Sonntag, 3. Juni 2012

Hört doch endlich auf zu jammern!

Oh Mann, denke ich und versinke in tiefes Schweigen über meinem Joghurtshake mit Lychee. Eigentlich sollte man jetzt aufstehen und gehen. Dabei sagt gerade niemand etwas, das wirklich fies wäre. Es mag an der einen oder anderen Äußerung sogar etwas Wahres dran sein. Es ist auch nicht so, dass mir jedes Verständnis für Leute anginge, die sich auch mal ein bißchen Luft machen müssen. Auch die fünf Mütter, die hinter ihren Drinks und neben ihren Kindern auf dem Helmholtzplatz sitzen, sollen mal jammern dürfen, aber so viel Gejammer auf einen Haufen macht mich aggressiv.

Die eine Mutter jammert über ihr Kind. Das Kind ist hübsch, blond und zart, aber es hat immerzu Hunger, gerade nachts. Die Frau stillt voll, und so langsam zehrt das nächtliche Stillen an ihren Nerven. Nun ist es nicht meines Amtes, voll stillenden Müttern ein abendliches Fläschchen zu empfehlen, aber wäre das denn wirklich so schlimm? Und wäre dann nicht vielleicht Ruhe? Und würde dann nicht vielleicht auch der Mann der jammernden Mutter aus dem Gästezimmer ins Schlafzimmer zurückkehren? Für die meisten Beziehungen ist ein gemeinsames Schlafzimmer, wie man wieß, ja generell ganz gut. Außerdem könnte auch der Mann ab und zu nachts Fläschchen geben. Das wäre großartig, denn dann könnte die Jammernde auch einmal schlafen. Die Frau scheint aber lieber zu jammern.

Die nächste Mutter jammert über ihre Putzi. Nie scheint es sauber zu sein, immer liegt irgendwo etwas herum, die Fenster sehen schmierig aus, außerdem könne die Frau kein deutsch, so dass sie keine Anweisungen verstehe. Ich gähne. Ich bin ein bißchen genervt. Ich will gar nicht damit anfangen, dass andere Leute ihre Wohnungen selbst sauber machen müssten. Ich wäre auch sehr schlecht gelaunt, müsste ich mich um diese Dinge selbst kümmern, aber über seine Putzi zu jammern, wirkt sowohl schrecklich unsympathisch, als auch ein bißchen dumm. Die Stadt ist voller putzender Polen. Niemand muss über die Dame jammern, die die eigenen vier Wände sauberhält. Es sei denn, er will es genau so und nicht anders.

Mir gegenüber wird ebenfalls gejammert. Hier fühlt sich die Mutter eines kleinen, hübschen Buben nicht ausreichend gratifiziert. Den ganzen Tag kümmere sie sich um den kleinen Kerl, laufe zum PEKiP und zur Babymassage, wickele, füttere und habe keine freie Minute. Ihr Freund dagegen gehe Tag für Tag ins Büro. Jeder, so mein Gegenüber schenke ihrem ziemlich viel arbeitenden Freund Anerkennung, aber über sie denke man gemeinhin nur, sie sitze den ganzen Tag herum und trinke Kaffee. Insbesondere ihr Freund denke das, behauptet die Mutter des Bübchens und kratzt mit einem Löffel den letzten Schaum aus einer Tasse Capuccino.

Um ein Haar hätte ich nachgefragt, wieso nicht die Mutter des Bübchens nach sieben Monaten wieder in ihr Büro zurückkehrt, und den kleinen Kerl dem Mann überlässt. Oder als kleine Sofortmaßnahme für ein Wochenende mit Freunden wegfährt und den Kleinen solange beim Papa lässt. Schätzungsweise ist dann Schluss mit der Annahme, ein Baby bedeute ein immerwährendes Wochenende. Auf der anderen Seite: Auch wenn es keine Mutter gern zugibt - man hat schon ziemlich viel frei und sitzt irgendwo im Café. Ich beispielsweise habe lange nicht so viel geschlafen, ewig nicht soviel gelesen, und wer nicht gerade alleinerziehend ist, kommt abends auch einmal ein bißchen vor die Tür.

Reißt euch mal ein bißchen zusammen, verkneife ich mir, und verpacke Kind F. ordentlich in seinen Wagen. Ich will nicht moralisieren, aber rund um den Tisch hat es ziemlich jeder ziemlich gut. Es kommen bestimmt die einen oder anderen härteren Tage. Bis jetzt, schiebe ich meinen Wagen durch den Prenzlberg heim, haben die aber ganz sicher noch nicht begonnen.



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