Mittwoch, 10. Dezember 2008

Aufruf

Donnerstag abend, so gegen 20.00 Uhr, haben Sie hoffentlich gegessen. Bitte essen Sie etwas Gutes, frisches Brot vielleicht, fetten, reifen Käse, und trinken Sie auf jeden Fall ein Glas Wein. Dann stehen Sie auf.

Vielleicht sind Sie noch etwas unschlüssig, was Sie mit dem angebrochenen Abend machen. Immerhin ist zu Hause warm, und draußen ist es dunkel und kalt. Ziehen Sie sich trotzdem etwas über. Rufen Sie ein Taxi, oder vielleicht fahren Sie Bahn, und machen Sie sich auf den Weg zum Ori. Unterwegs überlegen Sie möglicherweise, ob es eine gute Idee war, nicht einfach zu Hause zu bleiben, aber da sind Sie schon fast da.

Geben Sie dem Taxifahrer ein ordentliches Trinkgeld. Lächeln Sie, weil man vom Lächeln bessere Laune bekommt, straffen Sie sich, wie man es immer macht, bevor man Leute trifft. Öffnen Sie die Tür, suchen Sie sich einen Platz, und hören Sie zu.

Ich bin mir sicher, es wird nett.

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Sonntag, 7. Dezember 2008

Konjunkturfeste

Eine repräsentative Umfrage bei einer Privatveranstaltung hat übrigens ergeben, dass 30 – 35 Jahre alte Juristen aus Westdeutschland mit Erstwohnsitz in Berlin, Prenzlauer Berg, Konjunkturprogramme durch bürgerbezogene Direktzahlungen engagiert befürworten. Gleichzeitig wird die Sorge, dass Schecks nicht den inländischen Unternehmen zugute kommen, sondern den Herstellern bevorzugt fernöstlicher Unterhaltungselektronik zufließen, weithin geteilt. Auch die Befragten würden eigener Aussage zufolge, stünde ihnen das Geld ohne Auflagen zur Verfügung, nur sehr teilweise deutsche Produkte erwerben. Stattdessen wurde von den sechs Teilnehmern der Umfrage in den Abendstunden des gestrigen Tages unter anderem angegeben, sie würden mit staatlichen 500 Euro einen halben Anzug von Prada, ein Abendtäschchen von Gucci oder schlicht mehrere Flaschen Dom Pérignon erwerben.

Dies indes kann nicht Sinn und Zweck eines staatlichen Ausgabeprogramms sein. Die Verfasserin dieser Zeilen empfiehlt daher, die Schecks vom Fiskus mit einer Auflage zu versehen: Dieses Geld ist ausschließlich zu verfeiern.

Die Vorteile einer solchen Auflage wären mannigfaltig. So bliebe – dies zunächst – so gut wie alles Geld im Lande, denn nicht die Produzenten ausländischer Erzeugnisse würden gestützt, nein, der Blutwurstritter in Neukölln oder das Lafayette am Gendarmenmarkt würde mit der Lieferung wohlschmeckender Buffets beauftragt. Räume in deutschen Gaststätten würden gemietet. Heimische DJs würden angeheuert, Blumenhändler mit der Ausschmückung von Festsälen beauftragt, die Pâtisserie Albrecht mit der Lieferung von Mitternachtstorten betraut, und dort, wo die Opulenz der geplanten Feste den Rahmen der staatlichen Zahlung überstiege, täten sich Freunde und Verwandte zusammen.

Unerwartet üppig wäre etwa auch der Absatz der Winzer an Nahe, Mosel und Rhein. Die teuersten Gewächse würden kistenweise geordert, die man sonst aus Kostengründen nur glasweise bestellt. Der deutsche Sekt, sei’s Riesling, sei’s Burgunder, würde in dickem Strahl die Gläser füllen, Kerzenziehereien kämen mit der Ausführung der Orderlisten kaum nach, und die Heißmangeln der Republik würden im Schichtbetrieb Tischdecken und Servietten plätten.

Alle Deutschen wären natürlich immerzu eingeladen, wochen-, ja monatelang. Die Stimmung der Bundesbürger wäre deswegen geradezu berstend grandios. Liebespaare würden sich finden, Freundschaften vertieft oder geschlossen, alte Feindschaften würden im Rheinwein ertränkt, und weil Wirtschaft, habe ich gehört, grundlegend auf Psychologie basiert, würde auch diese von der allgemeinen Befindlichkeitsoptimierung profitieren, denn vor lauter Fröhlichkeit würden die Deutschen ihre sprichwörtlich hohe Sparquote ein wenig absenken und mehr Geld ausgeben für schnelle Kraftfahrzeuge, ansehnliche Kleider oder hübsche Gegenstände für ein schöneres Heim.

Im Ausland würde bedingt durch diese Maßnahmen das deutsche Ansehen drastisch steigen, wie ja auch etwa die Fußballweltmeisterschaft dem Image der ansonsten als etwas verkniffen geltenden Deutschen förderlich gewesen sein soll. Aus aller Welt würden lebenslustige Menschen jeden Alters nach Deutschland kommen, sich unter die feiernden Menschen mischen, Geld ausgeben für Hotelzimmer, Taxis und Friseure und heimgekehrt ihre Regierungen nötigen, Gleiches zu tun.

Die europäische Konjunktur wäre gerettet.

Samstag, 6. Dezember 2008

Lesen im Ori

Die Vorweihnachtszeit ist immer schlimm. Der verdammte Basar. Die Geschenke. Bekommt mein Vater auch dieses Jahr zu Weihnachten Bücher? Was kauft man seiner kleinen Schwester, die mit schrecklicher Hartnäckigkeit andere Sachen schön findet als man selbst? Was soll gegessen werden? Wo kaufen wir dieses Jahr einen Baum und wie hält man die I.2 davon ab, einen künstlichen Weihnachtsbaum aus Plastik zu kaufen, wenn man den ersten Weihnachtstag bei dieser charmanten Dame und ihrem freundlichen Freund gemeinsam mit mehreren anderen reizenden Leuten verbringen will? Die wievielte Weihnachtsfeier darf man absagen, wenn man zu viel zu vielen eingeladen ist? Wie schmückt man seine Wohnung, wenn man fürchten muss, dass die eigene Katze Adventskränze frisst?

Bei anderen Leuten sieht es auch nicht anders aus. Jeden Abend finden ungezählte Betriebsfeste statt. Menschen, die sich das ganze Jahr nicht sehen, rufen an und verabreden sich zu gemeinsamen Weihnachtsmarktbesuchen. Konzerte finden statt, Familien reisen nach Berlin, um sich mit allen anderen Bundesbürgern auf einmal ins KaDeWe zu zwängen, und all das wäre halb zu schlimm, wäre es nicht immerzu stockfinster. Müde und erkältet ist jeder sowieso.

Nach Erholung lechzt da der Berliner, nach Beschaulichkeit, idyllischen Abenden im Kerzenschein, eine kleine Bar vielleicht, etwas abseits am besten. Geschichten möchte man sich vorlesen lassen, Bier dazu trinken, nette Menschen treffen, und einen ganzen Abend lang – etwa am kommenden Donnerstag – schier gar nichts tun.

Die Gelegenheit ist günstig:

11.12.2008
20.30 Uhr
Ori Bar
Friedelstraße 8, Berlin-Neukölln

Es lesen Herr Guido Alfs und Frau Elisabeth Hager, und tja, ich.

Sonntag, 30. November 2008

Unter Deiner Hand zur Ruh

Viel zu voll ist der ICE, und sogar hinter der Glastür zwischen den einzelnen Wagen stehen ein paar Mädchen mit Reisetaschen und halten sich gegenseitig einen billigen, schwarzen MP3-Player ans Ohr. Öffnet sich die Tür, hört man sie lachen.

Die Reisenden haben alle Frische aus der Luft gesogen, die nun wieder und wieder umgewälzt und angewärmt und erneut durch die Lüftung geblasen wird. So oft ein- und ausgeatmet ist jeder einzelne Liter, dass die Luft sich schlaff anfühlt, ermattet und ausgeleert und viel zu warm. Müde bin ich, müde ist auch der ältere, magere Mann mir gegenüber, der einen Ratgeber über Aquarien in der Hand hält, aber schläft, statt zu lesen. Müde ist auch die blonde, vielleicht vierzigjährige Frau auf der anderen Seite des Ganges, die eine Gala durchblättert, sehr langsam, und zwischen den Seiten mit den großen Bildern lachender Stars lange, lange aus dem Fenster starrt, wo nichts zu sehen ist außer Schwärze und fernen, verlorenen Lichtern.

So müde bin ich, dass ich nicht lesen mag, keine Musik, und auf einmal ekelt es mich vor der klebrigen, warmen, abgenutzten Luft, vor dem Mann mit den Aquarien, der Frau mit der Gala, vor den lachenden Mädchen, dem Zugfahren, dem Unterwegssein, dem immer noch nicht Ankommen, dass ich für eine Sekunde anhalten mag, jetzt gleich, auf der Stelle im Nichts zwischen Dunkelheit, Bäumen und Schweigen. Aus dem Zug will ich laufen, weit, weit weg von den Schienen und zwischen Blättern und Moos die Stellen finden, wo die Erde warm und atmend dem Sommer entgegenträumt, und unter ihren Lidern schlafen.

Mittwoch, 26. November 2008

La Traviata

Komische Oper, 23.11.2008

Es ist anzunehmen, dass es in Kreisen, denen die Herstellung von Kultur obliegt, einen Komment gibt, nach welchem es besser ist, Erwartungen zu enttäuschen als zu bedienen. Zielvorgabe der Bühnenkunst etwa soll es danach sein, dass der Besucher einer Vorstellung das Gegenteil von dem sieht, was er in der Vorstellung des Kulturschaffenden zu sehen angenommen hat. Wartet der zu irritierende Besucher mutmaßlich auf ein Boudoir, so ist die Bühne am besten so gut wie leer, und nur ein paar große Bühnenelemente aus Metall werden hin und hergeschoben. Rechnet der Besucher mit einer opulenten Ausstattung, so sollten alle Protagonisten am besten scheußliche Kleidung tragen, die gerade bei Personen, welche laut der inszenierten Handlung der Oberschicht angehören, so billig wie möglich aussehen sollte.

Wenn bedingt durch Musik, die die ganze Zeit spielt, mit einem ebenfalls vorgegebenen Gesang schon wenig Möglichkeiten für ernsthafte Veränderungen der Bühnenhandlung bestehen, so soll diesem Übereinkommen zufolge zumindest eine Person auf der Bühne stehen, die mit der Handlung nichts zu tun hat, sondern die ganze Zeit schweigt. Hans Neuenfels nennt diese Person „den Zuhälter“.

Nun ist es keineswegs so, dass der frischerfundene Zuhälter der Violetta die Dinge täte, die normalerweise die Beschäftigung eines solchen Herrn bilden. Vielmehr handelt es sich um eine Art Doppelgänger der Violetta, eine Animus-Figur, welcher das Herz herausgeschnitten wird, verliert Violetta die Liebe des scheinbar verlassenen Alfred, und der sich zwei lange Nadeln in die Plastikhoden sticht, geht es ans Sterben. Überhaupt ist die Symbolik der Inszenierung von einer Simplizität, wie man sie etwa aus Schulaufführungen kennt. Die angedeutete Kreuzigung der Violetta, der Bocksfuß des Vaters: Dass man das Publikum der vollbesetzten Oper nicht die ganze Zeit laut stöhnen hörte, lag vermutlich allein an der Musik, die laut, aber nicht ebenso gut dargeboten wurde. Das Orchester hat schon bessere Abende gesehen, aber nun gut: Einer neuen musikalischen Leitung sei die Übergangszeit nach Petrenko zugestanden.

Dass Sinéad Mulhern als Violetta kaum zu verstehen ist, gehört schon fast zu den Vorzügen des Abends, denn die deutsche Fassung des Texts – Standard der Komischen Oper – bietet vielfältige Ansatzpunkte für das Phänomen, welches man als Fremdschämen kennt. Dass ihr Alfred über keinerlei erotische Anziehung verfügt, fällt da schon schwerer ins Gewicht, denn so grandios, dass er auch hätte 230 Kilo wiegen dürfen, so grandios war er nun wiederum nicht. Aris Argiris als Alfreds Vater war dagegen schon von anderem Kaliber, auch der Chor war wie immer nicht schlecht, und wäre etwas von dem entschlossenen Willen, die Erwartungshaltung eines Abonnementspublikums zu enttäuschen, in eine Regie geflossen, die nicht darin bestanden hätte, die Sänger ab und zu nach vorn treten und singen zu lassen, dann wäre der Abend möglicherweise alles andere als perfekt, aber nicht halb so langweilig verlaufen.

So aber schloss der alte Herr rechts neben mir immer wieder kurz die Augen. Hinter mir wurde gekichert, meine Freundin, die J., zog ein- oder zweimal scharf die Luft ein, wie sie es immer tut, wenn Faux Pas größerem Ausmaßes auftreten, und von dem Stück, von dieser mit herrlichem Gesang verschleierten unfassbaren Wahrheit, dass die Liebe uns nicht retten wird, blieb nichts als ein langer, langer Sonntagabend, und ein mäßiger Applaus.



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