Mittwoch, 3. Mai 2006

Alles übers Universum

Überhaupt schon immer war ich bekannt für meine ungewöhnliche Unfähigkeit, naturwissenschaftliche Zusammenhänge nachzuvollziehen, und irgendwann, so ungefähr in Quarta, gab der naturwissenschaftliche Lehrkörper mich auf. Ich begriff es nicht, ich würde es nicht begreifen, ich würde es überhaupt nie begreifen, soviel war klar, und dann ließ man es eben, schickte Briefe, denen zu entnehmen war, ich sei versetzungsgefährdet, und überließ mich ansonsten den alten Sprachen, Deutsch, Geschichte und Religion. Einmal, ein einziges Mal nur, packte mich ein Fünkchen Begeisterung, und vielleicht ist Dr. C. schuld, dass es nichts wurde mit mir und den Naturwissenschaften.

Dr. C., ein spitzbärtiger, kreidebestäubter Herr kurz vor der Pensionsgrenze, der alle möglichen Quälfächer unterrichtete, mochte Filmvorführungen, diese Filme, die ein besonders vertrauenswürdiger Schüler auf Rollen in der Kreisbildstelle abholen musste, und an deren Beginn jeweils eine Eule zu sehen war, die dem Institut für Wissenschaft und Unterricht oder so ähnlich als Logo diente. Es wurde also dunkel, Dr. C. lehnte sich bequem zurück, und man sah einen Film, in dem man Abbildungen der ersten Menschen sehen konnte, ihre ausgemalten Höhlen oder auch einfach nur Fledermäuse, vierzig Minuten lang Fledermäuse, die an Höhlendecken hingen oder Kleintiere fraßen. An diesem Tag, am großen Tag meines naturwissenschaftlichen Interesses jedoch, wurde das Weltall gezeigt, also erst die Erde, dann das Sonnensystem, die Milchstraße, und dann die nächstgrößere Einheit, deren Namen ich vergessen habe. Grün und blau, rötlich und irgendwie organisch sah das aus, nicht unähnlich den Darstellungen aus dem Biologiebuch, wie es im Inneren des Verdauungstraktes aussieht, und auch die schematische Darstellung des Weltalls ähnelte stark dem Inneren der menschlichen Zelle. Ich war beeindruckt.

Da saß ich also, ganz hinten am Fenster, 13 Jahre alt, und auf einmal war mir alles klar. In meinem Magen nämlich, vielleicht auch in meiner Milz, in meinem ganzen Körper, kreisten weitere Universen umeinander. Jene Universen bestanden aus wiederum unzähligen einzelnen Einheiten, Sonnensystemen sozusagen, die nur das grobe Forscherauge der phantasie- und inspirationslosen Naturwissenschaftler als bloße Zellen betrachtete, in denen nicht viel los war. In Wirklichkeit jedoch drängten sich ganze Welten aneinander, in den Mitochondrien tobten Sternenkriege, auf den einzelnen, winzigen Partikeln, aus denen wiederum die Zellen zusammengesetzt waren, krochen winzige Lebewesen herum, vierbeinige und zweibeinige, Miniaturkatzen und Großfamilien, Versicherungsvertreter und Unterabteilungsleiter, Zoologen und Physiklehrer, die in Großstädten und ländlichen Oberzentren ein behagliches Leben führten.

Natürlich wussten jene nichts über die größere Einheit, die ihrer Vereinzelung erst Sinn und planvolles Zusammenwirken verlieh. Eine dunkle Ahnung beschlich ab und zu die Intuitiveren unter den Minimenschen, und sie stammelten etwas von einem allmächtigen, allumfassenden Wesen, welchem sie phantasievolle Namen gaben. Die Klügeren weigerten sich überhaupt, einen Namen für jenes Wesen zu verwenden, von dem sie schließlich nicht wussten noch wissen konnten, dass es einfach „Modeste“ hieß.

Ich meldete mich. Mein Lehrer jedoch schenkte mir keinen Glauben. Die Minimenschen, die Universen im Zellkern, die winzigen Metropolen, weidende Kühe tief im Innern unseres Körpers – Dr. C. wollte nichts davon hören. „Nun lassen sie mich doch mal ausreden!“, versuchte ich, mir Gehör zu verschaffen, aber Dr. C. hatte nicht viel über für derlei Dinge, und so kam ich gar nicht erst dazu, die Theorie in ihrer ganzen erschreckenden Großartigkeit vor ihm auszubreiten und ihm zu erläutern , dass selbstverständlich auch wir alle im Innern einer riesigen Einheit wohnen, die wiederum Teil eines größeren Selbst, einer harmonischen Größe, eines beseelten Unversums sei, und dass größer als wir, unseren Blicken entzogen, vielleicht ein kleines Mädchen über eine Riesenwiese läuft, oder ein altes Weib in einem unvorstellbar großen Edeka-Markt mit einem exorbitanten Stück Käse in der Hand an der Kasse steht.

Dr. C. jedoch schnitt mir einfach das Wort ab und diktierte die Hausaufgaben, und ich legte die Naturwissenschaften endgültig zu den Akten.

Samstag, 29. April 2006

Frühling in Berlin

Monatelang liegt der Himmel so tief und schwer über Berlin, als wolle er die Stadt erdrücken. Jede Wolke wiegt ungefähr so viel wie ein ganzer Verein von Sumoringern, wenn sich denn auch diese Menschen in Vereinen zusammentun, und der Wind pfeift durch die Straßen der Stadt, als gelte es, Berlin einmal kräftig abzukärchern, was die Stadt auch einmal gut abkönnte, denn porentiefe Reinheit gehört nicht zu denjenigen Attributen, mit denen die Fremdenverkehrszentrale Berlins um Gäste werben könnte.

„Sauber wie Berlin“ wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht zu den stehenden Redewendungen gehören, die ausländischen Studierenden beigebracht werden, wenn sie sich mit der deutschen Phraseologie bekannt machen, und aus der „Berliner Reinlichkeit“ wird wohl kein Pendant zur „Schwäbischen Sparsamkeit“ oder der Dummheit, die man den Ostfriesen gerne nachsagt, allerdings zu Unrecht, wie ein bekanntes, ursprünglich ostfriesisches Beispiel lehrt, aber wer wird schon ein Vorurteil über Bord werfen, nur weil es nicht stimmt, denn Vorurteile, wie man weiß, hat der Mensch ja nicht, um sie nach erfolgter Falsifikation zu verwerfen.

Genauso gut wäre es natürlich möglich, dass die Berliner mit den Jahren ihrer eigenen Propaganda irgendwann glauben und anfangen würden, tatsächlich sehr sauber zu werden, ihren Abfall in eigens zu diesem Zweck aufgestellte Behälter zu werfen und den Kot ihrer Hunde in Tüten zu tun und ebenfalls der Vernichtung in Müllverbrennungsanlagen zuzuführen. Weil der Berliner, wie das diesmal berechtigte Vorurteil weiß, allerdings geradezu stolz auf seine Widerborstigkeit ist, wird daraus vermutlich nichts werden. „Klinisch rein wie Friedrichshain“ wird auf riesigen Plakaten stehen, auf denen Stadtoberhaupt Wowereit einladend ein Staubtuch schwenkt, aber der Berliner wird nicht erst von Gewissenbissen gezwackt und dann sauberer, nein, er wird vielmehr abfällig durch die Nase prusten und dann seinen kalbsgroßen Köter extra auf den Bürgersteig machen lassen als ein Akt der stolzen Renitenz gegen die Obrigkeit, und die liebe Frau Fragmente wird auch bei ihrem nächsten Besuch an Panke und Spree dem heimeligen Duft Friedrichshains nicht vermissen. "Herzlich willkommen, liebe Frau Fragmente!", wird Berlin ihr entgegenstinken, und alle Hunde dieser Stadt wedeln stolz mit dem Schwanz.

Berlin wird also nicht sauberer werden, der Berliner Winter nicht erträglicher, in dem, wie diesmal eher die Fama als das Vorurteil weiß, schon in den zehn Minuten vom "Visite ma tente" bis zum 103 mehrere Leute so im Zeitraum Januar bis März erfroren sein sollen. Der Berliner Sommer allerdings, der Berliner Sommer ist großartig, und um ihn, um die vier, fünf Monate im Jahr, in dem die Stadt Kapriolen schlägt und lacht, und der Sommer selber auf dem Falkplatz Würste grillt, um diesen Sommer lohnt es sich, auszuharren und auszuhalten, wenn die Stadt im Winter alle zehn Minuten einmal kräftig die morschen Zähne fletscht. Der Sommer ist also toll. Einen Frühling, um noch ein bißchen zu nörgeln, einen Frühling gibt es hier aber nicht.

An einem, sagen wir: Donnerstag, trägt die Berlinerin einen Mantel über dem zentimeterdicken Schurwollpullover, Handschuhe verhüllen ihre blauen Finger, und mit einer gestrickten Mütze auf dem Kopf läuft sie ganz schnell von der Tram bis in die nächste Bar. Selbst Strecken von zehn Minuten zu Fuß fährt sie mit dem Taxi, und nachts schläft sie unter zwei Decken, von denen eine aus Schaf gemacht ist und so schwer ist wie der Schafe zwei. - Am Samstag aber schon sehen wir die selbe Frau im Polohemd mit einer Sonnenbrille auf dem Helmholtzplatz sitzen, sie hält ein Eis in der Hand, sie spielt Boccia, sie überredet den T., den Grill anzuwerfen, und den J., im Prater das erste Weizenbier des Jahres zu trinken. Sie packt alle ihre T-Shirts und Tops aus und betet, dass es dieses Jahr gelingen würde, einen Bikini zu kaufen, in dem sie nicht ausschaut wie ein dickes rasiertes Schaf kurz vor der Schlachtung oder ein Friedrichshainer Hund. Am Freitag aber, am Freitag fand der Frühling statt, die Zeit der Trenchcoats und der Baumwollpullover, die Zeit, in der man Fahrradfahren kann, ohne zu erfrieren oder zu schwitzen, die Zeit, in der die Bäume grün werden, was tatsächlich in Berlin in aller Regel innerhalb von maximal drei bis vier Tagen geschieht, denn auch die Bäume sind Berliner und lieben die Gemächlichkeit nicht: Entweder tun sie nichts, oder sie tun es ganz, ganz schnell.

Dann ist der Frühling vorbei, und manchmal, wenn in der Zeitung oder in Büchern, deren längst verstorbene Autoren irgendwo anders gewohnt haben, der Frühling bedichtet wird als ein übermütiger, feingliedriger Jüngling, ein knabenhafter Pan in den maigrünen Wäldern, ein junges Mädchen mit Flöte und Blumenkranz, dann erinnere ich mich, dass auch ich den Frühling gesehen habe, letzte Woche in Friedrichshain. Ein junger, leicht abgerissener Kerl war's, in eigenhändig bemalener Lederjacke, unbestimmt blond und etwas struppig dazu, und einen unförmigen, knochigen Hund hatte er an der Leine. Hund samt Herrchen lungerten über den durchaus etwas räudigen Platz. Ein bißchen bleich sieht er aus, dachte ich bei mir, aber genau, so ganz genau kann ich ihn nicht beschreiben: Nur einmal lief er um den Platz, und war viel zu schnell wieder weg. Wer genau hinsah, konnte einen Pflasterstein und ein Paket Zündhölzer in seiner Hand sehen, denn mit dem gemeinsamen Werfen von Pflastersteinen und dem Entfachen ritueller Opferfeuer, bei denen ganze Kraftfahrzeuge den Stadtgöttern dargebracht werden, pflegt der Berliner jährlich am 1. Mai die warme Jahreszeit zu begrüßen.

„Ey, haste'n bißchen Kleingeld für was zu trinken für mich oder einen Fahrschein, den du nicht mehr brauchst?“, hat er dieses Jahr, glaube ich, zu mir gesagt, aber das kann auch ein Missverständnis gewesen sein.

Dienstag, 25. April 2006

Leicht zerkratzt, sonst gut in Form

Seit seiner Scheidung von der S. hat Vetter L. leider einen Schaden.

„Da kann ich mich mehr blicken lassen.“, ächzt der L. in den Telephonhörer und erteilt einem samstäglichen Gang über den Kollwitzmarkt eine entschiedene Absage. Er könne da nicht mehr hin, denn in der Sredzkistraße wohne, wie ich mich vielleicht erinnere, die I., und jene, das sei so gut wie gewiss, wolle ihn töten und werde diesen Plan auch voraussichtlich in die Tat umsetzen, bekäme sie Gelegenheit zu einer ebenso blutigen wie öffentlichen Hinrichtung zwischen Freilandeiern und Roter Beete aus ökologischem Anbau. - „Das ist schlecht.“, gebe ich zu und versuche mich zu erinnern, welche Ereignisse genau zu dieser nur als übertrieben zu bezeichnenden Reaktion der I. geführt haben könnten.

„Halt so ein nettes Techtelmechtel.“ entwindet sich der L. meinen Nachfragen nach der I. und murmelt irgendetwas von anlasslosen Hoffnungen jener Zeitgenossen, die aus der puren Tatsache, dass man etwas miteinander habe, auf ein weiterreichendes persönliches Interesse schließen, welches die I. veranlasst haben muss, ihre bestehende Beziehung mit einem anderen Herrn zu beenden und sogar anzunehmen, der L. wolle vielleicht statt des Verflossenen bei ihr einziehen. Jener jedoch pflegte derlei Pläne sozusagen überhaupt nicht, und die I. suchte und fand die Schuld an ihrer Fehlspekulation nicht etwa in der eigenen möglicherweise etwas lebhaften Phantasie, sondern allein bei dem L.

„Da kann man nichts machen.“, wechsele ich das Thema: „Wie läuft’s mit deiner Studentin?“, frage ich und der L. räuspert sich ein wenig verlegen vor sich hin. Nett sei es mit der Studentin, die als studentische Hilfskraft in moderatem Umfange an jenem Institut tätig sei, an dem auch Cousin L. sein Brot verdient, aber der gemeinsame Arbeitgeber sei noch nicht einmal das größte Problem. Er habe, fürchtet er, durch die desaströs verlaufene Ehe mit Kindsmutter S. offensichtlich einen Schaden davongetragen, eine Art Phobie, die ihn bei dem geringstem Anzeichen aufkeimender Verpflichtungslagen in die Flucht treibe. Leider, nuschelt der L. offenbar über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg in den Hörer, würden so gut wie alle ansonsten reizenden Damen mehr Anhänglichkeit zeigen, als er es gegenwärtig gut vertrüge, und mit ihrem Bestehen auf regelmäßige Anrufe, verbindlich gemeinsam verbrauchte Zeit und einer Planung über mehrere Monate, die beispielsweise einen gemeinsamen Erholungsurlaub umfasse, geradezu körperliche Symptome der Klaustrophobie bei ihm hervorrufen. Auch die Studentin, in die er ansonsten geradezu verliebt sei, dränge ihn seit Wochen zu einem gemeinsamen Urlaub im August und stelle gelegentlich Fragen wie „Warum hast du eigentlich nicht angerufen?“, die er als unangenehm empfände. „Ich weiß nicht, wieso Frauen immer so klammern!“, beschwert sich Cousin L. über die Damenwelt mehr oder weniger im Ganzen und kramt geräuschvoll in irgendwelchen Schubladen und Fächern nach Keksen.

Vor seiner Ehe mit Mutantin S., die mit der Geburt der gemeinsamen Tochter eine Metamorphose zu einem ganz ungewöhnlich ununterhaltsamen und leicht übergewichtigen Geschöpf vollzog, hätte dieses Problem, das man nur leicht vergröbernd als Bindungsangst bezeichnen könnte, noch keineswegs bestanden. Die Worte etwa „meine Freundin“ oder die Verpflichtung zu einem gemeinsamen Urlaub schreckten den L. damals nicht, er machte sich nicht einmal Gedanken über mögliche Verstrickungen, denen man am Ende schlecht entrinnt, und alles in allem, bilanziere ich, löffeln nun ganz normal anhängliche Frauen die Suppe aus, die Klette S. ihnen eingebrockt hat.

„So ein Schaden verschwindet auch wieder.“, rede ich dem L. gut zu und hoffe, die Studentin möge klug genug sein, auf die L.‘sche Unstetigkeit mit jener Gelassenheit zu reagieren, die reichere Früchte tragen dürfte als Bemühungen irgendwelcher Art, den L. noch einmal gewaltsam zu so etwas wie einer Beziehung zu erpressen.

„Und wenn nicht, dann nicht.“, beendet der L. das Thema und imaginiert ein Leben als alternder Junggeselle mit vielen Büchern und sehr gelegentlichem Besuch. Es hört sich ganz gut an. Und ansonsten heilt die Zeit ja bekanntlich alle Wunden.

Montag, 24. April 2006

The silent downturn of Krokette

Da gehen Sie also einmal richtig gut essen, es gibt irgendwas mit Trüffel obendrauf oder Seezungenröllchen mit Morchelsülze oder ein Risotto aus Lebensmitteln, von denen Sie nie angenommen hätten, das man daraus Risotto machen kann, Graupen oder so. Gefüllte Nudeln werden immer gern genommen, vielleicht mit einem wirklich exotischen gehackten Kürbis innendrin oder Entenstopfleber oder derlei Dingen, die ja wirklich gut schmecken, wie man weiß. Steak steht auch auf der Karte, aber wenn Sie das bestellen, habe ich gehört, wird Sie der Koch verachten, den Sie zwar nicht kennen, aber das hat man ja nicht so gern, und Steak gibt’s schließlich auch anderswo.

Vielleicht ist Ihnen das auch alles zu teuer, Sie haben kein Geld und niemanden, der Sie einladen möchte, und gehen deswegen einfach eine Portion Sushi essen, Ente in Misosauce und dazu gibt es Reis. Sie können auch Pizza essen, so eine riesengroße Pizza mit wahnsinnig viel Lachs drauf und einem ganzen Becher Créme fraîche in den S-Bahnbögen, thailändische, scharfe Suppen bei Monsieur Vuong, oder ein Wiener Schnitzel in Kreuzberg.

Dann schleppen Sie sich nach Hause. Sie sind satt. Sie sind so eindeutig satt, dass es fast schon widerlich ist, aber irgendetwas, irgendetwas fehlt. Sie hatten Reissuppe mit japanischem Berggemüse, Sie haben Weinbergschnecken bekommen, man hat Ihnen Tarte Tatin gebracht und Seewolf gebraten, aber in Ihrem Magen ist ein Loch. Nicht ein richtiges Loch, keine tatsächliche Leere. Tatsächlich sind Sie eigentlich pappsatt und können überhaupt nichts mehr essen, und wenn Sie es versuchen würden....tja, das ginge schlecht aus und morgen lägen Sie im Bett.

„Mein liebes Fräulein Modeste!“, ächzen Sie pappsatt, aber diffus unbefriedigt, in die Nacht und bitten um Aufklärung, was nun eigentlich gerade nicht stimmt. Sie haben etwas nicht bekommen, wonach Ihnen der Sinn steht, aber Sie wissen nicht was. Ihre Sehnsucht, um einmal ein wenig pathetisch zu werden, kreist ziellos über Ihrem Bauch. Verschwörerisch, fast etwas geheimnisvoll, beuge ich mich dann über Sie und flüstere Ihnen die ganze Wahrheit ins linke Ohr: Es liegt an den Beilagen. Sie stottern etwas von Bärlauchspätzle und gratinierten Stampfkartoffeln, von großartigem Brot oder Sobanudeln, aber ich, ich schüttele einfach nur den Kopf. Kroketten, sage ich, und auf einmal wissen Sie, woran es fehlt.

Seit Jahren, stöhnen Sie aus den schmerzhaften Tiefen Ihrer Übersättigung, fressen Sie sich durch die Berliner Gastronomie. Wo man isst, da essen auch Sie, wo man trinkt, da lassen Sie sich nieder, und der Tag ist nicht fern, an dem die Berliner Sommeliers zu Ihrem Geburtstag eine Delegation schicken werden. Kroketten aber, Kroketten haben Sie jahrelang keine gesehen, noch nicht einmal von Kroketten gelesen, denn die Speisekarten Berlins, sie sind vollkommen krokettenfrei, denn die Krokette muss irgendwann aus der Mode gekommen sein und niemand isst mehr davon. Ein trauriges Randgruppendasein führt die Krokette und wird lediglich von älteren Damen noch heimlich aus den Tiefkühltruhen gefischt und sofort unter einem Beutel Rucola verborgen.

Da liegen Sie dann also, halten sich den Bauch und stöhnen nach Kroketten. Natürlich paniert, knusprig außen, innendrin weich und saftig mit Jägersauce oder Rahmsauce dazu, und dazu passt weder eine marinierte Ente mit Ingwer und Honig noch Jacobsmuscheln oder Lammbratwurst. Zu Kroketten passen ein paar Bratenscheiben, Rinderschmorbraten oder ein Kalbsrücken oder einfach ein Butterschnitzel mit Spiegeleiern obendrauf.

„Das kann so schwer nicht sein.“, fangen Sie an zu spekulieren. „Hah!“, sage ich und berichte über eins der letzten schwarzen Löcher der Berliner Gastronomie: Wo man Kroketten isst, da will man nicht hin, weil die Küche da Tiefkühlerbsen auftaut und stinkende Braten aus alten Schweinen zubereitet. Außerdem sind die Leute hässlich, die in diesen Restaurants verkehren, und das Interieur sagt einem ästhetisch empfindsamen Gemüt auch nicht zu. Der Untergang der Krokette in der Wohlfühlgastronomie, sage ich.

Das darf doch nicht wahr sein, protestieren Sie und schlafen ein mit Ihrem vollen Magen. In Ihren Träumen servieren reizende Kellnerinnern krosse Kroketten und Schmorbraten dazu, Küchenchefs beherrschen die Kunst der perfekten Rotkohlzubereitung, aber in Wirklichkeit, in der Berliner Realität, gibt es keine Schmorbraten, keine Kroketten, und das ist sehr, sehr schade.

Freitag, 21. April 2006

Golden in the heydays of his eyes

And as I was green and carefree, famous among the barns
About the happy yard and singing as the farm was home,
In the sun that is young once only,
Time let me play and be
Golden in the mercy of his means,
And green and golden I was huntsman and herdsman, the calves
Sang to my horn, the foxes on the hills barked clear and cold,
And the sabbath rang slowly
In the pebbles of the holy streams.

Dylan Thomas, Fern Hill

So lange, so viele Jahre habe ich auf keinem Pferderücken mehr gesessen, und doch einmal gern und sogar halbwegs gut geritten, mit acht, mit zwölf, 15, 18, aber mit zwanzig dann nicht mehr, weit weg vom Jacky, dem braunen Trakehnerwallach mit der weißen Blesse. Nachts aber, manchmal im Traum, vielleicht mit zuckendem Füßen wie ein schlafender Hund, nachts reite ich wieder vom Reitstall durchs offene Tor zwischen den Kastanien hindurch, und die Bäume werfen mir die letzten rot-weißen Blüten auf den Weg bis zur grauverputzten Mauer, deren Pforte stets geschlossen sein soll und es doch niemals ist, den ganzen Sommer nicht, und nie in meinen Träumen.

Sanft wölbt sich die Erde vor mir hinab zum See, und ich reite, reite, falle in den gestreckten Galopp, und rechts und links stäubt das Korn, und der Hopfen reckt sich dem Himmel entgegen, als könne er weiter wachsen, immer höher, und wie die Märchenbohnen seine Spitzen schließlich bis zur Himmelspforte ausstrecken. Träge von Wärme und Sommer atmet das Land in der Sonne und treibt einen vollblütigen, roten Saft in die Früchte, die in den Bäumen hängen. Sogar die Stallkatzen sind strotzend, stolz und gesund, und auch das ingwerfarbene Fell von Kater Archie fehlt nicht bei Nacht.

Unterhalb der Wiesen wird es steiler, enger der Pfad, und ein Wäldchen verdunkelt den sonnenbeschienenen Weg. Ich verlangsame noch vorm Märchenstein, auf dem in der Johannisnacht ein stummes Mädchen sitzen soll, das erlöst, wer sich traut, sie zu küssen, und keine Angst hat vor der blutigen Linie um ihren Hals. Reich belohnt würde, wer die arme Wiedergängerin erlösen könnte, denn das tote Mädchen bewacht einen Schatz, ihre Mitgift, und nur sie weiß, wo er zu finden ist, aber zum Küssen und Erlösen kommen nur Männer in Frage, und so reite ich weiter, vorbei an der Kuhkoppel, wo mehr Löwenzahn wächst als irgendwo sonst, und die kleinen Mädchen sich Kronen aus den gelben Blüten banden und Prinzessinnen waren, lauter Königskinder zwischen den sanften, riesengroßen Kühen.

Immer allein reite ich durch meine Träume, nie reitet die N. mit mir, nie die S., meine besten Freundinnen zu Schulzeiten, die sich gegenseitig nicht ausstehen konnten: Die extravagante, schöne N., die ihre Klugheit hinter mehr Verrücktheiten verbarg als irgendjemand in meiner Klasse, und sich alles und jeden nahm, den sie wollte, und die ernste, besonnene S., die viel las und noch mehr nachdachte und freundlich war, gütig und so nett, dass niemand bemerkte, dass sie auch hübsch war. Beide ritten oft mit mir, beide hatten eigene Pferde, und nur ich sollte kein eigenes Pferd bekommen, und hatte am Jacky nur eine Reitbeteiligung, auch wenn er eigentlich, redete ich mir ein, mir gehörte, denn wenn ich kam, erkannte er meinen Schritt schon im Hof und wieherte und scharrte mit den Hufen. Seine Eigentümerin erkannte er nie. Im Traum gehört Jacky natürlich ganz mir, und wer weiß, ob Jackys rechtmäßige Eigentümerin, meine Kieferorthopädin, noch so von ihm träumt, der zwei Jahre nach meinem Abi krank wurde und starb, oder ob er nicht inzwischen ganz mein ist, die seinen Schatten in ihren Träumen noch einmal mit glänzendem Fell bekleidet, noch einmal durch die schwarze Mähne greift, die Nüstern streichelt und dem toten Pferd einen Apfel reicht, der unter einem Baum auf dem Boden liegt hinter dem Wäldchen, wo das Land weit wird, weit und offen.

Streng verboten ist es, über die Äcker zu reiten, aber im Traum reite ich geradeaus, verlasse den Weg und setze hinweg über Brombeeren und Hagebutten, steige vom Pferd und gehe zu Fuß über die schweren, lehmigen Schollen. Ein paar Minuten sitze ich im Schatten einiger Weißdornbüsche und blinzele in die Sonne, bevor ich aufsteige und Jacky an den Schlehen vorbei dem See zutreibe, an dessen Ufern der Wind die Weiden wiegt. Aus dem trägen, grünschimmernden Wasser ruft mich der wilde Wassermann, um mich zu heiraten und mit mir zu leben in seinem Schloss aus Schlick und Muscheln, und golden leuchtet die Nachmittagssonne zwischen den Blättern hindurch und wirft lauter Sonnenmünzen durch meine Träume in meinen Schoß, die verschwunden sein werden, wenn ich erwache.



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