Donnerstag, 21. Dezember 2006

Alte Beschwörung. Bann.

Am Ufer nimmt die Nacht dich auf, die Stimmen werden leiser, und nur Carla Bruni singt von der Liebe oder von etwas, was der Liebe manchmal täuschend ähnlich sieht. Westlich der Oberbaumbrücke glänzt die Stadt dir etwas vor, und auf einmal spürst du die rauhe, warme Hand der Müdigkeit auf deinen Lidern.

Komm heim, zieht dich deine warme Wohnung nach Norden, und du lächelst über die Kinder an der Haltestelle, die sich Bier trinkend an den Händen halten und etwas singen, was du nicht verstehst mit der Musik in den Ohren. Vielleicht sind die Kinder nur drei, vier Jahre jünger als du, überlegst du und versuchst, nicht allzu auffällig hinzuschauen und bist ein bißchen traurig, weil das nun vorbei ist und nicht wiederkommt. Keiner wird dich mehr so durch die Luft schwenken, fällt dir ein, als ein Junge ein Mädchen an beiden ausgestreckten Armen um sich herumwirbelt, dass ihre Haare fliegen.

Daheim ist es warm, wünscht du dich die paar Kilometer weiter, wo Licht brennt und jemand auf dich wartet, und schaust doch den Kindern an der Haltestelle nach, die nicht in diese Bahn steigen und stehen bleiben, als du fährst. Ach, und für einen Moment stellst du dir vor, auch du würdest irgendwohin fahren, wo alles anders ist als hier, wo man auch dich herumschwenken würde, dass deine Haare fliegen, wo dein Leben leuchten würde vor Feuer und Kristall, und wo die Stadt glänzt von lauter frischem, grellen Blut auf ihren Straßen.

Sonntag, 17. Dezember 2006

Die schwesterliche Weihnachtsfalle

Exposition (Weihnachten 05)

„Sü-üße!“, flötet Schwesterchen und wirft mir ein Geschenk in den Schoß. „Wir wollten uns doch nichts schenken.“, wehre ich ab. Ich habe vereinbarungsgemäß nichts gekauft. Eine Minute später ist klar: Schwesterchen auch nicht. Auf dem ausgewickelten Teepäckchen klebt der Aufkleber eines Berliner Teegeschäfts, in dem ich ein Jahr vorher mehrere Tees erworben habe, um sie Schwesterchen ergänzend zu einigen anderen Utensilien zur Teezubereitung zu überreichen.

„Hat dir der Tee nicht geschmeckt?“, schleudere ich schwerst beleidigt Schwesterchen das Päckchen zu. „Nun mach‘ doch nicht auch noch Weihnachten Stress!“, stürmt das erboste Schwesterchen davon. „Modeste kann man’s auch nicht recht machen.“, beschwert sie sich bei meiner Mutter und wirft die Tür hinter sich zu. „Das ist doch nicht so schlimm.“, befindet meine Mutter. Ich hätte halt so tun sollen, als hätte ich das Versehen gar nicht bemerkt. „Wenn sie den Tee eh nicht trinkt, kann sie ihn doch verschenken.“, beendet meine Mutter die Diskussion und merkt irgendwann später gegenüber Schwesterchen an, zukünftig besser darauf zu achten, wem sie welche Geschenke weiterschenkt.

Mitte November 2006 beschließe ich daher: Schwesterchen bekommt auch diesmal nichts. Zum einen gilt die Verabredung an sich nach wie vor, uns nichts zu schenken. Zum anderen habe ich mich über Schwesterchen mächtig geärgert, die im Oktober befand, für einen dermaßen langweiligen und unspektakulären Job wie meinen müsste man schon als eine Art Schmerzensgeld mehr Gehalt beziehen, als ich bekomme.

Szenario 1 (die Keiner-schenkt-was-Variante)

Das ortsabwesende Schwesterchen bekommt also kein Paket, und schickt auch mir nichts nach Berlin. Weihnachten sitzt Schwesterchen also bei der Familie ihres Freundes auf dem Sofa, packt das elterliche Geschenk aus, und ruft kurz an oder wird kurz angerufen. „Sü-üße!“, wird sie flöten. „Frohes Fe-est!“, und dann legen wir beide wieder auf.

„Meine Schwester hat einen echten Schaden.“, wird Schwesterchen gegenüber der fremden Familie als Begründung anführen, warum wir uns nicht schenken, und bei der sicherlich irgendwann stattfindenden Hochzeit werden mich alle anstarren, und versuchen, herauszubekommen, was bei mir nicht stimmt, und warum ich das reizende Schwesterchen nicht mag.

Wahrscheinlich Neid, werden sie denken.

Szenario 2 (Die Schwesterchen-schenkt-was-Variante)

Das Schwesterchen geht also in ein Geschäft (oder kramt ein bißchen in den Geschenken des Vorjahres) und packt mir irgendwas ein. Vielleicht bekomme ich auch ein Werbegeschenk, das ihr Freund von Geschäftspartnern erhalten hat. Obstbrand etwa, das mögen wir beide nicht. Oder ein Dekorationsobjekt. Schwesterchen mag Dekorationsobjekte wie etwa luxuriöse, handgezogene Kerzen oder Vasen aus Terrakotta, die mediterrane Leichtigkeit auch in meinem Heim verbreiten.

Weihnachten bin ich also gezwungen, anzurufen und mich zu bedanken. Irgendwann nach Weihnachten wird Schwesterchen zu Hause anrufen, wenn meine Eltern wieder aus dem Urlaub zurück sind, und berichten, dass sie mir ein „klitzekleines Geschenk, gar nicht teuer“ gekauft habe, denn „es geht ja auch nicht ums Geldausgeben, nur dass man zeigt, dass man sich mag.“, oder so ähnlich, und dann stehe ich da als gleichgültiges Biest ohne Familiensinn.

„Wahrscheinlich Neid.“, wird meine Mutter seufzen und sich vornehmen, mit mir mal ernsthaft darüber reden, dass sie zwei großartige Töchter hat, von denen jede ihre ganz eigenen Vorzüge hat.

Szenario 3 (Die ich-schenke-was-Variante)

Die dritte Variante ist die Offensive. Ich packe meiner Schwester großartige Geschenke wie etwa exklusive Seifen im edlen Präsentkarton oder 250 Gramm original belgischer Pralinen in der Nostalgiebox ein und schicke alles per Post zur Familie ihres Freundes.

„Sü-üße, wir wollten uns doch nichts schenken.“, wird Schwesterchen Weihnachten anrufen und ein bißchen jammern, dass ihr das jetzt aber total unangenehm ist. Also sie hätte ja gedacht, wir schenken uns nichts. Da hätte sie sich ja auch dran gehalten, ansonsten hätte sie mir ja auch was geschenkt, aber so sei das eigentlich unfair, wird Schwesterchen lamentieren, und die Familie ihres Freundes wird ihr beipflichten.

„Und dazu nur so Schrott.“, wird Schwesterchen die exklusive Seife oder die original belgischen Pralinen auf den Couchtisch schleudern. „Hat sie bestimmt selbst geschenkt bekommen.“

Nach Szenario 4 wird noch gesucht.

44

Die westliche Welt kennt, wie man weiß, kaum etwas Brutaleres als die Spiegel bei H&M, in denen jede mir bekannte Frau Dellen auf den Oberschenkeln hat, und auf vollkommen indiskutable Art und Weise oben, unten, rechts und links aus den Sachen quillt, die man da kaufen kann. Um aber auch jene Menschen, die diese Umkleiden nicht benutzen, restlos zu deprimieren, hat sich der erfolgreiche schwedische Konzern etwas Besonderes ausgedacht, und bietet auf seiner Homepage unter dem links oben angebrachten Punkt „Umkleide“ die Möglichkeit, Personen zu gestalten, die die eigenen Maße aufweisen und sodann angezogen werden.

„Create my model“, heißt die ganze Veranstaltung, und wer darauf klickt, sieht kurz darauf eine junge Dame (Männer gibt es auch), die ungefähr so aussieht, wie öffentlich abgebildete Frauen immer aussehen. Wie man auf der rechten Seite sehen kann, hat sie eine Sanduhrfigur, und wiegt bei einer Größe von 1,75 ganze 44 Kilo. Ansonsten ist sie braungebrannt, europäisch, jung, und trägt einen Pferdeschwanz.

44, kneife ich mir unwillkürlich in den Bauch. 44. 44 Kilo habe ich zuletzt in der gymnasialen Unterstufe gewogen, da war ich circa 12, ruderte, ritt und rannte, fuhr jeden Tag mit dem Fahrrad zur Schule, und wurde biologisch hochwertig und ziemlich schwer zerkaubar ernährt. 44, murmele ich leicht verstört und mache mich auf den Weg ins Bad. Zum Glück ist die Batterie der Waage leer.

Um meine Leidensfähigkeit zu testen, gebe ich meine Größe und mein ungefähres Gewicht ein. Sehr jung bin ich auch nicht mehr, glaube ich, und lange Haare habe ich auch nicht, sondern mehr so eine praktische nackenbedeckende Halblangfrisur, die eigentlich nie sitzt, aber darauf kommt es wahrscheinlich eh nicht mehr an. - 44, schnaufe ich vor mich hin.

Letztlich ist irgendwo ein Model verhungert, beruhige ich mich und fasse die dicke Dame auf dem Bildschirm fest ins Auge. Sie ist....nun, rundlich, könnte man sagen. Jürgen Teller oder Karl Lagerfeld würden sich angewidert abwenden. Gleichzeitig versuche ich mir die Differenz zwischen meinem Gewicht und 44 Kilo in Butterstücken vorzustellen. Bei der Vorstellung wird mir schlecht.

44 stöhne ich und beschließe, nur noch Sushi und thailändische Suppen zu essen. Wenn ich jede Woche 1,5 Kilo abnehme..., rechne ich vor mich hin und drehe mich in bißchen vor dem Spiegel an meinem Schlafzimmerschrank. Rund 100 Jahre alt ist der Schrank, und vermutlich, so spekuliere ich, waren alle früheren Eigentümerinnen schlanker. Sogar der Schrank lacht mich aus.

„Tja, Madame Modeste!“, kichert der Schrank und knirscht ein bißchen mit den Scharnieren. „Dermaßen viel Stoff für ein Frau ist mir auch noch nicht untergekommen.“, und biegt sich vor Lachen ein bißchen in den Seiten. „Du sei ruhig!“, werfe ich dem Schrank eine ziemlich große Jeans an den vorlauten Spiegel.

44, 44, murmele ich auf dem Bett liegend verstört vor mich hin, starre an die Decke und betaste verstört meinen Bauch.

Donnerstag, 14. Dezember 2006

Normalverteilung

Auch nie verstanden habe ich ja die rein mathematische Seite des Liebeslebens, die Frage der Verteilung nämlich, mit der es sich folgendermaßen verhält:

Jeder alleinstehende Deutsche verliebt sich ungefähr zweimal jährlich. Rechnen wir das immerhin ausbaufähige Interesse dazu, so kommen wir auf drei verschiedene Personen, auf die sich Hoffnungen richten. Fragen wie „Wer war eigentlich der Typ, der....“, oder „Kennst du den X., der immer kommt, wenn...“, werden gestellt, und auffallend häufig wird von X oder Y gesprochen. Es wäre ganz nett, so gibt die betroffene Person meistens nach einiger Zeit zu, wenn X oder Y einfach mal anriefe. Die interessierende Person indes ignoriert die Versuche, möglichst zufällig miteinander auszugehen, so hartnäckig, dass selbst gute Freundinnen empfehlen, den Betreffenden einfach zu vergessen.

So weit, so gut. Alle alleinstehenden Leute, die ich so gut kenne, dass sie mir derlei Dinge mitteilen, verlieben sich also zwei- bis dreimal jährlich. Gehen wir also davon aus, dass das bei allen Leuten so ist, so müsste sich doch rein rechnerisch auch in jeden – abgesehen von sehr unvermittelbaren Fällen – alleinstehenden Deutschen auch zwei bis drei Personen pro Jahr verlieben? Und selbst wenn man einen großzügigen Faktor von 50 % Abweichung aufgrund differenzierter Attraktivität einbezieht, so kommt immer noch 1,5 Verliebter auf jeden Single, und auf manche eben 4. Da wir besonders schöne und besonders abstoßende Menschen bei dieser Berechnung aus Vereinfachungsgründen einfach weggelassen haben, gleichen sich Models und Monstren gegenseitig aus und tauchen in unserer Alltagsbetrachtung gar nicht auf.

Nun indes zeigt das Leben uns einen sonderbar gewachsenen Pferdefuß, denn beileibe nicht alle Personen, die ich kenne, stoßen in diesem Umfange auch auf Anklang, ohne dabei hässlich, sonderbar oder mit anderen Ausschlussmerkmalen behaftet zu sein. Statt dessen schwören die meisten mir bekannten Alleinstehenden Stein und Bein, exakt niemand habe sich 2006 in sie verliebt, null Liebesbriefe inklusive elektronischer Mitteilungen seien eingegangen, und keine Seele sei ihnen in physischer Hinsicht nachgelaufen.

Da bleiben wenig logische Schlüsse, die mit unseren zuvor eingeführten Axiomen vereinbar wären. Entweder ist die Verteilung noch schlechter als der bisher angenommene Attraktivitäts-Ausgleichsfaktor von 50 %, und nahezu alle Leute verlieben sich in bildschöne, perfekte Geschöpfe, denen nicht – wir erinnern uns - vier, sondern 44 Anbeter anhaften. Eine weitere Möglichkeit besteht in der Alterung der mich umgebenden Menschen, die das dreißigste Lebensjahr unterdessen so gut wie alle überschritten haben, und mögicherweise der männlichen Vorliebe für zweiundzwanzigjährige Studentinnen beim ersten Betriebspraktikum zum Opfer fallen. Indes war auch mit 22 die Bewerbersituation überschaubar, und denn Männern scheint es nicht anders zu gehen.

Oder die Welt besteht aus heimlich Verliebten die sich gegenseitig ängstlich, gespannt, aber schweigend umkreisen, kein Wort dabei sagen, und irgendwann erschöpft aufhören, verliebt zu sein, weil der andere sie nicht von selbst erhört, was als Alternative weniger deprimierend wäre, aber gleichfalls nicht eben wahrscheinlich.

Sonntag, 10. Dezember 2006

Die Eisbärrettung

Wenn Sie zu den Leuten gehören, die geräuschvollen Frohsinn auch eher so ein bißchen obskur finden, so fragen Sie in allzu lustiger Runde doch einfach einmal nach dem Klimawandel. Lassen Sie etwa folgende Stichworte fallen: Erderwärmung, Al Gore, Versteppung der semiariden Zonen, und sofort wird sich das Gesicht Ihrer Gegenüber in sorgenvolle Falten legen. Im Anschluss an diesen atmosphärischen Umschwung geht es die nächsten zehn Minuten um nicht weniger als den Weltuntergang, und auch im Übrigen versichere ich Ihnen: Den Rest des Abends wird die Atmosphäre am Tisch nicht mehr die selbe leichtlebige und sorglose Färbung annehmen wie vor Ihrer Intervention.

Tatsächlich jedoch können alle ehrlichen Berliner die Erwärmung der Erdatmosphäre nur begrüßen. Wer jemals auf der Frankfurter Allee dermaßen gefroren hat, dass er jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit fürchte musste, am Abend würden ihm nach seiner Rückkehr von der Arbeit aus den gefütterten Stiefeln die abgefrorenen Zehen entgegenfallen, weiß, was ich meine. Wer – wie ich – nach mehr als zwanzig mützenlosen Jahren in seinem ersten Berliner Winter eine ebenso entstellende wie gehörbehindernde Kopfbedeckung gekauft hat, wer auch ohne Führerschein die Anschaffung eines Autos erwogen hat, um nicht mehr allmorgendlich auf dem Bahnsteig der S-Bahnstation Warschauer Straße zu erfrieren, findet eine Erwärmung der durchschnittlichen Lufttemperaturen eigentlich richtig gut.

Auch wahrheitsliebende Personen indes geben diesen Sachverhalt ungern zu. Hier kommt die ganze Macht gesellschaftlicher Konventionen noch einmal zum Tragen, und erst nachts nach halb drei und nach dem Genuss großer Mengen alkoholischer Getränke geben die Berliner zu, die Klimakatastrophe zu lieben. Mit offenem Mantel, nachts auf dem Weg durch die Stadt, umspült von einer seidig-lauen Luft, wie sie sonst nur ungefähr im September oder im April die Straßen der Stadt durchweht, wandeln glückliche Menschen langsam durch Berlin. Zu Hause drehen sie mächtig die Heizung auf, um die Emissionen großer Kraftwerke zu steigern, machen das Fenster auf und begleiten die Zeitungsmeldungen vom Anstieg der weltweiten Treibhausgasemissionen mit kleinen, freudigen Juchzern.

Eines indes belastet des Berliners Seele: An den Polen, so hört man, verhungern die Eisbären, und das eisbärgeneigte Herz quillt über vor Mitleid mit den ausgemergelten Tieren, die man sich auf einer viel zu kleinen Eisscholle treibend vorstellt, jammervoll nach Fischen schreiend, und schließlich verendend. Als ehemaliger Halter einer ganzen Armee von Teddybären ist dieser Umstand geeignet, auch den an sich klimawandelfreundlichen Menschen ein wenig zu betrüben.

Das Schicksal der Eisbären jedoch, meine Damen und Herren, ist kein unabänderlicher Zustand, das Schicksal der Eisbären liegt vielmehr in unser aller Hand:

Wie Sie wissen, bietet die ehemalige Cargolifter-Halle gut geheizt als sog. „Tropical Island“ zahlenden Gästen alle Freuden eines Südseeurlaubs in Gestalt eines Strandes, der Möglichkeit des Verzehrs von Speisen und Getränken, Shows, wie sie viele Menschen an die Freizeitbelustigungen karibischer Ferienanlagen erinnern. Wie es indes sicherlich auch Sie befüchten, wird die Nachfrage nach dieser Art von Vergnügungen im Zuge der zunehmenden Erwärmung Berlins erheblich abnehmen, und das "Tropical Island" spätestens an dem Tag Konkurs anmelden, an dem auch im November leichtgeschürzte Berlinerinnen am Strand der Spree eisgekühlte Getränke konsumieren.

An den Polen sterben also die Eisbären, die Cargo-Lifter-Halle steht leer, und die Bundesrepublik Deutschland gehört zu den weltweit führenden Herstellern von – auch großformatigen – Kühlschränken.

Da liegt die Lösung doch auf der Hand.

Mittwoch, 6. Dezember 2006

Die Vernachlässigung

„Dich verpetz‘ ich im Internet!“, rufe ich dem J. in den Flur hinterher. „Du bist zu alt für den Mist.“, macht der J. alles noch viel schlimmer. Traurig und leer stehen meine Stiefel vor dem Sofa.

„Ich habe schon Ostern keinen Goldhasen bekommen.“, starte ich eine Philippika größeren Ausmaßes. Den erwünschten Adventskalender von Lindt für Kinder habe ich auch nicht erhalten. Nicht einmal einen billigen, blöden Adventskalender für 2,99 von Lidl oder so hat der J. herangeschafft, zum Geburtstag gab es bloß ein einziges, ziemlich kleines Geschenk, und in Rom hat es nicht einmal für ein ganz, ganz mickeriges Souvenir gereicht.

„Du sollst keine Schokolade mehr haben!“, hält mir der J. vor. Ich würde, behauptet er, die Schokolade nämlich gar nicht, oder nur sehr teilweise essen, und statt dessen würde sich der J. gezwungen sehen, die mir übereigneten Süßigkeiten selber zu verzehren. Dies führe auf lange Sicht zur Verfettung, sei folglich zu vermeiden, und deswegen, so kündigt der J. an, solle ich Weihnachten diesmal auch keinen bunten Teller bekommen.

„Das veröffentliche ich!“, halte ich dem J. seine unfassbare Herzenskälte vor. Soll doch die Weltöffentlichkeit über die Grausamkeit entscheiden, mit der der ansonsten geschätzte Gefährte seine eigene Freundin behandelt. Soll amnesty international Unterschriftenaktionen zugunsten vernachlässigter Freundinnen starten, das Menschenrechtssekretariat der UN eine Delegation in unsere Prenzlberger Wohnung entsenden, und die Bundesregierung nach langem Hin und Her eine entschiedene, wenn auch vorsichtig-verständnisvolle Protestnote an den J. schicken des Inhalts, dass eine derart brutale Vernachlässigung der berechtigten Interessen seiner Freundin von der Bundesrepublik möglicherweise mit Sanktionen belegt werden würde, wenn er nicht damit aufhört.

Aber den J. lässt das kalt.



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