Donnerstag, 6. August 2009

Nett

Nett, denke ich und schaue mir im Weinbergspark die Männer an, wie sie träge auf ihren Decken liegen, Bier oder Bionade trinken und rauchen, telephonieren oder mit kleinen Kindern spielen. Fast alle sind so circa 30. Die meisten sehen okay aus, ganz gut im besten Fall, und im schlechtesten immer noch so, dass es keine Frechheit darstellt, wenn sie das Hemd ausziehen und blinzeln halbnackt in die Sonne. Gute Sonnenbrillen haben die meisten und fast keiner hat Haare auf der Brust, weil man das gerade nicht so trägt.

Reizende Leute, denke ich mir und zünde mir eine Zigarette an. Fast alle hören ordentliche Musik, haben anständige Ansichten über die meisten Dinge im Leben, sind hinreichend klug und wissen ihre vernünftigen Ziele von den unvernünftigen zu unterscheiden. Die meisten sind ein bißchen träge. Wenn sie Frauen treffen, erklären sie sich und ihre Empfindungen, manche machen Musik daraus, einige schreiben ironische Lieder, und wenn man sie einmal trifft, nachts um drei: Sie diskutieren über Gott und die Welt und die Gesellschaft und alle diese Dinge.

Wirklich nette Jungs, gähne ich ein bißchen, weil ich schlecht geschlafen habe letzte Nacht mit zwei tobenden Katzen in der Küche, und frage mich, ob die Männer auf den Decken im Park eigentlich so sein wollen, wie sie sind, oder ob sie heimlich, ganz allein zu Hause vielleicht, davon träumen, die Muskeln spielen und die Kiefer krachen zu lassen, statt zu schreiben oder zu singen Heldentaten zu vollbringen, Frauen ohne viele Worte unanständige Anträge zu machen, und einfach aufzuhören, sich die Haare auf der Brust zu entfernen, und warum sie, falls sie das wollen, das nicht ab und zu einfach tun.

Man weiß sehr wenig über Männer, fällt mir auf, mit meinem doppelten Espresso im Pappbecher im Weinbergspark, und lächele ein wenig ins Leere, denn die netten Jungs lächeln mich nicht an, und ich weiß nicht, ob sie nicht wollen, oder ob sie es nur nicht tun, und wieso eigentlich nicht, am Donnerstag abend zwischen sieben und acht oder auch zu ganz anderen Zeiten.

Dienstag, 4. August 2009

Früchte

Im Stockwerk über dem Atelier ist es still. Unten holt eine ganze Familie ein Bild ab, ein Mann lässt sich offenbar portraitieren und bespricht, wie er gemalt werden will, und die Frau des Malers verpackt mein Bild ordentlich zum Mitnehmen. Schön sieht es aus, eine schlanke Frau in kurzen Hosen, wie sie im Sommerlicht auf der Straße steht und konzentriert mit etwas hantiert, was ein Telephon sein könnte. Nach Hitze sieht das Bild aus, nach dem Sommer in der Stadt, den ich liebe. Nach Asphalt, Benzin und Staub und jenem Zauber, der den Berliner Sommer leuchten lässt, als sei alles möglich und jeder Rausch nur einen Lidschlag entfernt.

Ich könne mich noch etwas umschauen, werde ich aufgefordert, und wandere von Bild zu Bild. Es ist kühl hier, Hochparterre im Gartenhaus, und auch ohne die roten Vorhänge aus Samt sähe der Raum aus wie aus anderen Zeiten. Hier säße ich gern und würde lesen, denke ich mir und ziehe den Dunst von Ölfarben ein, den ich mag und mit etwas verbinde, was weiblich ist, etwas von Federn und Pflanzen, langen Perlenketten und - wer weiß, woher - weichem, grünem Gras.

Gras gibt es hier nicht, aber eine Eberesche steht im Hinterhof und leuchtet durch die alten Fenster. Eine gemalte Frau steht vor mir bis zur Hüfte im Licht, ein Café liegt im kühlen Schatten, aber ein Bild sehe ich, das des Lichts nicht bedarf. Es zeigt keine Menschen, keine Tiere, keinen Raum. Nur ein weißes Tuch, eine Karaffe, halb nur ausgeführt, und rund um das Glas Früchte. Pfirsiche liegen um das Glas herum, samtig manche, manche flach aus den Weinbergen, manche rund, wie sie am Mittelmeer wachsen, beschattet von Zypressen und unweit dem Meer.

Eine Sehnsucht ergreift mich nach diesen Früchten. Eine schwere, schwingende Gier nach der weichen, stumpfen Haut, dem Geruch kurz vor der Fäulnis, dem Übermaß an Süße, das den ganzen Mund füllt, und nach dem klebrigen Saft. Pfirsiche möchte ich essen, denke ich mir (doch das kommt nach Lage der Dinge nicht mehr im Betracht), und dieses Bild, dieses Bild muss ich haben. Nächsten Samstag vielleicht.

Montag, 3. August 2009

Hauptrolle

Sie habe sich das, sagt ihre Mutter, ausgedacht, erzählt sie und schüttelt den Kopf. Dabei sei alles wahr. Die Schulaufführung immerhin streitet ihre Mutter nicht ab. Es sei ein Stück gewesen, dass eine Lehrerin geschrieben habe. Es habe in der großen Stadt im Rheinland gespielt, in der sie aufgewachsen ist, und es habe so viele Rollen gegeben, wie Kinder in der Theater-AG gewesen seien, also zehn oder zwölf. Von diesen Kindern sei sie eins der jüngeren Mädchen gewesen und ein bißchen mollig. Es gebe wenig Photos aus diesen Jahren. In Berlin habe sie nur eins. Blond sei sie damals gewesen, pausbackig und nur so mittelhübsch. Sie sei ziemlich groß gewesen für ihr Alter, etwas unglücklich darüber und stets ein wenig eckig und unbeholfen, wie das so ist, wenn man 13 ist und sich nicht recht wohl fühlt in der noch neuen Haut eines Halberwachsenen.

An ihrer Mutter lag das nicht. Ihre Mutter habe sie stets hübsch angezogen und immer gern für sie eingekauft. Manchmal habe ihre Mutter sie geschminkt, frisiert, geföhnt und ihr immer eingeschärft, sich nicht gehen zu lassen. Ihre Mutter sei selbst keine schöne Frau, aber sehr gepflegt. Bisweilen habe sie ihre Mutter gefürchtet, damals, wegen ihrer Ausbrüche und ihren Migränen, in denen sie ihren Bruder, mehr noch aber sie selbst, attackiert habe, beschimpft und einmal sogar geschlagen. Auch das, sagt ihre Mutter heute, sei aber gar nicht wahr.

Als sie nach Hause kam und von dem Theaterstück erzählte, habe ihre Mutter sofort nach der Hauptrolle gefragt. Es gebe zwei Hauptrollen für Mädchen, erzählte sie ihrer Mutter. Sie müsse eine der Hauptrollen spielen, beschloss die Mutter und machte sich Gedanken über das Kostüm. Nebenrollen kämen für ihre Tochter nicht in Frage, beschloss die Mutter und dachte darüber nach, was sie der Leiterin sagen solle, damit sie ihr die Hauptrolle gab. Es hänge nur von ihr ab, schärfte ihr die Mutter ein.

Zur nächsten Theater-AG ging sie mit Bauchschmerzen. Dass sie eine der Hauptrollen erhalten würde, war unwahrscheinlich. Es gab in der AG sehr begabte Mädchen, die auch noch hübsch waren, und dass diese Mädchen eher als sie die Rolle erhalten würden, lag auf der Hand. Tatsächlich sollte sie eine Kioskverkäuferin spielen. Ihr Magen zog sich zusammen und sie musste weinen, als sie das hörte. Die Lehrerin tröstete sie, aber umstimmen ließ sie sich nicht.

Als ihre Mutter fragte, sagte sie die Wahrheit. Ihre Mutter wurde böse. Was genau ihre Mutter damals gesagt hat, habe sie nicht behalten, nur den Tonfall wisse sie noch. So ein böses Zischen. Sie solle noch einmal mit ihrer Lehrerin sprechen, befahl die Mutter und etwas bestimmter auftreten. Sie sei zu schüchtern und lasse sich dominieren. Gleich morgen früh müsse sie mit der Lehrerin sprechen. Als sie am nächsten Tag nach Hause kam, fragte ihre Mutter noch in der Tür nach. Sie aber habe an diesem Tag nicht mehr streiten gewollt und nicht, dass ihre Mutter wieder schimpfte. Sie habe Angst gehabt, den ganzen Tag Beklemmungen wegen der Hauptrolle, und deswegen habe sie einfach ja gesagt: Ja, sie habe die Rolle. Ihre Mutter habe darauf zufrieden gewirkt und von ihr abgelassen. In den nächsten Wochen habe ihre Mutter die Hauptrolle abgefragt. Sie habe die ganze Hauptrolle auswendig gewusst, und natürlich die Kioskverkäuferin, die sie tatsächlich spielen würde. Die lernte sie heimlich. Zum Schulfest dann sollte das Stück aufgeführt werden.

Zuerst habe sie gedacht, sie würde einfach krank. Warum sie das nicht umgesetzt habe, wisse sie selbst nicht mehr, denn tatsächlich habe sie sich krank gefühlt, fiebrig und zittrig, Magenschmerzen habe sie bekommen, und sich fast täglich übergeben vor Angst. Ihre Mutter aber habe ihr ein Kostüm genäht, und jedesmal, wenn sie es anprobiert habe, habe sie vor Angst geschwitzt. Ein- oder zweimal habe sie vorm Lehrerzimmer auf die Leiterin der AG gewartet, um sich auszusprechen, aber auch das habe sie nicht getan. Schließlich war es zu spät.

Als die Aula sich füllte, habe sie in den Kulissen gesessen. Niemand habe sich um sie gekümmert, alle seien mit sich beschäftigt gewesen, und so saß sie noch da, als der Vorhang sich öffnete. Ihre Mutter saß in der dritten oder vierten Reihe. Sie habe sie genau gesehen, die ganze Zeit.

Sie habe gar nicht schlecht gespielt, sagte ihr die Leiterin später. Auch sie habe ihren Applaus bekommen, wie man die Nebenrollen eben beklatscht bei einer Schulaufführung, und dass sie schweißnass gewesen sei, als der Vorhang sich schloss, hatte niemand verwundert. Ganz allein saß sie nach der Aufführung im Chorraum hinter der Bühne und zählte die Sekunden, bis es nicht mehr aufzuschieben sein würde, hinauszugehen. Schließlich verließ sie den Raum, verließ die Schule, und setzte sich in eine S-Bahn, die eben fuhr. Stundenlang sei sie so durch die Gegend gefahren. Abends saß sie an einer S-Bahnstation, ließ den letzten Zug ohne sie die Türen schließen, und lief zu Fuß nach Hause, bestimmt 15 Kilometer oder mehr. Sehr spät in der Nacht sei sie angekommen. Ihr Bruder öffnete die Tür.

Ihr Bruder wusste nichts von der ganzen Geschichte. Ihre Mutter hatte also nichts erzählt. Aufatmend legte sie sich zu Bett und schlief. Am nächsten Morgen kam sie bebend vor Angst zum Frühstück. Ihre Mutter aber verlor kein Wort über die Aufführung, nichts über die Hauptrolle, und dass sie nur mit dem Bruder, nicht mit ihr, sprach, wertete sie eher als Vorteil. Bestimmt eine Woche oder so habe ihre Mutter damals nicht mit ihr gesprochen. Dann, eines Morgens einfach so, habe die Mutter wieder ganz normal kommuniziert, zumindest für ihre Verhältnisse, und über den Vorfall sei nie wieder ein Wort verloren worden. Zur nächsten Schulaufführung kam ihre Mutter allerdings nicht (sie spielte eine Busfahrerin), und als sie tatsächlich einmal die Hauptrolle spielte, zehn Jahre später an einer Unibühne, behielt sie den Termin für sich. Mit ihrer Mutter habe sie damals ohnehin wenig Kontakt gehalten.

Sonntag, 2. August 2009

Ehe die Träume rosten und brechen

Die Welt dieses wohl berühmtesten Romans der Colette ist 1914 untergegangen. Es gibt die Belle Epoque nicht mehr mit ihrem geschliffenen Kristall, ihren gefältelten Vorhängen, den Fauteuils aus gelber, grüner, granatroter Seide, ihren üppigen Kissen und Chinoiserien und den verschlungenen, haarfeinen Rissen in ihrer Robustheit, die wir bisweilen besichtigen, ohne sie doch ganz zu verstehen.

Zu den Eigenheiten, die wir nur erinnern, nicht mehr nachfühlen, gehört die Heuchelei in der Liebe. Gewiss, wir heucheln, wenn es um Geld geht oder um Macht. In der Liebe indes heucheln wir selten, weil niemand es uns verbietet, unsere Tage und Nächte zu verbringen, mit wem wir wollen. Entsprechend gibt es für junge Männer genügend junge Frauen für einige Nächte, ein paar Wochen oder Monate, und so bedarf es keiner Kameliendamen, keiner Kurtisanen, wenn ein Mann nicht allein schlafen mag, bis er ein junges Mädchen frisch aus dem Kloster heiratet. Die Geschichte der Kurtisane Lea, die mit 49 Jahren von ihrem letzten Liebhaber, Chéri verlassen wird, ist daher heute kaum mehr denkbar: Ein schöner, berückender junger Mann, ein gedankenloser und vor Jugend grausamer Adonis mit frauenhaft langen Wimpern und dem fast unwirklichen Glanz der Makellosigkeit mancher sehr, sehr junger Männer würde heute selten oder nie seine erste Liebe mit einer alternden Frau erleben, die es sich am Ende eines langen Lebens von und mit der Liebe wechselnder Männer erlauben kann, zu lieben, wen sie will, wenn sie nicht erwartet, dass diese Liebe ewig währt. Es wird wohl selten heute eine Liebe sterben, weil die geliebte Frau (und auch Chéri liebt Lea) eines Morgens - gerade als ihr junger Liebhaber zurückkehrt zu ihr - als alte Frau erwacht.

Unsere Ängste sind in diesem schmalen, kaum einen Sommertag füllenden Roman also nicht versammelt: Wenn ich 49 bin, werde ich nicht von einem Mann verlassen werden, der gerade 25 wird. Wenn ich 49 sein werde, kann ich, wie die Dinge liegen, kaum mehr erwarten, von jungen Männern überhaupt noch geliebt und begehrt zu werden, höchstens vielleicht ein wenig gefürchtet und mit Glück geschätzt. Und doch rührt mich die Empfindung, die Trauer um die Fähigkeit, Liebe und Begehren zu erregen, nicht nur wegen der eindringlichen Farbigkeit der Schilderung, der Sensitivität der Colette, die die Farben, die Textur und den Duft jedes Raums, jeder Landschaft mit feinem Pastell verzeichnet, die leisen, oft bösen Akkorde der Gespräche zwischen Personen nicht vergisst, deren keine ihr für das Portrait zu minder erschien, und auch nicht, weil es schwer ist, sich der charmanten und brutalen Attraktivität des Chéri zu entziehen, den man, stelle ich mir vor, im Museum auf den Bildern Caravaggios wiederfindet. Die Rührung beim Wiederlesen dieses Romans rührt vielleicht eher daher, dass der Kern meiner Angst vor dem Alter derselben geblieben sein mag: Diese Kinderangst, zu verschwinden, sich aufzulösen in Luft, unsichtbar zu werden, und sei es auch nur für die Augen der Liebe, der Begierde, der Lust, und zu fürchten, dass dann nichts bleibt als eine alte, faltige Frau, einsam am Fenster mit knotigen Händen und einem Strauß gelber Rosen auf dem Tisch, die sie sich selber kaufen muss, weil der Kredit unseres Lebens so wenig für ein bißchen Nachsicht und ein paar freundliche Illusionen ausreichen wird wie für die verlassene Lea de Lonval.

Colette
Chéri
1920

Donnerstag, 30. Juli 2009

Nach dem Abend

Den ganzen Tag für den Vorabend bezahlen und sich fühlen, als sei man getränkt mit abgestandenem Sekt, und ungefähr so verhält es sich auch wirklich. Viel zu wenig geschlafen zu haben und morgens kaum die Kontaktlinsen in die Augen zu bekommen und aussehen, als sei man eigentlich tot und laufe nur zufällig noch ein bißchen herum.

Den ganzen Tag telefonieren, damit man nicht auf seinem Stuhl zusammensinkt und einfach einschläft, und sich abends wundern, dass der Autopilot doch so gut funktioniert, dass man Sachen erledigen kann, ohne eigentlich dabei zu sein, und doch - trotz der Müdigkeit, trotz des vielen Gähnens und des sicher tagelang anhaltenden Ekels vor jeder Art von Alkohol - wissen, dass es sich lohnt, die Sommernächte lange aufzubleiben und an den wackeligen Tischen auf den Bürgersteigen der Stadt zu lachen, zu trinken, den schaukelnden Laternen zuzusehen und sich vollzusaugen mit der Wärme der Straßen und dem ganz besonderen Geruch des Sommers in der Stadt: Irgendetwas von Bäumen und Benzin und einem Hauch der schmerzlichen Sehnsucht nach einem Ort, an dem ich wohl bisweilen war, vor Jahren: Jenseits des Stroms.



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