Dienstag, 20. Oktober 2009

Der Bigamist

"Das ist noch gar nichts.", sagt die E. und holt tief Luft. Ihre Cousine zum Beispiel. Die habe es ja noch schlimmer getroffen.

Ihre Cousine war ziemlich lange Single. So lange waren sowohl die E. als auch ihre Schwester T. und die Cousine ohne Mann, dass die Familie begann, von einem Erbfehler auszugehen, zumindest vielleicht von einem kollektiven Erziehungsversagen, und als sogar ihre siebzigjährige Großtante begann, auffallend oft von diesen Partnerschaftsbörsen zu sprechen, bei denen ja auch diese und jener fündig geworden sei, meldeten sich die Cousine wie die E. entnervt an. Tatsächlich zieht die E. mit ihrem Fang demnächst zusammen.

Die Cousine aber hatte kein Glück. Mag sein, dass der Esoterik-Tick der Cousine nicht nur der E. auf den Geist geht. Mag auch sein, dass die schlanke, immer lachende E. generell leichter vermittelbar ist als die etwas dickliche und unglaublich schüchterne Cousine, aber dass erst nach vier Monaten ein erstes Treffen zustande kommen würde, hätte auch die E. nicht gedacht. Immerhin ging dann alles ziemlich schnell: Erstes Treffen. Zoo. Zweites Treffen. Restaurant. Der Mann aß keine Haxen (die Cousine hätte sich auch nicht daran gestört), beim dritten Treffen kam es zu einem Kuss, und beim vierten oder fünften Treffen ging man miteinander nach Hause. Für ein paar Wochen war alles bestens. Händereibend saß der liebe Gott in den Wolken und wiegte sein Opfer in Sicherheit und zunehmend süßen Träumen.

Dann aber kam es ganz dick. Am Samstag morgen fuhr die Cousine ins KaDeWe. An den Rolltreppen vor dem Sahling-Stand wartete sie inmitten des unglaublichen Gewühls des KaDeWe am Wochenende auf eine Freundin, Menschenmassen wogten hin und her, und auf einmal - inmitten der Schwaden der KaDeWe-Parfumerieabteilung - sah sie ihren Freund. Ihr Freund war in Begleitung. Die Begleitung war weiblich, und als sich die massive Mauer aus fremden Leuten für einen Moment lichtete, sah die Cousine ein Kind. Das Kind war so ungefähr fünf.

Auf Zuruf reagierte der Freund erst gar nicht. Nun ist das KaDeWe am Samstag auch nicht der Ort, an dem man irgendjemanden oder irgendetwas wahrnimmt, aber als er doch hinüberschaute, als er die Cousine sah, drehte er sich auffallend schnell weg und hastete die Rolltreppe hoch. Die Cousine lief hinterher.

Zwei Stockwerke und ein paar Gänge entlang entkam der Freund der Cousine. Dann standen Cousine und Freund vor den schönen Kleidern von Roberto Cavalli und sahen sich an. "Ist was?", soll die Cousine gesagt haben, und der Freund legte panisch den Finger auf die Lippen. Hinter der Cousine erschienen in ziemlichem Abstand die Frau und das kleine Kind.

"Papa?", rief das Kind und krallte sich in den Hosenbeinen des Freundes fest. Beidseitig - nein: dreiseitig - überfordert standen sich die Erwachsenen für einen Moment gegenüber. Gern hätte die Cousine dem Freund einen nassen Lappen um die Ohren geschlagen, gern einfach ein wenig gebrüllt, aber weil die Cousine eine schüchterne Cousine ist, und selbst dann keine Szenen macht, wenn sie gern Szenen machen würde, drehte sie sich um und fuhr langsam, ganz langsam nach unten, dem Ausgang zu und stieg in eins der Taxen auf dem Wittenbergplatz. Dann fuhr sie heim. Man sagt, sie habe geweint.

Sonntag, 18. Oktober 2009

Schlechter Ruf

Schließlich fasse ich mir ein Herz. "Wir kennen uns ...", setze ich an und füge hinzu, dass ich mich dermaßen null und gar nicht an den Namen meines Gegenübers erinnern kann, und nicht einmal mehr weiß, woher wir uns kennen. Insgeheim hoffe ich, dem nicht ganz fremden Herrn an der Kaffeetafel gehe es ähnlich. Indes: Weit gefehlt. "Wir haben vor 21 Jahren in Regensburg zusammen gerudert.", höre ich, und werde der Begleitung des Hamburger Rechtsanwalts zutreffend vorgestellt.

Ich bin bekümmert. Mein Gedächtnis ist nicht nur schlechter, als es mir lieb ist, sondern auch offenkundig schlechter als das Erinnerungsvermögen anderer Leute.

Auch die Mutter des Bräutigams erinnert sich meiner genau. Der dritte der anwesenden Schulfreunde erkennt mich gleichfalls wieder, und für einen kurzen Moment peinigen mich Visionen, in denen ich stets und ständig auf der Straße Menschen begegne, mit denen ich zur Schule gegangen bin, mit denen ich irgendwann einmal im juristischen Seminar gesessen habe, die mit mir beim Repetitor waren oder die in irgendeiner Referendarsstation meine Kollegen gewesen sind. Alle wissen ganz genau, wer ich bin, nur ich, ich kann mich an nichts erinnern und laufe ohne aufzusehen an freundlich lächelnden alten Bekannten vorbei.

"Arrogante Kuh.", knirschen die Vergessenen dann - irgendwo in Mitte vielleicht oder an irgendeinem Flughafen - die Zähne, schreiten davon und erzählen Dritten, ich hätte mir in den letzten zwanzig, zehn oder fünf Jahren ja eine Arroganz zugelegt, zu der mich nichts berechtigt, und habe auf der Friedrichsstraße, in der Victoria Bar oder in der Flughafenlounge in Frankfurt an alten Bekannten einfach vorbeigesehen.

"Ich werde Sie vermutlich, wenn auch ohne jede Missachtung Ihrer Person, in den nächsten Jahren gründlich vergessen.", könnte ich mir präventiv auf die Visitenkarten drucken, wahlweise auch auf T-Shirts, fällt mir ein, um dann derart gerüstet möglicherweise nicht als übermäßig eingebildet, sondern nur als ein bißchen komisch zu gelten, wobei unklar bleibt, vorerst, ob dies vorzugswürdig sei gegenüber dem jetzigen Zustand.

Mittwoch, 14. Oktober 2009

Das Geschenk

"Zum Beispiel einen Frühstücksgutschein!", sage ich und überlege, ob die einschlägigen Hotels mit bekannt guten Brunches wohl Gutscheine verschicken. Zum Abholen komme ich jedenfalls vermutlich nicht mehr. Außerdem müsste ich dann raus und würde erfrieren.

"Gutscheine sind blöd.", kommentiert die A. und spricht über lauter tolle Hochzeitsgeschenke, die ich am Donnerstag wohl kaum mehr bekommen werde, wenn die Hochzeit Samstag stattfindet. Nein, ich verschenke im Oktober keinen Picknickkorb. Nein, ich kaufe auch keinen Sektkühler, wenn ich weder ihn noch sie jemals Sekt habe trinken sehen.

Wenn ich einen Gutschein verschenke, dann muss ich zumindest etwas Originelles beifügen, höre ich. Sie zum Beispiel - im Hintergrund rasselt es - habe vom O. einen Gutschein für einen Day Spa bekommen, und auf dem dazugehörigen selbstgedrehten Video habe sich der O. mitsamt zwei hübscher Freunde ganz und gar ausgezogen und dazu getanzt. Ich schaudere. Ich sehe schon angezogen komisch aus. - Ohne etwas Originelles dazu, sagt die A., sei ein Gutschein aber ganz und gar nicht zu vertreten. Ich verwerfe also den Gedanken.

Nun folgen Vorschläge Schlag auf Schlag.

Ein Badethermometer.
Das Paar hat keine Wanne.
Ein Austernmesser.
Er isst schon keinen Fisch.
Ein Riesenkorkenzieher.
Haben die beiden, glaube ich.
Eine Jahreskarte für den Zoo.
Er ist so gut wie nie zu Hause.

Dann wisse sie auch nicht weiter, seufzt die A. "Was kaufst du, wenn dir nichts einfällt?", frage ich. Es wird still in der Leitung.

"Einen Trüffel.", antwortet die A. irgendwann. Größe je nach Bedarf. Ich bin ratlos.

Samstag, 10. Oktober 2009

Hiobstage

Um sechs aufgestanden. Nach dem Aufstehen zum Flughafen, vor Ort im Stau gestanden. Der Taxifahrer hat sich verfahren. Anstrengender Termin. Schlechtes Essen. Auf der Rückfahrt im Stau gestanden. Am Flughafen eingekauft. Ich habe keine Hautcreme mehr. Die Verkäuferin sieht mich und baut vier Anti-Falten-Cremes vor mir auf. Ich bin verstört. Ich habe keine Falten, glaube ich, aber vielleicht schaue ich auch nur nicht genau hin?

Die Cremes sind alle sauteuer. Die billigste Creme kostet 40 Euro, die teuerste 260. Das ist mir zuviel, ich verlange ein günstigeres Produkt und die Verkäuferin ist beleidigt. Da müsse ich jetzt mit Wirkstoffdefiziten rechnen, sagt sie und schleudert mir Cremes um die zwanzig Euro hin. Ich kaufe eine Creme im rotem Tiegel, weil sie unparfumiert sein soll. Später stellt sich heraus: Das stimmt nicht.

Im Flugzeug eingequetscht zwischen zwei raumgreifenden Männern. In Tegel ein Taxiproblem. Über hundert Menschen stehen auf der Taxiinsel und warten auf Taxen, die nicht kommen. Gereizte Atmosphäre. Wir schätzen die voraussichtliche Wartezeit und steigen in den Bus. Der Bus ist überfüllt und schlingert schrecklich. Neben mir leckt sich ein dicker Junge um die zwanzig die ganze Zeit den Mund. Am Zoo dann endlich augestiegen. Sehr müde gewesen. Im Taxi weiter nach Kreuzberg.

Im Jolesch ist es voll. Meine Freunde warten schon, nur mein Freund ist noch nicht da. Wir warten eine Stunde auf ihn und trinken Sekt. Dann bestellen wir. Ich nehme die Fritattensuppe, Ente und einen Blauen Zweigelt. Dann warten wir weiter. Ich trinke sehr schnell zwei Glas Sekt und genieße das Gefühl der langsamen Sinnenverwirrung.

Irgendwann kommt die Vorspeise meiner Freundin I., eine wenig ansehnliche Tafelspitzterrine. Dann meine durchaus unspektakuläre und irgendwie salzlose Suppe. Einige Minuten später bekommt auch der S. seine Kaspressuppe. Fast zeitgleich erscheint mein geschätzter Gefährte J. von einer Betriebs-Oktoberfestfeier. Ich bin verstimmt.

Nach und nach kommen die anderen Gerichte. Nicht einmal die Schnitzel des M. und des T. erscheinen gleichzeitig: Als die letzten ihr Hauptgericht haben, sind die ersten fertig. Das Essen ist okay, aber nichts Besonderes. Es war hier schon einmal besser. Zudem ist die Stimmung schlecht: Weil alle dem J. Vowürfe machen, steht dieser wieder auf und verschwindet. Aus ungeklärten Gründen war er zwar zuletzt da, hat sein Essen aber als erster bekommen.

Natürlich kommen auch die Desserts nicht gleichzeitig. Mein halbflüssiger Schokoladenkuchen liegt etwas verloren und mit einem Durchmesser von circa drei Zentimetern neben einer Nocke Eis und wirkt ebenso traurig wie ich. Ich bin müde.

In der wirklich netten Hubertuslounge werde ich kurzzeitig wieder wach und spreche. Ich trinke noch mehr Sekt. Davon werde ich wieder so müde, ich könnte auf der Stelle einschlafen, aber zum Glück ist es dafür zu laut.

Der S. und die I. fahren mich heim. Ich laufe die Treppe hoch. Der J. liegt im Bett und ächzt, ihm sei schlecht.

Ich träume von Maden.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Zum Schloss

Aber im nächsten Sommer, mein Lieber, fährst du mit mir bis ans Meer. In der Frühe um fünf geht es los, und die Haut des Himmel wird zart sein und grün und schimmern vor Reinheit und Morgen. Müde werden wir sein von der langen Nacht in der Stadt, klebrig von Bier und von Schweiß und bestäubt von schwärzlicher Asche.

Unter den Bäumen verstecken wir unsere Kleider im Gras. In den Ästen schlafen gestreift die trägen, nächtlichen Tiere, und auf dem Grunde des Meeres säumen Nereiden den Weg zwischen Steinen und Schutt durch den Schlick bis zum Schloss, wo der Muschelthron wartet, mein Lieber: Weit abseits der Welt, und wogend im Tang wie in Träumen.



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