Sonntag, 6. August 2006

Nur die Nerven

„Nicht gut.“, sagt sie, und ich schäme mich ein bißchen für mein wochenlanges Schweigen. Krank geschrieben sei sie. Nein, nichts Ernstes, auch eher nichts – Körperliches, wenn ich verstehe, was sie meint. Ich nicke etwas unsicher, überlege einen Moment, bevor ich frage, aber sie schüttelt den Kopf und lächelt ein wenig verlegen das Törtchen an, das halbgegessen auf ihrem Teller liegt. Nein, sagt sie, krank sei sie eigentlich nicht, ihr Arzt hätte gemeint, es sei vielleicht besser. Vielleicht sei sie nur erschöpft, und wenn sie ein wenig schliefe, einfach mehr schliefe, acht Stunden jede Nacht oder mehr, füge sich vielleicht alles wieder von selbst.

Eine Ursache könne sie so konkret gar nicht benennen. Vielleicht der Abend im Kollegenkreis, als sechs Paare auf der Terrasse des neugekauften Hauses saßen, dass sich ihr Kollege D. gekauft hatte, in den sie ja einmal sehr verliebt gewesen sei, und nur sie war allein gekommen. „Ist sicher nicht leicht, die meisten Männer haben Vorurteile gegen Karrierefrauen.“, hatte die Frau des D. das Fehlen einer männlichen Begleitung mitfühlend kommentiert, nach dem Essen in der Küche, und sie hätte genickt und geschwiegen, weil die Frau wahrscheinlich recht hatte. Die Frau war Erzieherin gewesen, und der D. hatte am Ende die Frau geheiratet, und für sie hatte es nur zu einer Affäre gereicht, damals vor drei Jahren.

Vielleicht war es aber auch das Wochenende, an dem ihre Mutter nach Berlin kam. Sehr klein stand ihre Mutter auf dem Bahnsteig am Ostbahnhof, und fror die ganze Zeit, obwohl es Juni war. Von den Enkeln der Nachbarn hatte ihre Mutter gesprochen, und die jüngste Tochter der Nachbarn habe das Haus gegenüber gekauft und sei Apothekerin am Ort. - Dass es schwierig sei mit Kindern in ihrem Job, hatte sie der Mutter entgegnet, und dass ihr Job ihr wichtig sei. So viele Absolventen würden von ihrem Job träumen, die keine Kinder hätten und viel Zeit. – „Ist dein Job dir wichtiger als Familie?“, hatte ihre Mutter sie gefragt, in einem Ton, als sei sie krank, und sie hatte gelogen und gesagt, so sei das nun einmal. Am Abend schlief ihre Mutter in ihrem Bett, ihres Rückens wegen, und sie lag auf der zu kurzen Couch im Wohnzimmer und sah an die Decke. Von allen vier Ecken des Raumes lächelten dicke Puttenköpfe, und sie dachte daran, dass sie niemals geglaubt hatte, einmal allein zu bleiben.

Oder es war der Abend, an dem sie fast ihren Job hingeworfen hätte. Ob’s ein Fehler von ihr war, oder ihr Chef einfach nur glaubte, es sei ihr Fehler gewesen – spät am Abend kam sie weinend heim, und stolperte in ihrer dunklen Küche über ein paar herumstehende Glasflaschen, schnitt sich an den Scherben den Fuß und musste ins Krankenhaus. Der herbeigerufene Taxifahrer wollte sie nicht fahren wegen der Blutflecken, und anrufen mochte sie niemanden mehr um diese Zeit. Mit einem Handtuch um den Fuß ging sie zu Bett.

An einem Morgen vor zwei Wochen konnte sie nicht mehr aufstehen. Nur noch liegenbleiben wollte sie, die Augen schließen, eine große, weiche Abwesenheit, und selbst zum Weinen reichte die Energie nicht mehr aus, die sie bis ins Büro hätte tragen müssen. Auch im Büro anrufen konnte sie nicht mehr, nicht zum Arzt gehen, damit sie irgendwelche Tabletten bekäme, und so lag sie stundenlang einfach auf dem Rücken, vollkommen leergeräumt, und ab und zu klingelte das Telefon, weil ihr Chef wissen wollte, wo sie blieb.

Am Abend stand kein Mann vor der Tür und keine Freunde. Nur ihr Chef klingelte so lange, bis sie öffnete. Er habe sich Sorgen gemacht, sagte er. Alleinstehende könnten ja leicht einmal in der Badewanne ausrutschen, Beckenbruch, und dann fände sie ewig keiner. Schwankend stand sie im Türrahmen, so bleich, dass ihr Chef sie ins Bett schickte, und verschwand mit den Worten, bis zum Wochenende wolle er sie im Büro nicht mehr sehen.

Zwei Tage blieb sie einfach im Bett, duschte nicht und aß nichts, und schließlich hatte sie genug Energie angespart für einen Telefonanruf. Auf den Anruf kam eine Freundin, die brachte sie zum Arzt. Die Freundin lachte viel, um sie aufzumuntern, sprach von ihrer Hochzeit und legte, als sie ging, einen Stapel Frauenzeitschriften aufs Bett. Zur Zerstreuung. „Wie sie IHN verrückt machen“, stand auf einem der Cover.

Es seien bloß die Nerven, hatte der Arzt ihren Zustand kommentiert. Sie arbeite wahrscheinlich zuviel, sagte er, maß ihr den Puls und leuchtete ihr in die Augen. Dann schickte er sie heim und verschrieb ein paar Medikamente. „Haben sie jemanden, der auf sie aufpasst?“, fragte der Arzt. Es sei nicht gut, allein zu sein, wenn es wieder schlimmer würde.

"Und was raten sie mir, wenn da keiner ist?", fragte sie fast, aber dann nickte sie doch und ging nach Hause.

Sonntag, 30. Juli 2006

Der esoterische Zahn der I.

„Na, ein zweiter Zahn halt. Also ein eigentlich ein dritter, wenn man die Milchzähne mitzählt.“ berichtet die I. über die Zustände in ihrem Kiefer, und versenkt den Löffel in den zerlaufenden Resten einer Eisbombe. „Jedenfalls hat meine Zahnärztin mir dann geraten, mal untersuchen zu lassen, wie das ausschaut, wie sich der Zahn im Kiefer auswirkt, also eine Muskel...jedenfalls, irgendwas mit den Muskeln. Ich also hin, so ein Heilpraktiker.“ – Bei der Erwähnung des Heilpraktikers zieht der B., I.‘s Verlobter, ein wenig missbilligend die Augenbrauen zusammen, und der J. stößt ein komisches Geräusch aus, ähnlich dem, mit dem Luftballons ihren Inhalt in die Atmosphäre freisetzen, öffnet man den Knoten.

Ein Heilpraktiker also. „Ja, mir war auch nicht so klar, dass die Methode mit den Muskeln – dass das also ziemlich umstritten ist. Eher so Humbug, aber jedenfalls klopft der Mann an mir so herum, ich also keinen Schatten Misstrauen, und dann meint er, der Zahn im Kiefer würde also schon stören, liegt ja auch direkt an der Wurzel von dem Zahn darüber, und ich sollte ihn wirklich entfernen lassen. – Gut, sage ich, ich würde mich also bei der Zahnärztin melden, die mich dahingeschickt hatte, und einen Termin machen lassen.“

„Und ist der Zahn jetzt weg?“, frage ich und stürze ein weiteres Glas Wasser hinunter, denn für Wein ist viel zu heiß, und der schwere, spanische Wein zum Roastbeef liegt wie Leim auf meiner Zunge. „Nein, habe ich noch nicht geschafft.“, schüttelt die I. den Kopf. „Aber als ich so sage, ich würde die OP dann mal vereinbaren, da schaut mich der Heilpraktiker also an, und sagt ganz ernsthaft, also als ob das das Selbstverständlichste auf Erden sei, also so ganz normal ‚Frau S.‘, sagt er also, ‚lassen sie die OP aber nur bei abnehmendem Mond machen.‘ – Junge, Junge, habe ich da gedacht. Da bist du schön wo hingeraten.“ – Der B. schaut noch etwas gequälter drein, und der J. hebt kurz, aber missbilligend seinen Löffel.

„Aber wenn ich den Heilpraktiker jetzt wechsele, oder die OP einfach machen lassen, wenn es mir am besten passt, dann muss ich die Zahnärztin wechseln. Die ist da schon sehr überzeugt. Und meinen Orthopäden. Und Zahnärzte gibt es viele, aber gute Orthopäden?“ –„Was hat denn der Orthopäde damit zu tun?“, frage ich und rekapituliere den Bericht der I., in dem meiner Erinnerung nach bisher kein Orthopäde Erwähnung gefunden hat.

„Die hänge da alle irgendwie zusammen.“, deutet die I. ungefähr in die Weite über Berlin, und einen Moment stelle ich mir eine berlinweite Verschwörung von Ärzten vor, die denjenigen Studienfreunden, die das Physikum nicht bestanden haben und sich nun als Heilpraktiker durchschlagen, falls so etwas geht, ab und zu Aufträge zuschanzen.

„Und homöopathisch vor- und nachbereiten lassen soll ich den Eingriff auch.“, fährt die I. fort. „Jedenfalls habe ich mir gedacht, was kann’s schaden. Bis zum 15. August also, oder dann im September nach dem Urlaub.“

„Und du bist dir sicher, dass...“, beendet der J. seinen Satz nicht. „Ich glaube ohnehin nur an Antibiotika und Schneiden.“, gebe ich, nur leicht simplifizierend zum Besten, sammele die Teller ein und verteile den restlichen Wein auf die Gläser.

Freitag, 28. Juli 2006

Die sehr gelungene Hochzeit der Cousine des J.

„Da will ich nicht hin.“, maule ich am Dienstag ein wenig herum und male mir leicht verdrossen die Hochzeit der Cousine des J. aus. Die Reden. Die Hochzeitszeitung. Das Brautpaar, wie es einen Baumstamm durchsägt und die stundenlange Zeremonie in einer Kirche. Sketche. „Und deine Familie...“, hebe ich an, bis der J. leicht gereizt die Augenbrauen zusammenzieht.

„Müssen wir da wirklich hin?“, frage ich einen Abend später und krause die Nase. „Da führt jetzt kein Weg vorbei!“, ordnet der J. an und weist auf das Harmoniebedürfnis seiner Mutter hin. Überdies, so fährt er fort, könne man die Störung, die von auffälligen Abwesenheiten naher Verwandter ausginge, seiner Großmutter nicht zumuten, und ein Kleid - nun, ein Kleid müsse ich mir eben noch kaufen. „Wann soll ich das denn nun noch machen!“, rufe ich dem J. hinterher, und diese Frage ist angesichts des Grades meiner Berufstätigkeit, die sich wirklich eine Vollzeitstellung nennen darf, als ganz und gar rhetorisch zu verstehen.

„Ist dir eigentlich klar, was das kostet?“, spiele ich am Donnerstag eine der letzten Karten aus, die ich auf der Hand habe und erwähne den exorbitanten Preis, de die Deutsche Bahn für die Beförderung von zwei Personen zum Ort der Vermählung berechnet. „Ganz schön teuer.“, gibt der J. zwar zu. Allerdings – und wohl oder übel – müsse man da nun einmal hin. Und immerhin sei das Essen vermutlich gut, seine Großmutter habe er lange nicht gesehen, und es habe deswegen überhaupt keinen Sinn, die Teilnahme an diesem Fest noch länger zu diskutieren.

Am Samstag morgen also laufe ich los. Ich kaufe ein Kleid, altrosa Seide mit aufgestickten Straßperlchen, eine Stola, finde keinen passenden Hut, schwitze, schleppe eine meterlange schlechte Laune hinter mir her und dusche wie eigentlich jeden Tag mehrfach ganz vergeblich. „Bist du fertig?“, brüllt der J. durch die Badezimmertür. „Komm' gleich.“, murmele ich zurück, schließe ein letztes Mal die Augen und denke an all das, was man mit dem Wochenende sonst noch so anfangen könnte. Mit der C. und der J. Baden fahren zum Beispiel. Unter einem Baum liegen und lesen. Einen Text schreiben, nach einem Spiegel und einer Garderobe suchen. Telefonieren oder einfach in einem Café sitzen, stundenlang, und über lauter Dinge sprechen, die angenehm sind und nichts zu tun haben mit Hochzeiten oder ähnlich unangenehmen Dingen, die es gibt, ohne dass irgendjemand wüsste, wozu.

„Wir müssen dann mal los.“, greift der J. nach meiner Tasche, und schwitzend, ächzend und ein wenig müde dazu schleppe ich mich über die Schwedter Straße. Im Bahnhof ist es voll.

„Eigentlich eine blöde Idee.“, gibt nun auch der J. zu, einbetoniert in einen dunklen Anzug. „Eigentlich eine miese Sippe.“, und erzählt lauter Details aus dem Familienleben seiner Anverwandten, die man schon aus Diskretionsgründen nicht der Öffentlichkeit anvertrauen mag, und lässt die Mundwinkel hängen. „Du wolltest da doch hin!“, beschwere ich mich und schaue auf die Uhr. Ausreichend Zeit. „Lass uns erst mal was essen.“

„De Sketche!“, jammert nun auch der J. „Meine dicke Tante. Die Hochzeitsreden. Und bestimmt haben die beiden nur ganz komische Freunde.“, lamentiert er weiter. „Eigentlich eine Frechheit, einen einzuladen, und man muss dann dahin.“, und stochert in einer lieblos zusammengerührten Portion Bratnudeln.

„Wir müssen dann wohl mal los.“, schaue ich auf die Uhr und versuche mit zusammengekniffenen Augen zu erkennen, auf welchem Bahnsteig der ICE einfährt. „Oder bleiben wir einfach hier?“, glitzert es sehnsüchtig in den Augen des J. „Sagen, wir hätten den Zug verpasst?“ – Erwartungsvoll sitzt der J. mir gegenüber und schaut mich an. „Teufel werde ich tun, dich und deine Sippe....“, sage ich schließlich, zwei Minuten später, und stehe auf.

Als wir auf dem Bahnsteig stehen, fährt der ICE los. „Tja, dann....“, dreht sich der J. um. „Fahren wir jetzt nach Hause?“, frage ich erwartungsfroh, und der J. schüttelt resigniert den Kopf. Also nein.

Eine geschlagene Stunden streifen wir durch den Bahnhof, kaufen ziellos irgendwelche Gegenstände, trinken Wasser, beobachten aufmerksam die Tätowierungen fremder Menschen und blättern in der Karte einer Eisdiele. „Geht nicht mehr.“, schaut der J. auf die Uhr. „Müssen los.“ – Erneut steigen wir die Treppe aufwärts, der J. trägt die Tasche, ich schleppe schwer an der Last meiner schlechten Laune, und der ICE, so ist der Tafel zu entnehmen, die über dem Bahnsteig hängt, hat zehn Minuten Verspätung.

„Wenn der jetzt noch später kommt, fahren wir nach Hause.“, beschließt der J. und ich nicke, stelle meine Tasche ab, zähle untätowierte Menschen in meiner Nähe und komme auf drei, halte Ausschau nach einem Wagen, wo man Wasser kaufen kann, und warte auf den Zug. Zur Kirche, soviel ist sicher, sind wir zu spät. Wenigstens etwas, denke ich, und betrachte verträumt die Anzeigetafel. Wenn der jetzt noch später kommt..., denke ich.

„...erhöht sich die Verspätung auf etwa dreißig Minuten!“, schallt es über den Bahnsteig, und ich tippe den J. an. „Wir fahren nach Hause.“, sage ich.

Und während der J. seinen Eltern telephonisch zu erklären versucht, warum er mitsamt Begleitung nicht der Hochzeit seiner Cousine beiwohnen wird, segne ich bei mir die Deutsche Bahn AG, die schlechten Bratnudeln, die unerträgliche Hitze und überhaupt alles, mich und den J. und den Samstag und die Sonne und Berlin, während die lustigen Götter der Familienfreiheit unter der hohen Decke des Berliner Hauptbahnhofs mit gnädigem Kichern unseren Abzug begleiten.

Dienstag, 25. Juli 2006

Marie Bashkirtseff

Von Nizza nach Rom, von Rom nach Neapel, hin und her, Baden-Baden, Genf, auf ein paar Wochen nach Russland, und immer weiter mit einem Tross Dienerschaft, den langsam verblühenden Tanten, der blassen, schwachen Mutter, um schließlich 1884 in Paris zu sterben, 24 Jahre alt. Notre dame du sleeping car, nennt sie ein Freund, unsere liebe Frau von der ewigen Unruh‘, ein anderer, und unklar bleibt, was es ist, das es sie weiter treibt, von einem Ort des eleganten Europa zum nächsten. Vielleicht ist’s auch gar kein Fernweh, kein Wunsch, an einem anderen Ort das Glück zu suchen, das nie dort ist, wo Maries Koffer gerade stehen. Vielleicht ist es einfach gedankenlose Gewohnheit eines Kindes, das ein Daheim nicht mehr kennt, seit die Eltern sich trennen, schon bald nach der Hochzeit, und die Mutter mit Dienerschaft und Tanten, Zofen und Lakaien, einem Mohrenknaben und mitreisenden Ärzten Russland verlässt, um auf eine endlose Reise zu gehen von Hotel zu Hotel, einmal quer durch Europa.

Fremd erscheint ihr nun der russische Distrikt ihrer frühen Kindheit. Langweilig sind die ländlichen Wolfsjagden und die immergleiche, folgenlose Galanterie der ländlichen Bekannten, besucht sie einmal ihren Vater. Fremd auch ist die russische Sprache geworden, die sie nur noch mit den Dienern spricht. Das Tagebuch, das sie nach ihrem Tode erst bekannt machen wird, führt sie auf Französisch, aber auch das Französische bleibt ihr letztlich fremd, und sie merkt es, wie auch Italienisch, Englisch, ein wenig Deutsch, aber es wird nichts Rechtes mit den Sprachkünsten der kleinen Marie, die nach raschen Lernerfolgen - denn Marie ist begabt - sich gelangweilt abwendet, sobald die Mühen beginnen. Rasch fasst sie auf, bringt es in allem, was sie tut, auf schnelle Kunstfertigkeit. Sie liest, sie spielt, sie tut, was sie tut zum Entzücken ihrer Tanten, aber dieses Entzücken reicht ihr nicht, und alle Bewunderung, die man ihr entgegenbringt, wird ihr nie reichen, denn das eigentliche Ziel des Mädchens, das mit zwölf Jahren sein Tagebuch beginnt, ist der Ruhm, eine vage Vorstellung von Größe und Bedeutung. Ich möchte Cäsar sein, Augustus, Marc Aurel, Nero, Caracalla, der Teufel, der Papst!, wirft sie ungeduldig auf die Seiten ihres Tagebuchs, da ist sie 15 Jahre alt und erträgt es kaum, noch nicht berühmt zu sein, wofür auch immer. Willensstark ist Marie, heftig und schwankend in ihren Wünschen.

Eine große Sängerin will sie sein, singt, bis ihr die Stimmbänder versagen, und sie den Traum von der Bühne begraben muss. Einen Herzog zu heiraten, den Neffen eines Kardinals, eine große Dame zu sein der Gesellschaft, die sich ihr nicht ganz öffnet, denn ein wenig obskur mögen die reichen Russen des kleinen Landadels der ansässigen Gesellschaft erscheinen. Vielleicht wird der Reichtum ein wenig zu laut zelebriert, vielleicht erscheint das fahrende Leben zwischen Hotels und stetigen Aufbrüchen ein wenig anrüchig, oder es reicht schlicht das Geld nicht, um dies vergessen zu machen, und so wird es nichts mit Maries Träumen von einer Hochzeit, die Glanz und Größe ohne eigenes Zutun eröffnet.

Dass es nicht die Liebe ist, die ihr Interesse an den Bewerbern erregt, konstatiert sie selber, denn kühl, erbarmungslos mit jeder Regung der eigenen Seele zeichnet sie die Schwankungen des eigenen Gemüts auf: Wie sie nur in Abwesenheit liebt, die Spottlust und die Kälte in Gegenwart der Verehrer, überhaupt, aus welchen nicht immer reinen Quellen ihre Neigung sich speist, und das eigentlich Abstoßende der Berechnung verwandelt sich beim Lesen in einen leises Mitleid mit der Ziellosigkeit einer kleinen Prinzessin, die nicht fassen kann, das ihr das Leben nicht alles schenken mag, was es anderen zu bieten bereit ist, und auch die Fassungslosigkeit aufschreibt mit der ganzen exhibitionistischen Grazie vollkommener Aufrichtigkeit.

Die Schonungslosigkeit im Umgang mit der eigenen Seele ist es auch, die versöhnt mit ihrer grotesken Selbstverliebtheit, die sich immer wieder in langen Schilderungen ergeht, wie sie am Balkon sitzt etwa, in einem weißen Kleid, was sie trägt, lauter lebende Bilder mit Marie im Mittelpunkt. Die ridiküle Bewunderung ihrer schönen Hände, des reinen Gesichts, denn hübsch ist sie wirklich, den Photographien und Portraits zufolge, ein reizendes Mädchen, dem die Heftigkeit des Temperaments nicht anzusehen ist, das stets schwankende Gemüt, das sich liebt, hasst, vergöttert, das Höchste von sich erwartet und zutiefst enttäuscht ist, bleibt sie sich schuldig, was sie von sich verlangt.

Eine große Sängerin wird sie also nicht werden, der der Tod von den Stimmbändern langsam Richtung Lunge kriecht und ihr den Körper zersetzen wird. Der sie ein paar Jahre später das Gehör kosten wird, noch ist sie keine 21, und die sich beobachtet wie eine Fremde, eine Verdopplung in zweimal Marie: Eine Marie, die sich erregt zu Boden wirft, ihre Handschuhe aus dem Fenster fallen lässt, einen Uhr ins Meer wirft vom Nizzaer Balkon des Hotel Negresco, die weint, die Dienstboten quält, um sodann übertriebene Geschenke zu senden, alle Welt zu umarmen und sich wieder zu versöhnen, so geräuschvoll wie der Streit. Eine andere, die neben sich steht, sich beobachtet, und sich mit jener anderen Person nur vereint, um Stoßseufzer zu Himmel zu schicken, an deren Vergeblichkeit sie von Jahr zu Jahr weniger vorbei kommt. Mein Gott, wenn du mich leben lässt, wie ich es wünsche; ich verspreche dir, mein Gott, wenn du Mitleid mit mir hast, ich verspreche dir von Charkow bis nach Kiew zu Fuß zu gehen wie die Pilger. , schreibt sie, aber Gott, dem sie den zehnten Teil ihrer Einnahmen verspricht, ist nicht gnädig, und der Ruhm kommt nicht zu ihr noch das glänzende Leben.

Einen Versuch unternimmt sie noch, beginnt zu malen, schließt sich einem Atelier an, das auch Frauen ausbildet, und wundert sich, dass die anderen Schülerinnen sie, die mit ihren Dienern erscheint und sich Mahlzeiten aus den Küchen der großen Hotels kommen lässt, nicht mögen. Wie in allem was sie tut, bleiben auch hier die Erfolge nicht aus, sie stellt aus, findet Förderer, und ist doch nicht zufrieden, denn sie selbst, sie selbst hat mehr von sich erwartet als die letztlich nur handwerklichen Fertigkeiten, die ihren Bildern anzusehen sind, auch wenn sie Erfolge einfährt, um die andere sie beneiden.

Sie malt wie besessen, denn der Ruhm muss doch kommen. Sie verlässt Paris nur noch selten, denn da steht das Atelier, das letzte schmale Tor zu Berühmtheit und Größe. Sie übernimmt sich, malt Tag und Nacht und verpasst doch die Maler der jüngsten Generation, die in den Achtziger Jahren des 19. Jahrhunderts groß werden, die Impressionisten, den Pointillisten, und eifert den akademischen Lehrern nach, vielleicht auch verblendet von dem Glanz, der diesen sichtbar und sofort zuteil wird, und jenen erst später, aber da ist Marie schon lange tot.

Ein wenig trauert man mit ihr um den vergeblichen Traum von Unsterblichkeit zu Lebzeiten. Ein wenig schüttelt man den Kopf vor der Eifersucht auf jeden Erfolg der anderen Schülerinnen, der Heftigkeit, den immer schriller werdenden Klagen und der Enttäuschung der Zwanzigjährigen, die zusehends müde wird, weil ihr nicht reicht, nie reicht, was das Leben ihr schenkt. Blick- und gedankenlos geht sie vorbei an allem, was das Paris jener Tage zu bieten hat, diese satte, üppige Stadt, strotzend vor Lebenslust und Genussucht, all das, was sich darbietet in den Romanen von Flaubert, Balzac, den Novellen des Maupassant, mit dem sie einen törichten, anonymen Briefwechsel pflegt, um der Größe zumindest nahe zu sein. Das Leben mit dem Duft der Blumen, dem Wirbel der hungrigen, stetig wachsenden Städte, den gesunden Lungen und dem gesunden Appetit auf Skandale und Liebschaften, auf die schweren Braten und Weine dieser prosperierenden Tage: Keinen Niederschlag findet all das in ihrem Tagebuch, und so geht Marie am Leben, das sie haben könnte, vorbei zugunsten des Lebens, das sie nicht haben kann. Sie verbrennt sich dabei, überanstrengt sich, und die Last der Enttäuschung, der Mühe und der Müdigkeit der steten Anstrengungen und allzu kleinen Erfolge frisst an ihrer Gesundheit.

Mit 24 geht ihr der Atem aus. Ein paar Tage vor ihrem Tod ein letzter Eintrag, und man schließt das kleine Taschenbuch mit einer Beklemmung und einigem Mitleid mit dem ungelebten Leben des toten Mädchens, zu dem der Glanz nicht kommen wollte: Jene Gnade der Kunst, die zu erhalten es nicht reicht, sie so heftig zu begehren, dass es einen das Leben kostet, bis man nichts mehr davon haben wird, wenn das Protokoll dieses Scheiterns einmal berühmt werden soll, aber man selbst liegt längst schon im Grab in Paris Passy.

Samstag, 22. Juli 2006

Azur

Ganz durchtränkt von Hitze, mit Sonne vollgesogen auf dem Balkon, und die Hand wird nass, wenn man die Wange darein stützt. Der Abend noch hüllt mich ein in lauter warme, klebrige Luft, und ermattet lächeln mir die Nachbarn zu, denen die Gläser fast zu schwer werden mit Wasser und Zitronen und Eiswürfeln darin. - Leg dich zu mir, flüstere ich des Nachts, aber komm‘ nicht zu nah, und die Luft selbst scheint schwerer zu sein, dichter und ganz, als presse die Hitze sie zusammen, bis man sie greifen könnte und hätte am Ende etwas Festes in der Hand. Langsam, träge, beschwert vom glutvollen Sommer schleppt ein Hund in dickem Pelz sich durch den Hinterhof, während die Sonne selbst, betäubt von der eigenen Hitze, zur Ruhe geht, abgelöst von einem reifen, gelben Mond.

Ein wenig betrunken scheint die Stadt, schwankend taumeln die Tage einher, und ganz von fern, aus der Weite hinter Berlin singt das Meer von Wind und Salz, von Kühle, Flut und Wassereis aus Plastikschläuchen. Noch einmal, denke ich, einen ganzen Sommer am See sitzen, nochmal ein paar Wochen mit zwei Taschen und einem Zugticket umherfahren, Penne mit gebratenem Gemüse auf einer nächtlichen Piazza, und die Jugendherberge in Lucca, eine Absteige in Marseille nahe dem Hafen, Florenz und am Morgen vorbei an San Lorenzo, wo die Medici begraben liegen. - Noch einmal schon morgens im Badeanzug den Hügel herabrollen, im Garten des B., der K., der S., deren Eltern am See gebaut hatten, liegen. Stege ins Wasser, Schwimmen, und mit dem Boot am Abend in die Mitte des Sees. Heimkommen am Abend, mein Vater am Grill, und die großen, getöpferten Schalen voll mit Salat, und die Terrasse voll mit den Freunden meiner Mutter. Tomaten aus dem Garten, Bellini und Prosecco auf Eis. Der betäubende Geruch nach Lavendel und der Kletterrose am Giebel, mit Blüten dichtbesetzt.

Leg dich zu mir, flüstere ich dem Sommer ins Ohr. Bleib, solange du kannst. Komm wieder mit Rosen und Booten, Lampions und nächtlichen Bädern. Schenk‘ die Gläser voll mit kaltem Hibiskustee am Tage und Weinschorle nachts. Leg‘ mir Forellen auf den Grill und lass mir Tomaten reifen, denen fast die Haut platzt vor lauter Duft, und die riechen, wie nur die Tomanten riechen, die man nicht kaufen kann.



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