Die Lilien sind welk geworden, und der Himmel zwischen Hinterhaus und Fensterrahmen ist so wässerig, blaugeädert wie die Hände sehr alter Menschen, und eine erkaltende Tasse Tee in der Hand stehe ich in der offenen Balkontür und sehe dem Rauch einer
Sampoerna nach, die mir die Lippen süß färbt und die Zunge betäubt. Ab und zu klingelt das Telephon, der Freund der einen meldet sich zu selten, der Freund der anderen viel zu oft, und ich soll irgendwo in Kreuzberg feiern kommen.
Vor dem gefüllten Kühlschrank vergeht mir der Hunger. Ein Stück Brebiou schneide ich mir ab, klebrig verläuft der Käse in meinem Mund, und ich werfe den Rest weg. Morgen wird die Welt nicht anders aussehen als heute, denke ich, und in einem Jahr stehe ich wieder auf diesem oder einem anderen Balkon, sehe dem Rauch meiner Zigarette nach, und, was auch immer geschehen mag, die Welt wird mir auch in dieser Nacht, in diesem Jahr oder im nächsten ihr Geheimnis nicht zeigen. Den goldenen Schrein, der die Mitte von allem bezeichnet: Ich kenne die Zauberformel nicht, der Ritus bleibt mir verschlossen, und was auch immer durch meine Finger rinnt: Nichts wird mir bleiben als die Nacht, die harte, glatte Oberfläche der Welt und der Rauch einer langsam verglimmenden Zigarette, die nach fremden Ländern schmeckt, in denen sich die Pforte zum Sanctum der Welt gleichfalls nicht öffnet.
Nachtrag: Der Herr
svenk, der muss mich gesehen haben, als ich da auf meinem Balkon stand, und hat ein Bild gemalt, dass ich ganz stolz geworden bin. Große Freude.
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Modeste Schublade: Datum: 22. Okt. 2005, 3:27 Uhr
Wievieler fremder Menschen Fuß die Gehsteigplatten berührt haben mag, über die ich frierend die Kastanienallee entlang nach Hause laufe? Wieviele Küsse in der dunklen Toreinfahrt getauscht wurden, wessen Leiche das Treppenhaus heruntergetragen, welches Glück in den Räumen gelebt haben mag, in denen ich die Hände um eine Tasse Tee lege, um ein wenig gewärmt zu werden in dieser kalten Stadt? Wer hat vor dieser Haustür auf jemanden gewartet, der nicht kommen wollte, wer hinter jenem Fenster die Straße entlanggeschaut, welche Hoffnungen sind hinter den dunklen Scheiben eines Eckhauses gestorben – die Steine sprechen nicht zu mir, stumm bleibt der Wind, und meine Finger spüren nichts von der Erregung, der Wut, dem Glück derer, die vor mir auf diesen Straßen gelebt haben. Unberührt, gleichgültig, schaut die Stadt uns zu, die Bäume wollen nichts wissen von unseren Sehnsüchten, der getriebenen Jagd nach etwas Ungenanntem, den kurzen Schauern und einem ohnmächtigen Sinken, das wohl warten mag irgendwo, wenn nicht hier.
Die Tasse weiß nichts von dem, der mit mir Tee trank, Abende lang, um so leise, so unvermisst zu verschwinden, wie er aufgetaucht war. Die Widmung in einem schmalen Band, die von einer Reise spricht, die niemals stattfand. Das hölzerne Nilpferd, das mein Vater in Afrika kaufte. Der Sessel, in dem der Hund gern schlief, als die Polster noch weiß waren, und der Hund noch lebendig. Die Vase mit den Lilien, die auf dem Schreibtisch meiner Großmutter stand, das Bild, das mir ein Allerliebster malte, als er der Liebste noch war, und am Morgen warm und schützend neben mir erwachte. Stumm bleiben die Dinge, und nur in meiner Erinnerung knüpfen sich Fäden an die Dinge, die mit mir verschwinden werden und - von Zeit und Entfernung beschwert - schon täglich loser zu Boden hängen. Und am Ende werden die Dinge, die ich täglich in den Händen halte, vielleicht in einer anderen Wohnung zu stehen, wenn auch ich nicht mehr sein werde als bloße Materie, die sich aufgibt und zurücksinkt ins Ungeformte, wo alle Sehnsucht endet.
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Modeste Schublade: Datum: 18. Okt. 2005, 1:16 Uhr
Wann habe ich eigentlich das letzte Mal ausgeschlafen, überlege ich, einen sehr netten Nachmittag später, und schaue auf der Tafel im Hamburger Hauptbahnhof nach dem nächsten Zug in die norddeutsche Kleinstadt, in die ich weiterfahren soll, und wo man auf mich wartet. Den einen Zug habe ich knapp verpasst, der nächste Zug fährt erst um zehn, und so kaufe ich mir bei Gosch ein Fischbrötchen und greife zum Telephon. Die V. ist gar nicht in Hamburg, höre ich, sondern bevölkert eine Münchener Party, die im Hintergrund geräuschvoll vor sich hin scheppert. Die F. sitzt mit ungezählten Leuten in einem Restaurant in Hamburg herum, ich solle mir ein Taxi nehmen und kommen, brüllt die F. gegen die Hintergrundgeräusche an, aber ich bin so müde, ich mag gar nicht mehr sprechen, ich bin seit Tagen unterwegs, und so verabrede ich mich für ein Wochenende, an dem ich, stelle ich nach dem Auflegen fest, gar nicht in Berlin bin, und versuche mein Glück bei der B.².
„Das ist schön, dass du anrufst.“, sagt die B.², und sagt zum Glück kein Wort von „warum hast du dich nicht gemeldet, wenn du schon einmal da bist“, oder „von dir habe ich ja ewig nichts gehört“. Im Hintergrund ist es ruhig, ich mag gerade gar nicht mehr weiterfahren, und die B.² erklärt mir den Weg mit der U 3 bis zu ihr, und verspricht, sich meiner völligen Orientierungslosigkeit erinnernd, mich an der U-Bahn abzuholen. Mit einer Tüte Schokolade und meiner Tasche überm Arm fahre ich der B.² entgegen, schon in der U-Bahn fallen mir fast die Augen zu, und auf dem Bahnsteig umarmt mich die B.². Zwischen alten, hohen Bäumen laufen wir die Straße herunter, es gibt Wein und die B.² schmiert mir Brote, erzählt ein bißchen von Chorkonzerten und der Kirchengemeinde und zeigt mir Photos, auf denen sehr wenig Leute zu sehen sind und sehr viel Landschaft, Städte, die leer wirken und wie die Straßen, in denen man im Traum ohne Ziel und Eile die Fassaden entlang flaniert. „Schlaf dich erst einmal aus.“, sagt die B.², schickt mich Zähneputzen, löscht die Kerzen und lässt mich allein.
„Viel Spaß.“, wünscht die B.² sehr, sehr früh am nächsten Morgen, bietet zum dritten Mal einen Schal an, schiebt mir ein Butterbrot in die Tasche und setzt mich in die U-Bahn, die mich zum Hauptbahnhof bringt und dann weiter zurück an die Ufer des steten Stroms von Stimmen, Bewegung und Geräuschen.
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Modeste Schublade: Datum: 17. Okt. 2005, 11:23 Uhr
„Süß schaut die Kleine aus.“, lobe ich das Erscheinungsbild meiner Nichte, und reiche Cousin L., dem Vater der Kleinen, die Bilder wieder über den Tisch. „Geht so.“, meint dieser, und blinzelt müde in die Sonne über der Kastanienallee. „Ist doch ein hübsches Kind.“, lege ich noch einmal nach, und lobe die dunklen Locken und grünen Augen der bald zweijährigen ziemlich pausbackigen Kleinen, die mit ihrer Mutter in Frankfurt am Main verblieben ist, nachdem Cousin L. nach knapp einjähriger Ehe erst die gemeinsame Wohnung, und dann Frankfurt verließ, um sich sodann in Berlin anzusiedeln.
„Modeste,“, unterbricht mein Cousin meine Lobreden auf die Nichte. „ich interessiere mich nicht für Kinder, du interessierst dich nicht für Kinder – und jetzt reden wir über irgendwas anderes.“ Die meisten Leute, gebe ich ein wenig erstaunt meinem Cousin zu verstehen, seien geradezu vernarrt in den eigenen Nachwuchs, und sprächen über überhaupt nichts lieber als die eigenen Kinder. Stets hätte ich angenommen, dies sei geradezu naturgegeben und beruhe auf biologischen oder psychischen Mechanismen, die man als kinderloser Mensch schlechterdings nicht verstünde. Cousin L. schnaubt ein bißchen, schaut ein wenig gelangweilt über die Karte, und entscheidet sich schließlich für einen Kaffee, ein Frühstücksbier und ein Käsefrühstück.
„Meine liebe Cousine,“, kommt es schließlich nach längerer Pause von der anderen Seite des Tisches, und Cousin L. beugt sich ein wenig nach vorn. Ich sei, so mein Cousin, einem bedauerlichen Irrtum aufgesessen. Mit dem Kinderhaben verhalte es sich vielmehr so:
Zwei Leute lieben sich. Man zieht zusammen, man versteht sich, und am Abend erzählt man sich gegenseitig den Verlauf des Tages, schimpft auf unfähige Professoren, macht sich über abstruse Veröffentlichungen im Rahmen der eher ausgefallenen Fachdisziplin lustig, der mein Vetter anhängt, und hat gemeinsam eine Menge Spaß.
Eines Tages aber, so fährt mein Cousin fort, und nimmt sein Käsefrühstück entgegen, ist die Dame des Hauses schwanger. Man müsse sein Arbeitszimmer räumen. Die Geliebte würde immer dicker und erzähle nur noch von Presswehen und Atemübungen, Hebammen und Holzwiegen, und immerzu riefe die Mutter des geliebten Wesens an. Berichte man selber von den Triumphen und Niederlagen des eigenen wissenschaftlichen wie privaten Lebens, so bekomme die Geliebte einen sonderbar abwesenden Gesichtsausdruck, und fange an, nachsichtig zu lächeln.
Irgendwann dreht sich der ganze Alltag nur noch um das Kind. Alle Freunde fragen immerzu nach dem Stand der Schwangerschaft, man werde gezwungen, dem wirklich sehr widerwärtigen Geburtsvorgang beizuwohnen, und wenn dies überstanden sei, sei man mit Kind und Frau zusammengepfercht. Immerzu schreie das Kind, die Geliebte existiere quasi nicht mehr und spreche immerzu über das Kind, und schließlich sei man aus purer Sorge um die eigene Produktivität und Nachtruhe gezwungen, im Gästezimmer zu schlafen, weil man sonst morgens in einem Zustand sei, der nur als desolat bezeichnet werden könne. Die Geliebte fange an, sich zu vernachlässigen, zöge unglaubliche Sachen an, und bliebe überdies ein wenig – nun: füllig.
Was das Kind gerade wolle, wisse man nie, und es brülle eigentlich immer. Schreiende Kinder seien noch nicht einmal hübsch, und wenn man einmal ausginge, einen Babysitter daheim, spräche die Kindsmutter die ganze Zeit nur über ihre Sorge, der Babysitter könne vielleicht weniger gut mit dem Kind umgehen als sie selbst. Der Umzug ins Gästezimmer werde zum Anlass unendlicher Streitigkeiten, man wohne schließlich zusammen mit einem schreienden Dämon und einer keifenden Megäre, und schließlich miete man sich in der WG einiger Bekannter ein Zimmer, um auch einmal ein bißchen für sich zu sein.
Der ganz unschuldig initiierte Teilauszug werde zum weiteren Diskussionspunkt, irgendwann habe man keine Lust mehr, abends nach Hause zu kommen, und schlafe dann eben auch in dem angemieteten Zimmer. Weil man mit vierzig eine WG nicht mehr in derselben Weise schätzen würde, wie dies 15 Jahre früher der Fall sei, miete man bei günstiger Gelegenheit eine kleine Wohnung, die Freundin ginge daheim die Wände hoch und verharre in einem emotionalen Zustand, der nur als höchst unangenehm empfunden werden könnte, und um weiteren Streitigkeiten aus dem Wege zu gehen, zöge man eben mit Sack und Pack aus.
Da sei er nun. Und von Kindern könne er nur energisch abraten.
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Modeste Schublade:
Familienalbum Datum: 14. Okt. 2005, 14:24 Uhr
Am Anfang war das Wort, dann aber erhob sich eine Gegenstimme, eine dritte Stimme befragte die erste nach den Hintergründen ihrer Ansicht, und schließlich – der Schöpfer der ganzen Veranstaltung war gerade schlafen gegangen – tobte ein großes Durcheinander, alle redeten gleichzeitig, und am Ende verstand keiner mehr auch nur sein eigenes Wort:
Angela Merkels Mann, so schreibt beispielsweise die Zeitung, will nicht den Kanzlergatten geben; die Kunstmesse München wird fünfzig, und der Kandidat einer Quizshow im Fernsehen bekommt eine zweite Chance. 557 Kilo, lese ich, muss ein Kürbis gewinnen, um einen Wettbewerb zu gewinnen, und die meisten Journalisten lesen die Süddeutsche Zeitung. Ein Brei von Neuigkeiten wälzt sich papieren durch meinen Briefkasten, durch mein Gehirn, und fällt wirkungslos irgendwo zu Boden.
Ich muss das, denke ich und lasse die Süddeutsche sinken, nicht wissen. Auf meinen Alltag hat all dies keinen Einfluss. In der Welt, in der ich mit einer Tüte voller Äpfel die Schönhauser Allee entlang nach Hause laufe, ist Guido Westerwelle belanglos, und Elke Heidenreich keine Literaturkritikerin. Meinen staatsbürgerlichen Pflichten komme ich nach; täte ich dies nicht – wen würde es stören? Welche Auswirkungen hat diese Welt aus roten Teppichen und grünen Tischen auf meine Welt aus dicken Büchern und langen Telephonaten, Gin Tonic im drei und heißer Schokolade im kakao und den neuen Schuhen der besten Freundin? - Brausend und mit tausend Zungen redend wie ein Meer aus bunten Bildern und belanglosen Neuigkeiten rauscht die Welt an meiner Welt vorbei.
Nie ist es still. Nie ist es wichtig. Die Politik? Lasst´s mich doch alle aus, denke ich: Der Einfluss der Politik auf meine Existenz ist ein denkbar geringer. Das Feuilleton? Nur einen Bruchteil der besprochenen Aufführungen werde ich jemals zu Gesicht bekommen, und was die Berliner Opern, die Berliner Theater auf die Bretter bringen, wird man mir auch so erzählen. Die Theaterkritik, geschrieben von Leuten, die anders sind als ich, für Leute, die noch anders sind, als ich es jemals sein möchte, ist so egal, so egal für mich wie die Kritik der Neuerscheinungen. Jaja, denke ich, wenn die ZEIT eine Inszenierung von Castorf verreisst, die Süddeutsche ein Buch von Juli Zeh lobt.
Nie hört das Brausen auf. Der O. macht sich Sorgen um Deutschland, und die C. würde niemals Sozialdemokraten wählen. Der J.² würde die GRÜNEN unterstützen, wenn Oswald Metzger wichtiger wäre oder Jürgen Trittin tot, und der J. kann die FDP nicht ausstehen. Ein Glück, denke ich, zumindest keinen Fernseher zu besitzen, ein offenes Tor für das Getriebe der Welt.
Wie es wäre, stünde das Mühlrad auf einmal still? Der Lärm würde verstummen, in der Mitte der Welt entstünde vielleicht eine große Leere, die neu gefüllt würde. Ein leerer, heller, stiller Raum, der Platz schaffen würde für eine Stimme, die zu leise ist, um gehört zu werden? Eine Raum der Ruhe, eine Mitte, in der vielleicht etwas sichtbar würde, das jenseits der vergeblichen, hässlichen Zuckungen dieser Spätzeit von einer entrückten, erhabenen Schönheit wäre, nach der wir suchen, und die wir nicht sehen können, betäubt von dem Quietschen eines Betriebes, den wir verachten, negieren, und doch nicht abschalten können.
von:
Modeste Schublade: Datum: 13. Okt. 2005, 0:30 Uhr