Sonntag, 5. November 2006

Wohin wegfahren

Zur langen Liste von Sachen, Leuten oder Meinungen, die ich doof finde, gehört ja eigentlich auch Individualurlaub: Leute, die denken, sie seien so besonders, dass ihnen andere Leute, die irgendwo hinfahren, einfach unzumutbar wären. Solche Leute finden regelmäßig, dass ihr persönliches Erleben der Akropolis so verschieden sei von dem, was alle anderen Leute sehen, wenn sie nach Athen fahren, dass sie allen anderen Reisenden am liebsten die Berechtigung absprechen würden, die deutschen Grenzen zu überschreiten, und die sich heimgekehrt stolz brüsten, nur mit Einheimischen gesprochen zu haben, und bei der Erwähnung anderer deutscher Touristen genervt die Augen verdrehen.

Weil die Einheimischen aber gar keine Lust haben, deutsche Individualreisende in ihrer Mitte aufzunehmen, und die deutschen Individualreisenden auch eigentlich gar keine Lust haben, sich die ganze Zeit mit Leuten zu unterhalten, die sich für die Ziegenzucht viel mehr interessieren als für irgendwelche dahergelaufenen Deutschen in Flip-Flops und Wickelröcken, sitzen die Individualreisenden, wie man weiß, am Ende doch alle miteinander in irgendwelchen Internetcafés oder Hostels, in denen man für € 5,-- ein Etagenbett in einem Schlafsaal beschlafen kann. Mit Bussen, in denen außer den Individualreisenden lauter arme Bauern ihre Hühner transportieren, fahren die stolzen Reisenden in Dörfer, die so unterhaltsam sind wie Grafenschachen oder Krummhörn, nur eben woanders, um fremde Leute mit ihrem Interesse zu belästigen, fremden Menschen durch die Fenster zu schauen, und zu jubeln, wenn da alles anders ist, als zu Hause.

Theoretisch ist Pauschalurlaub deswegen eine feine Sache. Man stört die Einheimischen nicht bei ihren alltäglichen Verrichtungen, man biedert sich nicht an bei fremden Kulturkreisen, die ich in aller Regel ohnehin weniger interessant finde als den Kulturkreis Berlin, der mir zumindest meistens völlig reicht, und man gibt ein bißchen Geld aus, mit dem die Leute vor Ort sich Kraftfahrzeuge kaufen können oder ipods oder sonst irgendetwas, was Leute woanders genauso gern hätten wie Leute hier. Praktisch allerdings sind der geschätzte Gefährte und ich irgendwann als Studenten, als es uns in Deutschland einfach zu kalt war, in ein Hotel auf Djerba gefahren, wo man Golf spielen und Nichtstun konnte, und würden dieses Erlebnis alles in allem ungern wiederholen. Außer uns waren alle fünfzig, weil wir Hotels mit Animation aus grundsätzlichen Erwägungen ausgeschlossen hatten, und die an sich ansprechenden Buffets waren offensichtlich geeignet, die schlechtesten Instinkte der anderen Reisenden zu wecken, die sich unglaubliche Mengen von Schalentieren auf ihre Teller luden, als hätten sie noch nicht Gambas gesehen, und einige Tage nach unserer Ankunft setzt sich ein Mann mittleren Alters an den Pool und begann, mit einem Hornhauthobel an seinen Füßen herumzureiben. Um den Pool herum entstand eine gewisse Unruhe. Verstörte Touristen kniffen sich gegenseitig in die Arme, um den Realitätsgehalt des Gesehenen zu verifizieren. Ein Gemurmel entstand, und schließlich stand ein anderer Mann auf und ging zu dem Hornhauthobler, der wild und trotzig fortfuhr, seine Füße zu traktieren. Den Pool nutzten wir nicht mehr.

Statt dessen einfach so wegfahren, ein Hotel irgendwo, möglichst angenehm verrottet ohne Geschäftsreisende mit ihren Reisetrolleys, vielleicht Helsinki oder Sofia, Inbegriffe der Abwesenheit mit ein bißchen Spazierengehen und ziellose Gesprächen - alles schön, aber nicht im November in Europa, wenn auch bekannt angenehme Städte aussehen wie Herne in der großen Depression. Weit wegfahren wäre toll, aber der geschätzte Gefährte ist gerade recht ortsfest, und über andere Reisebegleiter verfüge ich nicht.

Aber vom 28.11. bis 07.12. will ich weg. Wer mir sagt, wohin, bekommt eine Karte.



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