Dienstag, 3. Januar 2006

Pardon, Monsieur...

... natürlich auch im Namen meiner Freundin A., Sie wissen schon – die schlanke, blonde aus der Berlin Bar mit den beiden dunkelhaarigen Freundinnen. Die beiden Begleiterinnen, die B.³ und mich nämlich, völlig klar, würden Sie auf der Straße nicht erkennen, aber die A., die haben Sie den ganzen Abend angeschaut, als sei Ihnen die Heilige Jungfrau beim Duschen erschienen, und es war gar nicht schön von der A., Sie so ausgelacht zu haben.

Sie saßen also da herum, tranken etwas, was aussah wie Gin Tonic oder so, und starrten die A. ein wenig verstohlen aus dem Augenwinkel an, die wie immer ein bißchen zu laut ihre Weihnachtsgeschenke wiedergab, Zusammentreffen mit alten Schulfreunden referierte, und ein paar Anekdoten ihrer früheren Jugend erzählte, in der so viele Männernamen fielen, dass Ihnen eigentlich Angst und bange hätte werden müssen.

Stumm und ein wenig verdrießlich saß die B.³ neben der A., meditierte ein schon eher ereignisloses Jahr 2005 in ihr Glas, und alle Aufmunterungen prallten völlig wirkungslos von ihren glatten braunen Haaren ab. „Wäre der da nichts für dich?“, piekte die A. sotto voce die B.³ schließlich in die Seite und deutete mit einer Kopfbewegung auf Sie, und einen Moment taten Sie mir richtig leid, und wenn mich nicht alles täuscht, sind Sie sogar ein wenig errötet. „Schaut ein bißchen fad aus, aber immerhin vernünftig angezogen, und mit den Haaren kann man bestimmt was machen.“, pries die A. Ihre Erscheinung der B.³ an, und Sie schauten ein wenig verdattert und ziemlich verlegen in der Bar herum.

„Hey, du!“, beugte sich die A. dann auch noch vor und sprach Sie direkt an, und bat um Ihre Telephonnummer. „Du willst mich anrufen?“, stotterten Sie, und die A. schüttelte lachend den Kopf. „Ist für meine Freundin! Die findet dich ganz toll.“, und Sie schauten die B.³ vermutlich zum ersten Mal überhaupt richtig an und würgten ein paar Laute hervor, die Ihnen mindestens ebenso peinlich waren wie der B.³, die blutrot angelaufen zwischen der A. und mir saß, sterbend vor Verlegenheit, und krampfhaft auf ihre Stiefel starrte.

„Tja, so wird das nie was.“, kommentierte die A. Ihr Schweigen, wandte sich wieder ihrem Glas zu, und Sie pressten ein paar Worte aus Ihrem Mund, die ungefähr lauteten „Ihr macht doch Witze, oder?“, und es war nicht schön von der A., dermaßen laut zu lachen, dass der ganze Laden sich nach ihr umdrehte. Dass die dritte am Tisch, also ich, angesichts der ganzen Burleske auch noch anfangen würde, laut herauszuprusten, war da wohl gar nicht mehr so schlimm.

Eine Stunde später oder so, Sie waren längst verschwunden, hatte sich die B.³ dann immerhin soweit erholt, dass sie irgendetwas in ihr Glas nuschelte, dass klang wie „Mit dir hätte er sich sofort verabredet.“, und die A. fröhlich zurücktrompetete: „Aber ich nicht mit ihm!“

Aber das haben Sie ja zum Glück nicht mehr mitbekommen.

Samstag, 31. Dezember 2005

Rausch und Traurigkeit

Immer hastiger fahren wir dahin auf dem Blut der Stadt, und hinter uns raucht der Schutt aller unserer Nächte. So hoch wachsen die Trümmer und arbeiten sich langsam durch unsere Haut, bläuliche Verfärbungen, Sendboten einer Zukunft, die schon nächstes Jahr, schon heute Nacht, anbrechen kann, und in der es vorbei sein wird mit jenem goldenen Glanz, jener Makellosigkeit der schimmernden Tage, für die wir aufstehen, wenn es fast schon dunkel ist. Und nur der Schnee auf den Dächern von Berlin leuchtet rein wie ein neues Leben.

Müde am letzten Tag des Jahres und überdrüssig der vielen Stimmen, des allzu lauten Lachens, so sehnsüchtig nach einer wunschlosen, schmerzlosen Ruhe, packen wir unsere Kisten, in der das Jahr verstaut sein wird für die späteren Tage, in denen alles, was uns durch die Adern dieser aufgedunsenen, schmutzigen Straßen treibt, nur noch eine Erinnerung sein wird: In Harz gegossen und leuchtend einmal für einen Nachmittag in vielen Jahren, wenn die Rosen blühen, und ich den Toten zuprosten werde mit einem Glas Wein aus einem falschen, späten Sommer.

Ach, die Heimkehr vom Flughafen Schönefeld am frühen Morgen, der Himmel gleißend vor Übermüdung. In der S 9 zu sitzen, die schlafende Freundin auf dem Nebensitz, und „Willkommen daheim!“, flüstert die Stadt mir ins Ohr: Eine Insel im Fluß der vielen Fluchten, eine falsche Heimat aus grauem Beton. „Hier bin ich.“, zu antworten, und nicht mehr weiter zu müssen für dieses Jahr und vielleicht für die nächsten. - Ein durchscheinender Septembernachmittag im Volkspark Friedrichshain, und im noch warmen, eben noch sommerlichen, gelben Licht am Schwanenteich zu sitzen und die Worte träge fließen zu lassen, müde wie der späte Sommer, und einem Pärchen zuzuschauen, dass sich küsst, vierzehn Jahre alt vielleicht, und einem Glück zuzulächeln, an dessen Kern alle Kugeln abgleiten werden. - Ein später Abend in der Oderberger Straße, Roseneis zu essen, bezaubert, hingerissen, und durch die Kühle der Nacht über die Kastanienallee nach Hause zu gehen. Im Taxi die Frankfurter Allee Richtung Osten zu fahren, der Grenzenlosigkeit entgegen. Der Duft weißer Lilien, vermischt mit dem Rauch indonesischer Zigaretten. Käse und Wein. Das Brummen der Espressomaschine am frühen Morgen, und mit geschlossenen Augen den Becher in Empfang nehmen, während sich langsam der Tag beschleunigt, und zwischen den roten Vorhängen das Licht helle Streifen auf die Tapete wirft. Der Rauch der letzten Zigaretten am Morgen, der entzündete Himmel über der Stadt. Der Geruch von Napfkuchen und Orangen, und alle Lügen der Welt fühlen sich glatt an, so seidig und neu.

Und dann noch einmal einen Blick in die Kiste, eine Schleife aus roter Seide, und das sich neigende Jahr in die Regale stellen für jenen Tag voll schimmernder Erinnerungen, wenn dieses Zeitalter vorbei sein wird, und wir immer noch da.

Ihnen allen ein gesegnetes Jahr 2006.

Dienstag, 27. Dezember 2005

Publius Clodius Pulcher

Noch haben die Caesaren die Kraft der römischen Aristokratie nicht gebrochen, und aus einem Übermaß an Energie, aus einem Zuviel an Erregbarkeit der wüsten, von den unruhigen Zeiten schon angefressenen Nerven, wirft sich der Nachwuchs der römischen Gesellschaft in die Politik und schleudert blutige Würfel über die sieben Hügel Roms. Ein ungefährliches Spiel ist die Politik nicht in diesen Jahren, hat doch der Bürgerkrieg bereits reiche Ernte gehalten unter denjenigen Familien Roms, die traditionell die Wahlämter der Republik verwalten, und auch die Claudier nicht ausgespart in jenen unruhigen Jahren, in denen Marius und Sulla um die Vorherrschaft über die Mitte der Welt ringen, und ein Riss durch die ersten Familien der Stadt geht, von dem wir nicht wissen, nur ahnen können, wieviel Überzeugung und wieviel Hunger nach Macht, wieviel auch von jener Lust am Spiel, die nur diejenigen frivol nennen, die sie nicht kennen, den einzelnen auf die Seite der Senatspartei oder auf diejenige des Volkes trägt.

Große Männer der Optimaten wie der Popularen stellt die Sippe der Claudier, und so ist kaum die Frage, ob, sondern nur, auf welcher Seite sich ein junger Mann des Patriziats positioniert, der 92 v. Chr. als Publius Claudius Pulcher geboren wird. In seine Kindheit fallen die ersten ernsthaften Schläge gegen die Republik und senken eine Unruhe in eine ganze Generation von Politikern, die sich ein halbes Jahrhundert lang in Krämpfen entlädt, bis unter diesen Stößen das korrupte Casino, zu dem die römische Republik längst geworden ist, erzittert, um schließlich seine Tore zu schließen: Schon sind die Proskriptionen Vergangenheit, schon hat das mehrjährige Konsulat Lucius Cornelius Cinnas einen der Grundsätze des Reiches einem Achselzucken unterworfen, das nicht mehr wegzudenken sein wird, und immer wieder rebellieren die, auf deren Rücken das mächtige römische Reich blüht wie eine allzu üppige Pflanze: Der Aufstand des Spartacus ist weder der erste noch der letzte Aufstand der Sklaven, und immer weitere Sklaven spülen Roms siegreiche Kriege in die Stadt. Immer schwerer wird es dem freien Bürger in den Mietshäusern der Subura, den Lebensunterhalt für sich und die Seinen zu verdienen, und längst ist der schlichte Edelmann, der eigenhändig pflügt wie ficht, Vergangenheit.

Diese Unruhe, der schwankende Boden, scheint es auch zu sein, die von Anfang an den P. Clodius Pulcher umgibt wie ein Schatten: Taucht er an der Seite des Lucius Licinius Lucullus auf, so bricht prompt eine Rebellion aus, in Syrien verliert er fast sein Leben, entführt wird er wie mancher römische Edelmann, der seiner Familie Geld wert ist. Dass er, der Catilina 65 v. Chr. angeklagt hat, mit ihm gemeinsame Sache gemacht haben soll, behauptet zwar nur Cicero, aber etwas Zwielichtiges ist stets um ihn, seine Söldner durchstreifen die Stadt, und die Wahlkämpfe jener Jahre um alle Ämter, die der um des Tribunats Willen plebejisch gewordene P. Clodius Pulcher jemals innehat, tragen einen wüsten und bizarren Charakter.

Dass es die Seite der Konservativen, der Senatspartei nicht sein wird, für die Clodius Pulcher antritt, versteht sich fast von selbst: Überschießend, maßlos und populistisch sind seine Forderungen, seine Feindschaften, die ihn am Ende den Kopf kosten werden, und die Bestechung wie die Straßenschlacht sein Element. Nur jene letzten Jahre der Republik bieten einem wie ihm die Möglichkeit, in die lecken Stellen des Staates auf eigene Rechnung wie Risiko einzudringen wie später einmal die Condottieri der Renaissance oder ein Freibeuter auf den Meeren. Nicht um Geld oder Ruhm indes wird hier gespielt, fast die ganze bekannte Welt wird, so flüstern es die Träume von Ruhm und Herrschaft, dem gehören, der einmal die überreife Republik vom goldenen Baume pflückt, und längst sind es nicht mehr die Senatsmehrheiten, die die Macht der Politiker ausmachen, sondern die Straßenbanden und Söldner wie Sklaven, die sich schlagen für ihn, der Quaestor wird, Volkstribun, curulischer Aedil, und Praetor nicht mehr werden sollte.

Ob die Feindschaft zu Cicero nur auf politischen Gründen beruht oder von Anfang an ein privates Missfallen den Hintergrund eines Hasses bildet, der noch 2000 Jahre später aus den Reden Ciceros spritzt? Ob tatsächlich die Terentia, die erste Frau des Cicero, mit ihrer Eifersucht auf die mittlere Clodia, die Schwester und angebliche Geliebte des P. Clodius Pulcher, den ersten Anstoss gibt für die ciceronianische Kampagne gegen den zehn Jahre jüngeren Clodius Pulcher? Oder ob Cicero, ehrgeizig, aber keiner der Männer, deren Ziel die Zerstörung die Republik war, in ihm den Unruhestifter sah, einen der Entzündungsherde des Staates, und die behauptete Sittenlosigkeit der Clodia und ihres Bruders nicht mehr als ein Vorwand waren, sind doch die Ehen der Römischen Gesellschaft aus meist politischen Gründen ebenso schnell geschlossen wie geschieden, und zahlreiche Feste, Reisen an die See oder aufs Land bieten Gelegenheit für Affären, von denen wir, zwei Millenien später, nicht mehr wüssten, wäre die üble Nachrede kein Politikum gewesen, mit dem freilich fast jedem zu schaden war in jenen Jahren.

Der Bona-Dea-Skandal, das Eindringen in das Haus des C. Iulius Caesar als Frau verkleidet zu einer Festlichkeit, zu der aus religiösen Gründen nur Frauen zugelassen waren, mag eine Unverschämtheit gewesen sein, an eine Beleidigung der Römischen Götter allein mag in diesen Jahren indes keiner mehr so recht geglaubt haben, wäre doch der Jüngere Cato ansonsten kaum die komische Figur geworden, als die er durch unsere Schulbücher treibt. Ob die mittlere Clodia, die Lesbia Catulls, tatsächlich die Geliebte ihres Bruders P. Clodius Pulcher war, welche Frauen der Römischen Gesellschaft ihre lieblose Ehen noch mit ihm verschönerten – wen kümmert es noch heute, wo die ganze glänzende, vergnügungssüchtige, opulente römische Aristokratie schon so viel länger vergangen ist, als selbst die Gestalten unserer Märchen und Sagen: Sind doch Dietrich von Bern, die Heymonssöhne oder die Nibelungenkönige vom Rhein, noch längst nicht soviele Jahre tot wie jene.

Parteigänger Caesars, Gegner nicht nur Ciceros, sondern auch Pompeius‘, dreht sich die Welt immer schneller, immer wirrer um P. Clodius Pulcher. In Titus Annius Milo findet er einen Widersacher, dessen Temperament dem seinen gleicht: Auf einem schillernden Boden von Gewalt, Volkstribun auch er, wetteifern die Populisten um die Gunst der verelendenden Massen in den engen Straßen der Stadt. Versprochen wird viel, gehalten wird wenig, und auf den Wogen eines glänzenden Untergangs fahren die dahin, von denen am Ende derjenige übrigbleiben soll, siegreich auf dem Schlachtfeld, dem der Preis gehört: das Imperium Romanum.

Am Ende aber wird keiner von ihnen das Römische Reich in der Hand halten: Caesar wird erstochen werden, und T. Annius Milo als aufständisch hingerichtet. Cicero werden sie am Ende durch die Straßen schleifen, tot wie die Republik, und seinen Kopf ausstellen auf der Rostra am Forum Romanum, Cato wird sich in der Ausweglosigkeit töten, und auch Pompeius sollte die Bürgerkriege nicht überleben, aus denen schließlich die Pax Augusta herauswachsen wird als ein Produkt der Erschöpfung und Ausblutung der römischen Eliten.

Die kommenden Bürgerkriege jedoch, dieses letzte Zucken der Republik und ihren Untergang in Schwefel und Rauch, hat P. Clodius Pulcher nicht mehr erlebt: Schon 52 v. Chr. sollten ihn die Sklaven Milos auf der Via Appia unweit Roms in ein Handgemenge verwickeln, auf offener Straße erstechen und niedermachen. Die Massen Roms, die einfachen Bürger, als deren Sachwalter auch Clodius Pulcher aufgetreten war, sollten tagelang die Straßen Roms unsicher machen, die Curie niederbrennen: Würdiger Heimgang eines Unruhigen.

Am Horizont aber, klein und unscheinbar, schaukelt auf den Wellen des Elends in den Straßen von Rom, auf denen P. Clodius Pulcher wie manche andere ihr Glück gesucht und ihren Tod gefunden haben, bereits der Keim für die spätere Ausbreitung des Christentums, an dem nach der Römischen Republik die Römische Welt zugrunde gehen wird.

Donnerstag, 22. Dezember 2005

Das bodenlose Privatleben meines Cousins

„Also, das ist so,“, hebt Cousin L. an, und seufzt ein wenig in sein Chirashi-Don.

„Ich bin also kaum in Berlin angekommen, da treffe ich die I. wieder. Die kennst du vielleicht, die war auf meinem dreißigsten Geburtstag. So eine Kleine, Hübsche, mit Grübchen und Locken.“ – Auf dem dreißigsten Geburtstag meines Cousins vor fast zehn Jahren waren indes Unmengen ziemlich hübscher Frauen, und an die I. kann ich mich durchaus nicht erinnern.

„Die I., die hatte hier so einen Kerl, komischer Typ, nicht viel los damit, und dann, na, du kennst das ja."-–Ich nicke ein wenig zerstreut, und versuche, ein Ikura Nigiri in den Mund zu bekommen, ohne den Lachsrogen zu verlieren. - „Jetzt hat die I. den Kerl abgeschossen und ruft immerzu an. Ohne jede Übertreibung, wirklich immerzu. Jeden Tag. Ich mag schon gar nicht mehr rangehen.“ – „Hast du dich vielleicht ein bißchen, tja, missverständlich ausgedrückt?“, frage ich nach. „Keine Ahnung. Nein, ich habe eigentlich gar nichts gesagt.“, schüttelt Cousin L. den Kopf.

„Das ist natürlich ein bißchen blöd mit I.‘s Anrufen.“, fährt er fort. Kurze Zeit nach der Vertiefung der Bekanntschaft mit I. nämlich habe er eine Studentin kennengelernt, eine ganz reizende Person, blond und zart und verträumt, und die stetigen Anrufe der I. würden jene Studentin schon ein wenig, kaut mein Cousin, irritieren. Am Wochenende zum Beispiel, da habe die I. mindestens dreimal angerufen, und irgendwann habe die Studentin begonnen, nachzufragen, wer denn die Anruferin eigentlich sei.

„Bist du mit der Studentin zusammen?“, frage ich den L., und ordere eine weitere Schale Tee. „Ach was, nein.“, wehrt der ab. Eigentlich habe er sich sogar seiner Frau wieder ein wenig angenähert, sei das Wochenende zuvor nach Frankfurt gefahren, und habe sogar einen gemeinsamen Urlaub mit Kind geplant und gebucht.

„Hast du das den anderen Frauen erzählt?“, hake ich nach. „Ich bin doch nicht bescheuert.“, wehrt der L. ab, und erklärt, ernsthaften Diskussionen für den Rest seines Lebens aus dem Weg gehen zu wollen. „Ich war zwei Jahre verheiratet, das reicht.“

„Wieso warst du eigentlich wieder in Frankfurt?“, wundere ich mich des vor wenigen Wochen geäußerten Vorsatzes eingedenk, die Restfamilie mindestens dieses Jahr nicht mehr aufzusuchen. „Eigentlich wegen der T., der dummen Pute.“, erklärt mein Cousin und bestellt eine weitere Futo-Maki-Rolle. „Kenne ich nicht.“, schüttele ich den Kopf.

„Ist so eine kleine Freundin von meiner Ex. Dumme Geschichte irgendwann letztes Jahr, und jetzt geht sie also los und erzählt meiner Ex die ganze Sache, und die ruft also erst mal an, schimpft und heult und macht mich völlig zur Sau, und sagt, ich dürfte die Kleine nicht mehr sehen. Und dann bin ich halt hingefahren.“

„Eigentlich bist du eine ganz ekelhafte Erscheinung, weißt du das?“, kommentiere ich die Enthüllungen meines Vetters. Der L. stöhnt auf. „Dabei mache ich gar nichts. Ich laufe einfach ein bißchen herum, und ein, zwei, drei steht man vor einem unglaublichen Trümmerhaufen. Versteh‘ ich nicht, bei anderen Leuten geht das doch auch alles glatt.“

„Von außen betrachtet aber sehr unterhaltsam.“, kommentiere ich. „Darf ich drüber schreiben?“ „Klar, dann hassen die mich alle wieder.“, nickt mein Cousin und legt die Stäbchen über seine Platte.

Samstag, 17. Dezember 2005

Es ist so schön an deinem Blut

Auf einmal, ohne ein Wort, ohne Anlass, falle ich aus der warmen Bar, und der Wind zieht mich durch das geschlossene Fenster weit über die Spree. Sehr klein, sehr weit unten, sehe ich mich in einem Sessel sitzen, rauchen, husten und über irgendetwas plaudern, bei dem ich nicht dabei sein muss. So kalt ist der Himmel heute nacht, und die Sterne bohren spitze Zacken in meine Haut, bis ein Schmerz aus den offenen Stellen quillt, von dem ich nicht will, dass es ihn gibt.

Hellwach inmitten der Schlaflosigkeit von Tagen, gekreuzigt an die schmutzige Kugel des Fernsehturms, hänge ich über der Stadt, und erst, als mein Nachbar mich an der Schulter berührt, rutsche ich wieder auf das braune Leder zurück, rauche und huste, bis sich mir der Magen zusammenkrampft, und ein Freund mir beruhigend die Hand auf den Arm legt und die Zigaretten wegschiebt.

„Trink erst mal was.“, bekomme ich ein Glas Wodka zugeschoben, und die scharfe, eisige Flüssigkeit fließt betäubend über die aufgerissene Haut. Weiter treibt mich die Strömung, von dieser Bar in die nächste, die Straßen entlang, immer weiter nach Osten, bloß nicht nach Haus, wo es ruhig ist am Ufer der Nacht, und eine blutige Sehnsucht schweigend auf den Schränken sitzt.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7807 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren