Freitag, 26. Dezember 2008

Vom Wetterleuchten der Vergeblichkeit

Deutsches Theater in der Volksbühne, 23.12.2008

Irgendwann, so gegen Ende, wurde das 19. Jahrhundert seiner selbst sterbensmüde. Der soziale, technische oder medizinische Fortschritt hatte mehr Sicherheit mit sich gebracht, weniger Menschen waren gezwungen, den ganzen Tag an nichts anderes als an ihr Überleben zu denken, aber statt dass die Menschen glücklicher wurden, wurde ihnen nur langweilig.

Vielleicht war die Langeweile in einer Hinsicht sogar noch unangenehmer als die Angst und die Unsicherheit, denn ein Kranker oder Hungriger kann meist sehr genau sagen, was passieren muss, damit sich sein Leben verbessert. Ein kluger Gelangweilter jedoch weiß meist ganz genau, dass nichts, was geschehen könnte, die Langeweile beendet. Er ist am Ende aller Hoffnung angekommen. Der Hoffnungslose aber hat wenig Grund, weiterzuleben, und so ist der Schuß durch den eigenen Kopf am Ende von Tschechovs Möwe wohl nicht Ausdruck eines pathologischen, aber temporären Aufregungszustandes Kostjas, sondern dass, was man gemeinhin als einen Bilanzsuizid bezeichnet: Die Selbsttötung als rationale Konsequenz des unabänderlichen Scheiterns.

Dass Kostja als ein am Ende erfolgreicher Künstler verzweifelt und stirbt, gehört zu den genialen Zügen der Möwe, die der Autor als Komödie bezeichnet hat, obwohl im gesteckt vollen Raum der Volksbühne (das Deutsche Theater wird gerade renoviert) keiner lacht. Überhaupt sind die Erfolgreichen ebenso hoffnungslose Fälle wie die, denen Zufall wie Schicksal den Erfolg nicht vor die Füße gelegt haben. Die Arkadina ist nicht glücklicher als die erfolglose Schauspielerin Nina, ihr Bruder Sorin, dem am Ende seines Lebens nichts bleibt als unerfüllte Wünsche, nicht mehr zu bedauern als Sohn Kostja, dem der Erfolg nicht hilft, und das echte Liebeselend der Mascha nicht schwärzer als die ambivalente, monochrome Langeweile, in der der Arzt Dorn ebenso einhertreibt wie der Schriftsteller Trigorin, der Nina – so ahnt man – nicht aus Begehren, gar aus Liebe ruiniert, sondern einfach so, wie Kinder an einem sonnigen Sonntagnachmittag im Garten eine Libelle oder einen grünschillernden Käfer fangen, quälen und sterbend liegenlassen.

Dankenswerter Weise hat Regisseur Jürgen Gosch darauf verzichtet, die träge, sommerwarme, unbewegliche Luft der Möwe auszutauschen gegen die elektrische Atmosphäre, die das Berliner Theater oft auch ohne Ansehung des Stücks vorzieht. Umso greller wirken die kleinen Entladungen, die Versuche der Kontaktaufnahme zwischen den Protagonisten, und besonders laut gellt die an sich nicht aus dem Rahmen der Bühne (insbesondere der Volksbühne) fallende Szene, in der Corinna Harfouchs Arkadina Trigorin zu sich zurückholt, als er sie wegen Nina verlassen will. Zuletzt wird, aber das zu sehen erspart uns Tschechow, die alte Schauspielerin die junge nicht nur im Theater, sondern auch in der Liebe besiegen.

Den Untergang der Nina spielt Kathleen Morgeneyer als eine Klimax der Intensität. Unhübsch, fragil, ganz Gefühl und Nerven, fällt im Laufe der mehr als drei Stunden dieses Abends jede komische oder rührende Arabeske von ihr ab, bis in der letzten Szene nurmehr der blanke Schmerz auf der Bühne steht. Jirka Zett kann da nicht mithalten, allzu blond wirkt sein Kostja an Leib und Seele, und auch Alexander Khuon als Trigorin macht es den Zuschauern durchaus schwer nachzuvollziehen, was gleich zwei Frauen an ihm finden, aber vielleicht macht es sich Gosch auch nur ein wenig leicht mit diesem ein wenig kanaillesken Routinier der Kunst, derweilen er ihm die Nachsicht versagt, die aus Tschechovs todtraurigem Stück von der Vergeblichkeit des menschlichen Lebens, von der Tödlichkeit der Langeweile dann doch eine Komödie macht, denn was wäre eine Komödie anderes als eine Geschichte von der Unüberwindlichkeit der Differenz zwischen Sein und Sollen, die ihre Komik aus dem Umstand bezieht, dass es den Ort gar nicht gibt, nach dem alle suchen, den goldenen Zustand jenseits der Ausweglosigkeit der Langeweile, es sei denn im Moment der letzten Pointe: Dem Schuß.

Dienstag, 23. Dezember 2008

Die Weihnachtsbaumerziehung

„Na, dann passt gut auf den Kater auf.“, lacht gestern die Vorbesitzerin B. meines Willy über meine Weihnachtspläne mit Tannenbaum und wächsernen Kerzen. Der Kater, sagt sie, springe leider gern in den Baum und erlege dabei Jahr für Jahr ein paar Kugeln. Echte Kerzen habe sie schon deswegen nie gehabt.

„Ich will aber keine elektrischen Kerzen.“, maule ich ein bisschen und beobachte die träge, graugestreifte Katze, die völlig bewegungslos vor dem Sofa liegt und wohlgefällig ihre Pfoten betrachtet. Harmlos sieht sie aus. Ganz und gar nicht wie ein Kugelkiller mit eingebauter Feuergefahr. „Besser elektrisch als abbrennen.“, kommentiert indes der J. die Eröffnung der kätzischen Eigenarten. Man werde halt noch ein paar Lichterketten kaufen.

Mir aber, meine Damen und Herren, graut vor den elektrischen Kerzen. Hänge ich mir dann vielleicht auch rosa Lametta an den Baum? Fange ich übermorgen an, Swarovski-Schwäne zu sammeln? Sind große, blinkende Sterne, die alle paar Sekunden eine andere scheußliche Farbe annehmen, der nächste Schritt?

Andere Lösungen müssen her.

Beispielsweise, so schlage ich vor, könne man die Katze für ein paar Tage aus dem Wohnzimmer sperren. Allerdings, besonders lange, gebe ich zu, wird das nicht gut gehen, denn irgendwann gehen die Türen auf, wenn ein Kater lange genug kratzt. Vielleicht könnte man aber eine Art Korridor errichten, eine Barriere um den Baum herum, optisch nicht beeinträchtigend, aber von Katzen nicht zu überspringen? Auch nicht? Wäre es denn vielleicht ersatzweise denkbar, beim Tierarzt Geruchsstoffe zu kaufen, die Katzen widerlich finden, Menschen aber gar nicht wahrnehmen? Können Katzen etwa durch komplexe, aber wenig zeitaufwendige Dressurmaßnahmen bis übermorgen davon abgehalten werden, Weihnachtsbäume zu verwüsten? Alles schlecht? Wirklich?

Oder muss man ganz im Sinne schwarzer, aber wirksamer Pädagogik den Kater einmal gegen den Baum laufen lassen? Geistesgegenwärtig den Baum auffangen, und darauf setzen, dass das bedrohliche Klirren der Kugeln und das tropfende, heiße Wachs Willy von weiteren Versuchen abhalten, Weihnachtsbäume zu Fall zu bringen? Ganz und gar also auf den Schreck des Ernstfalls setzen, das bereit gestellte Löschwasser sodann nicht nur über die sicher rasch emporlodernden Flammen, sondern auch über den durchaus wasserscheuen Kater gießen, und hoffen, dass sodann nicht nur der angestrebte Erziehungseffekt eintritt, sondern auch die Versicherung zahlt, und ansonsten nicht besonders viel passiert.

Andernfalls hätte sich die Sache aber möglicherweise auch und zudem sehr endgültig erledigt.

Sonntag, 21. Dezember 2008

Fast bis auf den Mir Samir

Eric Newby, Ein Spaziergang im Hindukusch, 1958

Zu den charmanten Seiten von Engländern gehört der Sinn für nutzlose Dinge und Tätigkeiten. Wo die Deutschen, hat man den Eindruck, vom Reisen eine Art Ertrag erwarten, in Form von Bildung beispielsweise, in Bräune oder aber in der schwer fassbaren Münze der Spiritualität, reicht es den Briten (zumindest ihrem schreibenden Teil) offenbar, unterwegs gewesen zu sein, dort Erfahrungen gemacht zu haben, die ihnen daheim entgangen wären, und auf diesem Unterschied, nehme ich an, beruht der immense Qualitätsvorsprung der englischsprachigen Reiseliteratur vor der deutschen. Zwar gibt es auch in deutscher Sprache angenehme Ausnahmen. So hoch allerdings wie die zu recht sehr berühmte Schilderung einer Reise durch den Hindukusch von Eric Newby ragen aber auch die deutschen Spitzen selten, und dass ich nicht auf der Stelle aufgebrochen bin, gleichfalls ohne jede Kenntnis des Bergsteigens in Zentralasien den Mir Samir, einen sechstausend Meter hohen Berg, zu erklimmen, lag einzig an der derzeit etwas unruhigen Lage vor Ort und an meinem Job.

Indes ist die politische Lage in Afghanistan offenbar schon immer etwas prekärer, und auch Newby war vor seiner 1956 keineswegs berufslos. Das Telegramm an seinen Mitreisenden Hugh Carless mit dem Wortlaut „CAN YOU TRAVEL NURISTAN JUNE“ beendete vielmehr eine zehnjährige Karriere in einem Londoner Modesalon, in dem Newby als eine Art Werbefachmann tätig war, und man würde wünschen, mehr von dieser sehr, sehr amüsanten Welt zu hören, wenn nicht die anschließenden Schilderungen eines kurzen Trainings der Kunst des Bergsteigens in Wales (!) und die sodann erfolgte Abreise über Istanbul Richtung Afghanistan nicht noch kurzweiliger wäre.

Natürlich klappt nichts. Schon auf der Hinfahrt wird ein Beduine überfahren. Das Wasser ist verkeimt. Das Essen schlecht. Newby und Carless haben die ganze Zeit Durchfall, und mangels Alternativen liest Newby immer wieder "Der Hund von Baskerville". Es ist zudem wahnsinnig kalt, die Schuhe der Reisenden erweisen sich als ziemlich ungeeignet für die extremen Gegebenheiten vor Ort, und die Bewohner des Hindukusch lieben, schildert Newby, Reisende nicht. Nicht einmal die angeheuerten Führer machen einen auch nur halbwegs vertrauenswürdigen Eindruck, und dass die beiden Reisenden heil aus dem Land wieder herausgekommen sind, wirkt eher wie ein Zufall. Dabei gibt es durchaus Abstufungen des Unangenehmen zwischen den Angehörigen verschiedener Stämme vor Ort, die teilweise schon immer sehr, teilweise aber erst seit einer Generation ein bisschen muslimisch sind, aber zumindest latent gewalttätig wirken fast alle.

Einige Exkurse über die Geschichte des Landes, die verschiedenen Stämme und Sprachen sind, wenn auch weniger raumgreifend, der Vorgehensweise des ohnehin stets sehr präsenten Robert Byron ähnlich, nicht ungeschickt eingeflochten. Kaum jemals doziert Newby, stets kehrt er nach kurzen Schleifen zurück zur Reisegruppe, die eine beachtliche Strecke durchquert, wie die eingeheftete Karte ausweist. Menschen, die sich mehr als ich für die Natur in exotischen Ländern interessieren, kommen vermutlich auch auf ihre Kosten, und dass die Besteigung des Mir Samir einige hundert Meter unter dem Gipfel scheitert, bildet eine reizende Arabeske der Sinnlosigkeit, die Newby indes kaum zu erstaunen und auch nicht besonders zu enttäuschen scheint.

Zu guter Letzt: Die deutsche Übersetzung von Matthias Fienbork ist gelungen. Der Umschlag der "Anderen Bibliothek" dagegen außerordentlich lieblos und scheußlich.

Freitag, 19. Dezember 2008

In Ordnung

Schon in Ordnung, sage ich. So ähnlich wie 2007 und wahrscheinlich auch nicht anders als 2009. Was soll schon passieren.

Was sich jetzt noch ereignet, wird tendenziell eher unangenehm. Krank könnte ich werden, zum Beispiel, sterben könnte ich, plötzlich oder nach langem, schwerem Leiden, wie es in den Todesanzeigen immer heißt, von denen ich gar nicht weiß, ob man das noch so macht mit dem Anzeigenaufgeben. Oder ob einfach so alle auf einmal zum Friedhof kommen.

Gut gegessen habe ich dieses Jahr, und werde es nächstes Jahr wohl nicht minder. Gelacht habe ich halbwegs genug, die Nächte waren in Ordnung, wenn auch selten euphorisch, und oft genug geärgert habe ich mich, Meist über Bagatellen. Gelesen habe ich, gar nicht wenig, aber ein großes Leseerlebnis war nicht dabei, für das ich die Nächte opfern würde und von denen ich allen erzählen hätte wollen, und vielleicht liegt das nicht an den Büchern.

Neu verliebt habe ich mich nicht. Ganz froh bin ich darüber, weil ich doch auch endlich einmal angekommen sein will und ja auch alles in Ordnung ist, so sehr in Ordnung wie kaum jemals zuvor. In mich verliebt hat sich auch keiner, weil ich 33 bin, und die Zeiten vorbei.

Ein frohes neues Jahr wird man mir wünschen, in nicht mal drei Wochen. Mein Glas werde ich heben, lächeln werde ich, und nichts wird mir einfallen für das nächste Jahr, als dass es schon in Ordnung sein möge, keine Höhen und Tiefen, was auch, und nichts bleibt mir zu wünschen als fröhlicher Gleichmut und ein wenig Dankbarkeit, denn in Ordnung ist ja nicht wenig, so an und für sich und für mich und für immer.

Dienstag, 16. Dezember 2008

Die Verwandlung der Welt

Daniel Kehlmann, Beerholms Vorstellung (1997)

Wie belebt doch die Welt einmal war, als Wind und Bäume sprechen konnten, und im Geäst die Elfen laubbeschattet Lieder sangen. Wie reich war die Welt an Möglichkeiten, als man nicht wusste, ob die Wölfe vorm Dorf nicht des Morgens zuckend ihr Fell abwarfen und knurrend, doch menschlich, zurückschlichen in die Kate nebenan. Wie mächtig waren Worte, waren Gegenstände, als ein paar Silben ausreichten, ein Mädchen in Schlaf zu versetzen, und die Berührung mit einem Stab einen Kürbis wachsen ließ, bis er, versehen mit vier Rädern, eine aus der Asche entstiegene Prinzessin zum Ball fuhr und zurück.

Zwar hatte niemand, den man kannte, dergleichen schon erlebt. Gehört aber hatte jeder davon, dass im nächsten Dorf – in einem fernen Land – in jüngst vergangenen Tagen – derlei vorgekommen war, und fest glaubten die Menschen an die Möglichkeit, dass alles anders sein könnte, als es ist, und allen Dingen die Möglichkeit innewohnt, sich jederzeit zu verändern.

Die Welt aber wurde kleiner. Seefahrer fuhren los und kehrten zurück und hatten keine Menschen mit Hundeköpfen an Bord. Woanders, erzählten sie, wuchsen zwar andere Früchte auf den Bäumen, aber gebratene Tauben flogen überall nur wenigen in den Mund, und das Wasser floss auf der ganzen Welt nach unten. Forscher schlossen sich in Universitäten ein, und als sie herauskamen, verkündeten sie nüchterne Gesetze über den Lauf der Welt, die überall und jederzeit Geltung haben sollten. Wölfe blieben danach auch am Morgen grau und struppig. Die Bäche sprachen nicht, sondern flossen von der Quelle zum Meer, und aus der Asche stiegen weder Prinzessinnen noch bunte, unsterbliche Vögel.

Mit jedem Fetzen Wissen mehr um den Lauf der Welt vergrößerte sich die menschliche Herrschaft über die Natur. Frei wurde der Mensch dabei von vielen Ängsten, doch mit jeder Erweiterung seiner Freiheit verkleinerte sich die Welt, wurde eckig und grau, und die Ausnahmslosigkeit der Naturgesetze legte sich schwer auf die Gemüter.

Etwas melancholisch wurden die Menschen, ein wenig wehmütig ob der verlorenen Weite. So eng und drückend von allen Seiten wurde die Wirklichkeit dem 19. Jahrhundert, dass die Menschen sie nicht aushielten und trotzig an den Möglichkeiten festhielten, die die Wissenschaften ausgeschlossen hatten. Indes kann der Mensch eine ganze Menge Tätigkeiten ausführen, wenn er nur will. Kochen etwa oder Arbeiten oder zum Mond fliegen. An etwas glauben, von dem er weiß, dass es nicht stimmt, gehört aber nicht dazu, denn es kommt den meisten Menschen dumm vor, Unwahrheiten hinterherzulaufen, es sei denn, es gäbe einen guten Grund. Gute Gründe für die Pflege wohltuender Lügen wiederum gibt es nicht viele, und die Moderne kam nur auf eine: Die Kunst, und so wurde man denn romantisch und sammelte Märchen, schrieb blauscheckige Gedichte und malte die Welt eckig oder rund, bis sie sich selber vor lauter Verwandlung kaum mehr erkannte.

Indes ist stets etwas Schwankendes, Fadenscheiniges um diese Strategien der Verwandlung. Die Welt wird, so mutmaßen manche, eben doch nicht anders, nur weil man ihr mit Ölfarbe Zacken malt. Das Prekäre der Verwandlung aber ist der eigentliche Schmerz, denn diese oft haarfeine Spalte zwischen Wunsch und Erfüllung bildet den Graben zwischen dem alten Reich der Fülle und der Realität von Glaube und Kunst. Von diesem Schmerz, dem Scheitern der Verwandlung der Welt, handelt dieser Erstling des inzwischen zu recht sehr bekannten Autors Daniel Kehlmann.

Die Kunst, anhand derer Kehlmann dieses Scheitern vorführt, ist zunächst die der Illusionisten, der Zauberkünstler, die Hasen aus Zylindern holen und Jungfrauen zersägen. In ihrer Vortäuschung, die Last der Naturgesetze abschütteln zu können, ist diese Kunst sicherlich die, die den Schmerz um die bodenlose Weite der Welt am unverstelltesten abbildet, indem sie den Verlust schlicht negiert. Es mag sein, dass diese Direktheit dafür verantwortlich ist, dass der Zauberei in den Augen der Öffentlichkeit etwas Zwielichtiges anhaftet, etwas von Las Vegas und Vorstadtcabaret, und die Hochkultur mit ihren Förderfonds und Staatsministern einen Bogen um diese Künste schlägt. Zu Demonstrationszwecken hinsichtlich des Schmerzes an der entzauberten Welt ist die Zauberei aber ganz fabelhaft geeignet, und so lässt Kehlmann seinen Held – Herrn Arthur Beerholm – sich so sehr sehnen nach der wirklichen Gabe der Zauberei statt der meisterlich und erfolgreich beherrschten Täuschung, dass der Wunsch die Wahrnehmung formt, bis Beerholm bisweilen glaubt, die Dinge würden ihm gehorchen.

Am Ende aber siegt der Schmerz. Dass sich die Illusion stets an der Kaimauer der Naturgesetze bricht, treibt Beerholm fort, und aus dem gefeierten Künstler wird ein Gescheiterter, der am Ende auf einer Aussichtsplattform steht, bereit zu springen. Auf dieser Ebene des Buches, zerschellt der Wunsch nach der Fülle der Welt an der Wirklichkeit, an der stirbt, wer mit ihr nicht leben kann.

Unterhalb, nein: mit dieser Geschichte erzählt Kehlmann eine zweite. In dieser geht es gleichfalls um Beerholm. Es geht um denselben Jungen, den die Wirklichkeit schmerzt, seit – ein wenig plakativ – seine Adoptivmutter vom Blitz erschlagen wird. In einer Nacht kurz nach der Matura aber ändert sich der Verlauf. Denn statt Theologie zu studieren, schläft Beerholm, träumt, malt sich die ganze Geschichte von Studium, Zauberei, äußerem Erfolg und innerer Niederlage aus, und alles, was dann passiert, die ganze Geschichte, spielt nirgendwo als im Kopf des Helden, Schwaden, Tagesreste, und am Ende, beim Sturz, wird Beerholm vielleicht nicht sterben, wie die Gesetze es wollen. Er wird nicht fliegen, wie er es wünscht. Vielleicht wird er einfach erwachen, und der Kampf gegen die unerträgliche, nüchterne Enge der Wirklichkeit wird nicht verloren, sondern schlicht nicht einmal ausgetragen, denn Träume zählen nicht auf der Waage der Welt.

Wie eine Strähne von Gold in schwarzen Haaren taucht dieses Motiv von Traum und Unwirklichkeit immer wieder in der Geschichte auf, wird nach oben gespült als Anspielung, als offene Ansage eines Protagonisten, und der Charme dieser surrealen Bilder täuscht über den Ernst hinweg, in dem die Macht und die Kraft der Imagination – gleichermaßen Kunst wie Glaube . die Wirklichkeit scheinbar überwindet. Doch ist der Traum von vornherein mit dem Makel des Unwirklichen behaftet, und seit Freud zudem gebrandmarkt als Geburt allein der eigenen Seele und nicht einer Wahrheit, die auch außerhalb des Individuums gilt. Auf dieser Ebene also unterliegt der Wunsch nach der Rückkehr zur alten Einheit der Welt, zur unbegrenzten Vielzahl der Möglichkeiten, indem ihre Überwindung internalisiert wird, eingeschlossen in einen Kopf, der nach wie vor der Begrenzung der Moderne unterliegt.

Eine weitere Ebene des Scheiterns schreibt der Autor nicht selbst. Denn der Schriftsteller kann zwar einen ganz normalen Mann zaubern lassen. Seine Geschöpfe können mit den Winden treiben, oder gestorben wiederkehren, doch Kunst, Lüge, behauptet also, doch nicht wahr, bleibt alles, was der Autor formt aus nichts als 26 Buchstaben. Pixel im Nichts. An der Kunstfertigkeit des Autors hängt es, ob der Leser ihm glaubt, zumindest für ein, zwei Nächte, einige Stunden oder die paar großen Minuten, ob derer man einen Roman nicht vergisst.

Hier aber liegt dieses Buches Schwäche: Man bewundert. Man liest mit großem, selten erlahmenden Interesse, man fühlt sich mehr als nur gut unterhalten, doch ein wenig hüftsteif, ein wenig geruchlos, zu viel Papier und zu wenig Schweiß, Blut und Tränen haftet an Arthur Beerholm und seinen Gefährten. Schwer zu sagen ist es, was fehlt, doch Anteilnahme, Mitgefühl, all das, was man nur den täuschend echten Imitaten der wirklichen Welt spendet, bleiben aus angesichts dieses Treibens amüsanter, interessanter Marionetten, und so klafft auch hier die feine Naht, der stete Schmerz der Wunde zwischen Wunsch und Welt.



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