Montag, 17. August 2009

Herzlich willkommen!

Sie, meine lieben Reisenden, mögen diese Stadt. Sie sitzen gern vor den Cafés am Hackeschen Markt. Sie mögen die Restaurants am Kollwitzplatz, von denen ich mich immer frage, wer da eigentlich hingeht, und Sie besuchen Orte und Attraktionen, von denen ich vermutlich gar nichts weiß oder noch nie da war. Im Reichstag beispielsweise war ich nur beruflich und auf dem Fernsehturm am Alex noch nie.

Einige Vorlieben, meine lieben Reisenden, haben Sie und ich gemein. Auch Sie mögen beispielsweise den Wochenmarkt am Kollwitzplatz und photographieren aus ungeklärten Gründen dort Stände, an denen es Brot zu kaufen gibt, Würste oder Fisch, und sicher sind Ihre Freunde zu Hause sehr, sehr begeistert, wenn Sie Bilder mitbringen, auf denen lauter Artischocken abgebildet sind. Ich würde Sie gern einmal fragen, ob es dort, wo Sie herkommen, eigentlich keine Wochenmärkte gibt, aber ich habe es am Samstagmorgen meistens eilig und für längere Gespräche daher eigentlich keine Zeit. Übrigens machen Sie mich wahnsinnig, wenn Sie so ganz, ganz langsam über den Markt schlendern und nie etwas kaufen außer vielleicht ein Stück Seife oder so, weil Sie mit einem Steinbutt oder einem Huhn ja ohnehin nichts anfangen könnten in Ihrem Hotel.

Dass Sie ein wenig Geld in diese Stadt bringen, finde ich natürlich toll. Umfangreiche Erfahrungen in unterschiedlichen Regionen haben mir nämlich die Erkenntnis vermittelt, dass Städte, in denen viel gearbeitet wird, schlecht sind fürs Gemüt. Denken Sie nur etwa an Stuttgart, Brüssel oder Frankfurt am Main. Da hebt sich Berlin natürlich sehr vorteilhaft ab. Städte, in denen kein Geld zirkuliert (Görlitz zum Beispiel oder Bremerhaven), sind aber auch kein guter Ort zum Leben, weil es da an den Dingen einfach fehlt, die man halt so braucht für ein glückliches Leben. Eine ordentliche Pâtisserie etwa. Gute Bars. Läden, in denen schöne, gut angezogene Menschen mit Geld um sich werfen. Da lobt man sich doch Berlin, wo ziemlich viele Mittel unter die Leute gebracht wird, die nicht hier, sondern sonstwo verdient wurden. Bitte geben Sie daher angemessen viel Geld aus, und zwar ausschließlich für irgendwelchen unnützen Krempel. Sie werden es nicht bereuen.

In einigen Punkten kann ich Ihr Tun und Treiben allerdings nur verurteilen. So werfen Sie Straßenmusikanten immer wieder etwas in den Hut. Beispielsweise die Zwei-Personencombo, die gestern wieder vor dem Mao Thai stand, bis die Kokosmilch flockte, gäbe endlich Ruhe, behielten Sie Ihr Geld für sich, und auch die Frauen, die Hein spielt so schön auf dem Schifferklavier auf der Zieharmonika intonieren, gehören abgeschafft und nicht entlohnt. Geben Sie besser möglichst geräuschlosen Bettlern milde Gaben, die einfach so dasitzen. Das wird eine erzieherische Wirkung auf Straßenmusikanten ausüben. Bitte geben Sie auch den Obdachlosenzeitungsverkäufern nichts, die sind auch immer so laut.

Überhaupt Ruhe: Ich will an dieser Stelle gar nicht Ihre Kinder thematisieren, die ich super finde, weil sie ausschließlich nach Berlin kommen, um zu feiern und ganz viel zu trinken. Ich finde das völlig nachvollziehbar, denn schließlich ist die Ausrichtung von Festen fast das Einzige, was hier wirklich gut funktioniert, und wenn ich dahin gehe, wo auch Ihre Kinder tanzen, weiß ich, dass es laut wird, und begebe mich meistens sogar extra dahin. Gar nicht gut finde ich es aber, wenn Sie selbst lärmen, etwa als übergewichtiger Teil eines Junggesellenabschieds, als sogenannte Kollegensause oder weil Sie und ihre Freunde glauben, die Berlinerinnen, eingeboren oder zugezogen, hätten auf Sie nur gewartet. Wer auch immer Ihnen eingeredet hat, die Frauen Berlins gingen auf Einladungen trinkfreudiger Männergruppen zum Bier gern ein: Er hat Sie belogen.

Ach, liebe Reisende. Viel gäbe es noch zu sagen. So sollten Sie (aber wo gilt das nicht) sich im Interesse eines angenehmen Straßenbildes einfach so kleiden wie immer und nicht wie jemand, der einen Berg besteigt oder eine Morast durchwatet. Seien Sie versichert: Das Dickicht der Städte ist nur so eine blöde Redensart. Wenn Sie S-Bahn fahren, sollten Sie daran denken, nicht unmittelbar hinter der Rolltreppe anzuhalten, um zu überlegen, wo Sie hinwollen, und wenn Sie etwas Typisches essen möchten, nehmen Sie bitte Abstand von Eisbein und Currywurst; das riecht so komisch und sieht auch nicht gut aus. Wenn Sie Leute ansprechen, die nicht berlinern, sagen Sie Ihnen nicht, dass Sie das enttäuscht, und wenn Sie jetzt noch aufhören könnten, auf irgendwelchen beliebigen Plätzen der Stadt aus großen Wasserflaschen Wasser zu trinken, als durchquerten Sie die Wüste Gobi und nicht den Helmholtzplatz, verzeihe ich Ihnen sogar die erhebliche Verkehrsbehinderung, die Sie verursachen, wenn Sie so bedächtig auf einer dieser Fahrradstadttouren durch die Gegend fahren, als säßen Sie das erste Mal seit zwanzig Jahren auf einem solchen Gefährt.

Ansonsten: Herzlich willkommen. Haben Sie Spaß.

Strandbad

Dass es all das noch gibt, denke ich und trinke noch etwas Wasser. Die Tafel hinter dem Kassenhäuschen, auf der die Luft- und Wassertemperatur steht. Das Riesenschach mit den alten Männern und den Buben davor. Die Kette aus kleinen Plastikbojen, die markiert, bis wohin Nichtschwimmer dürfen, und die Strandkörbe, die vielen, bunten Badetücher mit Familien drauf, die Kühltaschen, Schwimmtiere, Bälle und kleine Klappstühle mitgebracht haben. Ab und zu kommen kleine Kinder aus dem Wasser zu einem der Handtücher gelaufen, holen sich irgendetwas, putzen ihre Nasen und stecken sich etwas in den Mund, und dann sind sie wieder weg.

An einem kleinen Häuschen gibt es Pommes Frites, billige Bratwürste, Eis und Süßes. Auf ein paar Plastikstühlen sitzen rotbraune alte Männer und trinken Bier, und im dunkelgrünen Schatten der Bäume sitzen auch wir auf einem Handtuch, lesen Zeitungen, überlegen, wo und wann wir was essen und bestätigen uns, dass es eigentlich nicht so besonders schön ist hier, ein wenig schäbig und unelegant, höchstens mittelmäßig gepflegt, und doch genau richtig für uns an einem Sonntag im August, der so heiß ist wie die Sommer unserer Kindheit vor dreißig Jahren: Irgendwo in einem versunkenen Land.

Freitag, 14. August 2009

Entfernt von jenem Ort

Hey, sage ich. Ich habe doch schon vor Jahren meine Seele irgendwem verkauft, der gerade vorbeigekommen ist, und wenn ich morgens vor dem Spiegel stehe, sehe ich meinen Resten beim Zähneputzen zu. Ich habe irgendwann nachts um vier auf dem Heimweg beschlossen, dass das alles so zu reichen hat für jemanden wie mich, und jetzt beobachte ich, wie die Petrischale sich füllt mir irgendwelchem grünem Schleim, und wenn der Deckel sich hebt, fange ich an zu husten und dann bin ich tot.

Das macht nichts, könnte man sagen, denn nichts, was mich interessiert, wird die nächsten zwanzig Jahre passieren. Wer sich ausgerechnet in mich verliebt, ist selber schuld. Was ich noch imstande bin, kann man auf Papier lesen, das irgendwo abgeheftet wird, und das keiner liest. Schon in Ordnung, sage ich dazu. Und: Passt schon.
Vielleicht auch: Wozu.

Donnerstag, 13. August 2009

Elektrolyse

Dienstag abend schlagartig eingeschlafen. Hinter der Pforte des Schlafs zurück ins Bad. Diesmal vor dem Spiegel Bilder auf meiner Haut bemerkt: Kleine Grotesken, farbig und ornamental wie im Inneren florentinischer Paläste. Für einen Moment recht zufrieden gewesen mit meinem Aussehen, aber dann doch erst skeptisch, verzweifelt sogar ob des Termins am nächsten Morgen um zehn. Ich würde mich sorgfältig bedecken müssen, wurde mir klar. Man sollte etwas gegen die Bilder tun.

Unmittelbar danach auch schon die Klinik erreicht. Ein wenig industriell, riesige Blöcke aus Beton. Gleichwohl alles sehr sauber, mintgrün und weiß, und auch die Schwestern und Ärzte rosig und frisch und allesamt haarlos. Vermutlich ist das steriler. Der Empfang war freundlich und professionell.

Eine kurze Verwirrung umgibt den Prozess der Desinfektion. Es muss etwas schiefgelaufen sein, denn irgendwie zog es mich in der Schleuse kurz nach oben, dann ließ der Sog nach und ich fiel hart auf ein Bett. Aus irgendwelchen Gründen zog das medizinische Personal mit farblosen Stiften alle Bilder sehr sorgfältig nach.

Schließlich wurde ich zur Elektrolyse geführt. Die Ärzte sangen mehrstimmig wortlose Lieder, das Licht ging an, und mehrmals führte man mich um einen schneeweißen Trichter. In der Mitte klaffte ein Loch. Mehrere Personen schnallten mich fest. Von der Decke fielen Seile. Befestigt und mit kleinen, rosa Stöpseln in den Ohren zog man mich hoch. Lampen flackerten, es klingelte und brummte, und als ich mit den Füßen in die Öffnung geriet, kribbelte meine Haut, wurde heiß, riss (glaube ich), und im Hintergrund lachten die Ärzte und Schwestern ausgelassen und laut und etwas albern.

Schlagartig aufgewacht. Zurück ins Bad. Die Bilder immerhin wunschgemäß allesamt verschwunden.

Dienstag, 11. August 2009

Rauche, Mädchen, rauche

Am Samstagabend habe ich gar nicht so arg viel geraucht. Drei oder vier Zigaretten vielleicht auf dem Sommerfest, das der J. und ich um elf verlassen haben. Zwei oder so vor dem Visite ma tente. Die letzte - das weiß ich ganz genau - habe ich halb geraucht ausgedrückt. Gut hat sie nicht geschmeckt, obwohl der Abend so schön war: Warm und leuchtend auf den Stühlen vor der Bar. Dazu ein Martini auf Eis.

Am Sonntag mochte ich nicht rauchen. Manchmal ist das so, eher selten, und dann ekeln mich alle meine Aschenbecher ein bißchen, sogar der weiße, rechteckige aus Porzellan und mein Lieblingsaschenbecher aus javanischem Messing. Den ganzen Tag hatte ich nicht einmal Lust aufs Rauchen, und als ich draußen war, mit dem M., der M. und dem J. im Mauerpark zum Karaoke, hatte ich nicht einmal Zigaretten mit. Montag habe ich auch nicht geraucht. Heute eine, weil ein Kollege nicht allein rauchen wollte. Geschmeckt hat sie nicht.

Das ist ja großartig, Frau Modeste, höre ich es nun schon aus dem Netz rauschen. Mit dem Rauchen aufzuhören, ist ja sehr populär. Indes: Nichts auf Erden gibt es einfach so und ohne bittere Dreingabe. Denn hier, meine Damen und Herren, sitze ich, löffele Kartoffelsuppe, sortiere mich nach meiner wie üblich etwas zu späten Heimkehr aus dem Büro vor vierzig Minuten und nichts fällt mir ein. Nichts. Heute bleibt dieses Blog leer. Dabei war gestern und heute nicht weniger los als sonst. Dabei habe ich letzte Nacht sogar etwas besonders Bizarres geträumt. Aber ohne den weißen Rauch, ohne das Knistern von Tabak, ach: ohne die langsamen, trägen Züge fällt mir nichts ein, was zu erzählen sich lohnt. Vielleicht schmeckt es morgen wieder.

Sonntag, 9. August 2009

Die Anderen

Ab und zu spreche ich mit Leuten, die sich beruflich mit Politik beschäftigen, und die Gespräche verlaufen dann oft ein wenig ungut: Ich sage, was ich über irgendetwas denke, und mein Gegenüber verweist auf die Anderen. Die Anderen, die das, was ich will, nicht wollen. Die Anderen finden etwa, wie ich bisweilen höre, Arbeitsplätze seien wichtiger als Ökologie. Sie finden Protektionismus gut. Sie sind stolz auf deutsche Autos. Sie haben mehr Angst vor Kriminalität als vor einem Polizeistaat. Alle diese Annahmen teile ich nicht, aber wie man mir sagt, komme es auf meine Überzeugung nicht an. Die Anderen seien nämlich zahlenmäßig viel, viel stärker als Leute, die ähnlich denken wie ich, und deswegen seien Leute wie ich als Wähler im Grunde zu vernachlässigen.

Dies allein wäre nun an sich unproblematisch. Es gehört zum Wesen einer Demokratie, dass Minderheiten sich selten durchsetzen. Zum Problem wird der Glaube an die Anderen aber durch die Annahme, die Anderen seien ein bißchen blöd. Diesen Hinweis höre ich öfters, etwa, wenn ich das Niveau der politischen Auseinandersetzungen als einen der Gründe benenne, weshalb ich mich mit Politik ungern beschäftige. Mir ist - neben der Abwesenheit wirklicher Diskussionen - zudem die Inszenierung von Politik unangenehm, das Anbiedern, die Schauspielerei, der Politiker (im besten Fall ein Visionär, im schlechteren der unbegabte Leiter einer Behörde) sei eigentlich ein Jedermann und unterscheide sich nicht von seinen Wählern. Ich leide bei derlei Bildern stets ein wenig an der mit Händen zu greifenden Herablassung, die aus solchen Szenen spricht. Die Anderen, sagt man mir, wollen das aber so. Die Anderen wollen Politiker zum Anfassen (wie man so sagt), die auch in der Schrebergartenkolonie eine gute Figur machen. Die Anderen merken dabei angeblich nicht, dass man sie sehr sichtbar nicht als Gesprächspartner auf Augenhöhe betrachtet.

Für die Politik bedeutet dieser Glaube an die Beschaffenheit der Anderen eine große Versuchung, der sie keineswegs standhält. Gilt der größere Teil der Bevölkerung als dumm, so muss und kann das politische Handeln ihnen gegenüber nicht mehr verteidigt, diskutiert und gerechtfertigt werden. Wer glaubt, seine Wähler seien zu dumm, um überzeugt zu werden, wird um so mehr Kinder tätscheln, markige Rede halten oder derlei Dinge mehr. Nimmt man an, der Rest der Bevölkerung sei möglicherweise normal intelligent, aber zu klein, um Wahlen zu entscheiden, so wäre es unökonomisch, die Diskussion mit diesen Leuten zu führen.

Politik wird durch das Axiom der Dummheit der Anderen damit ein unernstes Geschäft, ein bißchen wie Waschmittelwerbung oder das Self-Marketing von Fernsehschauspielern. Diese dem Ernst der zu klärenden Fragen letztlich unangemessene Leichtigkeit ist dem politischen Betrieb nun aber nicht peinlich. Aus irgendwelchen, von außen schlecht durchschaubaren Gründen, ist man vielmehr stolz auf die Annahme, Wahlen würden durch Manipulation dummer, eher ressentimentgetriebener, jedenfalls ein wenig subalterner Menschen gewonnen. Es mag sein, dass hierbei ein gewisses Überlegenheitsgefühl mitspielt, und wie immer, wenn eine These für denjenigen, der sie vertritt, sehr angenehm ist, wird am Glauben an die Dummheit der Anderen auch dann festgehalten, wenn er sich in der Praxis nicht bewährt, und die Anderen nicht dankbar, sondern ablehnend reagieren, wenn die Politik ihre vermeintlichen Affekte bedient: Statt das Axiom von der Dummheit der Anderen fallenzulassen, nimmt der politische Betrieb an, man sei ihr entweder noch nicht weit genug entgegengekommen, oder die Anderen hätten - dämlich wie sie sind - die Erfüllung ihrer Wünsche durch die Politik nicht verstanden. Das ist dann der Zustand, in dem das Schlagwort vom Vermittlungsproblem fällt.

Dass es aber möglicherweise die Anderen in dieser Form nicht gibt, dass die Mehrheit der Leute, die wählen gehen, großmütiger, mutiger, weltoffener und kreativer sind, als ihnen die Gewählten und ihr Tross zutrauen, dass Leute oft dann klug reagieren, wenn man ihre Klugheit anspricht: Dass bezeichnet der Betrieb gern kopfschüttelnd (aber Modeste!) als ein wenig naiv.

Ich glaube aber trotzdem, dass es stimmt.



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