Mittwoch, 28. Januar 2009

Dein Vogelmann

Heut’ nacht, meine Liebe, hast du Hochzeit gefeiert und ich war da. Ein violettes Kleid hatte ich an, Volants an Saum und Ärmeln, und die Haare hochgesteckt mit einer Agraffe. Violett war auch dein Schleier, dein Kleid war blau, marineblau, und du sahst alt aus, alt und müde, und wenn die Sonne schien, schien sie manchmal durch dich durch.

Alt und müde war auch dein Priester, so alt, dass seine Haut schon ganz leer war, wie ein Handschuh ohne Hand, und seine Stimme war so hoch und fein, dass ich ab und zu nicht verstand, was er sagte. Alt und grau, hellgrau wie Staub, waren auch deine Gäste und zerflossen im Licht.

Angst habe ich bekommen, um dich und um mich. Dass sie mich nicht mehr rauslassen würden, hab ich gefürchtet, dass die Tür geschlossen bliebe nach der Trauung, und wir alle ersticken würden in der Kapelle, die aus Stein war und ganz ohne Schmuck und Tücher. Dass nicht einmal Kerzen brannten, hat mich erschreckt, dass der Priester sich abstützte mit der Hand auf dem Altar, einem einzigen, bruch- und schmucklosen Fels, und deine Gäste – wurde es still – röchelten, laut und rasselnd die Luft einzogen, keuchten, lauter als du, lauter als die Segensworte des Priesters, und dass dein Bräutigam schrie, auf einmal, lachte, kreischte vor Lachen, die Arme hochriss und tanzte und sprang, die Beine wirbeln ließ bis zur Hüfte und drüber, dass dein Bräutigam Krallen hatte, vier an jeder Hand, und auf seinen Schultern, vom Schlüsselbein aufwärts, den Kopf eines Habichts mit rotem, klaffendem Schnabel, so scharf wie zwei Messer und voller Blut.

Montag, 26. Januar 2009

Die München XXL-Verschwörung

Nein, ich habe nichts gegen München. Ich hege wirklich keine Vorbehalte gegen die Hauptstadt aller Bayern, und würde sogar den Umzug an die Isar erwägen, würde nächste Woche Berlin von einem Meteorit pulverisiert. Heute allerdings ...

Aber beginnen wir von vorn.

Gegen 14.00 Uhr breche ich in der Münchner Innenstadt auf. Ein nur kleines Köfferchen und eine noch kleinere Handtasche ermöglichen den weiteren Transport per U-Bahn, die zu nutzen, wie Münchener mir versichern, unbedenklich sei. Der Flughafen sei – so einheimische Experten – auch nicht zu verfehlen. Den Weg schreibt man mir auf.

Nicht aufgeschrieben hat man mir allerdings den richtigen Tarif. Vor dem Automaten stehe ich also recht ratlos. Eine Zone, denke ich mir, ist sicherlich zu wenig, schließlich liegt der Münchener Flughafen bekannt weit weg, und aus den Transrapid-Plänen ist – wie die Welt weiß – nichts geworden. Zwei Zonen erscheinen mir auch ziemlich riskant, man will ja sicher gehen, denke ich mir, und so schiebe ich zehn Euro in den für Banknoten vorgesehenen Spalt und drücke auf die Taste „München XXL“. Dann steige ich auf die Rolltreppe und fahre los.

Neben mir zieht ein junges Mädchen die ganze Zeit an einem Kaugummi. Auf der anderen Seite des Ganges unterhalten sich zwei junge Männer im Anzug über eine dritten, der ein ziemliches Rindvieh sein muss, oder zumindest im Kollegenkreis als solches gilt. Wie andere Leute wohl über mich sprechen, überlege ich, und male mir aus, was man wohl über mich sagen könnte, wenn man mich nicht mag.

„Ihr Fahrschein bitte.“, unterbricht ein älterer, grauhaariger Mann meine Gedanken. Knollig sieht er aus, überzogen mit roten Äderchen, und auf der Stelle regt sich in mir eine kräftige Antipathie. Wortlos strecke ich ihm mein München XXL-Ticket entgegen. Zehn oder zwölf Sekunden starrt der Schaffner unverwandt auf den kleinen Fetzen Papier. Dann schaut er auf. „Sie haben kein gültiges Ticket.“, behauptet er, so laut, dass die Anzugmänner aufsehen und ihre Suada über das abwesende Rindvieh stockt.

Das Ticket, erfahre ich, reiche nicht aus. München XXL umfasse keineswegs auch den Flughafen. Vielmehr sei München XXL kurz vor dem Flughafen zu Ende. Und nein, nachlösen ginge nicht. Und einfach bezahlen könne er mir nicht raten, denn mit einem gelösten, wenn auch unzureichenden Ticket habe man Einspruch einzulegen, Nachweise zu führen, und dann könne man, wenn die Einspruchsstelle gnädig sei, mit einer geringeren Strafe rechnen.

„Das ist mir egal. Ich habe keine Lust auf Scherereien.“, verkneife ich mir nur knapp und zücke mein Portemonnaie. Nein, verweigert der Kontrolleur die Zahlung. Karten nehme er nicht. Meine Adresse möchte er haben, meine Visitenkarte reicht ihm nicht einmal, wenn ich ihm den Personalausweis danebenhalte, und so stehe ich auf dem windigen S-Bahngleis am Flughafen, während mein Boarding schließt, und lasse mir aufschreiben, wohin ich mich zu wenden habe, um sodann am anderen Ende des Flughafens mein Ticket nach Berlin umbuchen zu lassen, ziemlich viel Geld zu bezahlen für den nächsten Flug nach Hause und eine Stunde auf den ziemlich unbequemen Stühlen im Terminal herumzusitzen, Kaffee zu trinken, ein bisschen vor mich hin zu schäumen und darüber nachzudenken, ob die Verkehrsbetriebe der Stadt München ein Ticket, dass den Großraum München offenbar in wesentlichen Aspekten nicht abdeckt, eigentlich absichtlich München XXL genannt haben, um Reisende zu verwirren.

Donnerstag, 22. Januar 2009

Verlieren, Verlaufen

Beispielsweise könnte man übermorgen um acht den falschen Zug besteigen. Statt neben dem Brezelbäcker zur Treppe abzubiegen, würde man zehn Meter weiter laufen und erst beim Blumenstand die Rolltreppe nehmen. Statt des ICE stiege man in einen EC und führe los.

Sehr lange könnte man so tun, als hätte man die Verwechslung nicht bemerkt. Vielleicht beharrt man sogar gegenüber dem Schaffner auf einer Reservierung, die man nicht hat, und ließe sich nur widerstrebend überzeugen, im falschen Zug zu sitzen. „Sie können erst in *** aussteigen.“, würde einen der Schaffner belehren. Man müsste unglücklich aussehen und fragen, ob sich das nicht ändern lässt, und über der Antwort verzweifelt den Kopf schütteln, bis der Schaffner geht. Dass man im falschen Zug säße, teilt man dann mit und schaltet das Telephon aus.

Am nächsten Bahnhof verließe man den Zug. Es sollte ein kleiner Bahnhof sein, ein Fachwerkhaus, zugig und verloren, und mit einem einzigen Schalter, hinter dem zwar Licht brennt, aber niemand sitzt. Der Zeitungsstand hätte geschlossen, die Scheiben wären staubig und blind, und in den Schmutz der Glastür hätte jemand mit dem Finger seinen Namen geschrieben.

Ein paar Minuten müsste man schon auf der Bank auf dem Bahnsteig sitzen bleiben und warten, ob nicht ein Zug kommt, der einen zurückbringt. Wenn es kalt würde (und es wird kalt sein), dann darf man gehen. Auf der Rückseite des Bahnhofs stünde man noch einen Moment, sähe sich unschlüssig um, schlüge dann langsam die Straße ein, die vom Bahnhof ortsauswärts führt, und verlöre sich auf der Bundesstraße, noch hinter der Tankstelle, dort, wo die Raiffeisensilos stehen im Nichts wie Spuren in fließendem Wasser.

Dienstag, 20. Januar 2009

Vom Winter

Ein weiteres Jahr den Winter zu verpassen: Das Knacken der Bäume, wenn das Holz vor Kälte splittert, Eiszapfen an der Regenrinne und die ganz und gar unglaubliche, leuchtende Dunkelheit einer Schneelandschaft auf dem Weg nach Haus. Die Stille zwischen Wald und Feldern, Krähenschwärme am Morgen um sechs zwischen der Landstraße und den ersten Häusern der Stadt. Der bleigraue Himmel, zart wie Haut, mit einem Rand von Silber und Taube.

Heimgekehrt am Abend auf dem Ofen mit dem Sprung in der dritten Kachel von rechts, vierte Reihe von oben, Äpfel braten, weil es so gut riecht. Ein Punsch aus Rotwein und Zimt, Orangen und Mandeln, zu Bett in langen Nachthemden aus Flanell, karierte Plumeaus und die Nacht vor den Fenstern, schwärzer und blitzender als alle Lichter Berlins.

Sonntag, 18. Januar 2009

Der Gefangenentransport von Bad Doberan

Wir alle, oh verehrte Leserinnen und Leser, kennen das Internet als einen Ort der Aufklärung, denn im Schatten der elektronischen Säulen unserer digitalen Welt bleibt den Wandelnden keine Wahrheit lange verborgen, und so will auch ich als eine bescheidene Dienerin im Garten dieses Herrn mitwirken an dem stetigen virtuellen Diskurs, welcher sich mit der Deutung dieser Wahrheit beschäftigt, derweil es in den Augen aller Verständigen auf der Hand liegt, dass gestern abend um acht keineswegs ein Meteorit in der Nähe von Bad Doberan eingeschlagen sein kann, sondern vielmehr außerirdische Mächte am Werk gewesen sein müssen.

Nun gibt es wenig Ursache, an die Ammenmärchen zu glauben, die über extraterrestrisches Leben seit Jahrzehnten verbreitet werden. Was, fragt sich der kritische Geist, sollen Außerirdische mit irgendwelchen halbverrückten Leuten anfangen, die sich von jenen entführt und dann wieder – abzüglich irgendwelcher Organe – ausgesetzt fühlen? Würde nicht ein vernünftiger Außerirdischer sein Opfer einfach zur Gänze mitnehmen, falls es später noch etwas zu erforschen gibt? Wieso zudem sich der Gefahr indiskreter Plaudereien der Entkommenen aussetzen, wenn man die einmal Eingefangenen ebenso gut einfach wegschmeißen kann? Es verschwinden schließlich ständig Leute, da macht einer mehr oder weniger auch nichts mehr aus. Eine Forschungsvisite außerirdischer Mächte gestern abend in Mecklenburg ist aus diesen Gründen mit großer Sicherheit auszuschließen.

Dies aber wirft die Frage auf, was die Außerirdischen dann gestern abend in diesem gottverlassenen Winkel der Republik wollten. Aus eigener Erfahrung kann ich Ihnen versichern: In der ganzen Ecke ist nichts außer einem allerdings sehr angenehmen Hotel, und dort kann man als Außerirdischer schlecht auftauchen ohne Aufsehen zu erregen. Sie sehen also, meine Damen und Herren: So kommen wir nicht weiter. Anknüpfungspunkt unserer weiteren Überlegungen kann daher nicht die Motivationslage der uns diesbezüglich ja eher fremden Außerirdischen sein. Fragen müssen wir uns, welche mit einiger Wahrscheinlichkeit mit außerirdischen Existenzen vertrauten Person oder Personenmehrheit ein Interesse haben könnte, in diesen Tagen seine Geschäftspartner auf der Erde zu sehen. Wer, so fragen wir uns also, hat große Erfahrungen in der Raumfahrt und derzeit möglicherweise Zeitdruck bei der Erledigung anstehender Geschäfte? Wer muss möglicherweise noch etwas wegräumen, irgendwohin verbringen, wo niemand anders es findet und es so rückstandslos von der Erdoberfläche verschwunden ist, wie etwas überhaupt verschwinden kann? - Wir alle, geschätzte Leserinnen und Leser, denken angesichts dieser Fragen an niemand anderen als den amerikanischen Präsidenten George W. Bush, der es zur Zeit eilig haben dürfte, zu beseitigen, was auf keinem Fall seinem Nachfolger in die Hände fallen soll.

Nun wird selbst der scheidende Präsident kaum im Weltraum anrufen, nur um ein paar Akten wegzuschaffen. Vielmehr ist anzunehmen, dass nur für wirklich sehr relevante Dinge oder Personen der wahrscheinlich erhebliche Aufwand ihrer Verbringung in den Weltraum sich lohnt. Was aber kann der amerikanische Präsident derzeit seinem Nachfolger unter den Händen weg in den Weltraum schaffen wollen? Doch nur etwas, von deren Gefährlichkeit der Präsident überzeugt ist, und das Obama gleichwohl freisetzen will. Gegenstände kommen hierbei kaum in Betracht, denn diese könnte man ja einfach vernichten. Es muss also um Personen gehen – und niemand anders als die Gefangenen von Guantanamo fällt uns ein, wenn es um Personen geht, über deren weiteres Schicksal Bush und Obama bekanntlich erheblich unterschiedlicher Ansicht sind. Die Insassen aus Guantanamo sind, kombinieren wir, also seit gestern abend weg.

Aber wieso ausgerechnet, fragt sich die kritische Öffentlichkeit, Bad Doberan? Dieses Nest, das die Welt nur als den Bahnhof kennt, von dem aus man das Kempinski in Heiligendamm erreicht? Wo nichts ist außer der Ostsee und viel Landschaft? - Nun, mag man sich denken: Schließlich schuldet die Kanzlerin unseren transantlantischen Partnern bestimmt noch einen Gefallen. Ist das vielleicht vom Nato-Vertrag mitumfasst? Und die Gegend da oben bei Heiligendamm kennt George W. Bush von dem G 8-Gipfel von vor ein paar Jahren bestimmt als menschenleer und ganz schön abgelegen.

(q.e.d.)



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