Schläft.

Angeblich schläft die Menschheit ja immer weniger, und erst recht gilt dies für den Teil der Menschheit, der mich umgibt. Die kokette Klage, man wache ja jeden Morgen um kurz nach sieben von selbst auf und könne gar nicht länger schlafen, hört man allerorten. Meetings werden auf acht Uhr früh angesetzt, bevor es richtig rund geht im Büro, und wer erst so gegen zehn im Büro erscheint, findet gern lange Telephonzettel vor mit lauter Namen von Leuten, die alle schon angerufen haben. Zu diesem Zeitpunkt haben vor Vitalität und Frohsinn berstende Bekannte einem schon auf dem Weg zur Arbeit auf dem Rad an der Ampel Schönhauser Allee/Torstraße erzählt , sie seien bereits eine Stunde gelaufen, bevor sie mit den Kindern gefrühstückt, diese zur Kita gebracht und anschließend Zeitung gelesen hätten. Ob auch ich in der Süddeutschen ... Habe ich natürlich nicht. Ich schlafe zwei Stunden länger als die sehr vitalen Leute, die mir morgens gern begegnen.

Dass ich morgens um neun noch gar nicht ganz lebe, behalte ich deswegen gern für mich. Vermutlich sieht man es mir sowieso an. In der Frühe habe ich außerdem manchmal Wortfindungsstörungen. Wenn ich wesentlich früher aufstehe als gewöhnlich, ändert sich das auch den ganzen Tag nicht mehr. Dass ich schon deswegen nie in den öffentlichen Dienst eingetreten wäre, weil man da so früh anfangen muss, sollte man besser verschweigen, denn Langschläfertum ist gesellschaftlich inzwischen ein bißchen verpönt, wie bereits ex negativo die Eigenwerbung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt illustriert: Das bemitleidenswerte ostdeutsche Bundesland wirbt in Ermangelung anderer Vorzüge mit dem Frühaufstehertum seiner Landeskinder, was angesichts der wirtschaftlichen Lage der Region allerdings nicht nur bei mir die Frage aufwerfen dürfte, wozu.

Dass meine hellwachen Bekannten nicht einfach ein bißchen angeben, weiß ich noch aus früheren Tagen. Vielleicht wäre ich auch dann keine bessere Schülerin gewesen, wenn die Schule erst um zehn angefangen hätte, aber etwas besser immerhin wäre die Chance auf schulischen Erfolg vermutlich doch gewesen, und dass ich heute besser Englisch könnte, hätte der Uni-Kurs Rechtsenglisch für Anfänger nicht morgens um 8.15 begonnen, halte ich bis heute für ausgemacht. Schleppte ich mich dann aber doch einmal in Schule oder Uni, überaus früh, um nicht zu sagen, mitten in der Nacht, waren nicht nur ein paar Versprengte mit Schlafstörungen da, nein, Klassenzimmer oder Hörsaal hätte gar nicht voller sein können, putzmunter saßen Mitschüler und Kommilitonen um mich herum und klapperten lebhaft, fröhlich und laut mit ihrem Schreibgerät vor sich hin.

Auch nach Abschluss der Ausbildung ist frühes Aufstehen in offensichtlicher Weise mit Vorteilen verbunden: Erscheine ich gegen zehn, haben andere Leute schon Berge versetzt und Meere überwunden. Gähne ich vor mich hin, setzen fröhliche Frühaufsteher zum Tigersprung an, und dann, wenn die anderen schon die Früchte ihres frühen Fleißes verzehren, kehre ich die trockenen Krümel des Tages zusammen für ein spätes, mageres Mahl. Zurückgeblieben fühle ich mich, schlafend am Rande der Autobahn in eine dynamische Zukunft, von der Evolution überholt, ein übriggebliebenes Vormodell und werde voraussichtlich demnächst aussterben.

Wenn es geht, im Schlaf.

engl - 24. Mai. 2010, 23:24 Uhr

was für eine wunderbare hymne an das nachteulentum. ich unterschreibe jedes wort und denke ernsthaft darüber nach, einen club der andersschlafenden ins leben zu rufen.
virtualmono - 25. Mai. 2010, 8:24 Uhr

Anders schlafen ist hier das richtige Stichwort. Ich habe nämlich nicht im Geringsten ein schlechtes Gewissen, wenn ich bis 8, gerne auch mal 9 Uhr oder gar länger ausschlafe - schließlich war ich in der Nacht davor bis 2 oder 3 Uhr, gerne auch mal länger aktiv, während die faulen Säcke von "Frühaufstehern" schon stundenlang gepennt haben...
kid37 - 25. Mai. 2010, 11:42 Uhr

"Ausschlafen bis 8"? Das ist doch ein Widerspruch in sich. Early to bed, early to rise makes a man healthy, wealthy and wise, schön und gut, aber Frühstück um zehn ist doch die angenehmere Variante (bis dahin hat auch mein Blutdruck zu mir gefunden).
virtualmono - 25. Mai. 2010, 11:53 Uhr

Wenn ich um zwei einschlafe, dann bin ich um acht ausgeschlafen (und brauche dann natuerlich auch 1-2 Stunden Anlaufzeit...). Wenn ich laenger als sechs Stunden schlafe, dann ist mit mir meistens den ganzen Tag nichts anzufangen.
steppenhund - 25. Mai. 2010, 12:12 Uhr

Das waren noch Zeiten, als ich mit 4 Stunden Schlaf im Durchschnitt ausgekommen bin. Heute brauche ich mindestens 6 und 8 sind eigentlich besser. In der Früh brauche ich immer 2 Stunden, um mein Gehirn auf Betriebstemperatur zu bringen.
Aber ich bin jetzt einmal überheblich und behaupte, dass ich schon mit 50% meines Gehirns von den anderen als funktionabel angesehen werde:))
Modeste - 25. Mai. 2010, 23:33 Uhr

Vier? Herr Steppenhund, Herr Virtualmono, da wird es nicht mit Ihrem Beitritt bei uns Andersschlafenden! Ich halte es mit Herrn Kid und Frau Engl und schlafe guten Gewissens von 1 bis 8.30.
julian_kay - 25. Mai. 2010, 0:07 Uhr

Kann mich Ihnen nur anschließen:
Mein Motto dazu lautet: Morgenstund' hat Gold im Mund, wer länger schläft, lebt auch gesund!
Mir sind diese so früh schon so wachen Mitmenschen auch eher rätselhaft...
steppenhund - 25. Mai. 2010, 8:51 Uhr

Das mit dem Rätsel kann ich verstehen. Aber die Menschen sind halt mal verschieden. Warum aber die Frühaufsteher die Moral gepachtet haben, das verstehe ich nicht, will es nicht verstehen und halte es für eine spießbürgerliche und eine mit Einbildung verseuchte Überheblichkeit.
Das ärgste Erlebnis hatte ich übrigens in San Francisco. Dort gibt es selbst im Zentrum kaum Restaurants, wo man nach 10 Uhr abends noch etwas zu essen bekommt.
Befragt, meinte ein Einheimischer: ja, wir sind halt nach wie vor Bauern, früh ins Bett und früh auf.
virtualmono - 25. Mai. 2010, 8:54 Uhr

Das ist - wenn man vielleicht von New York mal absieht - überall in den Staaten so... die nehmen Ihr Dinner auch eher so gegen 19 Uhr oder gar noch früher ein. Strange...
Modeste - 25. Mai. 2010, 23:33 Uhr

So etwas ist eh unverständlich. Ich bin aber auch schon durch Berlin geirrt auf der nächtlichen Suche nach Essbarem. Es hat Jahre gedauert, bis ich wusste, wo es auch mitten in der Nacht etwas gibt.
Blinkyman - 25. Mai. 2010, 0:35 Uhr

Ihre Zeit zum Bürogang ließe in mir die Hoffnung aufkommen, dass sich dabei unsere Wege kreuzen würden.

Dummerweise laufe ich zur gleichen Zeit einige hundert Kilometer weiter, womöglich auch noch in die Gegenrichtung.

Ja, so ist das Leben!
Modeste - 25. Mai. 2010, 23:35 Uhr

Morgens kommt das vermutlich, Herr Blinkyman, aufs selbe heraus: Ob ich jemanden treffe, morgens um 9.30 Uhr, oder jemand ist ganz weit weg, macht keinen großen Unterschied. Abends ab 20.00 Uhr, da bin ich fit.
luckystrike - 25. Mai. 2010, 9:13 Uhr

Ach!

Ich dachte, die müssen im Land der Frühaufsteher so früh aufstehen, um noch eine gute Nummer auf dem Arbeitsamt (oder wiedasjetztauchimmerheißt) zu bekommen...
Modeste - 25. Mai. 2010, 23:36 Uhr

Man weiß ja wenig über die Gepflogenheiten in diesen Landstrichen, aber vielleicht beißen die letzten die Hunde, und ab 9.00 Uhr gibt es keine Nummern mehr.
kelef - 26. Mai. 2010, 0:22 Uhr

anders schlafen trifft es wohl am besten.

persönlich wurde ich ja ein leben lang gequält, das begann schon in der schulzeit, weil ich einfach vor mittags allerhöchstens zu 50% funktionierte, dafür war ich dann prompt zu mittag vor lauter konzentrationsversuchen so erschhöpft, dass ich eigentlich ein mittagsschläfchen gebraucht hätte. am nachmittag war das dann soso-lala, am abend wurde ich langsam munter und dann: sollte ich schlafen gehen. wegen der schule am nächsten tag. es ist mir heute noch schleierhaft wie ich die sache mit matura und nebenbei noch konservatorium und nachhilfeunterricht geben geschafft habe. zu welchen leistungen wäre ich wohl fähig gewesen?

meine tochter war, gott sei dank, mir sehr ähnlich, schon als baby. WENN sie denn einmal schon vor acht aufwachte, aus versehen wie ich annehme, dann wollte sie eine frische windel, eine flasche milch, und: weiterschlafen. tolles kind.

schwierig wurde es, als wir beide schlaftrunken richtung kindergarten wankten, später richtung schule, über die eigenen beine stolpernd und fallweise gegen verkehrszeichen laufend. alles nicht so einfach.

besser wurde das erst in den letzten 15 jahren meiner berufstätigkeit: für einen amerikanischen konzern, zentrale in ny. das war super. mehrfache belobigungen bezeugen die tatsache, dass ich mit der beantwortung von anfragen etc. fast immer halb europa voraus war. die frühaufsteher gingen auch früh nach hause, die amis schickten ihre mails aus übersee quasi immer dann, wenn die frühaufsteher schon nicht mehr da waren. ich kam spät, ging spät, ergo: vormittags langsam am schreibtisch aufwachen, kaffee trinken, dann europäischer teil der arbeit am sehr frühen nachmittag, dann kaffee, internationaler teil der arbeit am späten nachmittag. keine interessenskonflikte, keine überhänge, kein erschrecken über "most urgent" und schon einen halben tag alt.

einteilung ist alles - und der richtige job in der richtigen firma, ich geb es zu. man muss seine nische finden.
timanfaya - 26. Mai. 2010, 9:43 Uhr

... als 5 bis 5 stunden schläfer habe ich weder mit dem frühen noch mit dem späteren aufstehen probleme. mich nervt eher die erkenntnis, dass frühes aufstehen [das beginnt für mich ab 6 uhr] immer produktivere tage hervorbringt - ich das auch weiß - aber oft lieber noch etwas liegen bleibe um dann - nachdem ich wach war - mal so richtig matsche zu sein. scheiß innerer schweinehund!
blogger.de:flummi - 9. Jul. 2010, 12:49 Uhr

Liebe Frau Modeste ...

... zum Land der Frühaufsteher, in dem ich nun seit mittlerweile vier Jahren hauptwohnsitzlich gemeldet bin:
(@luckystrike:) Tristerweise führte mich mein Weg vor allem zu Beginn des Studiums zumeist um diese frühe Stunde am halleschen Arbeitsamt vorbei, vor dem sich regelmäßig ein Rückstau bis über zwei Kreuzungen hinaus gebildet hatte. Vor 8 Uhr morgens. Nicht nur war der Anblick natürlich bedrückend; mir stellte sich vor allem auch immer die Frage, warum so viele Arbeitslose mit einem Auto dorthin fahren (können)... Aber daß Beamte langschläferunfreundliche Arbeitszeiten haben, ist ja nicht nur im Osten bekannt.
Wie andernorts öffnen die Geschäfte um 10 Uhr; im Grunde ist es ein Land wie jedes andere - ein schönes übrigens.

Die Kampagne "Land der Frühaufsteher" bezieht sich weniger darauf, daß die Menschen hier deutlich zeitiger aufstehen als anderswo (denn wie überall ist es auch hier abhängig von der Branche, in der man tätig ist).
Vielmehr will man, so denke ich, damit eine Fortschrittlichkeit symbolisieren. Wer früher aufsteht, früher arbeitet, entwickelt, ausklügelt, ist eben der Zeit voraus (wie die Kollegen, die am späteren Vormittag schon Berge versetzt haben). Martin Luther und Walter Gropius waren, so meint man, ihrer Zeit voraus. Von solchen Persönlichkeiten aus Sachsen-Anhalt lebt die Kampagne.
Mißverständlich ist sie trotzdem, weil man doch geneigt ist, sich eine überdurchschnittlich früh arbeitende Bevölkerung vorzustellen und das darauf zurückzuführen, daß hier Landwirtschaft und Chemie-Konzerne frühes Aufstehen erfordern.

Herzlichst aus der schönen Stadt an der Saale,
Flummi
mia-meine-mia - 29. Jul. 2010, 19:54 Uhr

Oh.My.God. Also 8 Stunden schlafen, von 1 bis 9 ist Langschlaefertum und der Rest der Welt schlaeft 4 bis 6 Stunden? Ich fuer meinen Teil bin unter 8 Stunden Schlaf zu gar nix zu gebrauchen, und wenn ich nach 8 Stunden raus muss und was erledigen ist spaeter ein Mittagsschlaf faellig. Mangels aktueller morgendlicher Verpflichtungen schlafe ich eher so 10 Stunden. Ich hab zwar auch immer ein schlechtes Gewissen (von wegen Carpe Diem und so), aber das wacht ja auch erst nach 10 Stunden auf. Bis es wieder einschlaeft wird es nach diesen Zahlen erst einmal besonders muerrisch sein.
Modeste - 2. Aug. 2010, 0:18 Uhr

Mein Schlafbedarf nimmt irgendwie ab. Früher war's mehr, keine Ahnung, woran das liegt. Vermutlich das Alter.
mia-meine-mia - 16. Aug. 2010, 22:12 Uhr

Na dann nutze ich meine Tage halt wenn ich älter bin ;)

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