Montag, 24. Mai 2010

Schläft.

Angeblich schläft die Menschheit ja immer weniger, und erst recht gilt dies für den Teil der Menschheit, der mich umgibt. Die kokette Klage, man wache ja jeden Morgen um kurz nach sieben von selbst auf und könne gar nicht länger schlafen, hört man allerorten. Meetings werden auf acht Uhr früh angesetzt, bevor es richtig rund geht im Büro, und wer erst so gegen zehn im Büro erscheint, findet gern lange Telephonzettel vor mit lauter Namen von Leuten, die alle schon angerufen haben. Zu diesem Zeitpunkt haben vor Vitalität und Frohsinn berstende Bekannte einem schon auf dem Weg zur Arbeit auf dem Rad an der Ampel Schönhauser Allee/Torstraße erzählt , sie seien bereits eine Stunde gelaufen, bevor sie mit den Kindern gefrühstückt, diese zur Kita gebracht und anschließend Zeitung gelesen hätten. Ob auch ich in der Süddeutschen ... Habe ich natürlich nicht. Ich schlafe zwei Stunden länger als die sehr vitalen Leute, die mir morgens gern begegnen.

Dass ich morgens um neun noch gar nicht ganz lebe, behalte ich deswegen gern für mich. Vermutlich sieht man es mir sowieso an. In der Frühe habe ich außerdem manchmal Wortfindungsstörungen. Wenn ich wesentlich früher aufstehe als gewöhnlich, ändert sich das auch den ganzen Tag nicht mehr. Dass ich schon deswegen nie in den öffentlichen Dienst eingetreten wäre, weil man da so früh anfangen muss, sollte man besser verschweigen, denn Langschläfertum ist gesellschaftlich inzwischen ein bißchen verpönt, wie bereits ex negativo die Eigenwerbung des Bundeslandes Sachsen-Anhalt illustriert: Das bemitleidenswerte ostdeutsche Bundesland wirbt in Ermangelung anderer Vorzüge mit dem Frühaufstehertum seiner Landeskinder, was angesichts der wirtschaftlichen Lage der Region allerdings nicht nur bei mir die Frage aufwerfen dürfte, wozu.

Dass meine hellwachen Bekannten nicht einfach ein bißchen angeben, weiß ich noch aus früheren Tagen. Vielleicht wäre ich auch dann keine bessere Schülerin gewesen, wenn die Schule erst um zehn angefangen hätte, aber etwas besser immerhin wäre die Chance auf schulischen Erfolg vermutlich doch gewesen, und dass ich heute besser Englisch könnte, hätte der Uni-Kurs Rechtsenglisch für Anfänger nicht morgens um 8.15 begonnen, halte ich bis heute für ausgemacht. Schleppte ich mich dann aber doch einmal in Schule oder Uni, überaus früh, um nicht zu sagen, mitten in der Nacht, waren nicht nur ein paar Versprengte mit Schlafstörungen da, nein, Klassenzimmer oder Hörsaal hätte gar nicht voller sein können, putzmunter saßen Mitschüler und Kommilitonen um mich herum und klapperten lebhaft, fröhlich und laut mit ihrem Schreibgerät vor sich hin.

Auch nach Abschluss der Ausbildung ist frühes Aufstehen in offensichtlicher Weise mit Vorteilen verbunden: Erscheine ich gegen zehn, haben andere Leute schon Berge versetzt und Meere überwunden. Gähne ich vor mich hin, setzen fröhliche Frühaufsteher zum Tigersprung an, und dann, wenn die anderen schon die Früchte ihres frühen Fleißes verzehren, kehre ich die trockenen Krümel des Tages zusammen für ein spätes, mageres Mahl. Zurückgeblieben fühle ich mich, schlafend am Rande der Autobahn in eine dynamische Zukunft, von der Evolution überholt, ein übriggebliebenes Vormodell und werde voraussichtlich demnächst aussterben.

Wenn es geht, im Schlaf.



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