Donnerstag, 17. September 2009

Die Lautlosigkeitsmaschine

Als sich im Anna Blume die Mixer drehen und jedes Wort zerhäckseln, fällt mir die Maschine wieder ein.

Maximal mittelgroß müsste sie sein, damit man sie stets dabeihaben könnte. Vielleicht könnte man die Maschine sogar mit dem Telephon kombinieren, das eine Extrataste für Stille haben sollte, vielleicht eine kleine Raute am Rand. Ähnlich wie ein schalldämpfender Teppich sollte die Maschine Geräusche verschlucken. Still würde die Welt, drückte jemand die Maschine, und wer anderen etwas mitzuteilen hat, könnte das nur noch schriftlich tun. Um sehr wichtige und angemessene Konversation nicht zu unterbinden, könnte man (als Vorschlag zur Güte) vielleicht auch das menschliche Wort abweichend von allen anderen, komplett zu eliminierenden Geräuschen nur auf ein leises Flüstern und Zirpen dämpfen. Weil sich "Sie Hornochse" oder so gewispert gar nicht so gut macht, würden Gespräche auch viel weniger aggressiv.

Endlich hätten die meisten Menschen ausgeschlafen. Die Geschlechterbeziehungen würden unendlich profitieren, hörten die meisten Menschen endlich mit den Versuchen auf, sich einander verständlich zu machen. Im Berufsleben würde eine drastische Verkürzung der Arbeitszeiten aus dem Wegfall endloser Meetings resultieren. Statt dessen schrieben Kollegen sich kurze, präzise E-Mails. Auch die Tierhaltung würde weniger strapaziös. Eine gemischte Bebauung auch in urbanen Siedlungsräumen würde reibungsloser und frei von Störungen fast jedweder Art. Die Wirtschaft würde gleichfalls proftieren von dem Boom der Lautlosigkeitsmaschinen, die sich sicher auch als echter Exporthit erweisen würde, und wer die Vorteile der Lautlosigkeit dauerhaft genießen wollen würde, würde sich zum wirtschaftlichen Vorteil der Mediziner auf eigene Kosten die Trommelfelle entfernen lassen.

Falls man es sich anders überlegt, kann man jene ja für den späteren Gebrauch irgendwo aufbewahren lassen.

Dienstag, 15. September 2009

Daheim

Dann aber am Morgen viel zu früh aufwachen, Kaffee trinken und Wäsche waschen und noch vor zehn am Wasserturm sitzen. Das gelbe Licht des Herbstes. Eine Schulklasse mit kopierten, zerknitterten Plänen. Das langsam fließende Leben der Stadt, die Ruhe ohne Sturm, und sich so zu Hause fühlen, wie es nur der Heimkehrer tut.

Montag, 14. September 2009

Nächsten Sonntag: Eine Ratlosigkeit

Aber seien wir ehrlich: Ganz egal ist es natürlich nicht, wer nächsten Sonntag gewinnt, und die Entscheidung fällt mir schwer:

Da hätten wir zunächst einmal die CDU. Ein bißchen unangenehm, das ist wahr, ist mir bereits die kulturelle Heimat der deutschen Konservativen in einer so etwas muffigen Welt aus Schützenkönigen und Hausfrauen und Rentnern, die jede Woche ihren Rasen mähen. Was die Modernisierung der CDU angeht, traue ich dem Braten nicht so recht. Mag sein, man tut der CDU unrecht, aber ich werde das Misstrauen nicht los, dass die Ressentiments gegen die Unordnung der großen Städte, Lebensformen, die anders aussehen als Kleinfamilien mit Kombi, noch ganz dicht unter der aufpolierten Oberfläche lauern, und die CDU, kurz gesagt, für ein anderes Deutschland steht als das meine. Nun soll man Wahlentscheidungen nicht anhand ästhetischer Kriterien treffen. Doch allein schon wegen des Umstandes, dass die CDU die Laufzeitverlängerung von Kernkraftwerken befürwortet, geht meine Stimme nächsten Sonntag wohl eher nicht an Frau Merkel.

Die FDP wähle ich nicht. Gegen die FDP spricht - neben der Frage der Kernkraftwerke - ein Grundmisstrauen. Ich habe nichts gegen einen gewissen Unernst und den Wunsch, Karrierre zu machen. In meinen Augen ist es normal, dass jemand, der Politik betreibt, regieren will. Ich habe auch nichts gegen SUV-Fahrer. Ich hege keine Abneigung gegen Zahnärzte. Die intellektuelle Unredlichkeit der FDP aber hinsichtlich der Frage, wie Gesellschaft aussehen soll, empfinde ich als unangenehm und als feige. Wer eine Klientelpolitik betreibt darf nicht sich und anderen weismachen, dies gehe ohne Opfer an anderer Stelle ab. Wer den wirtschaftlich und gesellschaftlich Erfolgreichen weitere Vorteile verschaffen will, handelt unredlich, wenn er dies moralisch auflädt. Es ist jedem normalen Menschen klar, dass Leistung nur sehr teilweise über individuellen Erfolg bestimmt. Erleichterungen für ohnehin nicht sonderlich Belastete als Leistungsprämie auszugeben, widerstrebt mir. Ich werde die FDP - so viel steht fest - nicht wählen.

Mit der SPD ist es ebenfalls nicht einfach. Ich habe an sich gar nichts gegen die SPD. Dass ihr Spitzenkandidat nicht gerade das ist, was man einen Charismatiker nennt, nun gut: Das unterscheidet ihn nicht von der Konkurrenz. Wenn die SPD Klientelpolitik betreibt (von der ich nicht profitiere), dann hat dies zumindest nicht den unangenehmen Beigeschmack wie bei anderen Parteien, hier würde eine gesellschaftliche Gruppe eine ohnehin starke Position ausnutzen, um sich weitere Vorteile zu verschaffen. Auch die Agenda 2010 hat mir einigen Respekt abgenötigt.

Indes: Die Ansichten der Sozialdemokratie über die Rolle des Staates in der Wirtschaftspolitik teile ich ganz ausgesprochen nicht. Die sozialdemokratische Bildungspolitik halte ich für ein Verhängnis. Ich glaube nicht, dass das gemeinsame Lernen Kindern nützt, und sehe Bildung - anders als weite Teile der Sozialdemokratie - nicht als ein Instrument gesellschaftlicher Veränderung. Zudem irritiert mich an der SPD der durchaus beschränkte Radius ihrer Phantasie, das Defensive eines Kampfes um Arbeitsplätze in einer industriellen Welt, die ich als gestrig empfinde, und das Würdelose, wenn die SPD versucht, auf neue Milieus zuzugehen. Ich mag auch die meisten SPD-Politiker nicht. Ich könnte mir eine SPD in der Opposition für die nächsten zwei, drei Wahlperioden gut vorstellen, wenn denn die Alternativen nicht gar so unattraktiv wären. Wählen werde ich die SPD aber schon deswegen nicht, weil ich nicht davon überzeugt bin, dass das Versprechen, mit der in meinen Augen ganz und gar unseriösen Linken nicht zu koalieren, besonders lange hält.

Mit den Grünen ist es aus diesem Grunde diesmal leider auch schwierig. Kulturell bin ich im grünen Milieu wahrscheinlich am ehesten daheim. Das grüne Personal irritiert mich relativ gesehen noch am wenigsten. Die Betonung ökologischer Fragen auch unabhängig von Nützlichkeitserwägungen halte ich für ebenso richtig wie die grüne Politik im Umgang mit Minderheiten. Was die Bildungspolitik angeht, halte ich die Grünen (sonderbarerweise - im Programm steht bekanntlich etwas anderes) für vernünftigem Zureden empfänglicher als die insgesamt durchaus etwas bildungsferne SPD. Es kann sein, dass ich nächsten Sonntag wieder bei den Grünen lande. Aber die rot-rot-grüne Option gefällt mir dermaßen gar nicht, dass ich vielleicht, möglicherweise und erstmals bei einer Bundestagswahl zu Hause bleibe. Jedoch ist dies natürlich auch keine Alternative, denn regiert, regiert wird am Ende sowieso, ob nun mit oder ohne meine Stimme.

Doch wie die Regierung auch immer aussehen wird: Ich werde nicht glücklich sein, nächsten Sonntag.

Sonntag, 13. September 2009

In der besten aller Welten

"Aber das muss es doch geben!", protestiere ich. Ein Hotel am Meer, irgendwo im Süden, weil ich gern am Meer bin (auch wenn ich nicht gern am Strand liege) und keine Lust auf eine Ferienwohnung habe, die ich selber saubermachen müsste. Ich putze sehr, sehr ungern, und würde in der Not eher aufhören zu rauchen als selbst zu putzen.

Das Hotel müsste gut aussehen und gut riechen. Ich denke an helle, beruhigende Farben. Elfenbein etwa, Isabella, ein sehr, sehr dezenter Pistazienton, ab und zu aufgelockert durch einen Tupfer Fraise. Reinweiße Orchideen. Das Hotelpersonal soll sehr effizient und fast lautlos sein, so ein gehauchtes "ja, gern". In der ganzen Hotelanlage müsste es ruhig sein, fast still. Auf keinen Fall soll Musik laufen. Weder soll in der Bar ein Pianist das Beste von Frank Sinatra spielen, noch soll im Spa so eine fernöstlich inspirierte Meditationsmusik laufen. An Diskotheken oder Animation ist natürlich ohnehin schon vom Ansatz her nicht zu denken. Ich war noch nie in einem Hotel, das derlei angeboten hätte, und werde das auch keinesfalls ändern.

Die anderen Gäste soll man gleichfalls kaum hören. Leise, gedämpfte Gespräche stelle ich mir vor. Wenn es Menschen an den Strand zieht, so sollen sie durch Paravents geschützt voneinander liegen. Es versteht sich von selbst, dass Tangas, Tätowierungen oder ähnliche Entstellungen gar nicht vorkommen. Vielleicht liegen die meisten Gäste, sind sie gerade im Haus, auch auf ihren Balkonen und lesen gute Bücher, über die sie klug und bescheiden abends an der Bar sprechen, wenn man sie fragt. Natürlich gibt es nicht nur (wie hier) eine Kleiderordnung, sondern die Gäste (anders als hier) halten sich auch durchweg daran. Im besten Fall sehen die anderen Gäste auch noch auf eine stille, anmutige Weise passabel aus, aber das muss nicht sein.

Um das Hotel herum sollen schattige Gärten liegen, vielleicht auch ein verschlungener uralter Wald. Unweit soll ein Dorf oder eine kleine Stadt gelegen sein und ganz unabhängig von dem Hotel vor sich hin existieren. Die Ortsansässigen sollten eine fremde Sprache sprechen und nur ganz wenig Englisch mit einem schwer verständlichen, gleichwohl charmanten Akzent. Morgens darf - aber nicht zu früh - weit entfernt eine Glocke läuten, und abends rauscht das Meer unter wärmeren Winden.

Donnerstag, 10. September 2009

Wie ich fast den Berg bestieg

"Moment mal - das hat doch irgendwas Negatives mit mir zu tun!", schaltet sich der J. ein und tippt auf den Bildschirm. Um ein Haar kippt mein Mai Tai um, doch am Ende behalte ich die Oberhand. Schließlich gilt es Zeugnis abzulegen von meinem heutigen Versuch

einen Berg zu besteigen,

der einzig und allein am J. gescheitert ist, denn aus Gründen, die keiner kennt, lehnt mein geschätzter Gefährte, der J., es nicht nur weitgehend ab, zu Fuß zu gehen, er ist zudem ein entschlossener Gegner des Besteigens von Bergen, nein: Von Bergen überhaupt.

"Ich weiß nicht, was ich da oben soll!", protestierte der J. daher schon kurz nach dem Aufbruch. Majestätisch, gleichwohl laut dem Reiseführer für Senioren und Kinder gleichermaßen geeignet, erhob sich der heilige Berg Gunung Lepuyang (oder so ähnlich) über unseren Häuptern. Zwei Stunden sollte der Aufstieg dauern, aber unser Aufstieg war nach zwanzig Minuten zu Ende. Entschlossen, zum Wagen zurückzulaufen, blieb der J. stehen, kehrte um und lief so schnell er konnte vor dem Berg, vor mir und insbesondere vor der körperlichen Anstrengung weg. Hinter uns kläfften einige Hunde, und die Verkäuferinnen von Ständen, an denen man Wasser kaufen konnte, sahen uns amüsiert nach.

"I thought you would go to the top!", kommentierte der Fahrer unser schnelles Erscheinen. "Hah!", oder so ähnlich ließ sich der J. vernehmen und fuhr gemächlich, durch Palmenhaine und Reisterrassen, vorbei an Hütten und Häusern dem Strand entgegen. Es sei Zeit für einen Kaffee, verkündete der geschätzte Gefährte und deutete vorwurfsvoll auf einige Schweißflecken auf seinem Hemd.



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