Dienstag, 30. September 2008

Am Strand (Barcelona Teil 2)

Weil die Mittagszeit schon vorbei ist, gibt es nur ein paar Dosentapas auf Plastikstühlen. Die Restaurants mit den weißen Tischdecken haben schon zu, und dort, wo man auf dreisprachigen Karten Paella anbietet, will ich nicht essen.

Voll ist die Strandpromenade, die ungefähr ebenso ausschaut wie in Travemünde oder Westerland, und nicht einmal vor den Promenadencafés riecht es anders als einige tausend Kilometer weiter nördlich und zwanzig, ach, fünfundzwanzig Jahre zuvor. Waffeln und Kaffee sehe ich vor mir. Hauben geschlagener Sahne.

Hand in Hand laufen Paare vorbei, dicke und dünne Männer mit ganz jungen Mädchen mit rosa Lipgloss und viel zu dick ummalten Augen, und alte, ausgemergelte Frauen, denen die Sonne tiefe Furchen in die Haut gegraben hat. Ein paar Männer tragen stolz ihre goldenen Ketten, als gehöre dies zu einem Mann dazu wie der Bartwuchs. Zwei, drei Kinder werden auf den Schultern getragen und recken sich stolz empor, einen halben Meter über den Köpfen, und ein paar Schritte seitwärts am Strand spült sich ein feingliedriger, hübscher, bronzebrauner Junge unter einer Dusche mit geschlossenen Augen den Sand von der Haut.

Jetzt ein Eis, stelle ich mir vor und schiebe den Teller mit den Muscheln zur Seite. Jetzt am Strand sitzen, die Füße im Sand, dem Nachmittag zusehen und überlegen, wie die fremden Jungen wohl heißen. Nicht weitergehen, wünsche ich mir. Einfach hier bleiben, wo die Sonne scheint, vielleicht mit den Füßen ins Wasser, nur ganz kurz, und so tun, als sei der Sommer noch lang.

Im Schatten aber wird es kühl, die C. will weiter, und der Herbst weht auch hier in der Luft wie ein feiner, kühlender Schleier.

Montag, 29. September 2008

Komunikation und Verspätung (Barcelona Teil 1)

Ich habe drei Nachrichten auf dem Samsung und vierzehn auf dem Blackberry. Von den vierzehn sind allerdings neun an mehr als drei Leute gerichtet und daher erfahrungsgemäß nicht so besonders wichtig. Von den übrigen fünf beschäftigen sich zwei mit dem Mittagessen, eine Bekannte will Informationen von mir, die ich auch nicht habe, und nur zwei Nachrichten bedeuten Arbeit. „Bin Dienstag wieder da.“, schreibe ich zurück, damit sich die Leute nicht wundern, die mir Nachrichten schicken, und diejenigen, die mit mir ungefähr jetzt in Kreuzberg Mittag essen möchten, bekommen Mails, ich sei auf dem Weg nach Barcelona.

Tatsächlich und genau genommen bin ich allerdings erst irgendwo zwischen dem Alex und dem Flughafen Schönefeld, und dieser Umstand ist es, auf den die drei Samsung-Nachrichten abzielen.

„Wo bist du?“ lautet die erste noch recht harmlos.
„Das Boarding schließt in acht Minuten!“, klingt schon deutlich nervöser, und die Mitteilung, man habe mir auf die Mailbox gesprochen, kann nur eine sehr ungemütliche Nachricht ankündigen. Entsprechend rufe ich die Mailbox gar nicht an.

Stattdessen lasse ich es bei der J. klingeln. Diese steht seit fast einer halben Stunde an der Sicherheitskontrolle. Ich habe noch nie einen Flug verpasst, will ich die J. gerade beruhigen, da fällt mir ein, dass das nicht nur nicht stimmt, sondern die J. die genauen Umstände dieser Panne auch kennt. „Ich bin auf jeden Fall pünktlich!“, behaupte ich stattdessen etwas unbestimmter und versuche mich zu erinnern, wie lange man von Rummelsburg bis Schönefeld braucht. - Ich bin gegen einen Großflughafen am Ende der Welt, schießt es mir durch den Kopf.

Neben mir tippt ein dicker Mann schnaufend SMS in ein baguettebrötchengroßes Telephon. In der Aktentasche einer bleichen Frau in einem erdbeerrote Kostüm klingelt es alle paar Minuten, und als wir fast am Flughafen sind, nimmt sie das Telephon aus der Tasche und in die Hand und sieht es versonnen an. Einfach so, ohne abzuheben. Dann packt sie es wieder ein.

Nicht nur die Distanz zwischen Mitte und Schönfeld ist länger als ich es für richtig halte. Auch die Distanz zwischen der S-Bahnstation und den Gates ist lang, länger, am längsten, und ich laufe, laufe so schnell, wie es möglich ist, wenn man hochhackige, schmale Stiefel trägt, einen Koffer hinter sich her zieht, und ein Kleid anhat, das eigentlich eher zum Ganz-gut-Aussehen im Stehen gemacht ist.

In meiner Handtasche (verdammt, die passt nicht zu den Schuhen, fällt mir auf) klingelt es weiter. Erst ruft das Samsung nach mir, dann läutet der Blackberry, den alle Freunde nur benutzen, wenn das Samsung nicht geht, und kurze Zeit klingeln sogar beide. Die C. ist, scheint’s, eingetroffen, und ich werde nun zweifach vermisst.

Einmal fällt mir der Koffergriff aus der Hand, und ich muss halten. Ein zweites Mal bleibe ich stehen, weil ich nicht weiß, wo ich himuss. Ich sollte öfter zum Sport, sage ich mir, schon ganz außer Atem, und frage mich, ob es Sportarten gibt, bei denen man zu Trainingszwecken schwere Rollkoffer hinter sich herzieht.

Schließlich komme ich an. „Aha.“, werde ich empfangen, was in diesem Kontext ungefähr so etwas wie „na endlich“ heißen soll, und durch die Glastür geschoben. Fünf Minuten später schließt sich hinter mir der Bus. „Ich bin jetzt weg.“, tippe ich eine letzte Nachricht am Boden.

Um 13.53 Uhr schalte ich aus.

Donnerstag, 25. September 2008

Barcelona

Von Spanien habe ich ja eher verschwommene Vorstellungen. Egon Erwin Kisch bei den internationalen Brigaden, sexy schwarze Stiere, Pedro Almodóvar, und im Hintergrund sitzt Hemingway herum und trinkt Whiskey aus kübelgroßen Gläsern. Tatsächlich, so entnehmen Sie diesen Zeilen, war ich als letzter Bewohner dieser Republik noch nicht auf der iberischen Halbinsel, denn meine Eltern seinerzeit zog es nie dahin, und mich seit Aufnahme selbständiger Reisen trotz mehrfacher Anläufe dann doch auch immer eher in irgendwelche anderen Ecken der Welt.

So aber kann das natürlich nicht bleiben. Nicht in Spanien gewesen sein zu sein ist ja ungefähr so, als hätte man den Reichstag nie gesehen, und wenn ich nächste Woche vom Auto überfahren auf der Köpenicker verende, dann stünde auch das auf der langen Liste mir leider entgangener, überaus buchenswerter Orte und Ereignisse.

Um diesem Zustand abzuhelfen, begebe ich mich morgen um 13.50 Uhr nach Barcelona. Mich begleiten die charmante C. und die nicht weniger amüsante J., und wenn jemand unter Ihnen, oh geschätzte Leserin, verehrter Leser, mir Restaurants oder Bars oder andere angenehme Orte benennen mag, die aufzusuchen ein langes Wochenende geeignet wären, so bitte ich um umgehende E-Mail oder einen kurzen Kommentar.

Meine spanische Dankbarkeit sei Ihnen gewiss.

Sonntag, 21. September 2008

Neues von der Unterseite

Von Freitag auf Samstag schlecht geschlafen. Ein hämmernder Kopfschmerz über dem rechten Ohr, ein Ziehen knapp über dem linken Schulterblatt und ein klammes, stumpfes Laken. Das Deckbett sonderbar schwer, als bestünde es aus irgendwas, was man sonst nicht für Betten nimmt. Unangenehm verschwommene Vision von rissigen, schwarzen Händen. Kurz aufgewacht von lautem Gelächter.

Samstag wieder daheim. Leichtes Schwanken nach der diesjährigen Woche der Schlaflosigkeit. Grundlos albern, fast Streit angefangen, und dafür im Traum zur Strafe mehrere Stunden auf einem Schemel gesessen, welcher genau in der Mitte eines großen, weißen Raumes offenbar angeschraubt worden war. Von uniformierten Streitkräften mehrfach mit einem Tau geschlagen worden und mit heftigen Schmerzen kurz unterm Nacken erwacht.

Sonntag in der Oper. Der leichte Unwille über die Verkörperung der Isolde durch eine Marilyn Manson ähnelnde Sopranistin weicht einige Stunden später mit zunehmender Schläfrigkeit einem Angstgefühl vor mageren, großen, düster blickenden Frauen, die – so erfahre ich auf bunten, wenig zusammenhängenden Wegen – etwas mit einem Verbrechen zu tun haben, dessen Verdeckung mir trotz hinhaltendem Widerstand auferlegt wird. Aus nicht mehr nachvollziehbaren Gründen telefonisch einen Schwan bestellt, dessen Lieferung wegen beruflicher Pflichten ab neun Uhr nicht mehr stattfand.

Zu allem Überfluss Montagnacht zwischen drei und vier von anstehendem Staatsbesuch erfahren. Verärgerung über das unprofessionelle Zeitmanagement der Verantwortlichen. Dann doch mit den Vorbereitungen begonnen und vorschriftsgemäß mehrere Dosen Ravioli geöffnet, den Inhalt sorgfältig gewaschen und die glitschigen, kalten Kissen möglichst exakt auf einer weiß-blauen Porzellanplatte angeordnet. Der König war zufrieden.

Dienstag Angst vorm Tierarzt. Tatsächlich ist der Tierarzt ein freundlicher blonder Mensch, und umso mehr erschreckt mich sein brutales Vorgehen hinsichtlich meines Katers, welcher operativ entlang der Wirbelsäule in zwei Hälften geteilt jammervoll schreiend durch einen Garten schwankt, welchen ich nach dem Erwachen als meinem toten Onkel P. gehörend identifiziere.

Am Mittwoch zu viel getrunken. Ein Glas Wein unter den Linden, zwei Drinks in der fluido bar, und trotz Solei, Wurst und ziemlich vielen Nüssen keinerlei Verlangsamung des Alkoholisierungsprozesses. Hierdurch befeuert einer knallbunten Fantasia beigewohnt und dort den E. getroffen, welcher – wie ich erfahre – schon seit Jahren nicht mehr braunäugig ist, sondern grau-grün in die Welt schaut. Aus seinen Nasenlöchern rinnt Blut.

Am Donnerstagabend drauf der Weserstraße nicht richtigerweise nach links gefolgt, sondern rechts ziemlich lange weiter gefahren. Dann doch umgekehrt, glücklich angekommen, Wein und Raclette, und daheim angenehme Bilder bunter, elastischer Blasen mit samtiger Oberfläche, die rechts und links von mir aufsteigen.

Freitag fast pünktlich im KdR eingetroffen, dann doch kurz vorm Ziel abgebogen und im Asia Bistro New Asia eingekehrt. Später am Helmholtzplatz einen Welschriesling getrunken, im Visite ma tente einen Tee bestellt, und nach dem Zubettgehen zu alledem auch noch eine sonderbare Substanz gereicht bekommen, die gar nicht schlecht roch, aber fürchterlich schmeckte. Später in eine Art Dampfbad eingedrungen, wo mehrere nackte, feucht glänzende, sehr, sehr schöne Menschen freundlich miteinander waren. Mit den anderen Anwesenden gesungen, dann aber aufgeflogen und hart angefasst vor die Tür gesetzt worden. Heftige Empfindung von Kälte und Scham.

Samstag einfach geschlafen.

Dienstag, 16. September 2008

So wird in wenig Jahren

Wir werden ja alle nicht jünger. Wenn ich morgens aufstehe, fühlt mein Rückgrat sich an, als stäke es quer im Fleisch. Meine Mutter hat sich die Füße operieren lassen müssen, was höchstwahrscheinlich (sie streitet das ab) mit dem jahrzehntelangen Tragen hochhackiger Schuhe zu tun hat. Der J. hat inzwischen ganz schön viele graue Haare, meinem Cousin L. fallen diese sogar aus, und manchmal, wenn sie müde sind, sieht man meinen Freundinnen an, wie es mal enden wird in zehn oder zwanzig Jahren. Für mich gilt das wahrscheinlich auch.

Grau werden will ich so schnell aber nicht. Vielleicht helfe ich ein bisschen nach für ein paar Jahre Aufschub. Falten werde ich bekommen, erst unter den Augen, dann wahrscheinlich an den Seiten. Dagegen mache ich nichts. Ein wenig fürchte ich mich vor der Furche zwischen Nase und Mund, die einen so grämlich macht, und vor dem Schwinden der Spannkraft der Haut. Es wird dann so sein, als habe man aus einem Ballon etwas Luft abgelassen, ein wenig beulig, nicht mehr ganz glatt, fleckig, und am Morgen werde ich die Kontaktlinsen erst in letzter Minute einsetzen, weil ich mich dann wohl noch weniger mag als jetzt.

Zu bösen Falten zwischen den Augen neige ich, glaube ich, nicht. Vielleicht hängen meine Lider dann noch etwas tiefer, so dass meine Augen sich verkleinern mit den Jahren. Bestimmt werden meine Lippen dünn. Unmerklich erst, dann auf einmal recht rasant, werden meine Hände sich verändern, ein Blattwerk von feinen Linien erst, dann dunkle Flecken, und am Ende werden sogar die Nägel dünn, als lohne es sich nicht mehr, nachzuwachsen.

Schlanker als jetzt werde ich wohl nicht mehr werden. Vielleicht verlagert sich das Fett noch ein bisschen. Wie andere Frauen auch werde ich einen Fettgürtel bekommen, an den Armen und Oberschenkeln wird die Haut dafür zu weit, und irgendwann werde ich auf der Bettkante sitzen und mit dem Zeigefinger die blauen Adern nachfahren, die sich durcharbeiten durch die Haut, bis sie sich wie die Flüsse auf alten Karten auf meinen Beinen schlängeln, das Knie mit dem Knöchel verbindend wie die Donau Budapest mit Passau.

Vorm Spiegel werde ich dann stehen, selten, vielleicht einmal im Jahr. Anschauen werde ich mich, und mich fremd fühlen. Erinnern werde ich mich an alles, was ich mal war, was ich hatte und was hätte sein können. Und bedauern, bedauern werde ich, was mir entgangen sein wird, für alle Zeiten, wirklich oder vermeintlich, und wissen werde ich, dass nur das Gelebte zählt, nur das warme, wirkliche Wirken und Werden, und alle Gegengründe keinen Bestand haben werden vor der Endgültigkeit der verflossenen Zeit.



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