Dienstag, 25. Dezember 2007

Der letzte Tisch der Stadt

Heiligabend, hört man, isst die Nation einträchtig Kartoffelsalat und Würste. Der eine oder andere ist auf Fondue umgestiegen, bisweilen werden Räucherfischplatten bestellt, aber wenn man nicht daheim ist, weil das Weihnachtsritual der Familie des geschätzten Gefährten geeignet ist, auch robuste Gemüter dem Nervenzusammenbruch einige entscheidende Meter näher zu bringen, und die eigene Familie weihnachtstechnisch unergiebig (und zumeist nicht da) ist, dann, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, dann kann es passieren, dass man, so circa 17.30 Uhr, perhorresziert von der Vorstellung, sich vom Zimmerservice ein paar belegte Brote schmieren lassen zu müssen, auf seinem Hotelzimmer sitzt und verzweifelt versucht, den letzten freien Platz der ganzen Stadt zu reservieren.

Nicht, dass man anspruchsvoll wäre. Vielleicht war man’s noch zwei Stunden vorher, inzwischen indes wäre alles recht, fast alles vielleicht, alles jedenfalls, was festlicher anmutet als ein Clubsandwich aufs Zimmer.

Sie seien restlos ausreserviert, bescheiden hintereinander fast alle Restaurants der Stadt. Sie seien über die Feiertage geschlossen, bedauern andere. Man möge es bei einer anderen Nummer versuchen, da sei der Geschäftsführer mit dem Reservierungsbuch erreichbar, rät ein weiteres Lokal, aber unter der angebenen Nummer nimmt keiner ab.

Immer verlockender werden die Speisekarten im Netz. Immer tiefer sinkt die Stimmung, und in dem Spiegel über dem Schreibtisch des Zimmers sieht man eine mürrische, dickliche Frau telefonieren, die ich auch nicht bei mir verköstigen würde.

„Gar nichts?“, seufze ich in den Hörer, und der geschätzte Gefährte ächzt ein bißchen mit. „Nicht einen Tisch? Auch nicht später?“, bohre ich nach, aber alle, alle, alle Wiener Wirtshäuser sind gebucht bis auf den letzten Platz.

„Sind sie so nett...“, bitte ich die freundliche Concierge eins- ums andere Mal um verstärktes Engagement um einen Tisch und eine warme Mahlzeit. Vergebens ruft die blonde Dame mit den sehr, sehr schmalen Augenbrauen ein Restaurant nach dem anderen an, und abwechselnd dringen die Erfolglosigkeitsmeldungen der Rezeption und die Absagen der Wiener Gastronomen an mein Ohr. Im Hintergrund sitzt, schon reichlich resigniert, der geschätzte Gefährte und spielt mit seinem Handy.

Am Ende aber hat die Congierge Erfolg. Auf 22.00 Uhr, verkündet sie mit gut hörbarem Stolz, hätte Sie den letzten freien Tisch der ganzen Stadt für uns reserviert, und als der Taxifahrer uns vor der Tür der Kuchlmasterei absetzt, stört weder die abstruse Dekoration aus Kupferpfannen, Mühlrädern, künstlichen Blumen und goldbesprühten Schaufensterpuppen, noch gibt das – mäßig kreative, aber tadellose – Essen Anlass zu Ärger. Mit einem Gefühl unendlicher Erleichterung, Dankbarkeit gar, kaue ich kurz vor elf auf einer dicken Scheibe Gäsestopfleber herum, schütte eine Maronensuppe hinterher, verschlinge ein Kalbssteak, einen Obstsalat, ein par Kekse, und liege um eins mit dem angenehmen Gefühl des Davongekommenseins im Bett.

Lautlos, denn der Ton ist abgestellt, zelebriert Papst Benedikt XVI. die Weihnachtsmesse im Petersdom.

Sonntag, 23. Dezember 2007

Das schöne Leben

Am Morgen einfach liegenbleiben, die Augen geschlossen halten und sich auf die hellen und dunklen Stellen auf der Innenseite der Lider konzentrieren. Die schwereren Schritte des geschätzten Gefährten, der auf Socken durch die Wohnung läuft. Leises Gläserklirren, fließendes Wasser, und das leichte Trippeln der Katzen.

Der heiße, dichte Kaffee. Auf der Seite liegend die Beine an den Oberleib ziehen, eingehüllt in die eigene Wärme und die Gedanken nach allen Seiten fließen lassen. Langsam vergessen, wie kalt und hart das Jahr gewesen war, und hoffen, dass nur die guten Momente sich für später erhalten. Sich fragen, was man aufheben wird oder ob dieses Jahr ganz und gar verpackt werden muss und weggestellt werden soll auf einen der schattigen Dachböden deines Lebens.

Nun aber doch das weiche Fell der Katzen. Der Geschmack von Brot mit Pastete und Brie. Die Langsamkeit eines Tages, der nicht in Viertelstunden gemessen werden muss, und ein bißchen blättern in Büchern. Verabredungen treffen für drei, für vier, für irgendwann später, und sich stolz zulächeln im Spiegel, dass man dieses Jahr überstanden hat, verformt nicht mehr als nötig, und sich versprechen, dass die nächsten Tage, das nächste Jahr vielleicht, leicht wiegen sollen auf der Waage der Mühen.

Ein leichtes Leben für das nächste Jahr schwörst du dir, die Zahnbürste im Mund. Keine Entscheidungen zu treffen, die über den Tag hinaus Bedeutung haben. Die Kugeln rollen zu lassen, ohne Gewinn und Verlust, und alles, was das nächste Jahr dir bringen mag, sei heiter, belanglos und graziös. Etwas wie Rascheln, maigrünes Laub und folgenlose Küsse. Ein gelocktes Jahr wünschst du dir, Petit Fours und jubelnde Geigen. Den sommerlichen Park von Sanssouci, ein lächelnd gezähmter Pan mit Glockenspiel und Flöte. Ein Rokokojahr ohne Sturm auf die Bastille, und kein Bedauern, kein Vergebenmüssen, nur ein verspielt-geschwungener Schnörkel am Rande eines ernsten Buches, das ich gerade nicht lesen mag, nicht diesen Morgen und nicht das kommende Jahr.

Donnerstag, 6. Dezember 2007

An einen anderen Ort

Den Busbahnhof habe ich behalten, die Schmutzigkeit der Bänke, die paar Trinker vor dem Kiosk, in dem eine dicke Frau mit rotem Gesicht eine Bierdose nach der anderen über den Tresen reichte. Alle Gespräche aber habe ich vergessen, auch, ob ich überhaupt versucht hatte, ihn abzuhalten, ihn wieder mitzunehmen, und sogar, ob ich ihn gefragt habe, wieso er weg wollte, und nicht wieder nach Haus.

Ich selbst wollte nicht weg. Mir ging es ja gut da. Nur kalt war mir, glaube ich, obwohl es erst Oktober war. „Mach es gut.“, habe ich wahrscheinlich gesagt. Und wohl auch: Schreib mir. Aber ob er geantwortet hatte oder wenigstens genickt, und wohin er eigentlich wollte, das habe ich alles vergessen.

Weit sollte er auch nicht kommen. Am nächsten oder übernächsten Busbahnhof, den der Überlandbus anfahren sollte, hatten sie ihn schon, ganz ohne mein Zutun, und ich war – glaube ich – erleichtert, dass es so gekommen war und nicht anders. Eine Woche später ging er wieder zur Schule, und glaubte mir nur so halb, dass ich es nicht war, die ihn hatte auffliegen lassen.

Vielleicht glaubt er immer noch, dass ich es war, aber er hat mir verziehen. Jedes Jahr schreibt er kurz vor Weihnachten, wie es ihm geht. So wie ich, so wie alle, hat er die kleine Stadt verlassen. Als einer der wenigen ist er ganz weit weg gegangen, nicht nur bis München, Wien, Köln oder Berlin. Alle paar Jahre zieht er um, in ein anderes Land, und einen Beruf hat er, der ihm dies erlaubt, und es vielleicht sogar fordert.

Eine Frau hat er auch, lese ich, jüngst geheiratet, und bald wohl auch ein Kind. Ob er ein schönes Leben hat, weiß ich nicht, denn wenn er unglücklich sein sollte, so wird er mir dies nicht schreiben.

Ich selbst will nicht weg. Mir geht es gut hier. Nur kalt ist mir, heute und alle Tage, solange der Winter währt, und – anders wohl als er – weiß ich, dass ganz weit weg nichts besser wird, und alles, was andernorts auf mich wartet, nicht größer, schöner oder strahlender wäre als hier, denn dies ist wohl alles, was mir zugemessen ist, hier oder woanders.

Samstag, 24. November 2007

Auf dem Grund

Wie schlimm es wirklich ist, merke ich erst am letzten Sonntag um acht. Bei REWE am Ostbahnhof fällt mir eine Tüte Milch aus der Hand, ein Tetra-Pak der Marke Füllhorn, und platzt. Sehr, sehr langsam, viel zu langsam eigentlich, läuft die Milch aus dem Loch in der Pappe, bis die Tüte fast leer in einer Milchlache liegt. Neben der Pfütze, irgendwo rechts von den Tiefkühltruhen stehe ich, schaue die Milch an und versuche mich zu erinnern, was man tut, wenn so etwas passiert.

„Kannst du nicht aufpassen?“, werde ich angerempelt, und ein blondes Mädchen mit dicken, blauen Kajalstrichen um die Augen blitzt mich böse an. „Sorry.“, sage ich und schaue weiter in die Milch, und das Mädchen faucht irgendetwas, das wie „hau doch ab“ klingt oder so ähnlich.

„Da.“, drückt mir die Kassiererin eine Rolle Haushaltstücher in die Hand, und zwischen den Stiefeln fremder Leute versuche ich, die Milch ganz und gar verschwinden zu lassen. „Da ist noch was.“, zeigt ein grinsender Mann auf den blanken, feuchten Boden, und freut sich mächtig.

„Jetzt nicht heulen.“, denke ich und presse meine Lippen fest aufeinander. Nicht weinen. Nicht laut schreien, dass dies die schlimmsten Wochen sind, die du jemals erlebt hast, dass dies die Hölle ist, Sonntag abend bei REWE, nach 34 aufeinanderfolgenden Arbeitstagen mit viel zu wenig Schlaf.

„Und die Milch.“, sage ich der Kassiererin und lege meinen Einkauf aufs Band, und versuche an all die Dinge zu denken, von denen ich weiß, dass es sie gibt, die Sonne zum Beispiel. Ein warmes Bett. Wasser, weiche, streichelnde Hände, und dass auch dies, auch diese Wochen, ein Ende haben werden, und alles wird gut.

Oder vielleicht wenigstens besser.

Sonntag, 21. Oktober 2007

Die Taschenkäufer-Psychologie

Wie sind, denke ich so bei mir, eigentlich Leute beschaffen, die Handtaschen mit riesengroßen Herstellerbezeichnungen auf beiden Seiten kaufen? Handelt es sich um, kurz gesagt, Menschen wie dich und mich, mit dem einzigen Unterschied eines kleinen, nach Art und Umfang überschaubaren ästhetischen Defekts? Können diese Menschen liebenswert, bescheiden und freundlich sein, gelassen gegenüber den Erscheinungen der sichtbaren Welt, und finden nur – ebenso wie manche ansonsten einwandfreie Leute hässliche Bilder präferieren – große goldene Schriftzüge schön? Sind die Käufer, besser vielleicht: die Käuferinnen, dieser Handtaschen ansonsten ganz normale Leute, und nur eine gewisse Unsicherheit, die man nicht weiter verwerflich finden mag, zwingt sie, die Unsicherheit ihres Urteils bezüglich des Aussehens von Handtaschen durch die Ausstellung des Kaufpreises in Form von Markennamen zu kompensieren? Oder mag doch eine Prise, wenn nicht sogar ein ganzer Löffel Vulgarität eine Rolle spielen bei jenen Frauen, die zwischen den Hundertschaften von Handtaschen im Erdgeschoss der Galeries Lafayette zielsicher diejenigen auswählen, die Herkunft und Preis in grellen Lettern herausschreien?

Welchen Eindruck, überlege ich und lasse den Blick über die anderen Damen auf Taschenjagd schweifen, wollen jene Damen bei ihrer Umwelt erwecken? Spekulieren diese Frauen auf den Neid ihrer schlechtbezahlten Friseurin, wie es möglicherweise der blonden, etwas fülligen Frau mit den allzu roten Lippen zwischen den Prada-Taschen zuzutrauen wäre, oder spielt mir angesichts dieser etwas zu farbenfrohen Dame ein wiederum wohlfeiles Vorurteil ein Schnippchen? Sollte ich vielleicht einer unzutreffenden Vorstellung über andere Leute aufsitzen, und zu Unrecht das blonde, etwas streng wirkende Mädchen mit der Longchamp-Tasche in der Hand gedanklich der Hochnäsigkeit zeihen, die ich mir möglicherweise vielmehr selbst vorwerfen müsste, die ich jene Person, ohne ein einziges Wort mit ihr gewechselt zu haben, in festgeschraubte Kategorien eingeordnet habe.

Und was, fällt mir ein, denken diese Leute eigentlich über mich, die ich – unfähig zur Entscheidungsfindung – mit zwei Handtaschen in beige und braun durch die Taschenabteilung laufe, ein wenig unfrisiert wie stets, einen dunklen Rock um die etwas zu speckigen Hüften, derbe Stiefel an den Füßen, eingehüllt in eine braune, leicht unförmige Barbourjacke und mit der missmutigen Miene derjenigen Leute, denen immer etwas zu bewusst ist, dass sie in dem Reich der dezent geschminkten, tadellos gekleideten Damen nie mehr als den Status des geduldeten Zaungastes erwerben werden, völlig egal, welche Handtasche an ihrem Unterarm hängt?



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