Ich bin ja leider ein wenig grobmotorisch veranlagt, und so nimmt es nicht wunder, dass das, was anderen Menschen vermutlich selten oder sogar nie passiert, am Montagmorgen tatsächlich eintrat: Mit dem rechten Zeigefinger tauchte ich ein in den Napf, in dem ich acht Stunden vorher meine formstabile rechte Kontaktlinse versenkt hatte, stocherte ein wenig herum, und hielt sodann nur noch das Fragment einer Kontaktlinse in der Hand. Ein sauber herausgebrochenes Stück lag nach wie vor auf dem Grund des Aufbewahrungsbehälters, und ein wenig fassungslos rang ich vor meinem Badezimmerspiegel nach Luft. Sehen konnte ich mich dabei nicht: Bei – 8,25 Dioptrien ist die durch ein Waschbecken erzwungene Distanz zwischen mir und meinem Abbild nahezu unüberbrückbar.
In einem Nebel aus bunten, verschwommenen Flecken fand ich schließlich meine Brille. Mit der Brille auf der Nase stand ich meinem Spiegelbild gegenüber. Ausgesprochen unansehnlich schaute mein Spiegelbild zurück, und ich riss das Gestell wieder von meiner Nase, um Abhilfe zu schaffen. Mit zusammengekniffenen Augen identifizierte ich die Nummer meiner Augenärztin und rief an. Mittwoch, so sagte mir die Schwester, sei mit einer neuen Kontaktlinse zu rechnen.
„Aber was soll ich denn bis dahin machen?“, versuchte ich, die Fassung zu bewahren und überlegte, welche Verabredungen und sonstige Auswärtstermine gegebenenfalls abgesagt werden müssten. Mit Brille, soviel war klar, sollte mich keine lebende Seele zu Gesicht bekommen. „Sie können sich eine Tageslinse holen.“, riet die Schwester und legte auf. Ich stieg in die Dusche, kleidete mich an und verließ das Haus.
Außer Haus, auch soviel war klar, war indes mit Passanten zu rechnen, und so tappte ich annähernd blind die Schwedter Straße aufwärts zum nächsten Optiker. Bis dahin, so hatte ich mir ausgerechnet, würden meine Orientierungsfähigkeiten auch ohne ausreichende Sehschärfe reichen, und ich betrat also das Geschäft auf der Ecke zur Kastanienallee in der sicheren Zuversicht, in wenigen Minuten daheim die Tageslinse einsetzen zu können. Das isolierte Tragen nur einer Kontaktlinse hatte sich in einem nur wenige Minuten währenden Versuch nicht bewährt, und von einem Pflaster auf dem rechten Auge nahm ich schon aus Angst um meine Augenbrauen auf der Stelle Abstand.
„Wir verkaufen keine einzelnen Tageslinsen.“, beschied mich indes die Angestellte des Optikerfachgeschäfts. „Sie müssen schon die ganze Packung nehmen, wir können die Packung sonst nicht mehr verkaufen.“ – Entsetzt stand ich vor den in unscharfen Umrissen der Verkäuferin. „Dann geben sie mir eben eine ganze Packung.“, resignierte ich, und die Verkäuferin kramte ein wenig in Regalen herum, die ich nicht sehen konnte. „Ihre Stärke haben wir gar nicht. Sie müssen bis morgen warten.“ – Ohne Bestellung taumelte ich aus dem Laden, die Kastanienallee aufwärts, unüberfahren über mehrere Ampeln und ins nächste Optikergeschäft auf der Schönhauser Allee, ein Stück nördlich von der U-Bahnhaltestelle Eberswalder Straße.
Die Verkaufsbereitschaft bestand hier durchaus, allein, meine Stärke war auch hier nicht zu haben. „Sie sind aber auch besonders kurzsichtig.“, merkte die Verkäuferin an, und bot mir an, statt dessen eine Linse mit ungefähr zwei Dioptrien weniger zu erwerben. „Ich versuch’s nochmal woanders.“, verließ ich auch dieses Geschäft und wanderte die Schönhauser Allee immer weiter, bis ich vor einer Filiale der Optikerkette Fielmann stand.
„Ich schau mal nach.“, versprach die Verkäuferin, verschwand und kehrte Minuten später mit zwei Linsen zurück. Bezahlen, so die Frau, müsste ich die Linsen auch nicht. „Dankeschön!“, rief ich euphorisch und hätte die Verkäuferin um ein Haar umarmt, jedoch wäre auch dies angesichts des totalen Verlusts der Fähigkeit, die räumliche Distanz zwischen mir und Personen wie Gegenständen in meiner Umgebung halbwegs abzuschätzen, vermutlich fehlgegangen, und überdies wäre ein derartiges Verhalten wohl auch nicht angemessen gewesen, und so verließ ich das Geschäft mit den Linsen in der Tasche.
Daheim stellte ich mir wieder vor den Spiegel, zog die Packung auf, und erschrak: Eine riesengroße Linse, doppelt so groß wie alles, was ich mir bisher jemals ins Auge gesetzt hatte, schwamm in der klaren Flüssigkeit. Erst eine knappe Dreiviertelstunde später war es mir gelungen, die Linse einzusetzen.
„Sie müssen die Linsen abends auf jeden Fall wieder herausnehmen!“, hatte mich die nette Optikerfachverkäuferin ermahnt, und ein wenig mulmig wurde mir bei dem Gedanken, dass dies nicht so einfach werden würde, wie das Entfernen der harten Linsen, die ich mir allabendlich mit einer Art Saugnapf, nicht unähnlich jenen Geräten, mit denen man sperrige Gegenstände aus verstopften Toiletten entfernt, aus den Augen hole. Weiche Linsen, dies hatte man mir mitgeteilt, seien einem derartigen Verfahren nicht zugänglich.
Viele Stunden später sollten sich meine Bedenken fürchterlich bewahrheiten. Mit dem Zeigefinger kratzte ich ein wenig über das Auge, versuchte vergeblich, den Rand der Linse zu ertasten und schob die Fingerkuppe auf der Oberfläche meines Sehorgans hin und her. Nichts bewegte sich. Auch eine Google-Anfrage „Weiche Kontaktlinse entfernen“ löste das Problem nicht. Ratlos und rauchend saß ich auf dem Rand der Badewanne und dachte angestrengt nach. Schlafen, soviel war mir bewusst, durfte ich mit der Linse auf keinen Fall. Zwei Stunden später, so etwa kurz nach sieben, rief ich die J. an und appellierte an ihre Fachkompetenz.
„Also,“, kommandierte die unsanft aus dem Schlaf gerissene Freundin. „Du drückst ein bißchen aufs Auge und schiebst den Zeigefinger nach oben.“ – Ich tat wie mir geheißen. „Jetzt müsste sich die Kontaktlinse eigentlich ein bißchen wölben, und dann nimmst du sie einfach heraus.“ Nichts wölbte sich. „Dann versuch's einfach nochmal, ja? Und lass mich bitte noch ein bißchen weiterschlafen, ich bin hundemüde. Und ruf an, wenn du sie um neun immer noch im Auge hast, dann komme ich vorbei.“
Um 8.38 Uhr warf ich die Tageslinse in den Abfalleimer und legte mich schlafen.
von:
Modeste Schublade: Datum: 16. Dez. 2005, 1:51 Uhr
Auch sehr gerne höre ich ja den Gesprächen völlig Fremder an öffentlichen Orten zu, und insbesondere Restaurants oder Bars eignen sich ganz hervorragend, wirklich sonderbare Dinge über andere Menschen zu erfahren, die man nicht kennt. Im Ishin zum Beispiel, diesem wirklich ansprechenden Lokal nahe der Friedrichstraße, wo man mittags für wahnsinnig wenig Geld Unmengen Sushi essen kann, plazieren einen die Kellnerinnen schon aus Platzmangel ja immer ohne den üblichen Abstand von ein, zwei Stühlen neben fremde Leute.
„Guten Tag.“, und: „Da kommt noch jemand.“, sage ich also, und werfe meinen Mantel auf den Stuhl mir gegenüber. Cousin L. indes, von dem schlechte Menschen behaupten, er müsse mindestens ein Elfmonatskind gewesen sein, lässt wie üblich auf sich warten. Zu meiner Rechten sitzt sich ein Paar gegenüber, er ungefähr vierzig mit hängenden Wangen wie einer dieser englischen Hunde, die so fürchterlich sabbern, sie ein bißchen jünger und in einem jener fusseligen Kostüme mit großen Knöpfen, für die die Couturiers namhafter Modehäuser eines Tages für ziemlich viele Jahre in der Hölle braten werden. Neben ihrem Stuhl steht ein riesengroßes Kelly-Bag in einer Farbe, die nicht ganz Flieder und nicht ganz Pink genannt werden kann.
„Ich mag das nicht mehr essen.“, nörgelt meine Nachbarin an ihrem Menü herum, und schiebt ihrem Gegenüber die halbgefüllte Platte zu. „Lass dir doch nicht vom Thunfisch den Appetit verderben.“, gibt das Gegenüber zurück, und ich bedaure, die offenbar bereits vor meinem Eintreffen abgelaufene Diskussion über Thunfisch im Allgemeinen und insbesondere auf der Sushi-Platte der Kostümfrau verpasst zu haben. „Jetzt habe ich keinen Hunger mehr.“, quengelt die Frau weiter und wühlt ein bißchen in ihrer Tasche. „Es liegt gar nicht am Thunfisch, oder?“, fragt der Mann und schiebt sich ein Stück Futo-Maki in den Mund.
„Willst du Silvester wirklich mit ihr feiern?“, stößt die Kostümfrau auf einmal zu. Aha, denke ich. Kommen wir der Sache also einmal näher. – Der Mann stöhnt auf, lehnt sich zurück, und zuckt ein bißchen mit den Schultern. „Wir feiern doch schon Weihnachten zusammen.“, beschwichtigt der Mann und greift nach den Händen der Kostümfrau. Die zieht die Hände zurück, versteckt sie unter dem Tisch und mault ein bißchen weiter.
„Weihnachten oder Silvester, habe ich auch ihr gesagt.“, versucht sich der Mann aus der Bredouille zu reden, und die Frau verschränkt die Arme über der Brust. „Und was erzähle ich dann R. und K., wenn du nicht mitkommst?“, fragt die Kostümfrau und verzieht das Gesicht. „Dann erzählst du halt, dass ich woanders eingeladen bin.“, zieht der Mann die Schultern hoch, und wendet sich wieder seinem Essen zu.
„Das finde ich doch alles ganz schön belastend auf die Dauer.“, resümiert meine Nachbarin, und steht unvermittelt auf. „Jetzt sei doch nicht beleidigt.“, zischt der Mann die Frau an. „Mach’s gut.“, antwortet die, und ist schon durch den halben Laden.
„Da bist du ja!“, begrüße ich meinen Cousin und schiele zu dem nun allein essenden Mann hinüber. Wer ist nun die Frau und wer die Geliebte, überlege ich, und - wie hat es dieser Kerl überhaupt zu mehr als einer Frau gebracht?
Tief gebeugt über seine Platte, die Ellenbogen auf dem Tisch schiebt sich der fremde Mann sein Essen zwischen die hängenden Lefzen.
von:
Modeste Schublade: Datum: 15. Dez. 2005, 1:01 Uhr
Die ganze Nacht hatte der Sturm das Meer umgegraben, und das sommerliche Blau nach unten gespült. Grau und aufgerissen starrte der Ozean uns entgegen, an diesem Sommermorgen morgens um fünf, und am Strand lag der Abfall der See, den das Wasser aufs Land geworfen hatte. Mit nassen Hosen, frierend auf dem feuchten, harten Sand, tranken wir die Flaschen leer und rauchten, als gelte es, unbekannte Mächte mit Brandopfern zu versöhnen. Ein paar Meter entfernt hatte es einen Rinderschädel mit eingedrückter Hirnschale aufs Trockene gespült, ein paar Quallen und alte Seile dazu, und zwischen den Muscheln lagen die Reste brauner Knochen, keiner länger als drei, vier Zentimeter. Vor uns lag die Nacht noch in schweren Wolken über den Wassern, und mit geschlossenen Augen ließ ich mich in den Sand fallen, müde von den vielen Worten, und blies den Rauch der Zigarette in die scharfe, salzige Luft.
„Nur bis zu den Knien.“, hörte ich den J.² sagen, die kurzen Antworten des R., und schlug die Augen auf. „Ich komme mit.“, sagte ich, und ließ die Jeans am Strand, wo der R. auf uns wartete. Das Wasser fühlte sich kälter an als am Vortage, schwerer, als hätte der Sturm die Masse zusammengepresst und verdichtet. Stumpfgrün zog das Meer an unseren Beinen, und Hand in Hand gingen wir der Dunkelheit entgegen bis das Wasser mir bis zur Hüfte reichte und kraftvoll zurückwich, um Sekunden später zurückzukehren und mir ins Gesicht zu schlagen. „Lass uns umkehren.“, zog der J.² an meinem Handgelenk, und ich schüttelte den Kopf. Ein paar Meter hinter mir blieb er stehen.
Immer ziehender wurde das Meer, die Wellen schlugen zusammen über meinem Kopf und trieben mit ihrem Salz den bitteren, betäubenden Geschmack der Nacht aus meinem Mund. Für Sekunden hob ich die Beine vom Boden, um mich wegtragen zu lassen, der Nacht hinterher, und setzte Schritt für Schritt den Weg fort, der Mitte des Meeres entgegen, wo es dunkel werden würde und kalt.
In der Mitte aber, in der Mitte des Meeres auf einem Stein, säße einer mit abgewandtem Gesicht, und würde auf mich warten. Auf seinem Schoß würde ich sitzen, das Gesicht in seine Halsbeuge gepresst, und mich festhalten an seinen Schultern, und er würde Stück für Stück mir das Fleisch von den Armen beißen, bis nichts mehr über wäre, und der nächste Sturm die Knochen an den Strand spülen würde.
Keiner länger als ein paar Zentimeter.
von:
Modeste Schublade:
Über Liebe Datum: 12. Dez. 2005, 15:35 Uhr
Leni Riefenstahl hätte ihn sofort photographiert: Er war riesengroß, die blonden Haare fielen ihm weit ins Gesicht, er hatte Arme wie ein Bauarbeiter und unterrichtete ein bißchen Deutsch, weil zu viele Lehrerinnen schwanger waren. Auf der Stelle verliebte sich die Hälfte meiner Obertertia in den vielleicht dreißigjährigen Germanisten, und als die N. und ich ihn Monate später, längst war sein Gastspiel im Schuldienst beendet, nachts in der U-Bahn trafen, fiel die N. ihm emphatisch um den Hals, küsste ihn auf beide Wangen, und zog ihn an der übernächsten Station die Rolltreppe hoch und in die nächste Bar.
„Müsst ihr nicht nach Hause?“, fragte er, ein wenig überfordert von der strahlenden Forschheit der N., um die ich sie heiß und schweigend beneidete. Wir schüttelten stolz den Kopf, tranken Bellini, weil da der Alkohol nicht so auffällt, und die N. lehnte sich weit auf den Tisch, und plauderte so leichthin, wie ich es immer gern gekonnt hätte. Er rauchte eine Zigarette nach der anderen, sprach kaum, und irgendwann hatte die N. genug und sprang auf. Sie werde jetzt noch irgendwen besuchen, erzählte sie, warf ein paar Münzen auf den Tisch, und verschwand.
„Sagen sie doch auch mal was.“, wandte er sich an mich. Ich stotterte ein wenig herum, beobachtete besorgt seine Miene, und wünschte mir, auf der Stelle unsichtbar zu werden oder wenigstens so wortgewandt und hemmungslos wie die N. „Ich will sie nicht langweilen.“, entschuldigte ich mich irgendwann, trank aus, und kündigte an, jetzt nach Hause zu fahren. „Nein, gar nicht. Gar nicht langweilig, wirklich nicht.“, stammelte er zurück, und brachte mich zur Bahn. In stummer Peinlichkeit schritten wir dem U-Bahnaufgang zu, und die ganze Last meiner kommunikativen Unfähigkeit lag schwer auf meinen Schultern. Erwachsensein, wusste ich, würde anstrengend werden. „Sie sind gut in Deutsch.“, unterbrach er das Schweigen nach Minuten, fragte nach aktueller Lektüre, und ich brachte meinen ersten ganzen Satz des Abends über die Lippen – es ging, glaube ich, ausgerechnet um C. F. Meyer.
Ich las unglaublich viel in jenen Jahren der Mittelstufe, mehr als irgendwann später in meinem Leben, und das Bewusstsein des durchaus eskapistischen Charakters dieser Exzessivlektüre bewirkte, dass mir sowohl Umfang als auch Auswahl ein klein wenig peinlich waren. Die Person, die ich gern gewesen wäre, ähnlich der N. etwa oder meiner kleinen Schwester, hatte es schlichtweg nicht nötig, dermaßen viel zu lesen, und in einem im Nachhinein wohl ohnehin zum Scheitern verurteilten Versuch der Anpassung an ein ersehntes Ideal hielt ich meistens einfach den Mund.
Der Germanist allerdings taute auf im Rahmen der Konversation, wurde lebhaft, begeistert, erwähnte andere Bücher, mehr Bücher, versprach, Bücher zu verleihen, und betrat, auf der Suche nach Stift und Zettel, um Titel aufzuschreiben, eine nächste Bar, in der wir sitzenblieben, bis der Bartender die verspiegelte Theke wischte. Es war so ungefähr drei, die Nacht hing nass und dunkel in den Bäumen, und die letzte Bahn war weg.
„Ich rufe meinen Vater an, der holt mich.“, lag es mir auf der Zunge. Tatsächlich hatte mein Vater mir den Schwur abgenommen, ihn jederzeit und ohne Zurückhaltung aus dem Bett zu holen, wenn ich nicht wüsste, wie sonst nach Hause zu gelangen wäre, oder wenigstens ein Taxi zu nehmen, das er bezahlen würde, egal wieviel, von wo und wann. Die Angst vor einer verunglückten, verschleppten oder sonstwie toten Tochter überwog offenbar jegliche Sparsamkeit wie auch das Interesse an ungestörter Nachtruhe. - „Du kannst auch auf meiner Couch schlafen.“, bot der Germanist an, und ich hielt den Mund und nickte.
Bis in die Morgenstunden saß der Germanist auf dem Rand seiner Schlafcouch, las vor, zog Bücher aus dem Regal, sprach über andere Bücher, und kochte irrsinnige Mengen aromatisierten Tee, über den die N. am Montag drauf spotten würde. „Was für ein Langweiler!“, würde sie lachen. "Hast du ihn wenigstens geküsst?“, würde sie fragen, und ich würde den Kopf schütteln, obwohl das gelogen war, und ich selber nicht wusste, warum.
von:
Modeste Schublade: Datum: 9. Dez. 2005, 15:51 Uhr
Nicht nur der gebildeten Welt ist der Zusammenbruch
Friedrich Nietzsches 1889 in Turin ein Begriff, als der Prophet des vital ausschreitenden, mitleidlos überlegenen Heros mitten in der Stadt von Mitgefühl für die geschundene Kreatur übermannt wurde, und auf der Stelle einen Droschkengaul umarmte. Kann man also mit einigem Recht behaupten, dass das Misstrauen Nietzsches gegenüber dem Mitleid zumindest in seinem besonderen Fall einige Berechtigung besaß - verschwand der Genannte doch nach diesem Vorfall bis zu seinem Tode in Sphären des Wahnsinns, die man sich doch als einigermaßen unangenehm vorstellt - so ist es auf der anderen Seite auch nicht von der Hand zu weisen, dass angesichts der offenbar überwältigenden Macht des Mitleids für die gequälte Kreatur auch Widersacher Schopenhauer irgendwie recht behalten haben dürfte; indes verstehe ich nicht viel von diesen Dingen, über die sich Berufenere äußern mögen und es zweifellos auch tun.
Weniger bekannt als der Zusammenbruch des Philosophen und sein anschließender Aufenthalt in einschlägigen Klinika - und sodann in der Obhut von Mutter und Schwester - sind indes zwei sehr interessante Versuche, den Philosophen von seiner Geisteskrankheit zu heilen, über deren Natur, wie man weiß, die Wissenschaft, bis heute uneinig ist, und gerade vor diesem Hintergrund mag man es als äußerst bedauerlich bezeichnen, dass keiner der beiden Versuche über das Stadium allgemeiner Planung hinausging.
Gespräche mit Herrn Langbehn
Julius Langbehn erfreut sich vor dem Hintergrund einer seit der letzten Jahrhundertwende doch deutlich gesunkenen Hochachtung vor der deutschen Nation als Quell einer erdhaften, ebenso gesunden wie ursprünglichen Erlösung von den Übeln der Moderne selbst in Fachkreisen ja keiner besonderen Beliebtheit mehr. Auf dem Höhepunkt seines Ruhms jedoch, irgendwann in den Neunziger Jahren des 19. Jahrhunderts, waren große Teile der deutschen Bevölkerung überzeugt von den Thesen des Verfassers von „Rembrandt als Erzieher“, die Rettung der Deutschen sei allein aus einer Rückbesinnung auf die kerngesunde Vergangenheit zu schöpfen, in der die derbe, kräftige und aufrichtige Natur der Deutschen noch ungebrochen durch spätere Einflüsse bestanden habe, und inmitten von überfeinerter Dekadenz seien die auf diese Weise genesenen Deutschen dazu bestimmt, mindestens über Europa zu herrschen.
Wie auch immer, die deutsche Nation fühlte sich verstanden, und möglicherweise hätte nach dem Erscheinen des Werkes, dem Herrn Langbehn seinen - wenn auch zeitlichen - Ruhm verdanken sollte, Nietzsches Mutter sich dem Anerbieten Langbehns nicht in der selben Weise verschlossen, wie dies der Fall war, als kurze Zeit nach der Erkrankung und eben noch vor Erscheinen des Rembrandtbuches, Langbehn anreiste und sich an sie wandte mit dem Ansinnen, ihm die Vormundschaft für den Kranken zu übertragen. Er werde ihn durch Gespräche heilen. In Anbetracht der Tatsache, dass sich bereits der gesunde Nietzsche einer Annäherung seines Bewunderers Langbehn widersetzt hatte, sicherlich nicht gerade die naheliegendste Idee, und so schob der Theologe
Franz Overbeck weiteren Vorstößen Langbehns entsprechend einen energischen Riegel vor, so dass es Langbehn nicht gelang, die Heilkraft seiner Konversation über die Gesundung der Moderne durch die Kraft der Nation an Friedrich Nietzsche auszuprobieren.
Alfred Schulers korybantische Tänze
Ob der 1923 verstorbene Münchener Kosmiker
Alfred Schuler den Vorstellungen des letztgenannten Herrn an eine kerngesunde deutsche Persönlichkeit voll und ganz entsprochen hätte, darf man insgesamt wohl als durchaus zweifelhaft beurteilen. Der Münchener Privatgelehrte, der 1899 bis 1904 mit
Ludwig Klages,
Karl Wolfskehl, Ludwig Derleth und
Stefan George selbst den Kern des Münchener Kosmiker-Kreises bildete, war der Vergangenheit zwar nicht abgeneigt, hielt sich jedoch nicht für einen „Rembrandt-Deutschen“, sondern für die Reinkarnation eines antiken Römers, und war offenbar auch in der Lage, diese Annahme auch einem größeren Publikum im Rahmen von Vorträgen gegenüber glaubhaft zu machen. Die ebenso opulente wie blutrünstige Gedankenwelt jenes Herrn, der die Rettung der Menschheit durch wenige Auserwählte erwartete, denen ein besonderes Fluidum - die Blutleuchte eben - zu eigen sei, verdient allerdings eine eigene Darstellung, die an dieser Stelle weder geleistet werden kann noch soll, und so ist Ihnen, geschätzter Leser, nur zu raten, sich selber den 1940 von Ludwig Klages herausgegebenen Nachlass zu besorgen, und mit dem Werk jenes Herrn einige ebenso irritierende wie angenehme Stunden zu verbringen.
Die ursprüngliche, durch keine moderne Verwässerung von den Quellen vitaler Kraft hinweggespülte Grausamkeit, die als eines der Hauptmerkmale der Blutleuchte eine prominente Rolle im Denkgebäude dieses Herrn spielt, sollte auch bei der Heilung des umnachteten Nietzsche zum Einsatz kommen. Zwar war nicht daran gedacht, den geisteskranken Philosophen selber zu misshandeln, vielmehr sollte der reine Anblick von Grausamkeit und Leiden eine Katalyse herbeiführen. Welche Form diese Grausamkeiten annehmen sollten, hat Schuler leider nicht ausgeführt. Es ist allerdings anzunehmen, dass die nur mit Kupferschilden bekleideten Jünglinge, die um Nietzsches Krankenlager tanzen sollten, bei der Darstellung des Leidens eine wie auch immer geartete Rolle spielen sollten. Geplant war zudem eine Mitwirkung Kaiserin Elisabeth von Österreichs, die sich der Heilung Nietzsches indes schweigend entzog.
Schon mangels finanzieller Mittel zum Ankauf der Kupferschilde kam die in mehreren Briefen geäußerte Idee Schulers allerdings nie zum Einsatz, so dass Friedrich Nietzsche im Jahre 1900 nach mehreren Schlaganfällen ungeheilt verstarb.
von:
Modeste Schublade: Datum: 7. Dez. 2005, 11:52 Uhr