Montag, 18. April 2005

Beruf und Erotik

„Frauentechnisch ist Richtersein das letzte.“, meint der D., und saugt mit resignierter Geste an seinem Smothee. „Anwalt ist aber auch nicht wesentlich mehr sexy.“, wirft der T. ein, und damit dürften die wesentlichen juristischen Berufe sich als Köder auf der Partnersuche erledigt haben. Professoren sind zwar meistens verheiratet, Erscheinung und Wesen der Professorengattinen legen indes den Verdacht nahe, dass es durchaus Berufe gibt, die ihren Trägern auf der Pirsch mehr Nimbus verleihen als ausgerechnet der des Gelehrten.

Kreative Berufe, so munkelt man, wirkten wesentlich attraktiver, ein Künstler gar, vielleicht ein Dichter, allerdings hat ein auf diesem Gebiet bewanderter Herr bereits glaubhaft versichert, dass dies ein Irrtum sei: Ohne Gitarre ginge gar nichts.

Im Ergebnis sei der Beruf eines Mannes vermutlich egal, meint C., dem jedoch ist natürlich ganz energisch zu widersprechen: Wer sich als Landwirt, evangelischer Pastor oder Müllmann offenbart, muss schon sehr zielgruppengenau suchen.

Wie es mit den Landwirtinnen bestellt ist, ist gleichfalls unbekannt, wenn es denn überhaupt Landwirtinnen gibt, denn auch das weiß ich nicht genau. Zu meinem übergroßen Leidwesen scheint auch die Jurisprudenz nicht zu denjenigen Berufen zu gehören, die ein weibliches Wesen mit einem zusätzlichen Nimbus auszustatten in der Lage sind. Umfangreiche Feldforschungen haben vielmehr ergeben, dass das Ideal einer Frau in den Augen der überwiegenden Anzahl der Männer beispielsweise in einer Galerie arbeitet, auch Orchestermusikerinnen sind begehrt. Sängerinnen dagegen hält der gemeine Mann für zickig, und das einzige mir bekannte Exemplar bestätigt dieses Vorurteil auch aufs Schönste.

Bei Titeln scheint es eine feine Differenzierung zu geben: Männer werden durch einen Doktorgrad eher attraktiver, will mir scheinen, bei Frauen verschweigt man den Klotz Papier offenbar besser, Adelsprädikate dagegen schmücken Männer wie Frauen aufs Beste.

Und am Ende zieht wohl doch am ehesten ein Paar schöner Augen.

Woanders

Erst von den weißen Polstern am Wriezener Bahnhof in die Sophienstraße, noch jemanden abholen, und dann hoch, 12 Stockwerke über dem Alex tanzen. Großartig ist es hier. Als es schon fast hell ist, aber eben noch nicht ganz, im Taxi weiter nach Friedrichshain. Meine Freundin auf der Fahrerseite lacht hin und wieder anlasslos ein wenig, und singt ein Lied an, das ich nicht erkenne. Uns fährt ein bärtiger Türke, der sein Taxi mit goldfarbenen Plastikblumen dekoriert hat, und kein Wort mit uns spricht. Der französische Dokumentarfilmer neben mir auf der Rückbank legt mir seine fette Hand auf den Oberschenkel und lallt, in fünfzig Jahren seien wir alle tot. Nach der allgemeinen Lebenserwartung männlicher Westeuropäer dürfte es meinen schwitzenden Nachbarn allerdings schon in gut zwanzig Jahren dahinraffen. Bei meiner Freundin ist er schon vor Stunden abgeblitzt, nun schiebe ich die fremde Hand zurück auf den dazugehörigen Bauch, und den Rest der Fahrt schaut er stumm aus dem Fenster die Stalinbauten entlang.

Die Wohnung, deren Tür sich einige Minuten später öffnet, wird ganz offensichtlich nicht zum Wohnen genutzt. An einem riesigen, wilhelminischen Tisch mit Knorpelkrebs sitzen ein paar Gestalten, meine beiden Begleiter begrüßen den einen, der ihnen mit offenen Armen entgegenkommt. Der Raum ist dunstig vor Qualm. Die Musik ist dafür angenehm, leise und geschmackvoll, langsam werden die Bässe in meinem Kopf leiser, und mit meiner Freundin setze ich mich zu einem bunt geschminkten Mädchen auf die Couch, die sich einige Minuten später als polnische Filmstudentin vorstellt. Einer der Männer am Tisch, ein hagerer Riese mit schwarzen langen Haaren, ist ihr Freund. Ein großer Künstler, sagt sie, wir nicken und fragen nicht nach.

Eine Art Kellner gibt es auch, wir bestellen Gin Tonic, und bekommen ein Tischchen herangezogen mit einem schweren Marmoraschenbecher drauf. Am Tisch fliegen die Karten, die Fremde, meine Freundin und ich trinken noch einen Gin Tonic, und als selbst durch die schweren blauen Vorhänge das Licht dringt, erinnere ich an meinen Zug ein paar Stunden später und gehe. Die Straßen sind ganz leer.

„Hey,“, flüstere ich ins Telephon auf der Fehrbelliner Straße, als der T. abnimmt. „Bist du schon zu Bett?“, frage ich, aber T. klingt ausgesprochen munter. Ich könne vorbeikommen, sagt T., Herzchen und Röschen, die neue Liebste, sei allerdings da und schliefe schon. „Macht nichts.“, sage ich, und klingele ein paar Minuten später. T. steht in der Tür.

Weil die Freundin einen robusten Schlaf hat, machen wir Musik an, Billy Idol singt, T. brüht einen Kanne Tee auf, und liest mir auf dem Balkon aus der Zeitung von gestern ein paar Nachrichten vor. Hinter den Vorhängen liegt die Freundin mit weit offenem Mund und grunzt ab und zu leise. „Macht sie immer,“, sagt T., und schenkt nach. „Hast du Kekse?“, frage ich, aber T. hat weder Gebäck noch sonst irgend etwas Essbares im Haus, und so ziehen wir uns an, und gehen frühstücken, sprechen über die Anschaffung türkisfarbener Pedro Garcia´s, sieben Zentimeter hoher Knöchelbrecher mit Seidenüberzug, und T. rät ganz entschieden zu. Ich puste mir die Haare aus der Stirn, beruhige meinen Magen mit frischem Pfefferminztee, und T. schaut ab und zu auf die Uhr.

„Du musst los.“, sagt er schließlich, und so lasse ich mein Frühstück stehen, und wir gehen langsam zur U-Bahn. Am Ostbahnhof fällt mir ein, meine Tasche vergessen zu haben, aber es wird auch ohne gehen, für ein paar Notfallkäufe am Zielort bin ich früh genug da, und als der Zug einfährt, steige ich ein, ein bißchen Geld und eine Karte in der Hosentasche, Zigaretten und Telephon in der Hand. T. winkt und geht langsam Richtung Ausgang.

Wenn ich nicht wiederkäme nach Berlin, denke ich, und schaue aus dem Fenster, würde meine Wohnung kündigen oder meiner neuen Mitbewohnerin einfach dalassen, und allen Freunden eine E-Mail schreiben, dass ich weggezogen bin, dann könnte ich morgen schon ein neues Leben beginnen. Nicht zu jener Freundin fahren, die auf dem Hauptbahnhof stehen und mich abholen wird, sondern irgendwohin, wo ich niemanden kenne. In einer anderen Stadt würde ich mit anderen Menschen leben, einmal schauen, ob es woanders vielleicht noch ein schöneres Leben ist als hier, ob das volle Glück vielleicht zwischen anderen Häusern wohnt, und dort jemand auf mich wartet, dessen Hände besser zu mir sind.


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