Freitag, 15. April 2005

Echte Männer

„Das geht doch gar nicht.“, sage ich ins Telephon und lache so laut, dass die anderen Leute vorm 103 sich umdrehen. Weil es schön ist heute, und die Sonne auf die noch weißen, nackten Arme scheint, lachen ein paar sogar zurück, und ich blinzele die Sonne an, während der O. mir von einem Kerl erzählt aus dem Berghain. „Denk dir,“, sagt der O., „der Kerl kauft halt teure Wäsche, und ein bißchen sonderbar ist er sowieso, der benutzt Slipeinlagen, damit die Wäsche nicht kaputt geht. Weil die normalen Slipeinlagen nicht so für die männliche Anatomie gebaut sind, nimmt er welche für Strings, die gibt es, damit kommt er gut zurecht.“

Ich stelle mir kurz vor, wie es wäre, einen Mann auszupacken, der Slipeinlagen in seiner Leibwäsche umherträgt, und muss nochmal lachen, dann aber kommt meine Verabredung, und ich lege auf.

„Schon komisch,“, meint meine Verabredung zu O.´s neuer Bekanntschaft, und bestellt sich ein Weizenbier. Die Kellnerin trägt eine schwarze, durchsichtige Spitzenbluse, bauchfrei und geknotet, und um uns herum haben alle riesige Sonnenbrillen auf. Ich schütte mir ein bißchen braunen Zucker in den Pfefferminztee und schaue der Tram nach, die lauter Leute von Mitte aus in den Prenzlberg fährt, die heute zum erstenmal ihre Haut zeigen.

Wir debattieren ein bißchen über echte Männer, und mein Begleiter pustet sorgfältig Asche von seinem Powerbook. Nie, soviel ist klar, wird sich die Slipeinlage für den Mann durchsetzen. Die unrasierte Männerachselhöhle dagegen wird schon in wenigen Jahren, so sind wir uns ebenso einig, der Vergangenheit angehören. Die wolligen Büschel meiner frühen Jugend sieht man schon jetzt selten in den Schwimmbädern, weil die meisten Herren, wie ich vermute, daheim mit der Nagelschere ein wenig kürzen. Wer schon einmal über längere Zeiträume das Bad mit einem Mann teilen durfte, wird sich mit gemischtem Vergnügen an unendliche Stunden erinnern, in denen der geschätzte Gefährte unter Einsatz schmieriger Substanzen und stark riechender Sprays sein Haar in die richtige Fasson zu bringen bemüht war. Mein letzter Freund übrigens verfügte über zwei Kleiderschränke. Beide waren voll.

„Die verschwitzten Kerle in Karohemden wollt ihr doch auch nicht.“, meint mein Begleiter. Wie man es mache, sei es falsch. Das aber, so antworte ich und schlürfe die letzten Reste Flüssigkeit aus meinem Teeglas, sei völlig falsch. Mühelose Perfektion sei gefragt. „Geht doch gar nicht,“, wendet der Begleiter ein, und hat natürlich völlig recht. Sollen doch auch einmal die Männer leiden, sage ich, und schaue den sorgfältig und planvoll verwuschelten Männern zu, die hinter großen Sonnenbrillen die weiblichen Passanten kommentieren.

Zehn Jahre „Faserland“

Wir hatten sowas von nichts zu tun den ganzen Sommer. Wir lagen im Garten der Eltern eines Freundes am See, und ab und zu ging einer ins Haus und holte etwas Kaltes zu trinken. Ich lag auf dem Steg, war sogar zum Baden zu träge, und die Sonne hatte mir den Bikini strahlend weiß auf die Haut gemalt, weil ich monatelang kaum etwas anderes trug, bis die Schule wieder anfing.

Ich muss den „Mephisto“ gelesen haben, und mindestens ein Buch von W. S. Maugham, und die Erinnerungen der Lady Diana Cooper dazu, aber meine Erinnerung weiß das nicht mehr, nur in den Büchern steht auf dem Vorsatzblatt „1995“ und mein Name, weil ich damals Bücher noch Leuten auslieh, die sie dann nie zurückgaben.

Von der Ödnis der zeitgenössischen Literatur war ich so überzeugt, dass ich noch nicht einmal darüber nachdachte, und so werde ich Faserland trotz der emphatischen Empfehlungen von irgendeinem dieser längst verwehten Freunde skeptisch begonnen haben, die Füße im kühlen Wasser und langsam die Seiten umschlagend. An die Skepsis kann ich mich indes nicht mehr erinnern, nur noch an die Euphorie des Wiederfindens, die „Faserland“ bei uns allen auf dem Steg auslöste, denn es war unser eigenes Spiegelbild, unsere Traurigkeiten, der Ekel und der Überdruß und die Angst vor etwas Ungenanntem in der Gier. Vor unseren Augen wurde die Reise durch die Republik von Gosch auf Sylt bis Zürich zu einer Höllenfahrt, einem Panoptikum aus Einsamkeit und Verwesung, in dem der Tod in den Falten eines Lebens saß, das ein gutes wäre, wenn es denn nur auf die Umstände eines Lebens ankäme. Jenem namenlosen Erzähler, den Christian Kracht einen nüchtern anmutenden Bericht über eine Reise durch die übersättigte Republik schildern ließ, vorbei an der Hybris und der kalten Lust, umgeben von unendlich einsamen Menschen, waren wir durch eine Selbstreflexion überlegen, von der wir ahnten, dass sie uns nicht zu besseren Menschen machen würde, sondern nur zu abwechslungsreicherer Gesellschaft.

Das schmale Buch, keine 200 Seiten lang, war unsere Hymne, und ich las es auf der Stelle vier- oder fünfmal. Dass „Faserland“ aber unsere Sicht der Welt verändert hätte, war schon deswegen nicht wahr, weil es genau das ausdrückte, was wir schon jahrelang unausgesprochen gespürt hatten: Nicht jenseits der Gärten unserer Welt, sondern in den komfortablen Räumen unserer Kindheit und in jenen Kleidungsstücken, die eine Dauerhaftigkeit vortäuschten, die es nicht mehr geben sollte, brütete ein Untergang, dessen feine Erschütterungen wir spürten. Den Dingen unseres Lebens gab die Vorahnung dieser Vergeblichkeit ein fremdes und vorläufiges Aussehen, und dass ganz am Ende dieser Höllenfahrt in den Wassern des Bodensees nicht Reinheit und ein neues Leben wartet, sondern nur der sinnlose Tod eines Mannes, der ein „Jedermann“ sein könnte, wenn es denn Gott gäbe, erschien uns folgerichtig. Wir waren schon so weit ab von den Träumen eines neuen Lebens auf den Trümmern einer alten Welt, den unsere Eltern folgenlos geträumt hatten.

Ein Jahr später war keiner von uns mehr vor Ort.

Manchmal bekomme ich noch E-Mails von den Freunden vom See. Meistens sind es Umzugsmeldungen, und unentwegt ziehen die Freunde von einst durch die Republik. Viel weiß ich nicht mehr von ihrem Tun und Treiben, und kann nicht sagen, was sie treibt. Treffe ich den einen oder anderen, so erzählen wir uns ein wenig von unseren Leben, in denen alles da sein dürfte, was die Welt noch über ihre Lieblinge auszuschütten pflegt.

Aber zwischen den Sätzen beim Wiedersehen in Cafés, in der Stille der abgebrochenen Wortanfänge und dem kurzen Schweigen bei einem Treffen in Eile auf Flughäfen schwingt mit, dass die Welt auch jene Erwartung nicht enttäuscht hat, von denen dieses Buch einen ersten Schatten auf unsere Welt geworfen hat, die Ahnung, dass wir nicht mehr sein würden, als ein nervöses, feines Geäder auf einer langsam abgewaschenen Goldschicht, dahinter nichts als die Leere, die Einsamkeit und alle Häßlichkeit der Welt.


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