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Schnipsel

Dienstag, 1. Dezember 2009

Für morgen (30.11.2009)

Aber wenn ich sechs wäre, und nicht 34, bliebe ich morgen einfach daheim. Wenn man mich weckt, würde ich nur blinzeln und tun, als sei ich krank, und wenn ich Haferflocken essen soll, schüttele ich den Kopf. Dann schließe ich die Augen und schlafe wieder ein.

Nicht so krank will ich wirken, dass meine Mutter zu Hause bleibt und mich mit kalten Tüchern einwickelt und Tees kocht, die nach Schweiß schmecken und nach nassem Hund. Meine Mutter soll ruhig ins Büro, und Frau F. soll kommen. Frau F. ist sehr alt und legt sich gleich auf das Sofa und schläft. Frau F. schnarcht lauter als ein Bär.

Vor meinem Bett schläft der Hund. Ab und zu wälzt er sich träge hin und her, schnappt nach Hasen und Vögeln und lauter Tieren, die es nicht gibt, und vielleicht lasse ich ihn sogar in mein Bett. Da liegen wir dann und lesen ein Buch nach dem anderen aus der Bücherei. Jede Woche holen wir mehr. Jede Woche eine ganze, volle Tasche.

Wenn Frau F. sehr tief schläft, schleiche ich in die Küche. Auf den Zehenspitzen kann ich gerade den Kühlschrank öffnen. Bis zum Käse brauche ich noch einen Stuhl. Ein ordentliches Stück vom Emmentaler schneide ich ab, fahre zweimal mit dem Löffel in die Marmelade, und vielleicht lange ich nach Aprikosen oder Kirschen im Glas. Dann lege ich mich wieder hin.

Vielleicht höre ich Schallplatten. Dem Bär Jacob ziehe ich seine Sachen an und aus. Dem Hund erzähle ich Geschichten. Langsam wandert die Sonne müde und kraftlos über den Himmel, am Badezimmer vorbei und hängt schlapp im entblätterten Nussbaum. Weiter gen Westen treibt der Wind die bleigrauen Wolken, und auf dem Fensterbrett sitzen die Spatzen und frieren.

Aus dem Bett meiner Schwester hole ich mir eine weitere Decke. Träumen würde ich von einem eigenen Pferd. Einfach weiterschlafen würde ich, wenn meine Mutter käme, so gegen vier, und blinzeln würde ich nur, legte sie mir die Hand auf die Stirn: Leicht und kühl und kein bißchen beschwerend.

Montag, 23. November 2009

Nun am Ende aller Ufer (23.11.2009)

Müde sinke ich den Lichtern entgegen. Berlin hat illuminiert, am Montag abend um acht, und unter den Wolken sieht die Stadt aus wie ein Fest, eine flackernde, maßlose Party. Neben mir aber blättern gelangweilte Männer in Anzügen in ihren Akten, und der vielleicht fünfzigjährige Beamte auf dem Sitz 19B setzt zum zweiten Mal seit dem Abflug zu einem Gespräch an. Ich sehe aus dem Fenster. Ich will nicht nur nicht sprechen. Ich kann auch nicht mehr.

Die Maschine rumpelt in weitem Bogen an Mitte vorbei. Vor uns leuchtet die Landebahn von Tegel, und ich würde mich auf den Abend freuen, wenn ich noch zu irgendetwas in der Lage wäre außer zu einer dumpfen, gereizten Erschöpfung.

Ich brauche mal einen langen Urlaub von mir, formuliere ich Wünsche vor mich hin, die keiner erfüllt, und als das Flugzeug langsamer wird, steht, als mein Blackberry sich wieder füllt mit Nachrichten, Nachrichten, Anrufen und Messages, die alle besagen, es gebe viel zu tun, dränge ich mich an den Männern im Anzug vorbei ins Taxi und schließe die Augen, als sei jetzt schon Schluss für heute, und ich einfach frei, ganz weit weg von mir an einem See, versteckt vor der Welt und glücklich zwischen Schilf und hängenden Weiden.

Donnerstag, 12. November 2009

Drei Dimensionen

"Maximal 10%!", verkündet mir die sonderbar verknautschte Ärztin und meint damit mein räumliches Sehen. Ich sollte das mal überprüfen lassen. Ich nicke.

Ob ich Auto fahre, werde ich gefragt, und verneine energisch. Ob ich werfen und fangen könnte, will man wissen und schreibt irgendetwas in eine Akte, in der jetzt dokumentiert steht, dass man mir auch besser weder Autos, Gewehre, noch Bälle in die Hand gibt, und ich sitze mit baumelnden Beinen auf einer Liege und schaue versonnen aus dem Fenster. Es liegt also nicht an mir. Oder besser. Es liegt schon an mir, aber ich kann daran nichts ändern, und so spreche ich mich frei von allen Pflichten bezüglich der Bewegung meiner selbst und anderer Körper im Raum.

Schön, denke ich, als ich die Tür von außen schließe. Hier besteht also keinerlei Handlungsbedarf, ziehe ich einen dicken, schwarzen Strich unter den motorisierten Lebensbereich, und tatsächlich fühlt sich das ganz gut an: Für irgendetwas nicht verantwortlich zu sein, und frei von jeder Schuld. Schicksal hat was für sich, laufe ich den langen Gang abwärts zu den Fahrstühlen, und wünsche mir für einen kurzen, winzigen, kaum spürbaren Moment, in allen Dingen wäre es ein bißchen mehr so und nicht anders, und verwerfe dann doch den Gedanken sofort, aber vielleicht auch: Zu Unrecht.

Donnerstag, 8. Oktober 2009

Zum Schloss

Aber im nächsten Sommer, mein Lieber, fährst du mit mir bis ans Meer. In der Frühe um fünf geht es los, und die Haut des Himmel wird zart sein und grün und schimmern vor Reinheit und Morgen. Müde werden wir sein von der langen Nacht in der Stadt, klebrig von Bier und von Schweiß und bestäubt von schwärzlicher Asche.

Unter den Bäumen verstecken wir unsere Kleider im Gras. In den Ästen schlafen gestreift die trägen, nächtlichen Tiere, und auf dem Grunde des Meeres säumen Nereiden den Weg zwischen Steinen und Schutt durch den Schlick bis zum Schloss, wo der Muschelthron wartet, mein Lieber: Weit abseits der Welt, und wogend im Tang wie in Träumen.

Mittwoch, 7. Oktober 2009

Im Laub, im allerersten Nebel

Ach, gar nichts, sage ich. Nichts, was zu erzählen lohnt. Zu Mittag chinesisch gegessen und am abend ein bißchen Käse. Bionadeverbrauch steigend, keinen Alkohol, zu viel Zigaretten, und bisweilen noch Schauer von Kälte, weil ich zu Hause bleiben sollte, aber das leider gerade nicht geht.

Im ersten Nebel am Abend Fahrrad gefahren, die Weichheit der Lichter der Stadt bewundert wie immer und das Laub an den Bäumen rascheln gehört, das trocknet, um bald schon zu fallen. Die dunklen Mäntel, das Feuchte, ein bißchen mechanische Konversation.

Nichts, was zu erzählen lohnt, und nichts mehr zu wünschen. Einmal mehr dem fallenden Jahr nachzuschauen. Überlegen, ob der Sommer mir etwas schuldig geblieben ist, und sich nicht zu erinnern. Im Spiegel jemand Müdes zu sehen, bisweilen fast jemand anders, und sich bei Nacht ein Feuer zu wünschen, das wärmt und vielleicht auch verbrennt.

Mittwoch, 30. September 2009

Andere Leute

Weil ich mich nicht dafür interessiere, wer einen Kilometer weiter südlich gerade wen in Stücke reißt, wähle ich mit Sorgfalt zwischen einem Perlhuhn mit Graupenrisotto und einer Seezunge in weißem Balsamicolack. Am Ende entscheide ich mich fürs Huhn.

Am Nachbartisch reden ein paar anzugjackerte Herren sehr aufgeregt aufeinander ein, und ab und zu schreibt der sichtlich Jüngste etwas auf einen Block. Lachend malen wir uns aus, was auf dem Block wohl stehen mag, probieren von unseren etwas übersichtlichen Portionen und erzählen uns von den besten Steaks der Stadt. Ich lasse mir vom Prinz von Homburg im DT berichten, der offenbar knöcheltief im Wasser stattfindet, und wir prosten uns auf den großartigen Umstand zu, dass alle diese Dinge, von denen die Zeitungen schreiben, uns nichts angehen, und uns niemand dazu bringen wird, aufgeregt in abgeschabte Blackberries zu schreien, nur weil gerade (einmal mehr) die deutsche Sozialdemokratie untergeht oder die neue Regierung vielleicht doch nicht alles will, was man sich andernorts ausgemalt hat.

Dann bestellen wir Sorbet.

Dienstag, 29. September 2009

Schmerzlos am Ende des Sommers

Sich eigentlich ganz gut fühlen. Die Vögel zählen, die auf dem Kollwitzplatz Brotkrumen picken, und den trüb-gelben Wein ganz langsam trinken. Es riecht schon nach Herbst. Irgendwann hat mich das alles mal an irgendetwas erinnert, aber der Himmel ist stumpf, blau und leer.

Den Kopf schütteln, wenn man gefragt wird, ob etwas nicht stimmt. Mir tut nichts weh, hake ich einen Körperteil nach dem anderen ab. Mein Bauch ist okay. Mein Rücken gerade. Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung.

"Ich weiß nicht.", zu sagen. Es verläuft heute wie gestern alles nach Plan. Alles bleicht aus, sage ich, aber das ist nur der Sommer, und was bleibt von dem sinkenden Jahr weiß wohl keiner, und erst recht nicht: Von mir.

Dienstag, 22. September 2009

Um acht

Noch vor Anbruch des Tages grundlos gutgelaunt auf dem Balkon zu stehen, den Nachbarn zuzusehen, wie sie ihre Kinder wickeln und der Katze seine Träume zu erzählen. Der große, schwarze Hund. Der Schlamm und die Ebene und die Lichter irgendwo sehr weit weg.

Die Müllmänner ziehen die Container durch den Hinterhof und winken mir zu. In der Küche röchelt Kaffee, weil ich als letzter Mensch auf Erden morgens gern Filterkaffee trinke. Eine Scheibe Weißbrot mit Butter und Gelee im gelben, weich strömendem Licht. Die verblühenden Blumen auf dem Tisch. Im Bad der Duft nach Lavendel, von irgendwo halb verweht Verkehrsmeldungen und für eine letzte Minute auf dem Balkon dem September zusehen: An die Wand gelehnt, träge noch vor Wärme, eine Tüte mit Äpfeln und Feigen im Arm und lächelnd wie die bemoosten, zerfallenen Götter in fernen, schattigen Gärten.

Dienstag, 25. August 2009

Am Strand

Strand ist ja nichts für mich. Man kann sich das im schlechtesten Fall nicht übel genug vorstellen: Man liegt also auf einer Liege, lauter dicke, rote Menschen trampeln an einem vorbei, trinken knallbunte Getränke, und ab und zu kommt eine fiepsige Animateurin, die künstliche Fröhlichkeit verspritzt. Abends gibt es Aufläufe, billiges, paniertes Fleisch, Schaumspeisen und Leute, die sich in kurzen Hosen schlecht benehmen. Da kann man natürlich überhaupt nicht hin.

Im besten Fall ist ein Strand nur langweilig. Die ersten drei Tage ist das sehr okay, man ist müde, döst, starrt das Meer an und liest Bücher nicht in Häppchen aus dreißig Minuten, sondern ein paar Stunden am Stück. Das Hotel ist so ruhig wie eine Palliativstation mit gut sedierten Patienten. Das Essen wird sorgfältig zubereitet und serviert: Ich bin kein großer Freund von Buffets. Kinder gibt es maximal vier oder fünf, die irgendwo verträumt herumsitzen und mit kleinen Schäufelchen Burgen bauen und schweigen. Alle andere Leute sind gepflegt und ziehen sich ordentlich an, wenn sie etwas essen. Niemand betrinkt sich.

Nach zwei Tagen beginnt man, viel Sport zu treiben. Nach drei Tagen wird man etwas unruhig. Na, denkt man, jetzt müsste mal - es passiert aber nichts. Dann fährt man irgendwohin und besichtigt weiße Schlösser und verfallende Kirchen, antike Stadtkerne oder fremdländische Basare. Abends plant man bei einem Glas Wein den Ausflug des kommenden Tages, während irgendjemand Harfe oder Klavier spielt, und wenn man erleichtert, der Langeweile zu entkommen, wieder nach Hause fährt, hat man alles vergessen, was man über die Schlösser, Kirchen und Innenstädte erfahren hat, und fühlt sich wahnsinnig energetisch aufgeladen und erfrischt.

Mit einer gewissen Besorgnis allerdings betrachte ich den Umstand, dass nichts, was es auf Bali gibt, so subjektiv nach Besichtigung schreit. Es mag eine Schande sein, das zuzugeben, aber tatsächlich interessiert mich die Kultur der Leute vor Ort eigentlich nicht so besonders, und in meinen Augen sehen die meisten dieser Tempelanlagen schon ziemlich ähnlich aus. Immerhin esse ich gern. Ich hoffe, die Balinesen können gut kochen. Vor lauter Sorge habe ich sehr, sehr viele Bücher bestellt, möglicherweise zu viele Bücher, um sie aufpreislos durch die halbe Welt zu schleppen, und vielleicht nehme ich nun doch den Rechner mit, um im Hotel ein paar Geschichten aufzuschreiben. Strand ist ja eigentlich nichts für mich.

Donnerstag, 30. Juli 2009

Nach dem Abend

Den ganzen Tag für den Vorabend bezahlen und sich fühlen, als sei man getränkt mit abgestandenem Sekt, und ungefähr so verhält es sich auch wirklich. Viel zu wenig geschlafen zu haben und morgens kaum die Kontaktlinsen in die Augen zu bekommen und aussehen, als sei man eigentlich tot und laufe nur zufällig noch ein bißchen herum.

Den ganzen Tag telefonieren, damit man nicht auf seinem Stuhl zusammensinkt und einfach einschläft, und sich abends wundern, dass der Autopilot doch so gut funktioniert, dass man Sachen erledigen kann, ohne eigentlich dabei zu sein, und doch - trotz der Müdigkeit, trotz des vielen Gähnens und des sicher tagelang anhaltenden Ekels vor jeder Art von Alkohol - wissen, dass es sich lohnt, die Sommernächte lange aufzubleiben und an den wackeligen Tischen auf den Bürgersteigen der Stadt zu lachen, zu trinken, den schaukelnden Laternen zuzusehen und sich vollzusaugen mit der Wärme der Straßen und dem ganz besonderen Geruch des Sommers in der Stadt: Irgendetwas von Bäumen und Benzin und einem Hauch der schmerzlichen Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich wohl bisweilen war, vor Jahren: Jenseits des Stroms.



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[arboretum - 1. Dez., 13:06 Uhr]
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[luckystrike - 1. Dez., 9:58 Uhr]
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Das würde einem ja ohnehin viel erleichtern.
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