Sonntag, 20. Juni 2010

Hinter der Wand

Auf der anderen Seite der Wand sitzen Kannibalen. Heimlich haben sie sich ins Hotel geschlichen, gebückt durchs Treppenhaus, an die Wand gedrückt im zugigen Flur, schnell durch die Tür und lange, lange im Schatten einer Nische gelauert. Kaum geatmet. In der Dämmerung haben sie die angelehnte Tür des Zimmers 304 mit weich bestrumpftem Fuße aufgestoßen. Auf dem Boden robbend, aufgelehnt auf die Unterarme sind sie in den Raum gekrochen, haben unter dem Bett gewartet, stundenlang, bis das Licht ausging und es ruhig wurde im Raum. Atemzüge bloß, ein leises Röcheln, ein Seufzen im Traum.

Eine Hand, dann eine zweite auf der grauen Auslegeware. Ein magerer, haarlos entfleischter Kopf. Eine schnelle, kaum menschliche, wieselflinke Bewegung, ein Sprung, ein Schrei, spritzendes Blut und große, blanke, spitze Zähne und ein schwarzes Loch in der Mitte. Dann wieder Ruhe.

Im offenen Brustkorb sitzen die Kannibalen und teilen sich die erkaltende Leber. Mit einem Ohr an der Wand lauert der Erste auf Nachbarn, ein zweiter winkt ab: Noch ist es zu früh. Entspannt, grinsend, mit baumelnden Beinen am Schreibtisch sitzt der Dritte und zappt durch die wechselnden Sender. Dann schläft er ein.

"Später ...", rülpst der Erste zum Zweiten. Und: Give me five. Von innen verriegelt der Zweite die Tür, deutet auf die Wand mit seinen blutigen Fingern und öffnet ein paarmal freudig das Maul. Alle drei nicken.

Ich aber stehe zum zweiten Mal auf, drehe den Schlüssel fester ins Schloss und stelle den Koffer vors Fenster.

Mittwoch, 16. Juni 2010

Ja geht so

Schlecht wäre eine unzutreffende Zustandsbeschreibung, aber gut wäre gelogen. Geht so trifft es halbwegs, auch wenn ich gar nichts sagen könnte, weshalb, immerhin habe ich frei, diese Woche, also was nun .... aber sehen Sie selbst:

Zunächst erzählt mir der Tierarzt für 79 Euro, dass meine Katze zu fett sei und Bluthochdruck habe. Um das herauszufinden, wickelt er dem armen Tier eine Manschette um den Schwanz, die Manschette bläst sich auf, und auf dem Laptop erscheint die Kreislauftätigkeit meiner schwarzen, nur ganz leicht übergewichtigen Katze, die sichtbar unglücklich auf dem Behandlungstisch sitzt. Ich kann das gut verstehen. Ich höre auch nicht gern, dass ich zu dick geworden bin. Tatsächlich habe ich im Zuge meiner Zigarettenminimierung zu Anfang des Jahres drei Kilo zugenommen, die nun nicht wieder verschwinden wollen, auch wenn ich abends meistens Salat esse oder eine Suppe, die mir kalorienarm erscheint. Ich fühle mich wie eine Qualle.

Unwesentlich später ruft meine Tante an. Meine Tante meldet sich eigentlich immer nur, wenn irgendetwas nicht so gut gelaufen ist, diesmal geht es um einen Reisemangel, ein Flug ist verschoben worden, und meine Auskunft, dagegen könne man aus meiner Sicht nicht viel tun, wird dreimal hintereinander als höchst unzureichend bezeichnet. Das könne doch nicht sein. Ich rede ihr aus, die Lufthansa zu verklagen, dann lege ich auf. Minuten später klingelt ein Mann, der mich für eine Religionsgemeinschaft zu gewinnen sucht. Ich gehöre keiner solchen Vereinigung an, ich interessiere mich nicht so für transzendente Angelegenheiten, aber der Mann beharrt darauf, es sei wichtig. Ich öffne die Tür trotzdem nicht. Ich fühle mich müde.

Um das Quallenproblem zu bewältigen, mache ich mir einen Salat. Leider gerät etwas viel Essig in die Schüssel, der Salat schmeckt eigentlich nur sauer, aber etwas anderes ist nicht da. Die Tiefkühltruhe muss ich abtauen, fällt mir auf, aber dazu habe ich keine Lust.

Später fahre ich erst zu Dussmann und dann nach Kreuzberg. Bei Dussmann schlängele ich mich vorbei an Massen von Büchern, deren Autoren sich in fettgedruckter Empörung üben. Auf nahezu jedem Titel werden "wir" ausgenommen, für dumm verkauft, müssen für irgendwelche anderen Leute zahlen, die als dumm, verkommen, gierig oder in sonstiger Weise unangenehm geschildert werden. Es scheint einen riesigen Markt für selbstgerechte Frustration zu geben, und ich schaue mich interessiert und etwas angewidert um, wer nach diesen Machwerken greift. Aus irgendwelchen Gründen, vermutlich haltlosen Vorurteilen, nehme ich stets an, die Käufer seien männlich und wählen FDP. Ich selbst kaufe einen Nabokov und Kurzgeschichten von Henry Miller.

Irgendwann sitze ich in Kreuzberg und helfe einer Bekannten beim Verfassen von Schriftstücken zur Geltendmachung von Ansprüchen gegen ihren ehemaligen Freund. Im Hintergrund brüllt sonor und nicht unähnlich diesen afrikanischen Tröten ihr Säugling, nach einer Weile bekomme ich Kopfschmerzen, also so einen leichten Druck auf den Schläfen, und irgendwann haue ich sehr erleichtert ab und fahre zum Paul-Lincke-Ufer.

Am Landwehrkanal sitzen schon liebe Freunde und trinken Bier. Nett ist es, schön so zu sitzen am Wasser, noch schöner, dass hier nirgendwo Fußball läuft, zumindest nicht so, dass ich es sehe, und so unterhalte ich mich einige Stunden angenehm und entspannt, lache, esse einen riesigen Thunfischsalat, der vermutlch allein schon qua Größe so kalorienreich ist wie ein Whopper, bis ich irgendwann anfange zu frieren. Das letzte Mal habe ich so im Winter gefroren. Ich habe drastisch zu wenig an. Stunden später werde ich daheim zwanzig Minuten sehr heiß duschen, solange, so bis meine Fingerkuppen tiefe Rillen aufweisen, und erst aufhören, als das Telefon klingelt, dass ich selbstverständlich nicht mehr rechtzeitig finde, bevor der Anrufer aufgibt, aber dafür in eine Lache Erbrochenes trete, das meine Katze vermutlich aus Vergeltungserwägungen direkt vor mein Bett plaziert hat.

Meine Orchidee hat sie auch vom Fensterbrett geholt und sitzt zufrieden schnurrend inmitten von Wurzeln und Erde.

Montag, 14. Juni 2010

Der Hallenwart

Auch der Herr L. sei tot, der die Sportanlagen gewartet habe, erzählt mir der C., der letztes Jahr einen Vortrag an unserer alten Schule gehalten hat. Totgefahren habe er sich, hat der C. gehört, vor einigen Jahren. Ob ich gewusst hätte, fragt mich der C., dass der Herr L. in seiner Jugend Leistungssportler gewesen sei, und ich nicke. Irgendein Sportlehrer, vielleicht der Dr. H., der Sport und Latein gab und ein bißchen aussah wie Hans Albers, hatte mit diesem Verweis dem Herrn L. mehr Autorität zu verschaffen versucht, damit der Herr L. nicht mehr gehänselt werde. Geholfen hat es nichts.

Wer den Herrn L. an die Schule gebracht hatte, weiß ich nicht, und auch der C. kann nichts dazu sagen. Der Schulleiter, Herr Dr. D., hatte einige Versorgungsfälle an die Schule gebracht, die Sekretärin etwa, eine grämliche, bittere Geigerin nach einem schweren Unfall. Den Bibliothekar, dem irgendetwas Unschönes zugestoßen war und der deswegen nicht mehr als Lehrer arbeiten durfte, aber es trotzdem tat, ab und zu und nur zu Vertretungszwecken. Auch den Herrn L. wird der Dr. D. auf diesem Wege in die Schule gebracht haben, wo er in einer kleinen Wohnung über der alten Sporthalle hauste, die er mit mehreren Schlössern und Stangen verriegelte. Man erzählte sich, die Wohnung sei volle Pokale. Gesehen hat sie niemand von uns von innen.

Herr L. sprach auch ziemlich ungern mit uns. Er rauchte viel, er hatte einen kleinen Hund, und er schien entweder sehr schlecht zu verdienen oder Kleidung war ihm ganz und gar unwichtig. Jedenfalls trug er fast immer dasselbe: Eine graue Hose. Ein kurzärmliges, kariertes Hemd. Im Sportbereich einen blauglänzenden, billigen Jogginganzug. Neben ihm lief den ganzen Tag sein Hund durch die Schule und kläffte.

Mag sein, dass es am Kläffen lag. Vielleicht war es aber auch nur jugendliche Lust an der Destruktion, aber schon vor unseren Jahrgängen war es beliebt in gewissen Kreisen, den Hund abzufangen, einzusperren irgendwo in einem abgelegenen Raum der teilweise recht verwinkelten Schule, abzuschließen und den Herrn L. dabei zu beobachten, wie er den Hund suchte. Natürlich kläffte der Hund die ganze Zeit weiter, früher oder später fand der Herr L. den Hund dann auch jedesmal, wenn nicht eine mitleidige Seele den Hund vorher befreite.

Eine besondere Freude war es manchen, den Hund einzufangen, wenn der Herr L. getrunken hatte. Der Herr L. trank zuviel, das wusste jeder, und auch, dass der Direktor ab und zu den Herrn L. zu sich ins Büro holte und ihm einschärfte, er müsse weniger trinken, denn in einer Schule ist Alkohol zu recht nicht gern gesehen. Der Herr L. trank trotzdem so viel, dass er nicht mehr nach seinem Hund suchen konnte, und diejenigen, denen das Verstecken des Hundes eine Freude war, standen jubelnd nebeneinander auf der Empore im ersten Stock und sahen dem Herrn L. zu, wie er durch die Schule schlingerte und schwankte, immer dem Kläffen nach. Mehrfach gab es in diesen Jahren Verweise, Tadel und Rügen wegen dieser Attacken auf den Hund. Einer der betroffenen Väter empörte sich über diese Verwarnungen und verlangte, der Herr L. müsse weg, aber bevor es hier zu Kämpfen kam, blieb der Sohn des empörten Vaters zum zweitenmal sitzen und musste auf ein Internat. Der Herr L. blieb.

Irgendwann aber ging der alte Direktor in Pension. Der neue Direktor hielt nicht viel vom Herrn L. Es gab eine Abmahnung, dann eine zweite, jedesmal wegen Alkohol, und schließlich verbot der neue Direktor dem Herrn L. die Haltung eines Hundes auf dem Schulgelände. Der Herr L. - so das Kalkül - würde kündigen und das Gelände verlassen. Der Herr L. aber blieb und brachte den Hund auf einen Bauernhof in der Umgebung zu Verwandten. Den Hund zu verstecken, hatte also ein Ende, aber die Hänseleien hörten nicht auf, sondern wurden eher intensiver.

Inzwischen gab es ab und zu auch direkte Attacken auf den Herrn L. Eines Tages wurde er sogar selbst, wenn auch nur kurz, eingesperrt, wie zuvor der Hund, und anonyme Täter brachen in seine Wohnung ein und hinterließen dort mehrere Kilo Konfetti. Es gab wohl auch einen Kündigungsversuch des neuen Rektorats, der allerdings am Schulverein scheiterte, dem der Herr L. leidtat, und so wurde das Dasein des Herrn L. wohl unangenehmer von Jahr zu Jahr, aber nicht ganz unmöglich.

Irgendwann aber näherte sich die Altergrenze der Pensionierung. Schon Mitte der Neunziger hätte ich den Herrn L. auf sechzig - steinalt jedenfalls - taxiert, tatsächlich erreichte er wohl erst vor einigen Jahren die Altersgrenze, und eines Tages wurde er verabschiedet. Ich nehme an, dass anders als bei ausscheidenden Lehrern weder der Chor sang noch Reden geschwungen wurden, aber ein kleines Geschenk wird er wohl erhalten haben, und dann war es vorbei. Er musste ausziehen. Er wollte zwar nicht weg, doch die Schulleitung bestand auf dem Auszug. Der Schulverein schaltete sich ein weiteres Mal ein, es gab Angebote, durch Dritte ein geringes Salär für die Nutzung der Wohnung zu bezahlen, und irgendwann gab es sogar Gespräche mit mehreren Gegnern wie Befürwortern des Verbleibs des Herrn L. auf dem Gelände.

Wie die Gespräche ausgegangen wären, kann man nicht sagen. Vielleicht säße der Herr L. bis heute in seiner Wohnung über den Sportanlagen, denn die Beharrungskräfte sind bekantlich (und gerade in derlei Institutionen) größer als die Kraft des Neuen, aber eines Tages stieg der Herr L. in sein Auto und fuhr los. Vermutlich war der Herr L. in den letzten Jahren kein besserer Autofahrer geworden, möglicherweise war er auch ein wenig angetrunken; vielleicht war es schlicht Pech: Der Herr L. kollidierte frontal mit einem LKW und starb auf der Stelle.

Wer die Beerdigung bezahlte, weiß ich nicht. Ich nehme an, die Schule schickte einen Kranz. Bestimmt kam der Direktor nicht selber, aber irgendjemand (vielleicht die mürrische Sekretärin) wird gegangen sein, und die Sportanlagen wartet eine ortsansässige Firma.

Montag, 7. Juni 2010

Azzurro

Schön ist der Lido hier nicht. Tote Äste und Tüten hat das Meer auf den Sand geworfen, Muscheln zerbrochen und zermahlen, und unter bunten, ausgeblichenen Schirmen sitzen rotbraune, faltige Menschen am Strand und schauen auf das Wasser. Zwischen Bikinioberteilen und -hosen quillt wulstiges Fleisch. Dicke Männer füllen Rätselhefte aus. Ein paar junge, an sich ganz gut aussehende Menschen gibt es auch mit zum Teil grotesken Tätowierungen. Naturbelassene Menschen unter vierzig scheinen mancherorts selten geworden zu sein.

Wir aber haben keine Schirme dabei. Wir haben zu sechst auch nur zwei Handtücher, eine Badehose und zwei Bikinis, einen Rest lauwarmes Wasser und ein paar Kekse. Müde bin ich wegen der Mücke heute nacht im Hotelzimmer, so dass der Sand unter meinen Füßen ein wenig schwankt, wenn ich die Augen schließe, und erst in den Wellen werde ich ein wenig wach. "Du hast noch die Sonnenbrille auf.", ruft mir der M. zu, und ich taste mit der linken Hand nach dem Bügel. Tatsächlich.

Das Wasser aber ist klar. Gerade noch kühl genug für diesen heißen Tag, bewegt, aber nicht stürmisch, glitzernd in der italienischen Sonne, grün und blau, gekrönt von Kämmen aus Gischt, vollkommen unter dem straff gespannten Himmel aus Sorglosigkeit und Licht: Nel blu dipinto di blu.

Donnerstag, 3. Juni 2010

Aber anders

Dass ich ein ganz anderes Leben führen könnte, denke ich vor dem Spiegel und sehe mich an. In einer kleinen Stadt zum Beispiel seit zehn Jahren einen Job haben, morgens alle grüßen, die ich treffe, und am Sonntag mit zwei Kindern und dem Hund an der Leine um einen See spazieren. In einer großen Stadt leben, vielleicht auch das, richtig Karriere machen, so mit Dienstwagen und Fahrer und einem großen Haus. Oder Bilder malen, in Kreuzberg in einem Hinterhaus vielleicht, und mir ausmalen, wie es wäre, wenn einer kommt und etwas kauft.

Ganz anders könnte ich leben und vielleicht sein, denke ich mir und wasche die Hände. Etwas schaffen könnte ich wohl, was den Tag überleben würde und vielleicht auch mich. Ein Kind könnte ich haben, oder einen anderen Mann, viele Männer oder vielleicht auch Frauen. Verliebt könnte ich viel öfter sein und dafür selten aufgehoben, geborgen und warm. In einem anderen Land könnte ich sein und in einer anderen Sprache träumen.

Vorstellen kann ich mir all das, denke ich mir, und ziehe ein Papierhandtuch nach dem anderen aus der Box aus Blech an der Wand. Ausmalen lässt sich das alles, schön wäre auch das andere Leben vielleicht, aber wünschen, wünschen würde ich mir nichts, als das, was ich habe, auch wenn es nicht viel sein mag, nicht großartig auch, kein Rausch, kein Flug, kein Feuerwerk und kein Regenbogen, und nicht Wunsch und Traum, sondern vielleicht nur die Frucht von Gelegenheit, von Phantasielosigkeit und den Dingen, die eben einfach so sind.



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