Mittwoch, 22. September 2010

Vom Paradies ein gold'ner Schein

In den Ferien, wenn sonst keiner frei hatte, kamen Schwesterchen und ich zur Oma. Wenn die Oma nicht da war, kamen wir zum Onkel. War aber auch dieser nicht verfügbar, weil die dazugehörige Tante zur Kur war oder verreist, oder weil man nicht zwei Schulferien hintereinander dem Onkel gleich zwei Mädchen zumuten konnte, musste wir zu den Tanten, die eigentlich Großtanten waren, also die beiden ältesten Schwestern des Großvaters, die eine Buchhandlung hatten, über der sie wohnten.

Besonders gut lief die Buchhandlung nicht. Man darf sich das nicht blitzend und gläsern vorstellen, da war nichts mit roten Sesseln und Regelmeter um -meter Lebenshilfe und Reisen auf drei Stockwerken bis nachts um zwölf. Die Buchhandlung meiner Tanten war ein einziger Raum, ein kleines Fenster zur Straße, eine Tür, vor der ein Glockenstrang hing, und dann rechts und links Regale und in der Mitte ein langgezogener Tisch. Ganz hinten stand noch ein kleiner Tisch quer, darauf war die Kasse. Es war so dunkel, dass den ganzen Tag das Licht brannte, und damit möglichst viele Bücher in das finstere Gelass der Tanten passten, hatten mein Vater und mein Onkel A. Regale bis zur Decke gezogen, vor denen eigentlich immer dieselben Kunden standen und sehr, sehr lange brauchten, um Bücher auszusuchen. Besonders viele Kunden gab es nicht.

Ob meine Tanten nicht an Dekoration glaubten, oder ob schlicht nichts mehr in ihre Bücherhöhle passte, ist nicht mehr aufklärbar. Das Schaufenster dekorierten sie jedenfalls ebenfalls ausschließlich mit Büchern, Neuerscheinungen meistens, und wenn es vom Verlag Photographien der Autoren gab, stellten sie die daneben, damit man sehen konnte, wie die Schriftsteller aussahen. Ich kann mich an keinen Ausgestellten konkret erinnern, aber in meiner Erinnerung rauchen sie alle Pfeife, und die wenigen Frauen sahen aus wie Loki Schmidt. Gelegentlich schnitten die Tanten besonders hymnische Kritiken aus der Zeitung aus und stellten diese neben das gepriesene Buch, falls ein Passant zwar in der Zeitung die lobenden Worte der Kritiker verpasst hatte, sich aber beim Spaziergang von den gedruckten Sirenengesängen von Reich-Ranicki, Joachim Kaiser oder Hilde Spiel verleiten lassen würde.

Besonders begeistert waren meine Tanten von dem wochenlangen Besuch von Schwesterchen und mir vermutlich eher nicht. Wer lange allein gelebt hat, umgeben nur von seiner ebenfalls etwas schrulligen Schwester, hat sehr jugendlichen Besuch oft nur für einige Stunden ganz gern. Der kindliche Appetit macht alte Damen Sorgen, und der Bewegungsdrang von Zehnjährigen ist für zwei alte Frauen, die niemals Fahrrad fuhren und nicht schwammen, einigermaßen schwer zu beherrschen. Anmerken ließen sie sich das aber nicht. Nur den Ermahnungen meiner Mutter war anzumerken, dass man über der Buchhandlung nicht genauso willkommen war wie woanders. Außerdem bekamen wir zu den Tanten richtige Geschenke mit, nicht nur ein paar Pralinen oder Taschentücher oder so, und irgendwann, der Besuch sollte besonders lange dauern, kaufte mein Vater einen Videorecorder. Das war teuer. Die Tanten hätten sich einen Videorecorder niemals gekauft. Ein vorhandener Videorecorder aber wurde genutzt. Man lieh Videos aus. Man nahm Filme auf, und als ich das nächste Mal erschien, nur für ein zwei Wochen, wie ich meine, lief der Recorder im Hochbetrieb.

Jeden Abend saßen die Tanten auf dem grünem Sofa in dem Wohnzimmer über dem Geschäft. Jeden Abend gab es einen Film, öfter auch einmal dieselben, wie ich wenig später bemerkte, denn das Repertoire war begrenzt. Heinz Rühmann war beliebt, den konnte man ständig sehen. Cary Grant war beliebt, galt aber in den Kreisen meiner Tanten als entschieden zu schön für einen Mann. Willy Fritsch mochten beide Tanten nicht ganz so gern wie Hans Albers. Ungeschlagen und in eigentlich jeder Lebenslage gern gesehen war Peter Alexander. Frauen dagegen mochten meine Tanten nicht so.

In der ersten Woche bei den Tanten saßen die Tanten und wir im Wesentlichen stumm auf dem Sofa und saßen schwarz-weißen Schauspielern beim Handkuss zu. Ab und zu gaben die Tanten spärliche Erklärungen der Handlung ab, erläuterten Schauplätze und ließen längst versunkene Namen fallen. Zu den abendlichen Filmen gab es meistens gebrannte Nüsse, Katzenzungen, Mozartkugeln und Saft. Die Tanten gönnten sich gelegentlich ein Glas Wein. In der zweiten Woche aber entspannten sich die Tanten. Abends gab es nun auch für mich ein sehr kleines Glas Wein mit viel Selters, und außerdem blieben die Tanten nicht länger stumm. Wenn gesungen wurde, sangen sie mit.

Irgendwo auf der Welt, sangen die Tanten, gebe es ein kleines bißchen Glück. Das aber, so entnahm ich dem Trio meiner Tanten mit Lilian Harvey, gebe es nur einmal. Das kommt nicht wieder, sangen die Tanten mit ihren nicht ganz sicheren Altdamenstimmen, und gingen gefährlich in die Höhe, wenn es zu schön war, um wahr zu sein.

Wenn ein junger Mann kommt, hätten meine Tanten vermutlich kaum gewusst, was damit anzufangen, auch wenn ich nicht ausschließen kann, dass sie mit ihm in den Himmel hinein hätten tanzen können. Ich bin ja heut' so glücklich, wurde ereignisunabhängig gesungen, auch wenn meine Tanten Renate Müller aus irgendwelchen obskuren Gründen besonders wenig mochten, doch schließlich hat Jede Frau irgendeine Sehnsucht.

Wenn aber der Film aus war, gingen die Tanten einsam zu Bett. Sehr leid taten mir die alten Damen damals, hellwach abends um zehn im Gästezimmer im Bett neben meiner schlafenden Schwester. Dass es doch unschön sei, von Kavalieren - Husarenuniform hin oder her - nur zu träumen. Besser müssten es Frauen haben mit einem echten, eigenen Mann zum Tanzen und Träumen, stellte ich mir vor, denn dass zum Träumen immer etwas übrig bleibt, hate mir keiner gesagt.

Samstag, 18. September 2010

Lilly

Zwei Katzen sind - nun, wie Katzen halt so sind. Mal fegen beide durch den Raum. Mal sieht man drei Stunden nichts von den Tieren und fragt sich, ob man wohl welche besitzt. Dabei besitzt man Katzen bekanntlich nicht. "Katzenhalter" zu sein ist stets eine Amtsanmaßung. Die Katze wohnt bei einem. Lange Zeit also wohnten bei mir deren zwei.

Eines Tages wurde die andere Katze krank. Dann wurde sie wieder gesund, ein letzter Tierarztbesuch wurde vereinbart, und dann fiel die Katze eines Abends einfach um. Ein paar Monat lang war der Kater allein.

Dass es mit einem einsamen Kater nicht geht, wurde ziemlich schnell klar. Der Kater wurde anhänglicher. Noch anhänglicher, kann man sagen. Tags blieb er ungern allein, abends umtanzte er die Heimkommenden und nachts war er aus dem Bett nur schwer zu verjagen. Der Kater brauchte Gesellschaft.

"Wir fahren ins Tierheim.", kündigte der geschätzte Gefährte an und verzog missmutig das Gesicht. Der geschätzte Gefährte ist nicht so viel in Berlin, und wenn er da ist, fährt er ungern in obskure Außenbezirke. Außerdem haben Freunde von uns zwei Katzen aus dem Tierheim, und dass der Psychologe nicht mitgeliefert wurde, ist, nun, eigentlich eine veritable Schlechtleistung. Der äußerste Akt der Katzenaquise war also eine E-Mail. Und ein Facebook-Eintrag, wer eine über habe, möge sich melden.

Außer meinem Schulfreund S., der auf die einsamen Katzen von Bangkok verwies, meldete sich keiner. Die Zeiten, wo überall mal unvorhergesehen irgendwo in der Waschküche oder unter dem Dach Kätzchen zur Welt kommen und verschenkt werden müssen, scheinen vorbei zu sein oder finden woanders statt. Einsam starrte der Kater von der Fensterbank aus auf die Straße und kuschelte sich nachts an anklagend an die Füße des J.

Vor zwei Wochen oder so hatte ich frei. Zeitung lesend saß ich also hier herum, irgendwann kam die Reinmachefrau und wir hielten einen Schwatz. Wir sehen uns manchmal monatelang nicht, ratterten also Neuigkeiten herunter, und ich erwähnte die Katzenlosigkeit. Armer Kater. Einsamkeit. Neue Katze. Und ob sie ...?

Sie nickte. Unsere Putzfrau hat doppelt so viel Energie wie fast jeder, den ich kenne. Sie hat ungefähr sieben Kinder, gründet gerade ein Ladengeschäft, organisiert alles und so ziemlich jeden, und Katzen hatte sie bisher auch. Seit neuestem aber hat sie auch eine Katzenhaarallergie, und deshalb bot sie mir ihre Katze an. Sie heiße Lilly und sei blau.

Blaue Katzen sind eigentlich ein bißchen zu edel für unseren eher unedlen Haushalt. Rassekatzen stelle ich mir kränklich vor und anspruchsvoll, kleine Diven mit pflegeintensivem Fell, und deshalb wiegte ich den Kopf hin und her, versprach, drüber nachzudenken und dann dachte ich nicht mehr an Lilly. Am Wochenende, als der Kater besonders erbärmlich herummaunzte, schrieb ich dann doch noch eine SMS an unsere Putzfrau, kündigte an, die Katze demnächst zu besuchen, und als nichts kam, streichelte ich den Kater und versprach ihm einen Tierheimbesuch im Oktober.

Am Dienstag kam der J. deutlich vor mir nach Hause. An der Tür streichelte er den Kater. Im Flur schleuderte er seine Tasche irgendwohin. Im Schlafzimmer warf er Schuhe, Krawatte und Anzug ab und legte sich im Wohnzimmer aufs Sofa. Auf seiner Brust thronte der Kater. Irgendwann bekam der J. Hunger und ging in die Küche.

Auf dem Küchentisch lag ein Zettel. Der Zettel war von unserer Zugeherin, auf dem Zettel stand, sie habe Lilly mitgebracht, zur Probe sozusagen, und wenn wir Lilly nicht haben wollen, sollen wir anrufen. Sie komme sofort. Der J. begab sich unmittelbar auf die Suche.

Wenig später fand er das Tier im Gästezimmer unter dem Sofa. Zwischen der Rücklehne des Sofas und der Wand ist ein bißchen Platz, da geht gut eine Katze dazwischen, gerade eine kleine, blaue Katze, die sich stundenlang hinter dem Sofa aufhält, weil sie Angst hat vor der neuen Wohnung und den neuen Menschen und dem neuen Spielgefährten, der noch ein bißchen faucht.

Am nächsten Tag erst kam die Katze in die Küche. Noch einen Tag später saß sie auf meinem Schoß und ließ sich streicheln, erkundete die Wohnung, schnupperte am Kater und heute nacht, heute nacht saßen beide Katzen vor dem Bett, maunzten um Aufnahme und trotteten, von mir verjagt, gemeinsam in die Küche.

Lilly bleibt jetzt wohl hier.

Sonntag, 12. September 2010

Eigentlich schon eher nicht

Wenn ich einkaufen gehe, siezen mich die Leute beim Bäcker. Wenn ich sage, was ich beruflich mache, zuckt keiner mehr wie noch in den ersten Jahren, als ich ganz neu war, so circa dreißig damals, und mich ab und zu Leute mit einer Referendarin verwechselt haben oder gleich mit dem Sekretariat. Ich scheine so auszusehen, wie ich bin.

Wenn ich ausgehe, gehöre ich zu den älteren Frauen im Laden. Ich bin noch nicht zu alt, das nicht, in Berlin geht viel, was woanders nicht mehr so recht ausschaut, aber zu den Mädchen vor den Boxen, ganz vorn, da wo die Musik spielt, gehöre ich nicht mehr. Wegen mir sind die Jungs nicht da, die mit den Lederjacken und den Sonnenbrillen und dem Roman, den sie mal schreiben werden, wenn sie ein bißchen gelebt haben werden und da was ist, über das man schreiben kann. Mich sehen die nicht mehr. Ich bin nicht mehr da.

Fremd fühlt sich das an, aber ganz okay, irgendwie schon passend zu der Frau im Spiegel, die mehr Kostüme hat als Sachen für nachts, aber ab und zu, wenn keiner dabei ist, im Spiegel im Bad oder in der Schaufensterscheibe im Vorbeilaufen, halb aus den Augenwinkeln, ist ich noch jemand anders, jemand von früher vielleicht, den ich besser kenne und der mir lieber sein mag, aber darauf kommt es wohl sicherlich kaum mehr noch an.

Montag, 6. September 2010

Ein jeder Mensch ist ein Abgrund

Ferdinand von Schirach, Schuld, 2010

Es ist eine verbreitete Vorstellung, der Mensch werde gelenkt wie eine Marionette. Irgendwo, unsichtbar, hinter den Kulissen, sitze der Puppenspieler und lasse den einen stolpern, den anderen lachen, zwei jagen einander von rechts nach links, und wenn es dem Puppenspieler gefällt, lässt er einen die Hand heben, und ein anderer bleibt still auf der Bühne liegen. Einen Moment bleibt das Publikum dann betroffen sitzen und schweigt. Im nächsten kommt schon die Polizei, es wird geschäftig, Staatsanwälte klagen an, Strafverteidiger treten auf, und schließlich fällt der Richter ein Urteil. Das Puppenspiel über ein Verbrechen mag vorbei sein, in diesem Moment. Über den Puppenspieler aber haben wir nichts erfahren. Das Verbrechen, den Mord, das Böse, wenn man so will, können wir sehen. Was es ist, sehen wir nicht.

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Sonntag, 29. August 2010

Ein anderer Schlag des Herzens

Irina Liebmann, Wäre es schön? Es wäre schön, 2008

Was in der Geschichte des Kommunismus schief gelaufen ist, ist nicht nur unter Historikern vermutlich ein Gegenstand wüster Diskussionen und klaffender Meinungsverschiedenheiten, doch wie auch immer es dazu kommen, dass aus einer berauschenden Vision von Freiheit, Gerechtigkeit und Völkerliebe am Ende nichts wurde als die engherzige, bisweilen lächerliche und in jeder Hinsicht unangemessene Herrschaft einer verlogenen Bürokratie: Fest stehen dürfte, dass die Realität aus FDJ und Plattenbauten die faszinierende, romantische Seite des kommunistischen Projekts so gründlich aus dem Bewusstsein Europas gebrannt hat, dass selbst die Renegatenromane des 20. Jahrhunderts – die Koestler, Sperber et. al. – uns nichts mehr anzugehen scheinen. Der große Traum ist vorbei.

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