Sonntag, 7. Mai 2006

Der Haxnfresser

„Wie stehe ich denn da, wenn du das schreibst?“, ringt die B.² am anderen Ende der Leitung hörbar die Hände, und so ist es mir eine Pflicht, bereits an dieser Stelle rein prophylaktisch anzumerken, dass die B.² so etwas ansonsten wirklich nie tut und sich eigentlich immer so korrekt benimmt, wie es ihrer guten Erziehung in einer konfessionellen schwäbischen Mädchenschule entspricht. Die B.² kann man eigentlich überall hin mitnehmen, und ihr Benehmen entspricht vom dunkelblonden, wohlfrisierten Kopf bis zu den dezent beschuhten Füßen voll und ganz dem Leitbild einer reizenden, eloquenten und charmanten Dame, die so gut wie nie aus der Rolle fällt, außer am letzten Donnerstag eben, und das kam so:

Die B.² sucht ja inzwischen schon etwas länger einen Gefährten, einen netten Herrn eben, für nachts und tagsüber auch, und, wenn möglich, diesmal für immer. Berlin indes ist kein gutes Pflaster für die Jagd nach einem ständigen Begleiter, denn der männliche Berliner wird mit zunehmendem Alter nicht etwa häuslicher, sondern bloß neurotischer, und nicht selten bekommen ansonsten nette Leute allein von dem Gedanken an eine feste Beziehung lebensgefährliche Erstickungsanfälle und einen abstoßenden Ausschlag. Dass die meisten männlichen, studierten, berufstätigen, ungefähr dreißigjährigen Berliner deswegen allzu oft keine Beziehung, sondern nur eine unverbindliche, wenn auch intime Bekanntschaft suchen, nimmt deswegen uns, die wir erfahren sind in den wüsten Gewässern der Großstadtpsyche, auch nicht weiter wunder. Es ist also ein etwas ermüdendes Geschäft, die Suche nach dem Mann des Lebens, und der Verzehr von Haxn ist beileibe nicht der größte Fehler, den ein Kandidat aufweisen kann. Die aktuelle Bekanntschaft der B.² aber mag am Donnerstag abend vielleicht wirklich an einer Haxe gescheitert sein.

Eine Haxe nämlich bestellte derjenige Herr, den die B.² bereits in der Vorwoche einmal zum Tee getroffen hatte, in einem Gartenlokal, wo man derlei Dinge essen kann, irgendwo im Westen der Stadt. Die B.² kam direkt von der Arbeit, auch der nette Herr kam direkt aus dem Büro, und so saßen sich die beiden unter blühenden Bäumen gegenüber. „Eine Haxe!“, bestellte der Herr und erzählte von den derben Genüssen seiner Heimat. „Ein großer Salat mit Fetakäse und Oliven!“, bestellte die B.². - „Die Haxe kann ein bißchen dauern.“, kündigte die Kellnerin an, man bestellte deswegen direkt erst einmal ein Bier als Aperitif und erzählte sich allerlei Nettigkeiten, wie es Leute tun, die sich zum zweitenmal treffen und vielleicht verlieben möchten.

Es wurde langsam dunkel, die Biergläser waren leer, man verstand sich bestens und bestellte eine weitere Runde. Einen reizenden Dialekt sprach der Begleiter, und erzählte allerlei Nettes über weite Reisen und seinen Hund. „Gleich kommt die Haxe.“, versprach die Kellnerin, und stellte eine weitere Runde Bier auf den Tisch, die der Begleiter geordert hatte, dessen Großvater einmal eine Brauerei hatte, von der er erzählte. Seit dem Mittagessen – einer Rainbow Roll in Mitte – war es sieben Stunden her. Der Dunst des Bieres vernebelte der B.² Gehirn, und auch ihr Gegenüber wurde zunehmend lauter, gesprächiger, lachte die ganze Zeit und gefiel der B.² eigentlich ganz gut. Dann kam das Essen.

Ein gigantischer Salat, gekrönt von einem Berg Käse und Zwiebelringen, ungefähr ein Glas Oliven obendrauf, stand vor der B.². Vor ihrem Begleiter aber stellte die Kellnerin eine riesige Haxe ab, ein unförmig und rotbraun gebratenes Stück Tier aus Knochen und Fleisch, groß wie ein Volleyball und umgeben von einer knusprigen, festen Schwarte aus reinem Schweinefett. „Hmmm..“, machte der Herr, ergriff die Haxe mit beiden Händen und führte sie zum Mund. Krachend schlugen seine Zähne durch die Schwarte und gruben sich tief in das weiße, glänzende Fett. Die B.² stocherte ein bißchen in ihrem Salat, der bis auf das Fertigdressing von Develey ganz in Ordnung war, die Zwiebelringe vielleicht etwas dick geschnitten, und sah ihrem Begleiter beim Essen zu. Die fettigen Rinnsaale, die über die Schwarte flossen. Das rote Fleisch und der weiße, an den freiliegenden Enden der Haxe braungebratene Knochen. Das Geräusch, mit dem die Kruste der Schwarte brach. - Es grauste die B.² ein wenig, die schon den Anblick eines Brathähnchen nicht gut verträgt und nur ungern Metzgereien besucht wegen des rohen Fleisches, das in diesen Geschäften in der Auslage liegt. Mit der Zunge fuhr ihr Gegenüber über seine fleischsafttropfenden Lippen, riss riesige Stücke Graubrot mit Kümmel und Salz auseinander, stopfte sie dem Fleisch hinterher und spülte all dies mit Unmengen Bier hinunter. Das Bier immerhin schmeckte auch der B.². "Noch zwei Maibock!", bestellte der Begleiter zwischen zwei Bissen, und Maibock ist ein ganz besonders starkes Bier.

„Magst du auch noch was trinken?“, fragte der Haxnfresser eins ums andere Mal, und die B.² nickte. Es war ihr schon ein bißchen anders, die Bäume ragten ein wenig schief in ihr Bewusstsein, der Boden war nicht ganz so fest, wie er es ansonsten zu sein pflegt, und am Salat war ihr der Appetit vergangen angesichts des unglaublichen Mahles ihres Begleiters. „Schmeckt’s dir nicht?“, erkundigte sich dieser, und deutete auf ihren Salat. Die B.² redete sich auf das Fertigdressing heraus und wartete auf das Ende der Mahlzeit ihres Gegenüber. Währenddessen trank sie weiter und stieß mit dem Haxnfresser an auf den Sommer, auf Berlin, auf den bierbrauenden Großvater und den Tegernsee und auf alles Mögliche, was die B.² bierbedingt sofort vergaß.

Schließlich wurde abgeräumt. Erleichtert sah die B.² den abgenagten Knochen verschwinden, der Haxnfresser aß noch ein bißchen Bauernbrot, und der ungegessene Salat wurde gleichfalls abgetragen. Der Begleiter, nun wieder mit leerem Mund, sprach über die Kunst, wie es sich gehört, wenn man Damen beeindrucken möchte, und das Gespräch glitt zunehmend ins Intime. Die Gesprächspausen wurden länger, und irgendwann strich der Haxnfresser der B.² übers Knie und näherte mit gespitzten Lippen sein Gesicht dem ihren.

Die B.² sah ihn an. Fettig glänzte sein Mund, sein Atem roch nach gebratenem Schwein, und die B.² wollte auf einmal nur noch nach Hause. Der Begleiter atmete der B.² die Haxe entgegen, und die B.² drehte den Kopf weg. Ihr war übel. „Lass mich kurz...“, lief die B.² in die Gaststätte hinein und fragte hastig nach den Sanitäranlagen. Die Treppe abwärts und dann links, erklärte man ihr, und die B.² beeilte sich. Ihr war zum Sterben schlecht. Fast wäre sie die Treppe hinuntergefallen, denn das Geländer schwankte und bog sich unter der Macht des Alkohols.

Hinter der verschlossenen Tür unterhalb der Treppe aber wollen wir die B.² nicht stören, denn nicht schön sind Damen, die viel zu viel Bier getrunken haben, und Haxn auch dann nicht gut vertragen, wenn andere Leute sie essen. Bestimmt eine halbe Stunde saß die B.² verzweifelt und betrunken in der Kabine herum und versuchte, ihren bierumfangenen Geist zu sammeln. Mit dem Bier vermischte sich der ganze Jammer der B.², die schon ein bißchen zu lange nach einem warmen Arm um die Schulter sucht, um derlei Ereignisse mit einem Lächeln abzutun, und so saß sie in der verschlossenen Kabine und schluchzte leise, weil es die Liebe für manche Leute vielleicht gar nicht gibt.

Irgendwann klopfte es. Der Begleiter rief die B.² bei ihrem Namen, einmal, zweimal, aber die B.² blieb stumm und fühlte sich elend. "Geht's dir auch gut?", fragte der Haxnfresser, aber der B.² ging es gar nicht gut und so schwieg sie vor lauter Traurigkeit und Scham. Dann ging der Haxfresser und ließ die B.² allein. Irgendwann stieg auch die B.² die Treppe wieder hinauf. Der Haxnfresser war weg.

„Junges Fräulein!“, fasste die Kellnerin die B.² an der Schulter und überreichte ihr einen Zettel. Der Haxnfresser hatte ihn verfasst:

„Liebe B.², es tut mir wirklich leid, da habe ich wohl die Situation falsch eingeschätzt. Sei mir bitte nicht böse. Danke für den trotz allem schönen Abend. Ich rufe dich morgen an, wenn ich darf.“

Krank und unglücklich fuhr die B.² nach Hause und legte sich ins Bett. Als der Haxnfresser am nächsten Abend anrief, war sie nicht daheim. Ob sie den Haxnfresser aber zurückruft, dass weiß sie noch nicht, denn sehr peinlich ist der B.² die ganze Geschichte, der so etwas sonst nie passiert , denn die B.², um noch einmal darauf zurückzukommen, trinkt sonst selten so viel und weiß sich eigentlich immer zu benehmen. So gut wie nie trinkt sie Bier, mit einem Haxnfresser war sie noch nie aus, und das wird vielleicht auch in Zukunft wieder so bleiben.

Samstag, 6. Mai 2006

Die Natur auf Kriegsfuß

Morgens ist eigentlich noch alles bestens, der Wecker klingelt, man quält sich so aus dem Bett, und eine halbe Stunde später mit nicht ganz geföhnten Haaren steht man also vor der Tür. „Hah!“, sagen die Bäume, beugen sich weit zu einem hinunter und werfen einem eimerweise Pollen ins Gesicht. Die mickerigen Gräser rundherum holen tief Luft und pusten einen einmal richtig an, und auf den paar hundert Metern bis zur U 2 beginnt man zu leiden.

Die Schleimhäute schwellen zu völlig ungeahnten Ausmaßen an, die Nase läuft, und man niest so ungestüm, dass die anderen Leute in der Bahn erschreckt ein Stück abrücken aus Angst vor gefährlichen Infektionen. Ich bin gar nicht ansteckend, möchte man ihnen zurufen, aber das geht ja gerade nicht, weil man ein Taschentuch vor der Nase hat und den ganzen Tag fortfährt, eine Spur von Taschentüchern zu hinterlassen, die, würde man unterwegs den einen oder anderen Mord begehen, die Polizei sofort auf die eigene Fährte bringen würden.

Bis vor einigen Jahren, erinnert man sich, war man kerngesund. Keine einzige Allergie, ab und zu mal eine Erkältung, und sonst nichts. Die üblichen Sportverletzungen, und ansonsten sprang das Fräulein Modeste dermaßen vital durch die Gegend, dass Mutter Natur, die bekanntlich eine bösartige Matrone zu sein pflegt, die Stirn runzelte und ihren Knechten paar Anweisungen zuflüsterte. Dann ging es los. Erst Walnüsse. Dann Penicillin. Und schließlich verschwor sich die heimische Flora und zerrüttete in einer konzertierten Aktion mein Immunsystem auf das Allerschönste.

Wollen wir doch mal sehen, wer gewinnt, wispert es des Nachts in den Bäumen, und die Natur reibt sich die schwieligen Hände, es der Zivilsation noch einmal so richtig gezeigt zu haben.

Mittwoch, 3. Mai 2006

Alles übers Universum

Überhaupt schon immer war ich bekannt für meine ungewöhnliche Unfähigkeit, naturwissenschaftliche Zusammenhänge nachzuvollziehen, und irgendwann, so ungefähr in Quarta, gab der naturwissenschaftliche Lehrkörper mich auf. Ich begriff es nicht, ich würde es nicht begreifen, ich würde es überhaupt nie begreifen, soviel war klar, und dann ließ man es eben, schickte Briefe, denen zu entnehmen war, ich sei versetzungsgefährdet, und überließ mich ansonsten den alten Sprachen, Deutsch, Geschichte und Religion. Einmal, ein einziges Mal nur, packte mich ein Fünkchen Begeisterung, und vielleicht ist Dr. C. schuld, dass es nichts wurde mit mir und den Naturwissenschaften.

Dr. C., ein spitzbärtiger, kreidebestäubter Herr kurz vor der Pensionsgrenze, der alle möglichen Quälfächer unterrichtete, mochte Filmvorführungen, diese Filme, die ein besonders vertrauenswürdiger Schüler auf Rollen in der Kreisbildstelle abholen musste, und an deren Beginn jeweils eine Eule zu sehen war, die dem Institut für Wissenschaft und Unterricht oder so ähnlich als Logo diente. Es wurde also dunkel, Dr. C. lehnte sich bequem zurück, und man sah einen Film, in dem man Abbildungen der ersten Menschen sehen konnte, ihre ausgemalten Höhlen oder auch einfach nur Fledermäuse, vierzig Minuten lang Fledermäuse, die an Höhlendecken hingen oder Kleintiere fraßen. An diesem Tag, am großen Tag meines naturwissenschaftlichen Interesses jedoch, wurde das Weltall gezeigt, also erst die Erde, dann das Sonnensystem, die Milchstraße, und dann die nächstgrößere Einheit, deren Namen ich vergessen habe. Grün und blau, rötlich und irgendwie organisch sah das aus, nicht unähnlich den Darstellungen aus dem Biologiebuch, wie es im Inneren des Verdauungstraktes aussieht, und auch die schematische Darstellung des Weltalls ähnelte stark dem Inneren der menschlichen Zelle. Ich war beeindruckt.

Da saß ich also, ganz hinten am Fenster, 13 Jahre alt, und auf einmal war mir alles klar. In meinem Magen nämlich, vielleicht auch in meiner Milz, in meinem ganzen Körper, kreisten weitere Universen umeinander. Jene Universen bestanden aus wiederum unzähligen einzelnen Einheiten, Sonnensystemen sozusagen, die nur das grobe Forscherauge der phantasie- und inspirationslosen Naturwissenschaftler als bloße Zellen betrachtete, in denen nicht viel los war. In Wirklichkeit jedoch drängten sich ganze Welten aneinander, in den Mitochondrien tobten Sternenkriege, auf den einzelnen, winzigen Partikeln, aus denen wiederum die Zellen zusammengesetzt waren, krochen winzige Lebewesen herum, vierbeinige und zweibeinige, Miniaturkatzen und Großfamilien, Versicherungsvertreter und Unterabteilungsleiter, Zoologen und Physiklehrer, die in Großstädten und ländlichen Oberzentren ein behagliches Leben führten.

Natürlich wussten jene nichts über die größere Einheit, die ihrer Vereinzelung erst Sinn und planvolles Zusammenwirken verlieh. Eine dunkle Ahnung beschlich ab und zu die Intuitiveren unter den Minimenschen, und sie stammelten etwas von einem allmächtigen, allumfassenden Wesen, welchem sie phantasievolle Namen gaben. Die Klügeren weigerten sich überhaupt, einen Namen für jenes Wesen zu verwenden, von dem sie schließlich nicht wussten noch wissen konnten, dass es einfach „Modeste“ hieß.

Ich meldete mich. Mein Lehrer jedoch schenkte mir keinen Glauben. Die Minimenschen, die Universen im Zellkern, die winzigen Metropolen, weidende Kühe tief im Innern unseres Körpers – Dr. C. wollte nichts davon hören. „Nun lassen sie mich doch mal ausreden!“, versuchte ich, mir Gehör zu verschaffen, aber Dr. C. hatte nicht viel über für derlei Dinge, und so kam ich gar nicht erst dazu, die Theorie in ihrer ganzen erschreckenden Großartigkeit vor ihm auszubreiten und ihm zu erläutern , dass selbstverständlich auch wir alle im Innern einer riesigen Einheit wohnen, die wiederum Teil eines größeren Selbst, einer harmonischen Größe, eines beseelten Unversums sei, und dass größer als wir, unseren Blicken entzogen, vielleicht ein kleines Mädchen über eine Riesenwiese läuft, oder ein altes Weib in einem unvorstellbar großen Edeka-Markt mit einem exorbitanten Stück Käse in der Hand an der Kasse steht.

Dr. C. jedoch schnitt mir einfach das Wort ab und diktierte die Hausaufgaben, und ich legte die Naturwissenschaften endgültig zu den Akten.

Samstag, 29. April 2006

Frühling in Berlin

Monatelang liegt der Himmel so tief und schwer über Berlin, als wolle er die Stadt erdrücken. Jede Wolke wiegt ungefähr so viel wie ein ganzer Verein von Sumoringern, wenn sich denn auch diese Menschen in Vereinen zusammentun, und der Wind pfeift durch die Straßen der Stadt, als gelte es, Berlin einmal kräftig abzukärchern, was die Stadt auch einmal gut abkönnte, denn porentiefe Reinheit gehört nicht zu denjenigen Attributen, mit denen die Fremdenverkehrszentrale Berlins um Gäste werben könnte.

„Sauber wie Berlin“ wird wohl auch in den nächsten Jahren nicht zu den stehenden Redewendungen gehören, die ausländischen Studierenden beigebracht werden, wenn sie sich mit der deutschen Phraseologie bekannt machen, und aus der „Berliner Reinlichkeit“ wird wohl kein Pendant zur „Schwäbischen Sparsamkeit“ oder der Dummheit, die man den Ostfriesen gerne nachsagt, allerdings zu Unrecht, wie ein bekanntes, ursprünglich ostfriesisches Beispiel lehrt, aber wer wird schon ein Vorurteil über Bord werfen, nur weil es nicht stimmt, denn Vorurteile, wie man weiß, hat der Mensch ja nicht, um sie nach erfolgter Falsifikation zu verwerfen.

Genauso gut wäre es natürlich möglich, dass die Berliner mit den Jahren ihrer eigenen Propaganda irgendwann glauben und anfangen würden, tatsächlich sehr sauber zu werden, ihren Abfall in eigens zu diesem Zweck aufgestellte Behälter zu werfen und den Kot ihrer Hunde in Tüten zu tun und ebenfalls der Vernichtung in Müllverbrennungsanlagen zuzuführen. Weil der Berliner, wie das diesmal berechtigte Vorurteil weiß, allerdings geradezu stolz auf seine Widerborstigkeit ist, wird daraus vermutlich nichts werden. „Klinisch rein wie Friedrichshain“ wird auf riesigen Plakaten stehen, auf denen Stadtoberhaupt Wowereit einladend ein Staubtuch schwenkt, aber der Berliner wird nicht erst von Gewissenbissen gezwackt und dann sauberer, nein, er wird vielmehr abfällig durch die Nase prusten und dann seinen kalbsgroßen Köter extra auf den Bürgersteig machen lassen als ein Akt der stolzen Renitenz gegen die Obrigkeit, und die liebe Frau Fragmente wird auch bei ihrem nächsten Besuch an Panke und Spree dem heimeligen Duft Friedrichshains nicht vermissen. "Herzlich willkommen, liebe Frau Fragmente!", wird Berlin ihr entgegenstinken, und alle Hunde dieser Stadt wedeln stolz mit dem Schwanz.

Berlin wird also nicht sauberer werden, der Berliner Winter nicht erträglicher, in dem, wie diesmal eher die Fama als das Vorurteil weiß, schon in den zehn Minuten vom "Visite ma tente" bis zum 103 mehrere Leute so im Zeitraum Januar bis März erfroren sein sollen. Der Berliner Sommer allerdings, der Berliner Sommer ist großartig, und um ihn, um die vier, fünf Monate im Jahr, in dem die Stadt Kapriolen schlägt und lacht, und der Sommer selber auf dem Falkplatz Würste grillt, um diesen Sommer lohnt es sich, auszuharren und auszuhalten, wenn die Stadt im Winter alle zehn Minuten einmal kräftig die morschen Zähne fletscht. Der Sommer ist also toll. Einen Frühling, um noch ein bißchen zu nörgeln, einen Frühling gibt es hier aber nicht.

An einem, sagen wir: Donnerstag, trägt die Berlinerin einen Mantel über dem zentimeterdicken Schurwollpullover, Handschuhe verhüllen ihre blauen Finger, und mit einer gestrickten Mütze auf dem Kopf läuft sie ganz schnell von der Tram bis in die nächste Bar. Selbst Strecken von zehn Minuten zu Fuß fährt sie mit dem Taxi, und nachts schläft sie unter zwei Decken, von denen eine aus Schaf gemacht ist und so schwer ist wie der Schafe zwei. - Am Samstag aber schon sehen wir die selbe Frau im Polohemd mit einer Sonnenbrille auf dem Helmholtzplatz sitzen, sie hält ein Eis in der Hand, sie spielt Boccia, sie überredet den T., den Grill anzuwerfen, und den J., im Prater das erste Weizenbier des Jahres zu trinken. Sie packt alle ihre T-Shirts und Tops aus und betet, dass es dieses Jahr gelingen würde, einen Bikini zu kaufen, in dem sie nicht ausschaut wie ein dickes rasiertes Schaf kurz vor der Schlachtung oder ein Friedrichshainer Hund. Am Freitag aber, am Freitag fand der Frühling statt, die Zeit der Trenchcoats und der Baumwollpullover, die Zeit, in der man Fahrradfahren kann, ohne zu erfrieren oder zu schwitzen, die Zeit, in der die Bäume grün werden, was tatsächlich in Berlin in aller Regel innerhalb von maximal drei bis vier Tagen geschieht, denn auch die Bäume sind Berliner und lieben die Gemächlichkeit nicht: Entweder tun sie nichts, oder sie tun es ganz, ganz schnell.

Dann ist der Frühling vorbei, und manchmal, wenn in der Zeitung oder in Büchern, deren längst verstorbene Autoren irgendwo anders gewohnt haben, der Frühling bedichtet wird als ein übermütiger, feingliedriger Jüngling, ein knabenhafter Pan in den maigrünen Wäldern, ein junges Mädchen mit Flöte und Blumenkranz, dann erinnere ich mich, dass auch ich den Frühling gesehen habe, letzte Woche in Friedrichshain. Ein junger, leicht abgerissener Kerl war's, in eigenhändig bemalener Lederjacke, unbestimmt blond und etwas struppig dazu, und einen unförmigen, knochigen Hund hatte er an der Leine. Hund samt Herrchen lungerten über den durchaus etwas räudigen Platz. Ein bißchen bleich sieht er aus, dachte ich bei mir, aber genau, so ganz genau kann ich ihn nicht beschreiben: Nur einmal lief er um den Platz, und war viel zu schnell wieder weg. Wer genau hinsah, konnte einen Pflasterstein und ein Paket Zündhölzer in seiner Hand sehen, denn mit dem gemeinsamen Werfen von Pflastersteinen und dem Entfachen ritueller Opferfeuer, bei denen ganze Kraftfahrzeuge den Stadtgöttern dargebracht werden, pflegt der Berliner jährlich am 1. Mai die warme Jahreszeit zu begrüßen.

„Ey, haste'n bißchen Kleingeld für was zu trinken für mich oder einen Fahrschein, den du nicht mehr brauchst?“, hat er dieses Jahr, glaube ich, zu mir gesagt, aber das kann auch ein Missverständnis gewesen sein.

Dienstag, 25. April 2006

Leicht zerkratzt, sonst gut in Form

Seit seiner Scheidung von der S. hat Vetter L. leider einen Schaden.

„Da kann ich mich mehr blicken lassen.“, ächzt der L. in den Telephonhörer und erteilt einem samstäglichen Gang über den Kollwitzmarkt eine entschiedene Absage. Er könne da nicht mehr hin, denn in der Sredzkistraße wohne, wie ich mich vielleicht erinnere, die I., und jene, das sei so gut wie gewiss, wolle ihn töten und werde diesen Plan auch voraussichtlich in die Tat umsetzen, bekäme sie Gelegenheit zu einer ebenso blutigen wie öffentlichen Hinrichtung zwischen Freilandeiern und Roter Beete aus ökologischem Anbau. - „Das ist schlecht.“, gebe ich zu und versuche mich zu erinnern, welche Ereignisse genau zu dieser nur als übertrieben zu bezeichnenden Reaktion der I. geführt haben könnten.

„Halt so ein nettes Techtelmechtel.“ entwindet sich der L. meinen Nachfragen nach der I. und murmelt irgendetwas von anlasslosen Hoffnungen jener Zeitgenossen, die aus der puren Tatsache, dass man etwas miteinander habe, auf ein weiterreichendes persönliches Interesse schließen, welches die I. veranlasst haben muss, ihre bestehende Beziehung mit einem anderen Herrn zu beenden und sogar anzunehmen, der L. wolle vielleicht statt des Verflossenen bei ihr einziehen. Jener jedoch pflegte derlei Pläne sozusagen überhaupt nicht, und die I. suchte und fand die Schuld an ihrer Fehlspekulation nicht etwa in der eigenen möglicherweise etwas lebhaften Phantasie, sondern allein bei dem L.

„Da kann man nichts machen.“, wechsele ich das Thema: „Wie läuft’s mit deiner Studentin?“, frage ich und der L. räuspert sich ein wenig verlegen vor sich hin. Nett sei es mit der Studentin, die als studentische Hilfskraft in moderatem Umfange an jenem Institut tätig sei, an dem auch Cousin L. sein Brot verdient, aber der gemeinsame Arbeitgeber sei noch nicht einmal das größte Problem. Er habe, fürchtet er, durch die desaströs verlaufene Ehe mit Kindsmutter S. offensichtlich einen Schaden davongetragen, eine Art Phobie, die ihn bei dem geringstem Anzeichen aufkeimender Verpflichtungslagen in die Flucht treibe. Leider, nuschelt der L. offenbar über den Rand seiner Kaffeetasse hinweg in den Hörer, würden so gut wie alle ansonsten reizenden Damen mehr Anhänglichkeit zeigen, als er es gegenwärtig gut vertrüge, und mit ihrem Bestehen auf regelmäßige Anrufe, verbindlich gemeinsam verbrauchte Zeit und einer Planung über mehrere Monate, die beispielsweise einen gemeinsamen Erholungsurlaub umfasse, geradezu körperliche Symptome der Klaustrophobie bei ihm hervorrufen. Auch die Studentin, in die er ansonsten geradezu verliebt sei, dränge ihn seit Wochen zu einem gemeinsamen Urlaub im August und stelle gelegentlich Fragen wie „Warum hast du eigentlich nicht angerufen?“, die er als unangenehm empfände. „Ich weiß nicht, wieso Frauen immer so klammern!“, beschwert sich Cousin L. über die Damenwelt mehr oder weniger im Ganzen und kramt geräuschvoll in irgendwelchen Schubladen und Fächern nach Keksen.

Vor seiner Ehe mit Mutantin S., die mit der Geburt der gemeinsamen Tochter eine Metamorphose zu einem ganz ungewöhnlich ununterhaltsamen und leicht übergewichtigen Geschöpf vollzog, hätte dieses Problem, das man nur leicht vergröbernd als Bindungsangst bezeichnen könnte, noch keineswegs bestanden. Die Worte etwa „meine Freundin“ oder die Verpflichtung zu einem gemeinsamen Urlaub schreckten den L. damals nicht, er machte sich nicht einmal Gedanken über mögliche Verstrickungen, denen man am Ende schlecht entrinnt, und alles in allem, bilanziere ich, löffeln nun ganz normal anhängliche Frauen die Suppe aus, die Klette S. ihnen eingebrockt hat.

„So ein Schaden verschwindet auch wieder.“, rede ich dem L. gut zu und hoffe, die Studentin möge klug genug sein, auf die L.‘sche Unstetigkeit mit jener Gelassenheit zu reagieren, die reichere Früchte tragen dürfte als Bemühungen irgendwelcher Art, den L. noch einmal gewaltsam zu so etwas wie einer Beziehung zu erpressen.

„Und wenn nicht, dann nicht.“, beendet der L. das Thema und imaginiert ein Leben als alternder Junggeselle mit vielen Büchern und sehr gelegentlichem Besuch. Es hört sich ganz gut an. Und ansonsten heilt die Zeit ja bekanntlich alle Wunden.



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