Dienstag, 27. Dezember 2005

Publius Clodius Pulcher

Noch haben die Caesaren die Kraft der römischen Aristokratie nicht gebrochen, und aus einem Übermaß an Energie, aus einem Zuviel an Erregbarkeit der wüsten, von den unruhigen Zeiten schon angefressenen Nerven, wirft sich der Nachwuchs der römischen Gesellschaft in die Politik und schleudert blutige Würfel über die sieben Hügel Roms. Ein ungefährliches Spiel ist die Politik nicht in diesen Jahren, hat doch der Bürgerkrieg bereits reiche Ernte gehalten unter denjenigen Familien Roms, die traditionell die Wahlämter der Republik verwalten, und auch die Claudier nicht ausgespart in jenen unruhigen Jahren, in denen Marius und Sulla um die Vorherrschaft über die Mitte der Welt ringen, und ein Riss durch die ersten Familien der Stadt geht, von dem wir nicht wissen, nur ahnen können, wieviel Überzeugung und wieviel Hunger nach Macht, wieviel auch von jener Lust am Spiel, die nur diejenigen frivol nennen, die sie nicht kennen, den einzelnen auf die Seite der Senatspartei oder auf diejenige des Volkes trägt.

Große Männer der Optimaten wie der Popularen stellt die Sippe der Claudier, und so ist kaum die Frage, ob, sondern nur, auf welcher Seite sich ein junger Mann des Patriziats positioniert, der 92 v. Chr. als Publius Claudius Pulcher geboren wird. In seine Kindheit fallen die ersten ernsthaften Schläge gegen die Republik und senken eine Unruhe in eine ganze Generation von Politikern, die sich ein halbes Jahrhundert lang in Krämpfen entlädt, bis unter diesen Stößen das korrupte Casino, zu dem die römische Republik längst geworden ist, erzittert, um schließlich seine Tore zu schließen: Schon sind die Proskriptionen Vergangenheit, schon hat das mehrjährige Konsulat Lucius Cornelius Cinnas einen der Grundsätze des Reiches einem Achselzucken unterworfen, das nicht mehr wegzudenken sein wird, und immer wieder rebellieren die, auf deren Rücken das mächtige römische Reich blüht wie eine allzu üppige Pflanze: Der Aufstand des Spartacus ist weder der erste noch der letzte Aufstand der Sklaven, und immer weitere Sklaven spülen Roms siegreiche Kriege in die Stadt. Immer schwerer wird es dem freien Bürger in den Mietshäusern der Subura, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu verdienen, und längst ist der schlichte Edelmann, der eigenhändig pflügt wie ficht, Vergangenheit.

Diese Unruhe, der schwankende Boden, scheint es auch zu sein, die von Anfang an den P. Clodius Pulcher umgibt wie ein Schatten: Taucht er an der Seite des Lucius Licinius Lucullus auf, so bricht prompt eine Rebellion aus, in Syrien verliert er fast sein Leben, entführt wird er wie mancher römische Edelmann, der seiner Familie Geld wert ist. Dass er, der Catilina 65 v. Chr. angeklagt hat, mit ihm gemeinsame Sache gemacht haben soll, behauptet zwar nur Cicero, aber etwas Zwielichtiges ist stets um ihn, seine Söldner durchstreifen die Stadt, und die Wahlkämpfe jener Jahre um alle Ämter, die der um des Tribunats Willen plebejisch gewordene P. Clodius Pulcher jemals innehat, tragen einen wüsten und bizarren Charakter.

Dass es die Seite der Konservativen, der Senatspartei nicht sein wird, für die Clodius Pulcher antritt, versteht sich fast von selbst: Überschießend, maßlos und populistisch sind seine Forderungen, seine Feindschaften, die ihn am Ende den Kopf kosten werden, und die Bestechung wie die Straßenschlacht sein Element. Nur jene letzten Jahre der Republik bieten einem wie ihm die Möglichkeit, in die lecken Stellen des Staates auf eigene Rechnung wie Risiko einzudringen wie später einmal die Condottieri der Renaissance oder ein Freibeuter auf den Meeren. Nicht um Geld oder Ruhm indes wird hier gespielt, fast die ganze bekannte Welt wird, so flüstern es die Träume von Ruhm und Herrschaft, dem gehören, der einmal die überreife Republik vom goldenen Baume pflückt, und längst sind es nicht mehr die Senatsmehrheiten, die die Macht der Politiker ausmachen, sondern die Straßenbanden und Söldner wie Sklaven, die sich schlagen für ihn, der Quaestor wird, Volkstribun, curulischer Aedil, und Praetor nicht mehr werden sollte.

Ob die Feindschaft zu Cicero nur auf politischen Gründen beruht oder von Anfang an ein privates Missfallen den Hintergrund eines Hasses bildet, der noch 2000 Jahre später aus den Reden Ciceros spritzt? Ob tatsächlich die Terentia, die erste Frau des Cicero, mit ihrer Eifersucht auf die mittlere Clodia, die Schwester und angebliche Geliebte des P. Clodius Pulcher, den ersten Anstoss gibt für die ciceronianische Kampagne gegen den zehn Jahre jüngeren Clodius Pulcher? Oder ob Cicero, ehrgeizig, aber keiner der Männer, deren Ziel die Zerstörung die Republik war, in ihm den Unruhestifter sah, einen der Entzündungsherde des Staates, und die behauptete Sittenlosigkeit der Clodia und ihres Bruders nicht mehr als ein Vorwand waren, sind doch die Ehen der Römischen Gesellschaft aus meist politischen Gründen ebenso schnell geschlossen wie geschieden, und zahlreiche Feste, Reisen an die See oder aufs Land bieten Gelegenheit für Affären, von denen wir, zwei Millenien später, nicht mehr wüssten, wäre die üble Nachrede kein Politikum gewesen, mit dem freilich fast jedem zu schaden war in jenen Jahren.

Der Bona-Dea-Skandal, das Eindringen in das Haus des C. Iulius Caesar als Frau verkleidet zu einer Festlichkeit, zu der aus religiösen Gründen nur Frauen zugelassen waren, mag eine Unverschämtheit gewesen sein, an eine Beleidigung der Römischen Götter allein mag in diesen Jahren indes keiner mehr so recht geglaubt haben, wäre doch der Jüngere Cato ansonsten kaum die komische Figur geworden, als die er durch unsere Schulbücher treibt. Ob die mittlere Clodia, die Lesbia Catulls, tatsächlich die Geliebte ihres Bruders P. Clodius Pulcher war, welche Frauen der Römischen Gesellschaft ihre lieblose Ehen noch mit ihm verschönerten – wen kümmert es noch heute, wo die ganze glänzende, vergnügungssüchtige, opulente römische Aristokratie schon so viel länger vergangen ist, als selbst die Gestalten unserer Märchen und Sagen: Sind doch Dietrich von Bern, die Heymonssöhne oder die Nibelungenkönige vom Rhein, noch längst nicht soviele Jahre tot wie jene.

Parteigänger Caesars, Gegner nicht nur Ciceros, sondern auch Pompeius‘, dreht sich die Welt immer schneller, immer wirrer um P. Clodius Pulcher. In Titus Annius Milo findet er einen Widersacher, dessen Temperament dem seinen gleicht: Auf einem schillernden Boden von Gewalt, Volkstribun auch er, wetteifern die Populisten um die Gunst der verelendenden Massen in den engen Straßen der Stadt. Versprochen wird viel, gehalten wird wenig, und auf den Wogen eines glänzenden Untergangs fahren die dahin, von denen am Ende derjenige übrigbleiben soll, siegreich auf dem Schlachtfeld, dem der Preis gehört: das Imperium Romanum.

Am Ende aber wird keiner von ihnen das Römische Reich in der Hand halten: Caesar wird erstochen werden, und T. Annius Milo als aufständisch hingerichtet. Cicero werden sie am Ende durch die Straßen schleifen, tot wie die Republik, und seinen Kopf ausstellen auf der Rostra am Forum Romanum, Cato wird sich in der Ausweglosigkeit töten, und auch Pompeius sollte die Bürgerkriege nicht überleben, aus denen schließlich die Pax Augusta herauswachsen wird als ein Produkt der Erschöpfung und Ausblutung der römischen Eliten.

Die kommenden Bürgerkriege jedoch, dieses letzte Zucken der Republik und ihren Untergang in Schwefel und Rauch, hat P. Clodius Pulcher nicht mehr erlebt: Schon 52 v. Chr. sollten ihn die Sklaven Milos auf der Via Appia unweit Roms in ein Handgemenge verwickeln, auf offener Straße erstechen und niedermachen. Die Massen Roms, die einfachen Bürger, als deren Sachwalter auch Clodius Pulcher aufgetreten war, sollten tagelang die Straßen Roms unsicher machen, die Curie niederbrennen: Würdiger Heimgang eines Unruhigen.

Am Horizont aber, klein und unscheinbar, schaukelt auf den Wellen des Elends in den Straßen von Rom, auf denen P. Clodius Pulcher wie manche andere ihr Glück gesucht und ihren Tod gefunden haben, bereits der Keim für die spätere Ausbreitung des Christentums, an dem nach der Römischen Republik die Römische Welt zugrunde gehen wird.



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