Donnerstag, 8. Juni 2006

Ödipus

Mit einer Hochzeit ist ja landläufig ein Zusammentreffen der ganzen Familie verbunden, und wenn nahe Anverwandte fernzubleiben drohen, so empfinden nicht nur die Brautleute selbst die Abwesenheit als einen eher unfreundlichen Akt. Man sollte also schon eine wirklich gute Entschuldigung zu bieten haben, um einfach wegzubleiben, wenn die eigene Schwester heiratet, und ob A.‘s kleiner Bruder einen solchen guten Grund hat, darüber gehen die Meinungen durchaus auseinander.

„Die kleine Kröte war ja noch nie ganz normal....“, beginnt die A. ihren Bericht über die Weigerung ihres kleinen Bruders, ihrer Heirat bezuwohnen. „Hat er keine Lust zu kommen?“, frage ich und bestelle einen Montepulciano und ein paar Oliven dazu. „So ganz unverständlich ist das ja nun nicht.“, interveniert die B.² und blättert lustlos in der Speisekarte. „Der hat sich doch nicht mehr alle!“, wischt die A. den Einwand von der blanken Holzplatte und wedelt voll des Unwillens so heftig mit der Hand über den Tisch, dass beinahe die Kerzen ausgehen, und Wachs auf das Holz tropft.

Der kleine Bruder der A., erfahre ich, ist 22 oder so, studiert „irgendwas Bescheuertes“ an der HU und wohnt ein paar Straßen von seiner Schwester entfernt irgendwo in Mitte in einer schmutzigen WG. In aller Gemütsruhe, die beiden Geschwistern eigen zu sein scheint, durchfeiert der jugendliche Knabe die Berliner Nächte, verliebt sich alle paar Wochen, trennt sich enttäuscht und vorwurfsvoll, wenn der Erkenntnis, dass auch die aktuelle Bekanntschaft entgegen seiner verzweifelten Hoffnung nicht makellos ist, nicht mehr auszuweichen ist, und zieht ansonsten freudig und bedenkenlos seine lustigen Kreise. Ab und zu besucht er seine große Schwester, isst alles, was im Kühlschrank ist, und nimmt mit, was er nicht mehr essen kann.

Letztlich jedoch, eines Nachts, schrak der kleine Bruder aus dem Schlaf auf. Neben ihm lag ein schönes Mädchen, Gelegenheitsfriseurin und Möchtegernmodel, und das Mondlicht fiel durchs Fenster, weil er zwei Jahre nach seinem Einzug immer noch keine Vorhänge angebracht hat. Alles war Bestens, nichts war passiert, aber zu Tode erschrocken schlug sein Herz, und das Blut pochte mächtig gegen seine Schläfen. Ein Würgen presste sich durch seinen Hals nach oben, bis er ins Bad ging und sich minutenlang übergab. Vor seinem inneren Auge tanzten Traumbilder auf und nieder, eine blonde Frau griff nach ihm, zog ihn an sich, küsste ihn, und, was das Schlimmste war: Er küsste zurück.

Perfekt sei es gewesen, berichtete er ein paar Stunden später seiner Schwester. So großartig, wie man sich die Liebe immer vorstellt, und ein Traum von so schwereloser, heiterer Harmonie, wie es sie tagsüber eigentlich gar nicht gibt.

„Und was hat das mit der Hochzeit zu tun?“, frage ich und verziehe ein wenig das Gesicht über den sauren Kreuzberger Wein. - „Die Frau...“, japst die A. und lacht ein wenig vor sich hin. „Die Frau also...“

Die Frau, berichtet die A. als sie ausgiebig gelacht hat, sei einmal mit ihrem Vater verheiratet gewesen, der ja ganz gern einmal heirate, und dies auch alle paar Jahre täte. Nach innerfamiliär einhelliger Meinung gehöre diese Frau ganz eindeutig zu den dümmsten Frauen, denen ihr Vater jemals die Hand geschüttelt hat, und die Ehe habe, im Wesentlichen deswegen, auch nur wenige Jahre gedauert. Sie selbst habe damals gar nicht mehr zu Hause gewohnt, ihr Bruder allerdings sei damals so ungefähr 14 gewesen, bevor er dann aufs Internat kam, weil er sich mit der nächsten Frau nicht so gut verstand. – „Und?“, frage ich stirnrunzelnd und versuche, einen Zusammenhang zwischen der ehemaligen Stiefmutter, dem Bruder und der Hochzeit der A. herzustellen.

Die Ex-Stiefmutter, klärt die A. mich auf, habe sich aufgrund ihrer schier unendlichen Dummheit bei der Scheidung dermaßen übers Ohr hauen lassen, dass sie im Kreise der Familie bestehend aus Exfrauen und Exmännern, Stiefgeschwistern und Halbgeschwistern und sonstigen Verwandten nach wie vor so gern gesehen sei, dass man sie zur Hochzeit eingeladen habe.

Und ihr kleiner Bruder habe nun Angst, ihr zu begegnen.

Mittwoch, 7. Juni 2006

Anregung an Wissenschaft und Technik

Verbrennen denkt man sich ja recht appetitlich, wenn man die Alternativen bedenkt, aber ich habe gehört, der Kopf platze, bevor man ganz verbrennt, und selbst wenn ich es nicht mehr erlebe, ist das keine Vorstellung, mit der man sterben möchte. „So, das war’s jetzt offenbar, die Luft wird reichlich knapp, und morgen schieben sie dich in einen großen Ofen und dann platzt dir der Kopf.“ – Nein danke.

Auf der anderen Seite fürchtet man natürlich auch die Würmer. Nimmt das Kopfplatzen immerhin recht wenig Zeit in Anspruch, so schaut es mit den Würmern ja schon anders aus. Die dicken, weißen Maden, die sich aus und in das Fleisch bohren, brrr..., die hässlichen Löcher in der Haut, die ja ohnehin ein wenig leidet in den ersten Monaten, die auf das Ableben folgen, das alles schreckt ja nicht wenig. Auch das Schmatzen, das selbst dann, wenn es keiner hört, als Geräuschkulisse des Endes meines zeitlichen Seins ein wenig unwürdig erscheint.

Die alten Ägypter haben sich bekanntlich aus Angst vor dem Verfall einbalsamieren lassen, auch fürchtete man, seine Überreste im Jenseits eventuell noch zu brauchen. Eines Tages in den Museen späterer Zeitalter herumzuliegen, ist aber keine hübsche Vorstellung, die mir im Übrigen auch ein wenig unbescheiden scheint, denn wo, fragt man sich angesichts einer tatsächlich wachsenden Weltbevölkerung, kämen wir denn hin, wenn sich jeder dahergelaufene Hans und Franz einbalsamieren lässt. Am besten noch mit Aufbewahrung der Mumie in einem riesengroßem Mausoleum, das für Bedürftige in einer einfachen Plattenbauversion von der AOK bezahlt wird. Binnen weniger Jahre wäre Deutschland voller exorbitant hässlicher Totenhäuser, die großen Baumarktketten würden Mausoleen in jedweder Ausstattung zum Selberbauen anbieten, und man kann sich vorstellen, wie ein Mausoleum aussehen würde, das etwa der Praktiker Markt anböte. Oder das in Vorarlberg handgefertigte Bakelitmausoleum von Manufaktum.

Mein Mausoleum wäre dem gegenüber natürlich sehr individuell und äußerst geschmackvoll. Trotzdem dünkt mich die Einbalsamierung nicht als vollkommen angemessen bezüglich der Überreste einer Allerweltsperson wie mir, und nicht nur qualvoll, sondern auch noch unbescheiden zu versterben, ist vielleicht wirklich ein bißchen viel.

Nicht übel wäre es, man löste sich mit dem Moment des Ablebens einfach in seine chemischen Bestandteile auf und würde teilweise durch unauffällige Abflüsse, die findige Architekten unter den Betten der Krankenhäuser anbringen, der Erde zufließen, und zum anderen entwiche man gasförmig einfach in die Luft. Auch in dieser Beziehung erweist sich aber die Schöpfung als durch und durch defizitäres System.

Wie auch immer, auch bezüglich der letzten Maßnahmen, die auf dieser Erde die eigene Person betreffen werden, besteht noch erheblicher Innovationsbedarf, und so rufe ich hiermit die deutsche Wissenschaft und Industrie auf, sich dieses Problems endlich anzunehmen und Lösungen zu entwickeln, die sich als geeignet erweisen, uns einen würdigen und umweltfreundlichen Umgang mit unserem Körper zu ermöglichen, wenn wir ihn eines Tages nicht mehr brauchen.

(Im Rahmen einer noblen Geste an diejenige Dame, die den Anstoß für die Lösung dieses Problems, das so alt ist wie die Menschheit, gegeben hat, dürfen freundliche Ingenieure die Maschine, die irgendetwas Appetitliches, aber Wirkungsvolles mit menschlichen Überresten macht, übrigens gern „Modeste“ nennen.)

Montag, 5. Juni 2006

Die miesen Dichter der Bonner Republik

Peter Handke, und das sage ich jetzt einmal so als völlig Unberufene, ist ja sozusagen der Theodor Storm der Gegenwart. Da kratzen Sie sich jetzt ein wenig ratlos am Kopf und überlegen, wer das eigentlich... also nicht der Handke, denn kennen Sie, das ist ja der mit den Serben, aber Theodor Storm? Vielleicht erinnern Sie sich so halblaut und verschwommen an den Schimmelreiter, damals in Untertertia im Jahre des Herrn 1990. Gott, war das ein mieses Buch, ihr latschentragender Deutschlehrer versuchte damals, auf Biegen und Brechen einen Bezug zur Gegenwart herzustellen, der Mensch und die Natur, Sie wissen schon, der Respekt des Ersteren vor der Letzteren, und wenn nicht, dann... Genau.

Tatsache, um aus dem Jahr 1990 in die Gegenwart zurückzukehren, ist jedenfalls, dass Sie sich nicht mehr richtig erinnern können. Weg ist der Storm, und auch der Handke, obwohl der ja noch lebt, entschwindet zunehmend in jene Sphären, die man gern einmal museal nennt, um nicht einfach unerheblich sagen zu müssen. Passé. Vergessen. Und zwar zu recht.

Dass Storm wie Handke irgendwann in ihrem Leben einmal erheblichen Ärger mit der Staatsgewalt oder zumindest mit einer irgendwie gearteten Obrigkeit hatten, Storm wegen den Dänen, Handke wegen der Serben, das brauchen Sie sich eigentlich gar nicht mehr zu merken. Apropos merken: Erinnern Sie sich an ein einziges Werk von Handke? Und nicht nur an den hübschen Titel mit dem Tormann? - Tja, da schütteln Sie den Kopf. Ich dagegen nicke Ihnen anerkennend zu, denn genau darauf wollte ich hinaus, und diese ganze, natürlich mehr als nur ein wenig künstliche Gleichsetzung völlig verschiedener, aber gleich langweiliger Dichter, sie geschah ja nur aus dem einzigen Grund, Herrn Handke ein wenig zu nahe treten, beleidigungshalber sozusagen, aber wenn man schon einmal dabei ist, gut in Fahrt und Rückenwind dazu, holt man tief Luft und beleidigt eine Reihe ebenso sturzlangweiliger Schriftsteller gleich mit:

Günter Grass, sage ich, und ich werde recht behalten, wird in wenigen Jahren nicht mehr Bedeutung beigemessen werden als Wilhelm Raabe, der zu Lebzeiten auch mehr Ehrungen abgefangen, als Georg Büchner Bücher geschrieben hat. Und Martin Walser, dessen Werk der Ministerpräsident von Baden-Württemberg eigentlich verbieten lassen sollte, um den Ruf der deutschsprachigen Alemannen nicht weiter zu unterminieren. Günter Grass, der ganze Generationen deutscher Leser in ein höchst gebrochenes Verhältnis zu jener Sphäre getrieben hat, die man generell die Erotische nennt, mit seinem Faible für hässliche und zudem wenig überzeugende Extravaganzen und einer leicht ridikülen Kraftmeierei. Die ganze Gruppe 47, dieses Sedativum der deutschen Literatur, jene Herren, die die gesamte deutsche Gegenwart seit dem Kriegsende begleiten mit einem Strom aus Papier, auf dem unsympathische Protagonisten Frauenzimmer kennenlernen, die man nicht zu Gast haben möchte. Etwas Missmutiges wandert durch diese Seiten, etwas Missvergnügtes, Übelriechendes, sehr Protestantisches.

Eine hässliche Welt, ist das, in der die Eleganz der Jahrhundertwende, die schmerzliche Grandezza aller Untergänge der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts, die Grazie Joseph Roths und die Kraft des jungen Brecht nicht einmal als Vision, nicht einmal als Horizont und Hoffnung eines hässlichen Scheiterns mehr vorhanden sind. Nicht einmal jenes erbarmungsvolle Mitleid bringt man auf für das Personal dieser Welt, die die hübsche Gans Emma Bovary oder das kunstseidene Mädchen doch reichlich erhalten, denn warum, denkt man sich, sollte man Anteil nehmen an Menschen, die man nicht mag, Menschen, die man von Herzen verachtet, und die einem nicht einmal leid tun in ihrer feisten Dummheit und Banalität, hinter der sich nichts weiter verbirgt als ein schlechtgelaunte Nörgeln an einer Welt, in der man nicht leben muss, wenn man nicht möchte.

So tot möchte man niemals sein, denkt man bei sich, und überlegt ein wenig, warum jene Herren immer noch, sozusagen überhaupt schon immer Zeit meines Leselebens, das Herzstück der deutschen Literatur darstellen als diejenigen Schriftsteller, deren neue Bücher Nationalereignisse darstellen. Autoren, die seitenlang in allen Publikationen die Republik hinauf und hinunter besprochen werden, wenn sie schon wieder eine neue Schwarte auf den Markt schleudern, fast so, als hätte der Allgewaltige ein sechstes Buch Mose vom Himmel geworfen. Warum Abiturienten Facharbeiten über ein Buch schreiben müssen, das so mies ist wie Ehen in Philipsburg oder wieso man besonders guten Deutschschülern am Schuljahresende Bücher von Günter Grass übereicht.

Weil die Republik alt ist, fällt einem dann ein. Uralt. Mit Krampfadern an den Beinen und künstlichen Zähnen. Weil die deutsche Gegenwart ein Kontinuum darstellt seit den Sechziger Jahren, ein Luftanhalten der Geschichte, die fetten Jahre mit schlechten Büchern dazu. Und erst, wenn das alles vorbei ist, und die Bonner Republik endgültig vergangen sein wird mit ihren politischen Aschermittwochen, ihren Arbeitnehmersparzulagen, Herrn Kaiser von der Hamburg-Mannheimer, der Stiftung Warentest und dem Kundenmagazin der Berliner Sparkasse - dann...

...dann wird mit dieser Welt eines muffigen, misslaunigen, uneleganten Stillstandes auch die Literatur dieer Jahre beiseitegelegt, und so, wie die bärtigen Dichter der Kaiserzeit vergessen sind, und keiner kennt mehr ihre Namen, so werden auch die Dichter dieses juste milieu einmal vergessen sein zugunsten derer, in deren Werk der Untergang dieser Welt aus Bausparkassen und Steinkühlerpausen, Vertriebenenverbänden und der IG Metall leise in böser, blutiger Eleganz seine Kreise zieht, und die Bausteine dieser Welt im Fallen bizarre Schatten an die Wand werfen, filigran und verschlungen wie das, auf das wir warten.

Donnerstag, 1. Juni 2006

Schwimmende Feste

An der Strandpromenade stehen, die Hände an der Stange der Abgrenzung, hinter der es ein paar Meter hinunter geht zum Strand. Links von mir geht die Sonne unter, und die Kreuzfahrtschiffe leuchten als seien sie etwas anderes als schwimmende Altersheime, auf denen eng zusammengepfercht alte Frauen ein letztes Mal das Meer befahren. Ein gleitendes, schwimmendes Fest zieht vorbei, ein paar Fetzen Musik weht der Wind an Land, ein paar Takte Cole Porter, und der Wind zieht an meinem Haar, als müsste ich mit, und an Deck irgendeines Schiffes die Küsten entlang fahren, bis ich irgendwo wäre, wo ich jemand anders sein könnte, leichter und wehender und ohne mein schwarzes, klumpendes Blut, auf dem die schweren Träume Schlacken laden. Eine gleitende Abwesenheit möchte ich sein, eine Reisende mit nicht mehr als einem Koffer, ein bißchen Wäsche und ein paar Erinnerungen vielleicht.

Ein schwimmendes Fest, denke ich wieder, als ich über die Jannowitzbrücke fahre, auch wenn die Spree nicht das Meer ist, und das Schiff nur ein Boot, und die Leute unter den Lampions frieren werden in diesem blaugrünen, unreifen Juni. Ein Kind aber winkt den Feiernden zu von einem verwaisten Ausflugsschiff, und die Fahrenden winken zurück, wie auch mir die alten Damen zugewinkt haben, vor so vielen Jahren vom Deck eines Kreuzfahrtschiffs Richtung Süden.

Vielleicht sind die alten Damen heute alle tot, vielleicht befahren sie immer noch die Meere und essen Hummer und Steak mit ihren falschen Zähnen. Vielleicht fahre auch ich eines Tages auf einem Kreuzfahrtschiff irgendwohin, aber ein Fest wird es wohl nicht werden, wie alles nur aus der Ferne leuchtet, ich weiß nicht, warum.

Mittwoch, 31. Mai 2006

Engel schießen

„Wissen sie,“, spricht mich eine Stimme schräg hinter mir an. „Engel sind unter uns. Aber die Menschen töten sie. In jeder Stunde sterben Tausende von Engeln und keiner tut etwas dagegen.“ – Irritiert drehe ich mich um. Die Frau, der die Stimme gehört, schaut mich aus grauen, sehr runden Augen an. Ungefähr vierzig, schätze ich, und von einer Adrettheit, die die Versandhäuser „flott“ nennen, und die etwa die tüchtigen Sachbearbeiterinnen des öffentlichen Dienstes kleidet: Bequeme, sandfarbene Jeans, ein geflochtener Gürtel mit großer Schnalle, flache, braune Schuhe und eine buntgestreifte Bluse. Um den Hals trägt sie eine goldene Kette mit einem Anhänger, der vielleicht ihr Sternzeichen symbolisiert. Vor dem Fenster zieht die gleichgültige, leicht eintönige Landschaft Brandenburgs vorbei, und der Regionalexpress ist so gut wie leer.

„Aha.“, sage ich, weil mir nichts Besseres einfällt, und wende mich wieder meiner Zeitung zu. Es ist kurz nach acht Uhr früh, und ich bin müde, müde, müde. Lang war die Nacht, und Schlaf ist derzeit eine rare Ware. - „Ich habe ein Buch gelesen!“, insistiert die Frau und senkt die Stimme, als verrate sie mir ein Geheimnis in dem leeren Waggon. „Ich lese andauernd irgendwelche Bücher, und für Engel habe ich keine Verwendung.“, verkneife ich mir zu erwidern und starre noch konzentrierter in die Zeitung. Die SPD, entnehme ich meinem am Alex erworbenen Periodikum, sei gegen einen Abbau des Kündigungsschutzes, die CDU dagegen wolle Sozialbetrügern an den Kragen, und die GRÜNEN scheinen irgendwie ausgestorben zu sein, seit sie nicht mehr regieren.

„Es gibt 24 verschiedene Arten von Engeln.“, berichtet die Frau. - Und es gibt einige tausend Sorten Käse, fällt mir ein, und ich lese weiter. „Bitte,“, sage ich. „Ich habe gleich einen Termin. Lassen sie mich jetzt weiterlesen?“, und blättere geräuschvoll um.

„Sie gehören auch zu diesen Leuten, die Engel töten.“, schlägt die Stimme der Frau auf einmal um ins Gehässige. Sie wird lauter. „Sie bringen sie um mit ihrer Gleichgültigkeit, sie bringen sie zum Weinen!“, - Sie bringen mich gleich zum Weinen, knirsche ich mit den Zähnen. „Bitte seien sie still.“, sage ich statt dessen ruhig und nachdrücklich, und die Frau schnappt ein paarmal nach Luft, als wolle sie noch viel mehr sagen, aber die Wucht der Worte sei zu viel für ihren Mund. Dichtgedrängt, zusammengequetscht, verstopfen die Worte auf ihrer Zunge sich gegenseitig den Weg, und ihre Versuche, mir mehr über diese Wesen zu berichten, scheitert zum Glück an ihrer Unfähigkeit, mehr herauszubekommen, als das Geräusch eines hastigen Lufteinziehens. "Dann wünsche ich ihnen noch einen schönen Tag.", beende ich die Kommunikation. Wortlos erhebt die Frau sich, reißt brüsk ihre Handtsche an sich, als hätte ich nach ihr gegriffen, wechselt das Abteil, und als ich nach einigen Minuten einmal durch die Tür ins nächste Abteil schaue, sitzt sie zwei Schulkindern gegenüber, 15 oder 16 Jahre alt vielleicht, Mädchen in bunten, etwas billig anmutenden Jacken, und redet weit vorgebeugt eifrig auf die beiden ein.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7901 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren