Freitag, 26. Mai 2006

Zu Besuch

Aber manchmal steigst du herab, die Treppen sind verhangen von Spinnweben, und feucht liegt der Moder auf dem nackten Beton. „Sie waren lange nicht da.“, sagt der Mann an der Rezeption, dessen Züge langsam in der Haut versinken und wirft dir das Wechselgeld auf den Tresen, als sei es nichts wert. Seine Augen aber siehst du nicht mehr, und nur noch Haut, Haut, Haut deckt den blanken Schädel ohne Höhen und Senken. „Hast du denn gar kein Gesicht?“, fragst du ihn, als würdest du ihn kennen, aber er lacht dich nur aus. „Wozu noch, mein Engel?“, legt er seine Hand aufs Herz, und du gehst schnell weiter.

Hinter der Tür schnappt ein Hund nach dir, und ein Fluß rauscht schwarzes Vergessen. Hier scheint die Sonne nicht hin, hier ist der Himmel nichts als ein doppelter Boden, und du gehst schneller. Einen Schafbock zerrst du an der Leine hinter dir her, der Hund heult dir nach, und die grünen Himbeeren rechts und links des Weges leuchten entzündet und grell und zeigen sinnlose, eiserne Dornen. Kehr um, flüstert dir ein Geflügelter zu, aber du läufst weiter, weiter, bis zur Schädelstätte, bis zur Mitte des Nichts, wo die schwarzen Blätter zu Boden fallen, eng beschrieben, aber du willst sie nicht lesen.

Der Schafbock zerrt an seiner Leine, und ein Wind ist aufgekommen, der an deinen Haaren reißt, als sei der, den du rufen willst, schon wieder zurück. „Komm her!“, befiehlst du ihm, und der Sturm drückt dich näher zur Mitte. Der Schafbock schaut dich an aus angstvollen Augen und wendet sich um, als gäbe es noch einen Weg zurück zu Sonne und Gras, aber du rufst den Verschwundenen dreimal beim Namen, und der Bock senkt den Kopf. Du rufst einen Namen, du schwenkst dein mitgebrachtes Messer, und der Bock schwankt, um zu fallen. Aus seiner Kehle lässt du das Blut fließen, dessen Dunst die Luft reinigen wird mit blanken, roten Eisen. „Komm her!“, befiehlst du wieder, und die Schatten drängen sich näher. „Wir sind so schmerzliche, durchseuchte Götter....“, singt ein Chor dir vor, und ein Schatten löst sich aus den Reihen der Tenöre.

„Da bin ich.“, sagt er, und taucht seine Fingerspitzen in das frische Blut. „Erzähl‘ mir was.“, bitte ich, und ungeduldig sehe ich ihn trinken. Rot steigt es auf von seinem Mund, bunt und leuchtend, schillernd in allen Farben einer Sommerlüge, und erst, wenn das Blut getrocknet sein wird, frierend am Ende aller Geschichten, steigst du wieder hinauf, und hinter dir schließen sich die Pforten, bis sie so glatt sind wie die Wand.

"Auf bald.", sagt der Rezeptionist, und du schüttelst den Kopf.

Dienstag, 23. Mai 2006

Unheil und Orakel

Als Grieche musste man ja bis nach Delphi fahren, als Römer ließ man sich die Zukunft aus toten Tieren vorlesen, aber der menschliche Fortschritt ist ja kaum aufzuhalten, und so vermittelt gegenwärtig bereits ein Blick in den Spiegel eine hinreichende Prognose über den Verlauf des Tages. Priester brauchen Sie dazu eigentlich keine. Stehen Sie einfach auf, gehen Sie ins Bad, und wenn Ihre Haare im Spiegel aussehen wie etwas, was man der Welt tunlichst verbergen sollte, dann gehen Sie wieder ins Bett. Und wenn es klingelt, dann machen Sie nicht auf.

Wenn Sie aber zugesagt haben, in Bonn im Rheinland öffentlich aus diesem Blog vorzulesen, und um 8.00 Uhr in der Früh abgeholt werden sollen, und derjenige, der da klingelt, vermutlich der Fahrer ist – dann duschen Sie doch. Auch wenn Ihre Haare das Schlimmste befürchten lassen. Kommendes Unheil sitzt auf Ihrem Kopf, Sie sehen es ganz genau, und dann stopfen Sie irgendwelche Sachen in eine Tasche, vergessen ausreichend Proviant, und laufen los. Auf Ihrem Kopf dräut das Verderben, aber auf der Straße steht ein Mazda 323, neben dem Wagen steht der Fahrer, der äußerst begabte und ungewöhnlich sympathische Herr A., und dann fahren Sie einfach los. „Du wirst schon sehen, was du davon hast.“, flüstert das Schicksal gewohnt boshaft in Ihre Ohren, aber Zuhören war nach sachverständiger Meinung ohnehin noch nie Ihre Stärke.

Die Mitnahme einer über eine Mitfahrzentrale vermittelten Dame in der Kastanienallee funktioniert reibungslos. „Wir fahren jetzt erst in den Wedding und holen den N. ab, und dann sammeln wir noch so eine Litauerin am S-Bahnhof Friedrichstraße ein.“, erläutert der Fahrer und gibt Gas.

Groß, oh Herr, ist aber der Wedding, und klein Deine unwürdigen Geschöpfe. Herr N. soll irgendwo am Leopoldplatz warten, und wo wir sind, ist so ganz genau nicht auszumachen. Nicht am Leopoldplatz jedenfalls, soviel steht fest, vielleicht auf der Brunnenstraße. Oder auf der Schulstraße, aber wo die ist, weiß man wiederum nicht so genau, und labyrinthisch-amorph erstreckt sich der Wedding rechts und links von A.'s Auto und sieht überall gleich aus. Immerhin wartet der N. noch nicht irgendwo auf öffentlichen Plätzen, denn jener ist gerade ist erwacht. Auch das wird sich aber ändern, denn eine halbe Stunde später ist der Wedding eher noch rätselhafter geworden, der N. steht irgendwo an einem Ort, den wir nach wie vor suchen, und ich erkenne, den Wedding zu recht in all den Jahren meines Aufenthalts vermieden zu haben. - Am Ende aber finden wir den N. und die Litauerin dazu, die Autobahn Richtung Magdeburg, und fahren. Links von uns fahren lauter LKW’s Richtung Süden, aber meine Haare stehen nach wie vor auf Sturm. Das Unwetter scheint noch nicht vorbeigezogen, aber um den Wagen herum grasen friedlich die Kühe, andere Autofahrer fahren uns entgegen oder vorbei, und hinter den Scheiben der Wagen kann man jene Menschen sehen, von denen man sich schon in der S-Bahn fragt, wo man eigentlich hingeht, wenn man so aussieht. Und warum man nichts dagegen tut.

Kurz vor Hannover aber bestätigt sich das Haar-Orakel. Mit einem schier unglaublichen Tempo reißt der Fahrer das Steuer nach rechts, die Fliehkraft greift begeistert nach dem Wagen, und in der Ausfahrt auf einen Rastplatz dreht sich der Wagen zwei-, dreimal um die eigene Achse, bricht über den Kantstein, fegt einen halbrunden Betonpoller einige Meter weiter einem Smart entgegen, und bleibt kurz vor dessen Tür stehen. „Is‘ ni-nichts pa-pa-pa-passiert.“, wird der Insasse jenes Kleinstwagens später sagen. „Ha-ha-hab ja die Tür geschlossen. D-d-der Smart i-i-ist ja sicher.“ – Ob dieser leicht unförmige Herr, der den Innenraum dieses Wagens ausfüllt, eigentlich immer stottert oder nur unter dem Eindruck des Betonpollers die Sprache verloren hat, werde ich nicht mehr erfahren. Es geht weiter.

Immer noch aber beruhigt sich das Haarorakel in keiner Weise. Meine Haare stehen nach rechts und links ab, Strähnen stehen sogar nach oben, glaube ich, und der Tag ist noch lange nicht vorbei. Zur selben Stunde nämlich kippt einige Kilometer südlich, irgendwo bei Dortmund, ein LKW auf der Autobahn um und ergießt seine Fracht auf die Fahrbahn, es ist Gas, und wenn wir zu jener Stelle kommen, wird die Autobahn gesperrt sein. Komplett gesperrt.

Die Darstellung der nächsten Stunden, oh mein geschätzter Leser, verehrte Leserin, erspare ich Ihnen, und ich wünschte, dass es auch mir gelungen wäre, für vier Stunden und 12 Kilometer in einen beseligenden Tiefschlaf zu fallen. Die Stimmung im Innenraum des Wagens nimmt langsam eine leicht angestrengte Färbung an, die eher scherzhafte Garnitur der Konversation changiert ins leicht Düstere, denn immer später wird es, immer näher rückt der Lesungstermin, die mitgefahrene Dame muss nach Köln, und mir ist langweilig. Immerhin muss ich nicht auf Klo.

Richtig gegessen habe ich nichts, mein Buch geht langsam zur Neige, und nur die Tatsache, nicht mit mir sehr nahestehenden Personen unterwegs zu sein, hindert mich an grundlosen, aber bösartigen Ausbrüchen, wie Menschen wie ich sie in derlei Situationen ja gerne einmal produzieren. „Hättest du einmal auf uns gehört!“, zischelt es in meinen Haaren. „Jaja..“, flüstere ich zurück, aber nur ganz leise, damit die anderen Wageninsassen mich nicht für irre halten. Dann kommt die Ausfahrt. Und meine Haare sind immer noch nicht okay, und das zu recht, denn stundenlang werden wir durch das Bergische Land fahren, entlang der Straße schauen uns Passanten aus ihren Vorgärten ein wenig dumpf und ziemlich mürrisch entgegen, und alle Jugendliche von Volmarstein, denn so heißt der Ort, stehen an den örtlichen Bushaltestellen, und kaum verlassen wir Volmarstein, erscheint ein neues Ortsschild, auf dem wiederum Volmarstein steht, und für einen Moment befürchte ich ernsthaft, in eine jener irrationalen Schleifen geraten zu sein, in denen ein gewisser Sisyphos sich seit einiger Zeit aufzuhalten pflegt: Kaum ist man draußen, geht es wieder von vorne los.

Den widerlichen Imbiss mit dem schmierigen Cheeseburger erspare ich jetzt mir und Ihnen. Den Rest der Fahrt bis Bonn auch. Und die fünf Minuten, die ich gelesen habe, auch wenn es wirklich nett war nach vollender Ankunft.

Aber Samstag war ich beim Friseur und opferte dem Orakel ein paar schwarze Strähnen, um schlechte Vorzeichen für nächste Woche schon von vornherein vollkommen auszuschließen.

Nachtrag: Nils Heinrich würde das auch nicht wieder machen.

Sonntag, 21. Mai 2006

Marina, Marina, Marina (auch: Lesung in Hannover)

hannover_web

Hannover ist ja eigentlich für gar nichts bekannt – Altkanzler Schröder, die EXPO, und da hört es meistens eigentlich auch schon auf. Ich allerdings, die die Zeitläufte und das deutsche Ausbildungssystem weit herumgetrieben haben durch die Darmzotten dieser Republik, ich habe ganze zehn Monate meines Lebens in Hannover verbracht. Nett war’s an und für sich, reizend waren die Hannoveraner, und meine Wohnung in der Innenstadt war an und für sich eigentlich auch ganz angenehm. Drei Fenster aber gingen zur Straßenseite heraus, was kein Problem gewesen wäre, denn über der Fußgängerzone war an Lärm, so dachte ich beim Einzug, nicht viel auszustehen. Eines Tages aber nahte der Sommer, ich öffnete die Fenster, und die Straßencafés füllten sich mit biertrinkenden Gästen. Auch die biertrinkenden Gäste waren nicht problematisch, artig und gesittet saßen sie herum auf ihren Stühlen und prosteten mir freundlich zu auf dem Weg in meine Wohnung. Allabendlich aber zogen zwei Straßenmusikanten durch die Stadt, der eine trug eine Gitarre bei sich, und vor den Gästen der Cafés sangen und spielten sie, dass es eine Freude war für jene, die gelegentlich einmal ihr Bier in der Sonne tranken, damals, im Sommer 2001.

Ich aber, ich wohnte jeden Tag über den Straßencafés, und war ich einmal nicht daheim, so verfolgte mich der Gesang des Duos eben an anderen Orten, wo ich Gast war und nicht einfach Bewohner. Nach einigen Wochen fing der Gesang an, mir ärgerlich zu werden, nach noch mehr Wochen machte das Repertoire mich einigermaßen aggressiv, und am Ende des Sommers war ich drauf und dran, mich zu bewaffnen.

„Marina, Marina, Marina...“, schmetterte der singende Teil des Duos, und meine Gesichtshaut rötete sich, mein Puls beschleunigte sich, und am Ende zog ich weg.

Selten bin ich seither aufgetaucht in Hannover, denn auch die Freunde von damals haben die Stadt zum guten Teil verlassen. Ob auch die Freunde vor jenem Duo geflohen sind, weiß ich zwar nicht zu sagen, aber wenn am nächsten Samstag die beiden Sänger auftauchen sollten, dann kann ich für nichts garantieren.

Sie sind aber alle gern gesehen, solange sie nicht singen. Und es lesen Don Alphonso, Che und ich, moderiert vom Herrn Strappato.

Hannover bezaubern
Samstag, den 27.05.2006
19.00 Uhr
Im Kargah
Zur Bettfedernfabrik 1
30451 Hannover

Für den großartigen Teaser danken wir Sven K.

Samstag, 20. Mai 2006

Pour de nouvelles Aventures

Zum Grand Meaulnes von Henri Alain-Fournier

An manche Bücher mag man nicht mehr gehen, wie man auch vormals geliebte Männer manchmal nicht wiedersehen mag, um die Erinnerung an ein Gefühl nicht mit einem unreinen Tropfen zu verfärben. Aber mehr zehn Jahre nach der ersten Lektüre greift man doch noch einmal zum Grand Meaulnes, weil man ihn einmal so geliebt hat vor vielen Jahren, und hat nur ein wenig Angst, der schmale, 1913 erstmals erschienene Band, möge beim Wiederlesen ein wenig enttäuschen, wie es ja manchmal zu gehen pflegt, wenn man weiter gewachsen ist seit der ersten Lektüre, als die Grenzen eines Buches reichen.

Eine ländliche, fast märchenhaft unberührte Welt des ländlichen Frankreichs in der Neige des 19. Jahrhunderts zeichnet Henri Alain-Fournier: Die Schule, deren Schulmeister der Vater des Ich-Erzählers Seurel ist, der nicht ausziehen wird zu jenen Abenteuern des Augustin Meaulnes, diesem jugendlichen, späten Vetter des Taugenichts. Aber die Moderne, die Stadt, so fern sie zu rauschen scheint, hat doch ihre Kompliziertheit, ihre Skrupel und ihre Halbheiten in diesem abenteuerlichen Geist hinterlassen, der achtzehnjährig in der Schule auftaucht als neuer Schüler, die anderen Schüler fasziniert, sie um sich sammelt und sich anfreundet mit dem, der die Geschichte erzählt. An deren Ende wird es ein Paar geben in der Zurückgezogenheit eines Kindheitshauses, nur ein einziges Paar also findet sich, auf dessen Glück wir hoffen, aber Augustin wird ebenso wenig sein Glück finden wie der Ich-Erzähler, und so ersteht ein schmerzliches, zartes Arkadien in der Sonne dieses Romans.

Lauter Träumen laufen die Protagonisten hinterher, deren wehenden, schnell verwehten Abglanz sie gesehen zu haben meinen. Ein Fest in einem falschen Sommer, in das Augustin Meaulnes gerät aus Zufall und Verirrung wie wohl ein reiner Tor ein Schloss finden mag, und es nicht wiederzufinden vermag aus eigenen Kräften. Eine Hochzeit soll gefeiert werden, und pittoresk, romantisch verkleidet wie diese ganze, leise, in ihrer Lebenslust doch dezente Geschichte, warten die Gäste auf das Brautpaar, doch die Braut, wiewohl liebend und geliebt, ist auf und davon. Der Bräutigam, Franz de Galais, wird sich eine Kugel in den Kopf schießen und, überlebend, Jahre umherirren auf der Suche nach der verlorenen Braut. Eine weitere geliebte Frau verschwindet, kaum hat Meaulnes sie gesehen. In die Schwester des Bräutigams, Yvonne de Galais, verliebt er sich, ohne sie zu kennen, und sie zu finden treibt ihn wieder und wieder auf die Suche nach dem Schloss, als er längst zurück ist in der Schule und es nicht wiederzufinden vermag. Der Traum von einem Paradies, als das das Schloss Eingang findet in die Phantasie nicht nur des Meaulnes, der einen Abend und eine Nacht im Schloss verbracht, der Traum von einer stillen, innigen Liebe, von einer Ruhe zwischen Feldern, Wasser und einem befriedeten, schweigenden Himmel, die dem Meaulnes nicht vergönnt sein wird, denn die Suche nach dem Abenteuer, die ihn, noch halb unbewusst, als Schüler erstmals hinaustreibt, wird ihn auch am Ende nicht loslassen. Wie Franz wird wohl auch er über die Straßen Deutschlands treiben, auf der Suche nach einer Ganzheit, die untergegangen war schon in den Jahren, in denen Fournier ihn erfand.

Die Gärung und die Nervosität der Jahrhundertwende, die an unerfüllbaren Sehnsüchten entzündeten Nerven einer späten und allzu filigranen Welt mögen es sein, die den Kosmos des Meaulnes unterscheidet von der Welt der deutschen Romantik. War dem Taugenichts aber noch das Glück etwas Erreichbares, wenn die geliebte Frau die dem Handwerksburschen erreichbare Kammerzofe war statt der Gräfin, und das Sehnsuchtsland Italien ein Ort, an dem man fahren konnte, so ist das Schloss des Meaulnes aber nicht mehr ein bloßes Gebäude irgendwo am Land, wohin man sich einfach wenden könnte, denn nur für einen Abend, einen vergeblichen Anlass, hat ein flüchtiger Moment, eine dekorative, pittoreske Laune, Stein und Mörtel vergoldet, und mit dem Abend verschwindet das Paradies, das die Protagonisten doch nicht aufhören können zu suchen.

Auf der Suche wird eine Freundschaft zerbrechen. Die Ehe der Yvonne de Galais mit Augustin Meaulnes wird nur einen einzigen Tag dauern, an dem Yvonne sterben wird. Der Ich-Erzähler verrät den Meaulnes, dieser wird den Franz de Galais verraten, der verstoßen durch sein eigenes Unglück in unwürdiger Gesellschaft krank und verstört über Land zieht, und ob das unsichere Glück, das schließlich ein erreichbares Glück zerstören wird, den Tod und die Flucht und die Heimatlosigkeit wert gewesen sein wird - wir wissen es nicht, und Fournier lässt es uns nicht wissen.

Keine Idylle ist es also am Ende, was Fournier als einzigen vollendeten Roman hinterlassen hat, und doch scheint durch den Spalt in der Schlosstür, am Ende der Straßen, auf denen Meaulnes Franz de Galais suchen wird, und selbst in der Kläglichkeit der stehlenden Komödianten, der oft stumpfen und brutalen anderen Schüler, der Enge der Provinz, die Möglichkeit eines Glücks auf, das zu suchen wir nicht mehr kraftvoll genug sind, und dessen Zerbrechlichkeit und schneller Verfall, so leidvoll wenig mehr als eine Augentäuschung, es uns doch greifbarer erscheinen lässt als die Welt der rotbackigen Romantik, für deren Abenteuer uns der Glaube fehlt an die goldenen Töpfe am Ende des Regenbogens.

Und so sitzt man denn zwischen Feldern und Bäumen über Hügelketten, so weit das Auge reicht, irgendwo im Nichts im Bergischen Land in einem Wagen vier Stunden lang im Stau, und liest sich wieder zehn Jahre zurück in eine blühende, fließende, schimmernde Vergangenheit, und möchte wieder mit Meaulnes auf Abenteuer ziehen, bei denen es um Liebe geht, um sommerliches Glück, Erlösung und all diese Dinge, von denen wir wissen, das es sie meistens nicht gibt.

Mittwoch, 17. Mai 2006

Religiöser Anfall

In aller Gottlosigkeit spaziert man also durch Berlin, und nicht einmal für’s Finanzamt in der Pappelallee gehört man jenem Personenkreis an, dessen Himmel angefüllt ist, und dessen Orkus nicht leer. Keine Hölle reißt über mir des Nachts ihren Rachen auf, keine Heiligen reichen hilfreiche Hände in meinen Tag.

Nur manchmal, nachts vielleicht oder am frühen Morgen, in der Reinheit des leuchtenden, unberührten Tages morgens um 5.00, kommt es mich an, dass die Welt vielleicht runder wäre, fleckenloser vielleicht ihr Spiegelbild, wäre da noch etwas, jemand, der die scharfen, rissigen Kanten der Welt glätten könnte mit einem Sinn, den man nicht zu verstehen braucht. Aber der Himmel bleibt mir leer, und die Zeiten fließen durch die Straßen der Stadt, als seien wir der Welt gleichgültig, weil wir zu schnell vergehen, als dass die Erde sich unseren Schritt merken würde, und der Wind unsere Worte zu rasch verweht.

Aber mag es der Sommer sein, vielleicht das Licht über der Rummelsburger Bucht, ein Abend, an dem sogar die Spree glänzt, als sei sie eines großen Gottes Schöpfung am ersten Tag, noch unberührt von allen trüben Blicken: Angefüllt und müde von Lärm und stetem Betrieb, getrieben über's das Zifferblatt mit hastigen Schlägen, bleibt die Stunde auf einmal stehen und lächelt mich an, und auf der Oberbaumbrücke, mitten in Berlin, durchdringt mich die rätselhafte Ebenmäßigkeit, die Größe, das Unvorstellbare all dessen, was mich umgibt, alle Ordnungen vom Kleinsten bis in jene Sphären, die ich nicht zu denken vermag, und ich möchte mich auf die Erde legen und demütig mein Gesicht im Gras verbergen und zu Ehren einer Gottheit, die zu erhaben ist, über mich zu lachen, lauter Verse in die Erde schreiben, wie groß und staunenswert die Welt geworden ist und wie erbärmlich jede Ironie.

Aber links von mir schieben sich die Wagen hupend an der Ampel vorbei, ein paar Jogger überholen mich, Kinder fahren auf Fahrrädern Richtung Kreuzberg, und da ist kein Gras und keine Erde, die Spree ist eine zu schmutzige Göttin, um zu ihr zu beten, und am Schlesischen Tor steht kein leuchtender Stier, der mich mit seiner Macht zu Boden würfe und anriefe Talitha Kumi, und so steige ich wiederum gottlos in die Tram und fahre nach Hause.



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7902 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren