Samstag, 6. August 2005

Urlaub

Ab und an sollte man für ein paar Tage oder Stunden Urlaub nehmen können vom eigenen Leben und ein anderer sein können, mit anderen Erinnerungen, anderen Begabungen und in einem anderen Körper stecken. Heute nacht vielleicht eine vierzigjährige Frau sein, die mit ihrem Mann daheim beim Wein sitzt, einen Film schaut, den ich nicht mögen würde, und hin und wieder mit der linken Hand über seine Schulter streicht, weil das warm ist und gut. Irgendwann müde werden auf dem gemusterten Sofa. Der Mann, ich den ich mich niemals verliebt hätte, schaltet auf Zehenspitzen den Fernseher aus, und zöge die andere, die ich gerade wäre, sanft ins Bad und dann zu Bett. - Vielleicht auch einmal ein Mann sein, mit Freunden durch die Bars zu ziehen, schnalzen, wenn eine Frau den Raum durchquert, und soviel Bier zu trinken, wie ich es niemals könnte noch täte. Einen anderen Gang zu gehen, in aller Selbstverständlichkeit, und genau zu wissen, welcher Fußballverein wann welche Meisterschaft gewonnen hat. Auf dem Heimweg an Lieblingsgerichte zu denken, die ich im Leben nicht essen würde. Schweinekrustenbraten zum Beispiel. Oder gefüllte Milz.

Ein Kind zu sein, das eine fremde Mutter staubige Straßen entlangziehen würde auf dünnen Beinen und weinen wollen, weil es kalt ist, und der Weg noch lange nicht zuende. Auf der Straße sitzen und auf jemanden warten, der mir Geld geben würde für etwas zu essen oder das gefälschte Glück aus den Laboren oder von den Mohnfeldern Afghanistans. Vielleicht ein Tier sein, spielende Muskeln. Ein Stern. Etwas, was im Boden wartet, um irgendwann zu keimen.

Vielleicht, wenn ich jemand wäre in meiner Urlaubsexistenz, der lesen kann und schreiben, würde ich mir eine Postkarte schicken: "Liebe Modeste, die diesjährige Unterkunft ist wirklich schön, über das Essen kann man sich nicht beklagen, und einmal musst auch Du in diesen Zipfel der Welt fahren, in dem es sich zu leben lohnt." - Tage später, wenn ich wieder zurück wäre aus dem anderen Leben, würde ich die Postkarte finden und lächeln, und mich an das fremde Sein erinnern wie an einen fremdartigen und wirren Traum.

User Status

Du bist nicht angemeldet.

Für Komplimente und andere Geschenke

Last year's Modeste

Aktuelle Beiträge

... und dann...
... durch die Welt laufen, Deine Worte wie Musik im...
Lerchenau - 7. Mai, 11:34
...sich vornehmen und...
...sich vornehmen und auf mehr hoffen, unerwartete...
wortmeer - 6. Mai, 19:04
Die
Plaene werden viel von den scharfen Kanten des Lebens...
pathologe - 6. Mai, 14:12
Sagen Sie bescheid, wenn...
Sagen Sie bescheid, wenn Sie wissen wie sowas geht. Meine...
WG121 - 5. Mai, 19:56
Wird schwierig ohne Koks.
Wird schwierig ohne Koks.
KleinesF - 5. Mai, 11:46

Suche

 

Archiv

August 2005
Mo
Di
Mi
Do
Fr
Sa
So
 5 
 7 
 9 
12
13
16
17
18
20
21
27
29
 
 
 
 
 

Status

Online seit 1291 Tagen
Zuletzt aktualisiert: 7. Mai, 11:34
kostenloser Counter

Bücher 2008
Familienalbum
Liebe Freunde
Mausoleum
Verehrung
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren