Samstag, 10. Juli 2010

Sommerabend

Träge schwankend vor Hitze schlingert die Stadt durch die Straßen. Ein wenig neben sich lächeln sich Fremde an auf dem brennenden Grase der Parks. Halb in den Schatten gelagert, liegst auch du auf deiner Decke, französischer Pop, ein Magazin über schöne Kleider, und in deiner Hand wird eine Flasche Biozisch immer wärmer.

"Hallo, der Herr!", begrüßt du einen kleinen Bub, der dich besuchen kommt vom Handtuch nebenan. Der Bub heißt Ansgar, erfährst du, und er wohnt "da drüben". Als er geht, lacht er dir fröhlich zu.

Auf dem Weg weiter nach Mitte lädt man dich ein. Ein Eis mit zwei Israelis mit starkem, russischen Akzent? Ein Stück Melone, das dir ein barfüßiger Franzose entgegenhält mit quellendem, krausem Brusthaar unter einem dünnen, blauen Hemd? Lachend beißt du ab, winkst und wünscht einen herrlichen Sommer, strahlend vor Sonne, überschießend vor Leichtsinn, galoppierend vor Glück wie die weißen Pferde, die du einmal gesehen hast als Kind, gestreckt vor Behagen im spritzenden Wasser der flachen Furt, gesäumt von schattigen Bäumen.

Montag, 5. Juli 2010

Paukenschlag statt Flöte

Wolf Jobst Siedler, Ein Leben wird besichtigt, 2000

Vielfach liest man, mit dem Bürgertum gehe es demnächst zu Ende. Die deutsche Sprache sterbe aus, sogar die Frau des Bundespräsidenten sei abstoßend tätowiert, niemand könne mehr vernünftig Latein, und unter Bildung missverstünden die Deutschen eine unverstandene Faktensammlung, die höchstens zu Quizsendungen im Privatfernsehen tauge. Gleichzeitig genießt das Bürgerliche ein Ansehen, das zumindest ein wenig naiv anmutet, als sei vor hundert Jahren jedes Gymnasium eine kleine Gelehrtenrepublik gewesen und nicht die protofaschistische, kinderquälende Anstalt, wie sie sich in den damals vermutlich nicht von ungefähr beliebten Schülerromanen der Kaiser- und Zwischenkriegszeit spiegelt. Auch hätten sich früher Familien zu sorgsam komponierten Mahlzeiten zusammengefunden, statt hektisch vor dem Fernseher erwärmte Tiefkühlgerichte zu verzehren, weder Damen noch Herren wären in missgestalteten, bunten Plastiksäcken auf die Straße gegangen, und Ehen hätten lebenslänglich gehalten. Früher sei mithin nicht alles, aber ziemlich viel besser gewesen, und selbst wenn es nicht besser gewesen sei, dann habe es zumindest besser ausgesehen.

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Donnerstag, 1. Juli 2010

Meine Katze

Die Treppen hochgelaufen, einen Schlüssel nach dem anderen in die Hand genommen. Die Tür geöffnet. Vollgesogen mit Wärme, den Geschmack von Sekt und Sherry. Gelächter im Ohr.

Die Tür weit geöffnet. Die stickige Luft hängt schwer auf den Dielen. Nach der Katze Ausschau gehalten, unwillkürlich. Die Augen geschlossen, um die Katze nicht nicht zu sehen.

Doch keine schwarze Katze kommt um die Ecke. Keine schwarze Katze maunzt. Niemand wirft sich vor mir auf die Dielen. Niemand schreit nach meiner streichelnden Hand. Ein bißchen Futter verlangt nur der Kater. Niemand antwortet mehr, wenn ich rufe, und niemals mehr rufe ich die Katze beim Namen. Die Katze ist tot.

Montag, 28. Juni 2010

Am See

Aber die ganze Zeit bist du nur in Berlin, ausgeschlagen mit Asphalt und Benzin, um dich herum klingeln Telephone, und nachts rattert irgendwo etwas immer weiter. Vielleicht bist das du.

Doch eine Stunde entfernt nur rauschen die Bäume. Schilf drängt sich zwischen Felder, Wiesen und See. Tief hängen die Äste der Weiden ins Wasser. Im Abendlicht spielen Mücken am Ufer. Kein Mensch ist zu sehen.

So viel höher scheint dir der Himmel und blauer als blau. Dass es wirklich Störche gibt, dass Rehe die Wälder duchstreifen, dass in alten Parks die Bäume Schatten werfen, erscheint dir unfassbar, und wenn die Vögel zur Nacht ihre Nester anfliegen, ist dir, als kämest auch du einmal nach Haus.

Donnerstag, 24. Juni 2010

Strahlende Maikäfer, rosenfingrige Götter

Kaspar Schnetzler, Das Gute

Die Schweiz, hört man immer wieder, sei lange nicht so langweilig, wie man landläufig glaubt. Wieso dem so sein sollte, habe ich allerdings vergessen, und wenn die Schweiz in den hundert Jahren von 1912 bis 2012, die dieser Roman des zu Recht ziemlich unbekannten Kaspar Schnetzler, eines 1942 geborenen Züricher Rentners, umfasst, auch nur annähernd zutreffend abgebildet sein sollte, hat auch in dieser Frage der Volksmund recht: Dieses Buch ist langweilig. Es ist aber nicht nur fade. Es ist auch unfassbar schlecht.

Gegenstand der selbst in der Taschenbuchausgabe 552 Seiten fetten Chronik der Züricher Familien Gerber und Frauenlob sind vier Generationen, die nicht unähnlich der Vorgehensweise in didaktisch sehr bemühten Kinderbüchern alles erleben, was der Autor für charakteristisch für die jeweiige Epoche in der Schweiz hält: Die Begeisterung für den deutschen Kaiser. Der Schweizer Nationalstolz und die besondere Beziehung zu den Schweizer Selbstverteidigungsorganen. Die Spanische Grippe. Ein gewisses Sektierertum in Freikirchen (hier der Christian Science), der soziale, wenn auch überschaubare Aufstieg aus dem Kleinbürgertum und die Auswanderung einzelner Familienteile in die USA und Deutschland. Irgendwann wird auch ein Familienmitglied in politische Unruhen verwickelt, verfällt den Drogen, man wird wunderlich, gebiert und stirbt, und ja: Das ist exakt so frei von jeglicher Überraschung, wie es sich anhört.

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Krankenkatze

Am Donnerstag vor zwei Wochen ist die Katze schwach. Den ganzen Tag liegt sie in der Dusche, hebt kaum den Kopf und sagt weder miez noch mau. Die Katze ist krank. Am Freitag wird es nicht besser, am Wochenende schleppt sich die Katze mühsam durch die Wohnung, und am Montag wuchte ich acht Kilo Katze zum Tierarzt. "Armes Kätzchen!", sagen die Passanten und nicken mitfühlend mit dem Kopf. "Kann ich die streicheln oder ist die ansteckend?", fragt ein kleines Mädchen und steckt einen Finger durch die Gittertür des Katzenkorbs.

Der Tierarzt findet nichts. Die Woche über aber wird die Katze immer schwächer, und am Freitag geht de geschätzte Gefährte wieder zum Tierarzt. Die Katze macht inzwischen eine völlig apathischen Eindruck. Sie frisst nichts mehr, sie trinkt nicht mehr, sie haart, als wolle die Katze auf der Stelle Skinhead werden, und verkriecht sich unterm Sofa. Die Vertretungstierärztin stellt fest: Die Katze ist richtig krank. Die Katze hat es an den Nieren.

In den nächsten Tagen wird die Katze durchgespült. Die Katze bekommt Infusionen, Mittel und Mittelchen, ernsthafte Medikamente und homoöpathische Spritzen, und Dienstag wird wieder ordentlich gefressen. Die Katze haut rein, als gebe es kein Morgen.

Heute morgen ist die Katze wieder ganz die alte. Morgens maunzt sie um 5.27 vor dem Bett. Beim Tierarzt macht sie Geräusche wie diese afrikanischen Fußballbegeisterungströten, und als ich abends heimkomme, flitzt die Katze zwischen meinen Beinen hindurch ins Treppenhaus und wird erst dort wieder eingefangen.

Dauerhaft fürs Erste müsse die Katze behandelt werden, sagt der Tierarzt. Freitag werde ich eingewiesen in die Kunst des Spritzen-Gebens bei Katzen, und zufrieden, scheint mir, sitzt die Katze auf einem karierten, dicken Kissen neben meinem Bett und schaut wohlgefällig in die Gegend, als halte sie den Aufwand für die Haltung einer Katze für ganz genau richtig und wohlgetan, wenn nicht sogar für völlig selbstverständlich.



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