunken hatte. Der Herr L. trank zuviel, das wusste jeder, und auch, dass der Direktor ab und zu den Herrn L. zu sich ins Büro holte und ihm einschärfte, er müsse weniger trinken, denn in einer Schule ist Alkohol zu recht nicht gern gesehen. Der Herr L. trank trotzdem so viel, dass er nicht mehr nach seinem Hund suchen konnte, und diejenigen, denen das Verstecken des Hundes eine Freude war, standen jubelnd nebeneinander auf der Empore im ersten Stock und sahen dem Herrn L. zu, wie er durch die Schule schlingerte und schwankte, immer dem Kläffen nach. Mehrfach gab es in diesen Jahren Verweise, Tadel und Rügen wegen dieser Attacken auf den Hund. Einer der betroffenen Väter empörte sich über diese Verwarnungen und verlangte, der Herr L. müsse weg, aber bevor es hier zu Kämpfen kam, blieb der Sohn des empörten Vaters zum zweitenmal sitzen und musste auf ein Internat. Der Herr L. blieb.

Irgendwann aber ging der alte Direktor in Pension. Der neue Direktor hielt nicht viel vom Herrn L. Es gab eine Abmahnung, dann eine zweite, jedesmal wegen Alkohol, und schließlich verbot der neue Direktor dem Herrn L. die Haltung eines Hundes auf dem Schulgelände. Der Herr L. - so das Kalkül - würde kündigen und das Gelände verlassen. Der Herr L. aber blieb und brachte den Hund auf einen Bauernhof in der Umgebung zu Verwandten. Den Hund zu verstecken, hatte also ein Ende, aber die Hänseleien hörten nicht auf, sondern wurden eher intensiver.

Inzwischen gab es ab und zu auch direkte Attacken auf den Herrn L. Eines Tages wurde er sogar selbst, wenn auch nur kurz, eingesperrt, wie zuvor der Hund, und anonyme Täter brachen in seine Wohnung ein und hinterließen dort mehrere Kilo Konfetti. Es gab wohl auch einen Kündigungsversuch des neuen Rektorats, der allerdings am Schulverein scheiterte, dem der Herr L. leidtat, und so wurde das Dasein des Herrn L. wohl unangenehmer von Jahr zu Jahr, aber nicht ganz unmöglich.

Irgendwann aber näherte sich die Altergrenze der Pensionierung. Schon Mitte der Neunziger hätte ich den Herrn L. auf sechzig - steinalt jedenfalls - taxiert, tatsächlich erreichte er wohl erst vor einigen Jahren die Altersgrenze, und eines Tages wurde er verabschiedet. Ich nehme an, dass anders als bei ausscheidenden Lehrern weder der Chor sang noch Reden geschwungen wurden, aber ein kleines Geschenk wird er wohl erhalten haben, und dann war es vorbei. Er musste ausziehen. Er wollte zwar nicht weg, doch die Schulleitung bestand auf dem Auszug. Der Schulverein schaltete sich ein weiteres Mal ein, es gab Angebote, durch Dritte ein geringes Salär für die Nutzung der Wohnung zu bezahlen, und irgendwann gab es sogar Gespräche mit mehreren Gegnern wie Befürwortern des Verbleibs des Herrn L. auf dem Gelände.

Wie die Gespräche ausgegangen wären, kann man nicht sagen. Vielleicht säße der Herr L. bis heute in seiner Wohnung über den Sportanlagen, denn die Beharrungskräfte sind bekantlich (und gerade in derlei Institutionen) größer als die Kraft des Neuen, aber eines Tages stieg der Herr L. in sein Auto und fuhr los. Vermutlich war der Herr L. in den letzten Jahren kein besserer Autofahrer geworden, möglicherweise war er auch ein wenig angetrunken; vielleicht war es schlicht Pech: Der Herr L. kollidierte frontal mit einem LKW und starb auf der Stelle.

Wer die Beerdigung bezahlte, weiß ich nicht. Ich nehme an, die Schule schickte einen Kranz. Bestimmt kam der Direktor nicht selber, aber irgendjemand (vielleicht die mürrische Sekretärin) wird gegangen sein, und die Sportanlagen wartet eine ortsansässige Firma.

saxanas notizen - 14. Jun. 2010, 17:53 Uhr

Tut mir schon leid der Herr L. Aber wenigstens landete er nicht in einem Altersheim.

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