Sonntag, 16. März 2008

Nachtmahl

Wenn jetzt, denke ich, und schließe die Augen noch etwas fester, einer käme. Wenn also jetzt einer daherkäme, die Straße aufwärts von Mitte Richtung Norden, und käme die Treppe hoch, langsam, mit Taschen in beiden Händen, und stünde gerade in diesem Moment vor der Tür: Wenn er einen Schlüssel besäße, oder bräuchte gar keinen Schlüssel, weil ihn das mürbe Holz der Tür nicht hielte, dann käme er gleich, ach, in einer Minute zu meinem Bett.

„Meine liebe Modeste“, würde er sagen und ein bisschen knistern mit den Tüten in den Taschen und ginge dann erst einmal in die Küche, um auszupacken. In der Küche würde er Schränke öffnen, Schubladen aufziehen, Gläser würden klirren, Metall aneinander stoßen und vielleicht würde ich ihn hintereinander ein paar Türen aufstoßen hören auf der Suche nach Zucker oder Salz.

Gut gelaunt wäre der Mann in der Küche, vielleicht würde er sogar leise singen, ein bisschen lachen über irgendetwas, was ich nicht sehen kann, hier im Schlafzimmer und mit geschlossenen Augen. Vielleicht würde ich dösen, ein paar Minuten an den Schlaf verlieren, und wach werden, weil in der Küche Sahne geschlagen wird, oder Töpfe klirren.

Möglich wäre sogar, richtig zu schlafen, zu träumen, und erst zu erwachen, wenn es noch Essen riecht, nach Wärme, nach Früchten und nach Fleisch. Vielleicht würde ich sogar erst dann wach, wenn die Schlafzimmertür sich öffnete, und hielte doch die Augen geschlossen. Nur den Mund würde ich öffnen, und die wohltemperierte Sommerlichkeit einer Tomatensuppe schmecken, die Kühle und Sauberkeit von Sahne. Eine leinensteife Serviette. Kaltes, glattes Metall, und auf jeder Gabel genau ein Stück von der Entenbrust, ein bisschen, aber nicht zu viel Zitronenzeste, die Körnigkeit von Pfeffer. Kartoffeln, deren eigene speckige Glätte überginge in die geliehene Üppigkeit zerlassener Butter, und ganz kleine, ganz runde Erbsen, süß und straff vor Frische.

„Einen Wein?“, würde ich gefragt, und wählte doch, nur eine Neigung des Kopfes, kaltes, klares Wasser. Schweigen würde der Mann auf meiner Bettkante, höchstens ganz leise darüber sprechen, wo das Gemüse gewachsen, wo die Ente geschwommen ist, die auf dem Teller liegt, den ich nicht sehe, denn noch immer hielte ich die Augen fest geschlossen.

Löffel für Löffel schöbe man mir ein Sorbet auf die Zunge. Kirsch oder Himbeer. Champagner würde man mir reichen, ganz vorsichtig Schluck für Schluck, und liefe mir doch ein kleines, schlängelndes Rinnsal über den Mund: Der Mann auf meiner Bettkante tupfte mir die Feuchtigkeit sorgsam vom Hals.

„Schlaf gut, Modeste.“, würde er flüstern, am Ende, noch ein, zwei Minuten meinen Schlaf bewachen, und ginge dann, leise, unhörbar für mich, die Treppen hinab, die Straße hinunter, und überließe mich anderen Träumen.

Sonntag, 9. März 2008

Von fern

Ob auch, frage ich mich, eine Katze, die nie eine Maus gesehen hat, nachts von fliehenden, wuselnden, weißen Mäusen träumt? Ob ein Yorkshire Terrier mit Schleifchen im Haar träumt, wie er vor Zeiten, groß, grau und struppig, die Wälder durchstreifte? Ob auch ich, nachts, ganz selten und noch vor dem Erwachen vergessen, mit einem Schwert in der Hand, vielleicht auch nur einem roh behauenen Stein, den Feinden hinterherhetze oder selbst gejagt werde von riesigen, feuerspeienden Tieren?

Und ob vielleicht eines Tages in vielen Jahren, wenn wir selbst ein Dutzend Mal und mehr zu Staub zerfallen und aus Erde auferstanden sind, ein Anderer des Nachts an meinem Schreibtisch sitzt? Meine Furcht in seinem Nacken, es könne nicht reichen, was er da tut? Fliehend im Traum vor der verrinnenden, nicht zu stundenden Zeit, und auf dem Bildschirm vor ihm flimmern Worte in einer Sprache, die längst vergangen sein wird: Chiffren für nichts als für nächtliche Angst. Bögen und Striche. Runen, Zeichen aus Licht, Fliegenbeine, fremde, schwarze Girlanden, und zerronnen zu nichts, wenn er erwacht.

Mittwoch, 27. Februar 2008

Gesellschaftsspiele

Ertappt:

1. Nimm das nächste Buch in deiner Nähe mit mindestens 123 Seiten.
2. Schlage Seite 123 auf.
3. Suche den fünften Satz auf der Seite.
4. Poste die nächsten drei Sätze.
5. Wirf das Stöckchen an fünf Blogger weiter.

"Mit der Geburt beginnen wir zu sterben, und das Ende setzt mit dem Anfang ein" (Manlius) - ein Gemeinplatz, dem man beim Heiligen Bernhardt und bei Pierre de Bérulle ebenso begegnet wie bei Montaigne. Ebenso hat es die sehr alte Vorstellung des Weiterlebens in einer traurigen und grauen Unterwelt und die jüngere, weniger volkstümliche und strengere eines moralischen Gerichts wiederaufgenommen. (1)

Es hat schließlich die Hoffnungen der Heilsreligionen wiederangefacht, indem es das Heil des Menschen der Fleischwerdung und der Auferstehung Christi überantwortete.


Fahre fort, wer mag.

Sonntag, 17. Februar 2008

Sonntagsleser

Die Hamburger, weiß die Berliner Fama, zeichnen sich insbesondere durch einen ganz unvergleichlichen und in der Bundesrepublik einzigartigen Kleidungsstil aus. Sie tragen Barbourjacken, auch wenn das gerade sonst keiner tut. Sie mögen Twinsets. Sie tragen - ich habe das selbst gesehen - selbst nachts um drei und stockbetrunken ein dezentes Make Up und Perlenketten. An den öffentlichen Angelegenheiten ihrer Heimatstadt nehmen sie rege Anteil, selbst dann, wenn beide Kandidaten aus einigen hundert Kilometern Entfernung nahezu ununterscheidbar sein sollten.

Auch der politisch interessierte Hanseat muss aber nicht den ganzen Tag wählen gehen. Nachmittags

am 24.02.2008
um 16.00 Uhr


hat der Hamburger seine Wahl längst getroffen, und da es ohnehin, sagt man, mäßig spannend sein wird, wer die Wahl gewinnt, besteht ausreichend Gelegenheit, sich zum

Kaffee.Satz.Lesen
Baderanstalt
Hammer Steindamm 62
Hamburg


zu begeben, wo neben einigen, sicherlich großartigen Autoren auch ich einen Text verlesen werde, der sich zur Abwechslung einmal nicht mit mir beschäftigt, sondern ganz und gar ausgedachte Menschen zum Gegenstand hat, die teilweise autofahren, und teilweise sterben.

Flyer0208

Ich würde mich freuen, wenn Sie kommen.

Samstag, 16. Februar 2008

Madame entspannt sich

Auf dem Rücken liegend geht es etwas besser. Auf der Seite dagegen pocht und sticht es, und ich fahre mit der flachen Hand ein paarmal über meinen Brustkorb, um die Regelmäßigkeit der Herztöne zu prüfen. Es sieht nicht gut aus. Besorgt – Tiere haben ein feines Gespür – sitzt auf dem Sessel neben meinem Bett der Kater. Er wird es schwer haben, wenn ich nicht mal mehr bin.

Gegen eine ernsthafte Erkrankung spricht immerhin, dass diese Beschwerden zwar regelmäßig, aber nur, also ausschließlich und ansonsten nie, im Urlaub auftreten, und zudem nicht in jedem Urlaub, sondern nur während längerer Phasen freier Zeit daheim. Verlasse ich die Wohnung, sind die Schmerzen wie weggeblasen. Auch führen Zigaretten nur bei Konsum allein zu Hause zu Beklemmungen im Brustkorb und einem brennenden Gefühl im Mund.

In der Badewanne lässt der Schmerz nach. Leider fällt mir, da bin ich schon ganz schrumpelig, Leo Perutz‘ dritte Kugel ins Wasser, weicht auf, und ist bei Gefahr des Zerreißens für heute nicht mehr lesbar. – Ob man Bücher föhnen sollte?, frage ich mich, ein bißchen verärgert über die Leseverzögerung, und greife dann doch, eingehüllt in J.‘s neuen Bademantel, zum nächsten Buch im Stapel.

Bei Thomas Glavinic letztem Roman, mir als amüsant empfohlen, geht es gleich auf Seite 1 um die Furcht vor Erkrankung. Hodenkrebs lässt mich kalt!, befehle ich mir, und verbiete mir jeden Gedanken an diejenigen Krankheiten, die Frauen statt dessen befallen. Sterben eigentlich mehr Frauen an Brust- als Männer an Hodenkrebs? Wahrscheinlich ja, sage ich mir, und lege das Buch mit leisem Bedauern zur Seite. Nicht allein, nicht im Urlaub, sage ich mir, und versuche, eine halbwegs bequeme Stellung einzunehmen. Der Kater liegt immer noch neben dem Bett.

Ein bißchen blass bin ich auch, stelle ich fest und drehe den Spiegel vorsichtshalber um. Überdies bekomme ich auf dem rechten Augenlid andere Falten als auf der linken Seite. In Ansehung meines nahen Todes ist aber auch das egal, beschließe ich und vereinbare telefonisch einen Termin im Hedwig-Krankenhaus. Ja, bitte vollständiger Check-Up.

Zwei Stunden später sage ich wieder ab. Wozu das alles. Die Beine eng an den Oberkörper gezogen liege ich auf dem Sofa und lese Vizinczey. Wie ich lernte die Frauen zu lieben. Neben mir schläft immer noch Kater Willy und tritt mir ab und zu träumend in den Bauch.

Vizinczeys reife Frauen sind wahrscheinlich jünger als ich, fällt mir ein. Die Ansichten über das weibliche Alter haben sich bekanntlich etwas verschoben im Laufe der Jahre. Wahrscheinlich ist Strauss' Marschallin Werdenberg jünger, mutmaße ich besorgt um mein künftiges Liebesleben und drehe den Spiegel wieder um. Nur eine kurze Kontrolle. Nun schmerzt es wieder. Beim plötzlichen Aufspringen, als das Telefon schellt, schmerzt es erst recht.

„Was machst du gerade?“, fragt die J. und schlägt einen Museumsbesuch vor. „Als Exponat?“, verkneife ich mir gerade noch.

„Nichts. Mich entspannen.“, antworte ich statt dessen.
Der Kater grinst.



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Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
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So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
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[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
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Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
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