Dienstag, 17. Februar 2009

Nach Hause

Sich auf der Treppe, auf dem roten Sisal zwischen der Haustür und dem vierten Stock ausmalen, wie das wäre, wenn man klingelt, und es würde aufgetan. Was ich sagen würde, stünde man mit offenen Armen in der Tür, strahlte man mich an, und die Kerzen würden brennen und warmes Brot mit Salz und Kümmel stünde auf dem Tisch.

Wie das wäre, wäre ein Bad eingelassen und Blumen stünden in der leeren Vase auf dem Bord. Der Duft nach deinem schwarzen, lockigen Haar, und der Geruch am Morgen, in der kleinen Kuhle zwischen Schulter und Hals. Liefe Musik. Spräche jemand mit mir über die wundgerissene Schönheit der Stadt, des wiedergeborenen Winters, vielleicht vom wehenden Schnee und striche mir sanft, mit warmen, offenen Händen über das Haar, über den Rücken, und zählte meine frierenden Finger bis zehn, bis ich fast sicher wäre, dass alles noch da und alles in Ordnung wäre, was es auch sei.

Sonntag, 15. Februar 2009

Antifaltencreme im Krieg

(Schwesterchen ruft an):

"Wusstest Du, dass La Prairie zu Beiersdorf gehört? Nein? Ist also quasi eine Art Nivea. Nur teurer. Und besser natürlich. Also schon ganz was anderes, gar nicht miteinander zu vergleichen. Wie'n Smart neben einer S-Klasse.

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Wirklich? Findest du? Finde ich nicht. Schau dir doch mal so Stars an, im Fernsehen. Hier, Nahaufnahme, die rennen seit fünfzig Jahre durchs Bild, und du siehst nichts. Tophaut. Lifting, klar, aber du siehst das schon. Mit Nivea ist da nichts zu wollen. Oder umgekehrt auch, sehr schockierend. Ganz schlimm. Da haben sie doch letztens so eine Frau interviewt, ich weiß nicht mehr genau, wann das war. Jaja, im Fernsehen. Eine Afghanin. Also so eine Frau, die in Afghanistan wohnt.

Nein, keine Ahnung, was die Frau gesagt hat, ich hatte den Ton aus und habe mit der H. telefoniert, der geht's doch so schlecht, aber da sehe ich doch nebenbei - total hart, Süße, so erschütternd: Da steht da unten im Bild der Name von der Frau, irgendwas Islamisches. Und daneben 37. 37 war die erst. Zwei Jahre älter als Kate Moss und sieht aus wie fünfzig. Runzeln hatte die Frau. Falten und Flecken. Und ganz, ganz schlimme Zähne.

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Na, aber klar ist das auch das Leben. Arbeit, Sonne, vielleicht raucht die Frau ja auch. Sieht man ja nicht. Im Fernsehen hatte sie jedenfalls keine Zigarette im Mund. Aber ich sag' dir, die Hautpflege ist das auch. Das bekommst du mir jetzt nicht ausgeredet. Hautpflege ist das A und O. Und La Prairie zieht da eben ganz anders als Nivea. Wobei - die Frau sah aus, als hätte sie nicht mal Nivea gehabt. Das ist doch Kriegsgebiet. Afghanistan. Liest man doch immer. Ich denk', Modeste, da gibt es wirklich gar nichts. Nicht einmal - also nicht einmal das Billigste vom Billigsten. Und Hautcreme: Da denkt das Rote Kreuz doch nicht mal dran. Essen, klar. Oder Medikamente. Aber Kosmetik - ich bin mir sicher, die Frau hatte nichts für die Haut. Gar nichts. Nicht mal 'ne simple Tagescreme. Kein Wunder, das die so aussah.

Aber das ist so typisch, Modeste: Männer fangen Kriege an. Und Frauen bekommen Falten."

(Schwesterchen legt auf.)

Dienstag, 10. Februar 2009

Kutya éji dala (Nachtlied des Hundes)

Berlinale 2009

„Mir ist langweilig.“, flüstert die B. und schaut verstohlen auf die Uhr. Ich langweile mich auch. Auf der Leinwand wechseln sich verschiedene, ziemlich zusammenhanglose Szenen ab, in denen ein Paar sich streitet, ein Priester hält eine Predigt und ein kleiner Junge läuft mit einem Deutschen auf Heimattrip an einer Hochzeitsgesellschaft vorbei. Das Ganze in den merkwürdigen Rottönen, die manche Filme der Siebziger und der frühenAchtziger angenommen haben. Insbesondere die Gesichter der Leute sind fast durchweg violett. Die englischen Untertitel überzeugen mich auch nicht.

„Willst du den zu Ende sehen?“, fragt die B. weitere zehn Minuten später. „Muss ich nicht haben.“, beschließe ich und taste zwischen meinen Füßen nach meinen Sachen. Vor mir schaut sich eine Frau um, als unterbreche man gerade eine heilige Handlung durch einen schmutzigen Witz.

Als eine Gruppe vier oder fünf Reihen vor uns aufsteht, gehen wir auch. Es ist leer geworden im Foyer des Cinemaxx, und sehr langsam und fast wortlos laufen wir den Potsdamer Platz hinunter zur U-Bahn, denn viel haben wir beide nicht zu erzählen, was wiederzugeben lohnt.

Kutya éji dala
Ungarn 1983
Nochmals Dienstag, 18.30 im Zeughauskino

Montag, 9. Februar 2009

Seishin (Mental)

Berlinale 2009

Ein einziges Mal in 135 Minuten schaue ich auf die Uhr. Ein Patient der Chorale-Klinik in Okayama sitzt mit anderen Patienten zusammen, man liest seine Gedichte, immer noch eins, eins schlechter als das andere, soweit man das nach der Übersetzung beurteilen kann. Hier hätte man kürzen können, vielleicht auf 90 Minuten, vielleicht auf 100, aber möglicherweise wäre dies der sehr, sehr verlangsamten Welt nicht gerecht geworden, die der Filmemacher Kazuhiro Soda hier dokumentiert: Eine offene Klinik für psychisch Kranke in einer japanischen Stadt.

Kommentare, Erklärungen oder auch nur Soda selber sucht man dabei auf der Leinwand vergeblich. Nach dem Film spricht er kurz über Motivation und Hintergründe und wirkt dabei sehr jung und auf eine freundliche Weise radikal. Im Fim aber lässt Soda einfach nur die Kranken sprechen, Schizophrene, Depressive zum Teil, daneben das Personal der Klinik, den Arzt, und aus vielen, vielen Einzelszenen, langen Monologen über teilweise beklemmende und tragische Lebensgeschichten setzt sich ein Panorama zusammen, das der japanischen Gesellschaft ein zwiespältiges Zeugnis ausstellt: Die Humanität des Projekts, speziell des alten, verständnisvollen gütigen Arztes, auf der einen und die pathogenen Züge einer hochgezüchteten, viel zu schnellen Leistungsgesellschaft auf der anderen Seite, die der unseren wohl nicht so arg unähnlich ist, denke ich bei mir, als wir spät, sehr spät vom Alexanderplatz nach Hause laufen, denn auch vor uns versteckt das Gesundheitssystem Krankheit, psychische mehr noch als körperliche, und schließt die Kranken fern der Städte weg.

Seishin
Japan, 2008
Noch eine weitere Vorstellung, Montag, 16.00 Uhr.

Nachtrag: Hier noch ein Link zum Blog von Kazuhiro Soda.

Food Inc.

Berlinale 2009

Es muss Leute geben, die kaufen Kartoffeln in Scheiben. Im Glas. Es gibt Menschen, die tauchen mit tiefgefrorenen Tortellini in Sahnesauce, Kohlrouladen in Dosen, abgepackten, fertig gefüllten Pfannkuchen und tiefgekühlten Salamibaguettes an der Supermarktkasse auf, bezahlen für das Zeug mehr als ich oder jeder andere normale Mensch für ökologisch erzeugte Kartoffeln, Tomaten, Käse, Eier und Salat, und ich möchte wetten, dass diese Leute dieselben sind, die, nach ihren Ernährungsgewohnheiten gefragt, in Umfragen stets behaupten, gesundes Essen sei ihnen zu teuer.

Dass aber der Inhalt eines solchen Einkaufswagens nicht nur viel zu fett, viel zu reich an Nahrungszusatzstoffen, viel zu süß und viel zu viel ist für einen normal bewegungsarmen Mitteleuropäer ist. Dass vielmehr auch die Ausgangsprodukte dieser (zudem nicht besonders anziehenden) Speisen auf eine Art und Weise produziert werden, die qualvoll für die Tiere, demütigend für die Arbeiter in Fabriken und Schlachthöfen und ruinös für die Umwelt und die Bauern ist, ist den meisten Menschen zwar halbwegs bekannt. Gleichwohl verliert der genaue Blick auf die industrielle Nahrungsmittelindustrie nichts an Ekel und Schrecken: Die Hühner, die fußballrund und viel zu schnell gewachsen wegen ihrer besonders fleischigen Brustfilets nach vorn kippen, wenn sie versuchen, aufzustehen. Die Schweine, die zu je 2.000 pro Stunde in einem riesigen Schlachthof getötet werden. Die Arbeiter, die sich illegal in den USA aufhalten und aus Angst vor Abschiebung keine Arbeitnehmerrechte geltend machen. Die Kinder, die an den Folgen einer rein ertragsorientierten Wirtschaftsweise krank werden und sterben, weil Bakterien ins Burgerfleisch geraten. Kühe, die genetisch veränderten Mais fressen statt Gras (laut einem Artikel in der ZEIT von dieser Woche vertragen diese Kühe gar kein Gras mehr). Die hochverschuldeten Bauern, die von Saatgutherstellern abhängig sind wie Leibeigene vom Lehnsherrn und bei aller Plackerei im Jahr gerade einmal $ 20.000 verdienen. Am Ende der Kette dicke Kinder und kranke Erwachsene.

Gute und starke Bilder findet der Filmmacher Robert Kenner für den Skandal, den das Essen aus dem Supermarkt vielfach darstellt. Die Erklärungen und Hintergrundinformationen der Sachbuchautoren Michael Pollan und Eric Schlosser flankieren die Berichte der Bauern, des Gewerkschafters und der Lebensmittelaktivistin, und die Geschichten, die der Film dabei am Rande miterzählt über die verratenen Träume der illegalen Einwanderer und das Ende des ländlichen Amerika wären – man ahnt es – allein wert, einen Abend oder viele zuzuhören, um zu verstehen, wie diese Welt so geworden ist, wie wir sie kennen.

Dass aber die Welt der Nahrungsmittelproduktion anders aussehen könnte, sehen wir auch, illustriert anhand von Biobauern und Handelsketten auf der Suche nach anderem Essen. Dass dies teuer wäre, für viele nicht zu bezahlen, ist allerdings eine weitere Behauptung, die der Film erhebt, indem er eine Familie beim Kauf von Fast Food für $ 10,-- zeigt, die steif und fest behauptet, für besseres Essen reiche das Geld nicht, und hier folge ich dem ansonsten großartigen Film nicht. Denn ich kann wie jeder andere, der kochen kann, für $ 10,-- vier Leute problemlos satt bekommen, ohne auf einziges verarbeitetes Lebensmittel zurückzugreifen, Kochbücher könnte man füllen mit Rezepten, die dies ermöglichen, und so schwächt der Film die vielleicht entscheidende Wahrheit trotz dringenden Qualitätskaufappells im Nachspann leider ab: Wir selbst - niemand sonst - haben es in der Hand, wie mit Boden, Wasser, Tieren und Luft umgegangen wird. Wir müssen nicht essen, was in der Tiefkühltruhe liegt, und dann werden die Produzenten aufhören, derlei Dinge herzustellen. Wir können selber kochen, wir können besser einkaufen. Zudem: Wir brauchen meistens kein Auto und niemals einen Flachbildfernseher, aber schlechtes Essen bringt uns auf die Dauer um. Es ist unsere Schuld, wenn Nahrung so hergestellt wird, wie der Film es zeigt, und niemand wird Menschen von der Gier freisprechen, Schnitzel für € 2,99 zu verlangen, die nur unter den gezeigten Bedingungen produziert werden können.

Und nicht zuletzt (das thematisiert Food Inc. leider nicht): Wir sollten nur Aktien von Firmen kaufen, von denen wir wissen, dass ihr Gewinn uns oder anderen nicht schadet. Denn alle Unternehmen, die hier als gierige, rücksichtslose Profitmaschinen auftauchen, gehören am Ende Aktionären. Man sollte ein bisschen drauf schauen, was die Unternehmen, denen man sein Geld gibt, aus dem Auftrag machen, noch mehr Geld zu verdienen.

Food Inc.
USA 2008
Noch einmal am Montag, um 18.00 Uhr

Donnerstag, 5. Februar 2009

Äpfel

Ein Abend am Strand. Eine Nacht. Ein paar Wolkenfetzen hinterherzuschauen bis es dunkelt. Zu schweigen, der Meereskühle nachzuspüren und sehr fern, sehr weit draußen, den Booten zuzusehen, die leuchtend vor dem schwarzen Himmel den Horizont bereisen, dem Westen zu, den Säulen der Welt entgegen, und (sagt man) bei den Hesperiden Äpfel laden, so rot und duftend, prall und schwer, als sei alles wahr, was man erzählt von diesen Früchten.



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