Mittwoch, 12. April 2006

Die wirklich sehr große Pflanze des J.

Mit möglicherweise amüsanter Übertreibung könnte ich an dieser Stelle, meine Damen und Herren, von der verheerenden Wirkung meiner Gegenwart auf eigentlich jegliche Form der Flora berichten: Wie bereits im zarten Alter von ungefähr fünf die Erdbeerpflanzen und Möhren in meinem drei Quadratmeter umfassenden eigenen Beet im elterlichen Garten verdorrten, während Schwesterchens Wicken den ganzen Garten zu verschlingen drohten. Wie der Kaktus vertrocknete, der auf meiner Fensterbank stand, und wahrscheinlich alsbald gestorben wäre, hätte ich nicht die ganze Pflanzschale bei einem der seltenen Versuche, dem Kaktus Wasser zuzuführen, versehentlich aus dem Fenster gestoßen. Unzählige ungefähr gleichartige Geschichten könnte ich erzählen, denn der von mir misshandelten Pflanzen sind viele. Indes beschränke ich mich, um Sie, meine sehr verehrten Leser nicht mit diesen wirklich außerordentlich belanglosen Details meines Daseins zu langweilen, auf die Feststellung, dass meine Begabung zur Pflanzenhaltung sehr, sehr gering ist und nur von wenigen Menschen ein ähnlicher Tiefstand erreicht werden dürfte. - Eigene Tiere habe ich nie besessen.

Pflanzenlos kamen und gingen die Jahre, ab und zu kaufte ich mir Schnittblumen, und einmal im Jahr stellte ich einen Kräutertopf in die Küche, der dort unverzüglich verendete. Auch mein lieber J., geschätzter Gefährte bereits jener fernen Tage der ersten Semester, führte ein pflanzenloses Leben, und erst bei Bezug der ersten gemeinsamen Wohnung sollte sich herausstellen, dass die frühere Pflanzenabstinenz des J. lebensphasenbedingt war, und nicht auf einer Unfähigkeit beruhte. Der J. kaufte mehrere Grünpflanzen, stellte sie in unsere viel zu kleine Wohnung im viel zu schmierigen Friedrichshain, und jene wuchsen und gediehen. Mehrmals in der Woche goss der J. die Pflanzen mit Wasser, die Pflanzen wuchsen weiter, zogen mit uns nach Prenzl’berg, und als der J. auszog, nahm er seine Lieblingspflanze mit. Die anderen starben.

Befreit von meiner Gegenwart wucherte die Pflanze in der Wohnung des J. immer weiter und wurde riesengroß. Ihre harten, gummiartigen Blätter begannen, übergroßen und unförmigen Lappen zu ähneln, Luftwurzeln von beträchtlicher Länge ragen inzwischen in alle Richtungen durch die nicht sonderlich große Behausung des J., und selbst bei realistischer Betrachtung muss man zugeben, dass die Pflanze unterdessen ein Ausmaß erreicht hat, welches man ohne weiteres als urwaldhaft und leicht beängstigend bezeichnen könnte. Würde eines Tages mein lieber J. die Tür auf mein Klingeln nicht öffnen, und statt dessen blau angelaufen erwürgt von den fleischigen, sicherlich kraftvollen Strünken der Pflanze auf den Dielenbrettern seiner Wohnung liegen, so wäre ich sicherlich bestürzt, meine Überraschung indes hielte sich in Grenzen.

Wie man weiß, pflegt der britische Thronfolger mit seinen Pflanzen zu kommunizieren, und dies, so nehme ich an, setzt voraus, dass auch von Seiten der Pflanzen eine Reaktion erfolgt, denn kein vernunftbegabter Mensch würde jahrzehntelang antwortlos auf regungslos stumme Geschöpfe einreden. Auch des J. Pflanze zeigt eine deutliche Reaktion auf meine Gegenwart, so bilde ich mir ein, sie erzittert, wenn ich mich an ihr vorbei zum Fenster bewege, und ihre Luftwurzeln schließen sich enger zur Mitte, denn die Pflanze hat Angst vor mir, eine Angst, die sicherlich nicht ganz unberechtigt ist, da nach einer gegenwärtig nicht unwahrscheinlichen erneuten Haushaltsvereinigung die Pflanze, bedingt durch meinen verderblichen Einfluss auf derlei Geschöpfe, sicherlich auf ihr früheres Maß zurückginge, und vielleicht nicht einmal diesen Zustand zu halten imstande sein wird.

Sonntag, 9. April 2006

Mein Metafrühstück (mit Butter)

Aus purer Opposition gegen Leute, die sich von jeder Zeitungsmeldung ins Bockshorn jagen lassen, und dann kein Rindfleisch mehr essen wegen Rinderwahn oder keine Fische mehr wegen Nematoden oder so, nach dem Aufstehen erst einmal zwei Eier weichgekocht und mit Butter und Schnittlauch zerdrückt gegessen. Ziemlich eklig schaut das aus, die Spritzer orangefarbenen Dotters auf dem Porzellan, die kleinen, weißen Brocken Eiklar, und das Ganze überzogen mit glänzendem, geschmolzenen Fett.

Auch geträumt, fällt mir ein, habe ich vom Frühstücken, und eine gefüllte, runde Porzellanbutterdose mit einem Rankenrelief stand auf dem Tisch, die ich realiter leider nicht besitze, aber im Traum, erinnere ich mich, gab es sogar Croissants dazu. Überdies war ich in unterhaltsamer Gesellschaft. - Wie meistens zeigt sich also auch diesen Morgen die Realität der Welt meiner Träume als durchaus nicht gewachsen.

Für`s Blog könnte ich auch mal wieder etwas schreiben, sinniere ich über einer Scheibe buttergetränktem Toast zum Ei, und überdies, denke ich weiter, wäre es vielleicht an der Zeit, mein Blog weiterzuentwickeln und neue Leser anzusprechen, die mich bisher nicht lesen, wie sie mir gelegentlich ja mitzuteilen pflegen, denn mein Blog, so vernehme ich aus wohlunterrichteten, wenn auch abgeneigten Kreisen, sei ein wenig manieriert, zu elaboriert meine Texte, insgesamt diese ganze Veranstaltung nicht "bloggish" genug, zu wenig spontan und leider überhaupt nicht authentisch. Zu "möchtegernliterarisch" sei mein Blog, trägt man mir also, kurz gesagt, gelegentlich einmal zu, und das klingt irgendwie unentspannt.

Vielleicht, überlege ich mir, sollte ich fortan alles klein schreiben, das wirkt vielleicht irgendwie interessanter. ich könnte auch in zukunft den eindruck des unambitionierten und hochbegabt unangestrengten durch kryptische einzeiler hervorzurufen versuchen, dann denkt man vielleicht auch von mir, hinter dem kargen schatten meiner wenigen worte verberge sich ein ganzes universum an überaus originellen ideen, die mir ab und zu lässig aus dem hirn in die tastatur fielen.

"zum frühstück eiter", könnte ich etwa posten, vielleicht sogar mit bild meines eiermatsches, das ich sorgfältig präparieren würde. extra für das bild würde ich mir bei "connys container" an der ecke danziger/schönhauser einen roten plastiklöffel kaufen, weil die abbildung meiner perlmuttlöffel unweigerlich den eindruck hervorrufen würde, ich postete jenes bild überhaupt nur, um meine löffel zu zeigen. für diese demonstration würde man mich selbstverständlich verachten, und alles wäre umsonst.

überhaupt wäre es überaus wichtig, ausschließlich über konsumgüter zu schreiben, die entweder jeder besitzt oder zumindest besitzen könnte oder einmal besessen hat. so könnte ich meinethalben behaupten, den eiermatsch im traum in gesellschaft des ergee-kükens verzehrt zu haben, dessen abbild aus weichem kunststoff sich zu zeiten meiner kindheit im inneren von strümpfen des gleichnamigen österreichischen herstellers befand. Das küken würde mich natürlich vorwurfsvoll anquaken, vielleicht würde ich es mich sogar verbal anklagen lassen, weil der verzehr von eiern auf küken naturgemäß verstörend wirken muss. das würde sogar ausgleichen, dass "zum frühstück eiter", nicht so richtig originell ist, aber ich übe ja noch und in zwei wochen wäre ich dann richtig gut.

überhaupt sollte ich gebildeter wirken, wenn schon nicht gebildeter werden, aber da ist derzeit wenig zu machen. so könnte ich statt des ergee-kükens natürlich auch mit personen frühstücken, die zu kennen, ja mit denen vertraulich umzugehen, mich auf eine liebenswert verschrobene art und weise vergeistigter erscheinen lassen würde, als es meiner realität entspricht. wilhelm reich könnte ich auftreten lassen oder peter suhrkamp oder irgendeinen zweitklassigen ungarischen berufsrevolutionär der zwanziger jahre, den meine leser dann erst mal googlen müssten. vielleicht kämen auch sprechende skulpturen aus eiskalter butter vor, die unsterbliche kunstwerke darstellen würden, die entweder jeder kennt oder so gut wie keiner.

ein bißchen schräg zu erscheinen wäre wahrscheinlich ohnehin ziemlich wichtig, auch wenn ich normale leute mit korrekter kleidung und manieren eigentlich wesentlich angenehmer finde als irgendwelche freaks. als richtig knuddelig durchgeknallte person könnte ich es mir aber vielleicht sogar leisten, wieder zur korrekten Klein- und Großschreibung überzugehen, und das wäre mir schon einiges wert. Ich würde dafür behaupten, an irgendwelchen nervösen Ticks zu leiden, die selbstverständlich sehr, sehr skurril wären.

Allerdings würde man mir, kratze ich den letzten Rest Eiermatsch mit Butter aus der Tasse, diese Wandlung vielleicht nicht wirklich abnehmen. Man würde völlig zu Unrecht an eine maliziöse Parodie glauben, und wirklich reizende, von mir hochgeschätzte und überaus begabte Menschen könnten sich von mir angegriffen fühlen und auflegen, wenn ich anriefe, um das Missverständnis aufzuklären, und so beschließe ich, vielleicht besser in versteckten Winkeln des Internets ein neues Blog zu eröffnen, dessen Erfolg, so bin ich mir sicher, stupend sein wird, überwältigend geradezu und grandios.

Man wird, so male ich mir aus, meine Zweitexistenz zu Lesungen einladen unter abfälligem Verweis auf Leute, die man niemals einladen würde wegen ihrer Trivialität, also beispielsweise mich, und mich in Postings, die ich nicht verstehe, verehrungsvoll verlinken.

"Gute Butter" würde ich das Blog nennen, und das Photo vom Eiermatsch käme in den Header.

Donnerstag, 6. April 2006

Vom Bleiben und Verblassen

Mit jedem Tag, jedem Moment, mit jedem Atemzug verdaut sich unser Leben, und die scharfen Säfte der Zeit zersetzen, was gestern, noch vor einem Jahr wichtig war und groß. Die Schlagzeile einer Zeitung aber, mit der wir den Grill befeuerten, und wie das Papier sich zusammenzog und schwarz wurde und zerfallen, liegt brennend, aber widerstehend, auf der verätzten Zeit. - Die Haare auf dem obersten Fingerglied meines Begleiters auf der Zugfahrt von Lucca nach Florenz, der süße, faulige Geruch einer Mango, der aus einer Plastiktüte aufstieg, die unter meinem Sitz stand im Bus nach Rayong: Unversehrt und schlackenlos vor Schemen und Fragmenten.

Waren deine Augen blau oder gün, frage ich indes vergeblich die verschwommene Gestalt, die neben mir durch Hamburgs leere Straßen läuft, 1996, am Morgen nach einer Party, Eklat und Geschrei. Dein Blut auf meiner Haut, rostrote Buchstaben eines Vornamens, zu denen ich den Nachnamen nicht mehr weiß. Deine Telephonnummer weiß ich noch, deinen Geburtstag, aber es mag dieses Datum auch zu jemand anderem gehören, den ich genauso vergessen habe wie dich. Der Geruch nach Schweiß und Asche, die Bierwerbung vor deinem Fenster. - Ich schneid‘ dir den Kopf ab, hast du gesagt, aber vielleicht war es jemand anders, und vielleicht ist es auch gar nicht wahr, denn wir haben uns geliebt, glaube ich, und das alles war nur Spiel, nur Federball, nur Schach mit dir und mir als König, Dame und Bauern zugleich.

Scharf und salzig weichen die Jahre uns auf, und hinterlassen verkrümmte Schlacken, bunte Abfälle, Blendwerk in den Straßen dieser Stadt. Da hast du dein Bauernopfer, habe ich dich angeschrien, und dir mein Herz um die Ohren gehauen, bis die Arterien brachen und rissen, aber es ging auch so, und viel besser dazu. Was soll ich noch mit dir, habe ich dir hinterhergerufen, und dich in meine Säure getaucht. Du hast dich aufgelöst, und am Ende spült die Spree die blauen Augen so weit weg wie die grünen und die schwarzen auch. Dein brackiges Fließen, und das Meer schweigt, als hätte es uns nichts mehr zu sagen.

Out, vile jelly, rufe ich euren Augen heulend und trotzig hinterher, und am Ende wird uns, denen nach dem Schuss keine Unsterblichkeit ganz gehören wird, eine namenlose Stele aufgestellt, oder noch nicht einmal das.

Amor vincit omnia, wird darauf stehen. Und: Tempus vincit amorem.

Dienstag, 4. April 2006

Nachhören, Nachlesen

Mein Lesungstext vom Samstag steht hier im Archiv, zuhören kann man mir an dieser Stelle, wo auch die anderen Beiträge per MP3 heruntergeladen werden können.

Danken möchte ich trotz einiger Misshelligkeiten allen Lesenden und allen Gästen, die etwas mitgebracht haben, und den anderen Gästen natürlich auch. Ein paar Nachbereitungen gesammelt hat Herr Mequito.

Ihr seid alle super. Außer Ihr macht Krach.

Donnerstag, 30. März 2006

Die A. heiratet

„Huhu, Modeste!“, jubelt die A. aus dem Hörer und teilt ungeheuerliche Neuigkeiten mit: Sie werde heiraten

„Herzlichen Glückwunsch!“, jubele ich höflich zurück, die ich zur Ehe ein ähnliches Verhältnis hege wie zum Berufsbeamtentum, und ebenso, wie ich so gut wie jedem Beamten automatisch eine Art Sicherheitsneurose unterstelle, habe ich den Sinn der Ehe, zumal der kinderlosen Ehe, nie recht nachvollziehen können.

„Das ist ja eine recht plötzliche Entwicklung.“, sage ich, weil mir nichts anderes einfällt, und die A. erzählt mir folgende Geschichte:

Vor einigen Monaten, so ungefähr Ende Januar, begab es sich, dass die A. irgendwo in Mitte einen gutgewachsenen Knaben auflas, Bildhauer, 30 Jahre alt, und ihn in der Folgezeit verhältnismäßig häufig in seiner Wohnung besuchte. Er habe sogar Vorstudien betrieben, um das Antlitz der A. in Metall zu gießen, man ging essen, trinken, und verstand sich insgesamt prächtig.

Leider fand der Lebensgefährte der A. den Bildhauer nicht in derselben Weise sympathisch wie die A. selbst. Ein gemeinsames Essen im Kreuberger Cochon Bourgeois hatte nicht den von A. erhofften Effekt einer frendschaftlichen Annäherung zwischen ihrem Freund und dem Bildhauer, die sich offenbar gegenseitig von Herzen widerlich fanden, und eines Tages, so die A., sei ihrem Freund die Hutschnur gerissen. „Und da hat er mir einen Heiratsantrag gemacht!“, fährt sie fort. Sie habe sofort angenommen.

„Und was passiert jetzt?“, frage ich und gieße mir eine weitere Tasse Tee ein. „Was soll da schon passieren?“, fragt die A. zurück. Man werde heiraten, so richtig mit Pfarrer und Kirche in Baden-Baden, für die Berliner gebe es einen schönen Empfang, und den Bildhauer, den Bildhauer werde sie auch einladen.

Wenn er im September noch aktuell sei, natürlich.



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