Dienstag, 29. September 2009

Schmerzlos am Ende des Sommers

Sich eigentlich ganz gut fühlen. Die Vögel zählen, die auf dem Kollwitzplatz Brotkrumen picken, und den trüb-gelben Wein ganz langsam trinken. Es riecht schon nach Herbst. Irgendwann hat mich das alles mal an irgendetwas erinnert, aber der Himmel ist stumpf, blau und leer.

Den Kopf schütteln, wenn man gefragt wird, ob etwas nicht stimmt. Mir tut nichts weh, hake ich einen Körperteil nach dem anderen ab. Mein Bauch ist okay. Mein Rücken gerade. Mit meinem Kopf ist alles in Ordnung.

"Ich weiß nicht.", zu sagen. Es verläuft heute wie gestern alles nach Plan. Alles bleicht aus, sage ich, aber das ist nur der Sommer, und was bleibt von dem sinkenden Jahr weiß wohl keiner, und erst recht nicht: Von mir.

Donnerstag, 24. September 2009

Chef

"Dieses Jahr ist das Jahr der verliebten Vorgesetzten.", erzählt mir meine liebe Freundin B. und führt gleich mehrere Belege dieser These an. Am Nachbartisch schaut ein älterer Herr interessiert von seinem Hähnchencurry auf und überlegt - es ist ihm deutlich anzusehen - ob und welche Mitarbeiterin ihm am besten gefällt. Die B. beugt sich vor und spricht etwas leiser. Ihre Thesen klingen überzeugend: Nicht nur, dass der Herr, für den B. selbst seit Jahren tätig ist, seit vier Wochen auf einmal in amouröser Angelegenheit auf sie zukommt. Eine jüngst in fremde Lande versetzte Freundin teilte gleichfalls mit, dass ihr früherer langjähriger Vorgesetzte beim ersten Mittagessen nach Ende der Zusammenarbeit ihr seine Liebe gestand, und sogar die A. wird seit kurzem von ihrem Chef verehrt und überlegt derzeit ernsthaft zu kündigen. Künftig, so die A. arbeite sie nur noch für Frauen oder Männer ohne Mundgeruch.

Die B. selbst immerhin, erfahre ich, ist nicht grundsätzlich abgeneigt. Die B. verbringt ihre Tage und Nächte schon ziemlich lange allein, und ein mittelfrisch geschiedener Mann ist möglicherweise selbst dann eine amüsante Alternative zu abendlichen Gesprächen mit dem eigenen Kater, wenn er 52 und schon eher nicht so besonders temperamentvoll ist. Selbst der Umstand, dass ihr Chef ihr den Vorschlag für ein gemeinsames Abendessen per Outlook-Kalender (wenn auch als "privat" gekennzeichnet) übermittelt hat, und seinem Werben die kunstvoll verschlungene schriftliche Versicherung vorangestellt hat, dass Umstände gleichgültig welcher Art, die außerhalb der beruflichen Sphäre anzusiedeln sind, die Qualität der beruflichen Zusammenarbeit auf keinen Fall verkürzen, hat die B. nicht irritiert. Allerdings werde sie den Job wechseln, versichert sie mir, wenn es mit ihrem Chef etwas werde, und für einen Moment überlege ich, ob möglicherweise das Liebeswerben männlicher Vorgesetzter einer der Umstände sein könnte, die der weiblichen Karriere durch beruflich kontraproduktive Anstellungswechsel Steine in den Weg legen und so für die deutlich weniger entwickelten Werdegänge von Frauen verantwortlich sind. Vielleicht haben Gender-Forscherinnen dies bisher übersehen, weil an solchen Fachbereichen männliche Vorgesetzte nicht vorkommen, und ältere Anzugträger am Nachbartisch den Forscherinnen nie beim Aufbruch nach dem Mittagessen bei einem Thai in Mitte so demonstrativ zuzwinkern, dass sie sich bis zur U-Bahn fragen, wessen Vorgesetzter der ältere Herr denn nun gern wäre.

Dienstag, 22. September 2009

Um acht

Noch vor Anbruch des Tages grundlos gutgelaunt auf dem Balkon zu stehen, den Nachbarn zuzusehen, wie sie ihre Kinder wickeln und der Katze seine Träume zu erzählen. Der große, schwarze Hund. Der Schlamm und die Ebene und die Lichter irgendwo sehr weit weg.

Die Müllmänner ziehen die Container durch den Hinterhof und winken mir zu. In der Küche röchelt Kaffee, weil ich als letzter Mensch auf Erden morgens gern Filterkaffee trinke. Eine Scheibe Weißbrot mit Butter und Gelee im gelben, weich strömendem Licht. Die verblühenden Blumen auf dem Tisch. Im Bad der Duft nach Lavendel, von irgendwo halb verweht Verkehrsmeldungen und für eine letzte Minute auf dem Balkon dem September zusehen: An die Wand gelehnt, träge noch vor Wärme, eine Tüte mit Äpfeln und Feigen im Arm und lächelnd wie die bemoosten, zerfallenen Götter in fernen, schattigen Gärten.

Sonntag, 20. September 2009

In der Manege

Rigoletto, Komische Oper am 20.09.2009

Es glitzert. Auf der Bühne der Komischen Oper blitzt es aber nicht wie Juwelen oder Ordenssterne, sondern wie die Phantasieuniformen eines Zirkus: Barrie Kosky hat den Hof von Mantua in eine Zirkusmanege verlegt, in der der Herzog (gesanglich schwach: Hector Sandoval) Damen zersägt, wo Clowns herumlaufen, unter einem großen, schwarzen, glitzernden Tuch Personen erscheinen und verschwinden, und wo Rigoletto, der Narr, als Komödiant unter Komödianten seine Witze reißt und die vom Herzog verführten Damen ebenso herzlos verspottet, wie man ihn selbst verspotten wird, wenn im zweiten Akt seine Tochter Gilda trotz aller Vorsichtsmaßnahmen dem Herzog zum Opfer zum Opfer fällt.

Schön gesungen wird auf der Bühne unter den Linden. Besonders Bruno Caproni als Rigoletto und ganz besonders (ach!) Julia Novikova als Gilda singen großartig, aber trotz vereinzelt hübscher Bilder rührt die Inszenierung mich nicht an. Nun mag dies einerseits daran liegen, dass sowohl eine verlorene Jungfräulichkeit als auch ein mutwillig gebrochenes Herz uns heute gewiss als ein Ärgernis erscheinen mögen, als ein Grund für Trost und Tränen, aber nicht als eine Lebenskatastrophe, und erst recht nicht als eine Katastrophe, die mit unseren Eltern irgendetwas zu tun hätte: Betrügt uns der eine, nun, so wird es ein anderer vielleicht wieder gut machen.

Glauben wir aber nicht mehr an die Irreversibilität des Herzbruchs, so verliert Rigoletto viel von seiner emotional zwingenden Logik, und das tut einem Stück selten gut. Indes ist diese letztlich unüberbrückbare Distanz gegenüber der Gefühlswelt vergangener Zeiten nur ein Teil der Wahrheit, und ein anderer liegt in der Zirkuswelt, die Kosky entfaltet: Ist alles, was auf der Bühne geschieht, ohnehin nur Teil einer Show, so gibt es keinen Grund, den Ernst, den die Musik vielfach transportiert, auch ernst zu nehmen. Ein travestiertes Drama ist keins. Dass - abgesehen von Allgemeinplätzen, wie sie für jede Opernhandlung gelten - keinerlei innerer Zusammenhang zwischen Oper und Inszenierung erkennbar ist, hat die Zurückhaltung des Publikums beim Applaus für die Regie sicher ebenfalls befördert, das - ebenfalls im Einklang mit meinem persönlichen Empfinden - Bruno Caproni und Julia Novikova bejubelt und Hector Sandoval kräftig ausgebuht hat.

Die neuen Stühle und die Textanzeige auf der Rückseite des jeweiligen Vordersitzes immerhin sind ganz und gar zu begrüßen.

Freitag, 18. September 2009

Verkäufer

Eine Berliner Klage

1. Der Übereifrige mit Eigensinn

Vor mir steht die Speerspitze der Dienstleistungsgesellschaft und hält mir ein Paar Schuhe entgegen. "Nimm mal die da.", befiehlt er. Ich zögere. Die angebotenen Schuhe sind türkis, vorn rund und mit einem Budapester Lochmuster verziert. Ich habe nichts gegen Budapester, solange sie an Männerfüßen stecken, aber bevor ich in türkisfarbenen Budapestern mit einem klobigen Absatz auf die Straße gehe, bleibe ich barfuß zu Haus.

Ich schüttele den Kopf. Der Übereifrige ist beleidigt. "Ich stell dir die Schuhe mal hier hin.", deutet er auf seinen Kassentisch. Ich sehe mich um. Ein Paar schwarze Pumps sind zu flach. Ein anderes Paar hat weiße Nähte, die mir nicht gefallen. Ich verabschiede mich.

"Ich lege dir die Schuhe bis Dienstag zurück!", ruft mir der Übereifrige hinterher.

2. Die Unfähige

"Ich mach' hier nur Aushilfe!", schickt die Frau an der Metzgertheke vorweg. Sie ist hübsch, blond, würde sie erzählen, eigentlich dem Schauspiel oder der Kunst zu obliegen: Ich wäre nicht überrascht. "Das bekommen wir hin.", sage ich so freundlich wie möglich, denn die Verkäuferin scheint nervös zu sein. Ich will sie beruhigen.

Eine halbe Minute später wird sie noch nervöser. "500 Gramm vom Rinderschmorfleisch.", ordere ich, und ganz offensichtlich wird ihr in diesem Moment erstmals klar, dass ein Rind aus unterschiedlichen Stücken besteht. Hilflos betrachtet sie abwechselnd den Rost- und den Lungenbraten, die Nuss und das Ausgelöste aus der Keule. "Von dem da?", fragt sie mich irgendwann und deutet auf ein beliebiges Stück Fleisch. Immerhin hat sie das Rind erkannt, denke ich, und verneine. "Das hinter dem Gulasch.", deute ich auf das Stück, das ich haben will. Die Verkäuferin bekommt hektische Flecken.

Immerhin gelingt es ihr einigermaßen fehlerfrei, ungefähr ein Pfund abzuschneiden. "Bis du so nett ...", fragt sie mich, "mir den Preis anzusagen?" - "€ 12,80", antworte ich brav (denn niemand soll nur wegen Unfähigkeit Nachteile erleiden). Dann verlasse ich den Biomarkt. Das Mädchen wird es schwer haben in den nächsten Tagen und Wochen.

3. Die Preussische


Wer in Berlin lebt, und die S-Bahn nicht hasst, kommt ohne weitere Untersuchung wegen schweren Realitätsverlusts in die Psychiatrie. Wer wegen der S-Bahn mit der Regionalbahn aus Potsdam zurückgekommen ist, hasst nicht nur die S-Bahn, sondern die Stadt, ihre Einwohner generell und speziell jeden der tausend anderen Menschen, die auch mit der Regionalbahn gefahren sind. Wer dann noch einkaufen geht und feststellen muss, dass der fertig gezogene Strudelteig aus dem Kühlregal heute aus ist, hat ohnehin schon unsagbar schlechte Laune, und wer dann mit abgesehen vom Strudelteig gefülltem Korb an der Kasse auftaucht, will garantiert nicht hören, wie die dauergewellte Megäre, der das Kassieren obliegt, schon beim Glas mit Essigzwetschgen kritisch schaut, um dann ein simples Glas Tessiner Senffrüchte mit den Worten über den Scanner zu ziehen:

"Sie leben ja auch wie die Made im Speck."



Benutzer-Status

Du bist nicht angemeldet.

Neuzugänge

nicht schenken
Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
Umzug
So ganz zum Schluss noch einmal in der alten Wohnung auf den Dielen sitzen....
[Modeste - 6. Apr., 15:40 Uhr]
wieder einmal
ein fall von größter übereinstimmung zwischen sehen...
[erphschwester - 2. Apr., 14:33 Uhr]
Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
Ich wäre an sich nicht...
Ich wäre an sich nicht uninteressiert, nehme aber an,...
[Modeste - 30. Mär., 15:25 Uhr]

Komplimente und Geschenke

Last year's Modeste

Über Bücher

Suche

 

Status

Online seit 7896 Tagen

Letzte Aktualisierung:
15. Jul. 2021, 2:03 Uhr

kostenloser Counter

Bewegte Bilder
Essais
Familienalbum
Kleine Freuden
Liebe Freunde
Nora
Schnipsel
Tagebuchbloggen
Über Bücher
Über Essen
Über Liebe
Über Maschinen
Über Nichts
Über öffentliche Angelegenheiten
Über Träume
Über Übergewicht
... weitere
Profil
Abmelden
Weblog abonnieren