Mittwoch, 26. November 2008

La Traviata

Komische Oper, 23.11.2008

Es ist anzunehmen, dass es in Kreisen, denen die Herstellung von Kultur obliegt, einen Komment gibt, nach welchem es besser ist, Erwartungen zu enttäuschen als zu bedienen. Zielvorgabe der Bühnenkunst etwa soll es danach sein, dass der Besucher einer Vorstellung das Gegenteil von dem sieht, was er in der Vorstellung des Kulturschaffenden zu sehen angenommen hat. Wartet der zu irritierende Besucher mutmaßlich auf ein Boudoir, so ist die Bühne am besten so gut wie leer, und nur ein paar große Bühnenelemente aus Metall werden hin und hergeschoben. Rechnet der Besucher mit einer opulenten Ausstattung, so sollten alle Protagonisten am besten scheußliche Kleidung tragen, die gerade bei Personen, welche laut der inszenierten Handlung der Oberschicht angehören, so billig wie möglich aussehen sollte.

Wenn bedingt durch Musik, die die ganze Zeit spielt, mit einem ebenfalls vorgegebenen Gesang schon wenig Möglichkeiten für ernsthafte Veränderungen der Bühnenhandlung bestehen, so soll diesem Übereinkommen zufolge zumindest eine Person auf der Bühne stehen, die mit der Handlung nichts zu tun hat, sondern die ganze Zeit schweigt. Hans Neuenfels nennt diese Person „den Zuhälter“.

Nun ist es keineswegs so, dass der frischerfundene Zuhälter der Violetta die Dinge täte, die normalerweise die Beschäftigung eines solchen Herrn bilden. Vielmehr handelt es sich um eine Art Doppelgänger der Violetta, eine Animus-Figur, welcher das Herz herausgeschnitten wird, verliert Violetta die Liebe des scheinbar verlassenen Alfred, und der sich zwei lange Nadeln in die Plastikhoden sticht, geht es ans Sterben. Überhaupt ist die Symbolik der Inszenierung von einer Simplizität, wie man sie etwa aus Schulaufführungen kennt. Die angedeutete Kreuzigung der Violetta, der Bocksfuß des Vaters: Dass man das Publikum der vollbesetzten Oper nicht die ganze Zeit laut stöhnen hörte, lag vermutlich allein an der Musik, die laut, aber nicht ebenso gut dargeboten wurde. Das Orchester hat schon bessere Abende gesehen, aber nun gut: Einer neuen musikalischen Leitung sei die Übergangszeit nach Petrenko zugestanden.

Dass Sinéad Mulhern als Violetta kaum zu verstehen ist, gehört schon fast zu den Vorzügen des Abends, denn die deutsche Fassung des Texts – Standard der Komischen Oper – bietet vielfältige Ansatzpunkte für das Phänomen, welches man als Fremdschämen kennt. Dass ihr Alfred über keinerlei erotische Anziehung verfügt, fällt da schon schwerer ins Gewicht, denn so grandios, dass er auch hätte 230 Kilo wiegen dürfen, so grandios war er nun wiederum nicht. Aris Argiris als Alfreds Vater war dagegen schon von anderem Kaliber, auch der Chor war wie immer nicht schlecht, und wäre etwas von dem entschlossenen Willen, die Erwartungshaltung eines Abonnementspublikums zu enttäuschen, in eine Regie geflossen, die nicht darin bestanden hätte, die Sänger ab und zu nach vorn treten und singen zu lassen, dann wäre der Abend möglicherweise alles andere als perfekt, aber nicht halb so langweilig verlaufen.

So aber schloss der alte Herr rechts neben mir immer wieder kurz die Augen. Hinter mir wurde gekichert, meine Freundin, die J., zog ein- oder zweimal scharf die Luft ein, wie sie es immer tut, wenn Faux Pas größerem Ausmaßes auftreten, und von dem Stück, von dieser mit herrlichem Gesang verschleierten unfassbaren Wahrheit, dass die Liebe uns nicht retten wird, blieb nichts als ein langer, langer Sonntagabend, und ein mäßiger Applaus.



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