Freitag, 16. Januar 2009

Etwas Süßes

Da liegt man nun also im Bett. Nicht mehr ganz so marode, dass gar nichts geht, aber noch längst nicht vital genug, um irgendwohin zu gehen und etwas zu essen. Bei nüchterner Betrachtung reicht es gerade von hier bis ins Bad, und gestern ist man beim Einkaufen von Milch und Taschentüchern im Supermarkt umgekippt. Überhaupt fühlt man sich beispielsweise einer Kalbshaxe auch ganz generell noch gar nicht gewachsen. Burgunderfleisch aus Faux Filet vom Rind, Hirschmedaillons mit Kroketten, Semmelknödel mit Pilzen in Rahm und Markklößchen seien besseren Tagen vorbehalten, aber eine Suppe beispielsweise, eine leichte, gebundene Hühnersuppe mit Mandeln und Zitronenzesten und einem Eigelb in der Tasse: Das wäre schon schön. Oder einfach ein bisschen geröstetes Brot, Frischkäse und ein paar Tomaten. Natürlich ist nichts davon da.

Noch besser wäre natürlich etwas Süßes. Scones beispielsweise, wie sie die I. backt, mit Double Cream und selbstgekochten Marmeladen. Oder ein Stück Käsekuchen vom Café Sowohlalsauch, mit Sahne natürlich und frischem Obst. Oder die Milchreistorte, die irrsinnig sättigend ist und schmeckt wie ein sehr gelungener siebter Geburtstag.

Ginge es, malt man sich aus, aufrecht und auf zwei Beinen bis zum Kollwitzkiez, so wäre natürlich auch eine Tarte Opéra im Rahmen des Möglichen, mit saftig durchtränktem Biskuit und dunkler Schokolade bei Albrecht in der Rykestraße. Oder – wenn man schon mal da wäre – noch eine Tarte Tatin dazu? Die Tarte Tatin mit den karamellisierten Äpfeln, an der ich mich immer wieder versucht habe, und die bei mir nicht halb so gut schmeckt? Oder nur ein einziges Törtchen bei Albrecht, vielleicht ein Millefeuille, und dann weiter in die Werkstatt der Süße und ein Safran Biskuit mit Café Noir Mousse und Cassis? Der Kokos Erdbeer Dome mit Iviore? Ein oder zwei Macarons, die in großen Gläsern auf der Theke stehen? Zumindest ein bisschen heiße Schokolade?

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Aber dann doch nur ein bisschen kalter Grieß aus Magermilch und ein ganz und gar unkaramellisierter Apfel. Mit Tee.

Donnerstag, 15. Januar 2009

Finis (oder auch nicht)

„Nicht so toll.“, krächze ich in den Hörer. Auch mein kleiner Cousin ist krank, höre ich, also zumindest so ein bisschen, also genug, um nicht zur Schule zu gehen, die ihn – an dieser Stelle wird tief geseufzt – ohnehin schrecklich nervt. Der Schulstoff interessiere ihn nicht.

Was er denn machen wolle, frage ich, um herauszubekommen, ob das demnächst zu absolvierende Abitur notentechnisch überhaupt relevant und damit schulisches Engagement auch in fürchterlichen Fächern erforderlich sein würde. Das wisse er nicht genau, antwortet er und legt eine lange Pause ein, die das ganze Ausmaß seiner Ratlosigkeit illustriert. Etwas Kreatives könne er sich vorstellen, kommt es dann, und ich seufze ein bisschen. Etwas Kreatives macht die halbe Stadt, und zumeist sind die Ergebnisse wirklich erschreckend.

Mit dem Malen, sagt der Kleine, sei es ja nicht mehr so. Schreiben indes, Schreiben sei etwas ganz anderes. Er werde, kündigt er an, einen Roman verfassen. „Wer nicht!“, gebe ich zurück. Das Romane schreiben sei ungefähr so verbreitet wie Pickel, mehr noch, ich kenne keinen erwachsenen Menschen, der nicht mindestens von einem Roman schwadroniert und nach dem dritten Wein detailliert Aufbau und Handlung erläutert. Ungefähr jeder zweite hat auch tatsächlich irgendwas verfasst, und selbst wenn diese Texte lesbar sind, haftet ihnen doch ein Air des Vergeblichen an, denn (was auch mein kleiner Cousin sich hinter die Ohren schreiben möge): Es ist aus mit der Literatur. Und alles, was noch kommt, Imitation und Nachspiel.

Der Kleine schluckt hörbar. Unerbittlich fahre ich fort. Es habe, sage ich ihm, im 19. Jahrhundert die Kunst der Wiedergabe menschlicher Empfindungen einen seitdem nicht mehr überbotenen Höhepunkt erreicht. Maupassant, Tolstoi, vielleicht Flaubert: Genauer kann kaum wiedergegeben werden, wie Menschen fühlen und was sie dazu treibt, Dinge zu tun. Diese Fertigkeit wird seither angewandt, aber solange Menschen sich nicht ändern, sondern nur ihre Umgebung, wechseln zwar die Interieurs, die Anlässe ändern sich, auf die Menschen reagieren, aber solange die Evolution sich nicht erheblich beschleunigt, wird alles Wiederholung bleiben. Nichts Neues unter der Sonne.

Zudem hat, füge ich hinzu, das 20. Jahrhundert die Grenzen der Sagbarkeit aufs Äußerste erweitert. Die Mittel, die eigentliche Beschaffenheit der Welt, ihre schattenhafte, spinnwebfeine, ganz und gar nichtstoffliche Seite auszudrücken, hat die erste Hälfte des letzten Jahrhunderts gesucht, und sie hat sie gefunden. Ich mag Joyce nicht, ich habe kein besonders Faible für Virginia Woolfs avantgardistischeren Romane, aber ich weiß, dass sie funktionieren. Proust. Thomas Mann, die Rückkehr des Epischen. Die Macht von Sprache als Bann und Beschwörung. Die Ausweitung der Sphäre des Sagbaren über die Grenzen der Konvention bei Miller und über die Grenzen der Realität in eine phosphoreszierende Zwischenwelt, wie bei Garcia Márquez.

Ebenso, wie manche Sporttheoretiker annehmen, dass irgendwo eine objektive Grenze des menschlichen Vermögens, schnell zu laufen, liegt, sei möglicherweise eine Grenze erreicht, jenseits derer Sprache nichts mehr vermag. Innerhalb dieser Schranken ist unter Umständen fast alles erzählt. Nun mag auch die Wiederholung ihren eigenen Reiz haben. Wer mag, liebt vielleicht die Adaption des Bekannten in ein anderes Lokalkolorit, andere Kostüme, sucht die Kombinationen, versucht, den ermüdeten, gelangweilten Leser noch einmal mit noch anderen, vielleicht wirksameren Effekten einzufangen.

Aber lohnt sich das?, frage ich den Kleinen streng und ganz und gar rhetorisch. Muss man das machen? Ist diese mühselige Form der vergeblichen Anstrengung ein guter Ort, oder sollte man nicht etwas Angenehmes tun? Etwas, was nicht belastet wie das Schreiben. Etwas Leichtes, Amüsantes, ganz und gar Unernstes wie den Handel oder das Rechtswesen, wo man wenig Schaden anrichten kann und keine Erwartungen bestehen, außer Geld zu verdienen, von dem jeder weiß, dass es nicht wirklich existiert? – Erwartungsvoll schweige ich und suche mit der linken Hand auf dem Nachttisch nach einem weiteren Taschentuch.

„Das sei doch gar nicht wahr!“, braust mein Cousin auf. Von abstoßendem Zynismus geprägt sei meine Weltsicht, und nur meine Grippe hindere ihn, noch deutlicher zu werden. Zudem sei meine Annahme falsch, die Gegenwart weise literarisch keine vergleichbaren Quantensprünge auf wie die zwei vergangenen Saecula. Dies werde er mir auch beweisen. Eine Liste werde er vorlegen mit zehn bedeutenden Romanen seit 2000, die über den vorhandenen Bestand hinausgingen. Dann legt er auf.

Ich warte.

Dienstag, 13. Januar 2009

Tagesfragen

Immer wieder gern klicke ich durch die Referrals dieses Blogs und stelle mir vor, wer und was sich dahinter wohl verbirgt. Was für ein Mensch beispielsweise sucht ausgerechnet im Internet eine Antwort auf die Frage "Januar 2009 kalt"? Oder geht es hier schlicht um die Bestätigung der eigenen, noch unsicheren Wahrnehmung? Viele Menschen trauen ihren Sinnen ja nicht.

Wer aber sucht im Internet nach "Dr. Adam Soboczynski Termine"? Hat der Herr Dr. Adam Soboczynski - dem die Welt ein außerordentlich amüsantes Buch verdankt - etwa einen hartnäckigen Verehrer, der dem Autor auflauern möchten und im Netz immer mal wieder die Antwort auf die Frage sucht, wo er sich befindet? Schließlich, wie ich meinen Referrern entnehme, erreicht mich diese Google-Anfrage schon zum zweitenmal. Oder sind das zwei verschiedene Leute, und der Herr Dr. Soboczynski hat ein Problem mit gleich mehreren Internetmänaden? Oder verliert seine Sekretärin beständig seinen Kalender und sucht verzweifelt im Web, wo ihr Chef hinfahren soll? Dies immerhin würde auch die Titelnennung erklären, denn auch mich bezeichnet auf Erden nur mein Sekretariat mit akademischem Titel.

Dass "Osama Bin Laden Bart" da schon von ganz anderem Interesse ist, liegt natürlich auf der Hand, denn was ist ein deutscher Autor gegen den bekannten muslimischen Abrisspezialisten, den Teile der Welt nicht nur für seine vergangenen surrealen Auftritte in internationalen Medien, sondern auch für sein gutes Aussehen schätzen. In diesen Kreisen, so vermute ich, kursiert sicherlich die stehende Wendung "Beim Barte Osama Bin Ladens", und die Anfrage per Google stammt von einem unbedarften Gast eines solchen Haushalts, der heimgekehrt endlich wissen möchte, was es mit diesem Bart auf sich hat.

"Wie sieht Augustinus die Welt?", frage ich mich natürlich auch des Öfteren, erhalte aber ebenso wenig wie der Fragende heute morgen um zehn eine befriedigende Antwort. Ich tippe auf den Schulunterricht. - "Sehr alte dicke Frauen" gibt es hier nur an ganz schlechten Tagen. Überhaupt versanden die meisten Suchanfragen hier wohl durchaus frustrierend, irgendwelche Leute wühlen sich zähneknirschend durch große Mengen für ihre Zwecke unbrauchbaren Text, und nur diejenigen, die nach "Modeste" suchen, sind hier, nehme ich an, richtig und am Ziel. Willkommen. Fencheltee steht in der Küche. Stecken Sie sich nicht an.

Montag, 12. Januar 2009

Heute nicht so

Morgens um acht kann ich leider nicht sprechen und huste wie - nun, eben wie jemand der seit fast zwanzig Jahren raucht mit einer kräftigen Infektion. Im Bad stelle ich mich auf die Waage und habe wieder 500 gr. zugenommen, trotz Sport und Ernährungsumstellung. Ungefähr im Mai, nehme ich an, werde ich platzen. Traurig verlasse ich erst das Bad und dann meine Wohnung.

Als ich vom Bäcker komme, macht der Zeitungsmann gerade Pause. Etwas anderes zum Lesen habe ich nicht dabei. Dafür röchelt mein Gegenüber in der U 6 auf äußerst eindrucksvolle Weise. Zum Glück stirbt er nicht während der Bahnfahrt.

Weil die Kollegin, die mich morgens um viertel nach neun an einer U-Bahnhaltestelle ziemlich weit weg abholen soll, zu spät kommt, bekomme ich beim Warten eiskalte Füße und werde den ganzen Tag nicht mehr warm. Mittags vergesse ich kurzzeitig meine guten Vorsätze und esse einige Calamares. Sie schmecken scheußlich. Heute abend also nur Obst.

Zu allem Überfluss wird mir gegen acht Uhr abends wahnsinnig übel. In regelmäßigen Abständen von vier bis fünf Minuten zieht sich mein Magen zusammen. Huste ich in der Zwischenzeit, kontraktiert mein Magen aus Solidarität mit meinen Bronchien zusätzlich jedesmal mit. Immerhin hat sich weitere Nahrungsaufnahme damit erledigt.

Jammern - etwa telefonisch - geht gerade nicht, denn stimmlos bin ich schon seit heute morgen. Der J. ist beruflich bedingt nicht da und kommt erst Freitag wieder. Im Interesse schneller Linderung meines Allgemeinzustandes einen Arzt aufzusuchen, beispielsweise morgen früh, ist angesichts der vorhersehbaren Diagnose, ich sei erkältet, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit obsolet. Bleibt nur, zu Hause zu bleiben, Musik zu hören, Mails zu schreiben, und darauf zu warten, dass die Magenkrämpfe nachlassen.

Gegen zehn fällt mir der Duschkopf auf den rechten Fuß. Gegen halb elf gehe ich schlafen. Die ganze Welt, fällt mir auf, riecht nach Eukalyptus.

Samstag, 10. Januar 2009

Der Herrlichste von Allen

Einfach liegenbleiben und die Augen geschlossen halten, als sei die Nacht nicht vorbei. Auf dem Rücken liegen, die Beine anziehen und mit den Händen über die Beckenknochen fahren und sich vorstellen, noch einmal 50 Kilo zu wiegen, und wie toll das wäre und wozu und was der J. wohl dazu sagen würde. Immer wieder ein bißchen schlafen.

Für Sekunden träumen (Haut, Himmel und Meer), erwachen und wieder versinken. Die gleißende Helle des Schlafs. Sich halbblind in die Küche tasten. Eiskaltes Wasser und Tee, die Rückkehr ins Bett, und Lotte Lehmann singen lassen von dem Herrlichsten von Allen. 1928 in Berlin.



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