Dienstag, 12. Oktober 2010

Reklame: Anselm Neft

An sich (und wenn es nicht gerade regnet) gehe ich ja ganz gern vor die Tür. Lesungen zum Beispiel, da gehe ich gern hin, da fahre ich sogar mal nach Neukölln oder Charlottenburg oder sonstwohin, wo ich ansonsten selten bin, und wenn der großartige Anselm Neft aus seinem schätzenswerten Buch vorliest, dann setze ich mich sogar ins Tucher am Tor:

15.10.2010. 20.00 Uhr.

Alfa Porto Coimbra

Im Zug zwischen Coimbra und Porto die Küste entlang. Vorbei am Meer. Der Atlantik ist grau und gefleckt. Der leere Strand, ein schmaler Streifen. Der Sand vom Salz verklebt, hart und einsam unter den schreienden Möven. Der Himmel so grau wie das Wasser. Die Fenster der Hotels klaffen schwarz und leer. Die Saison ist beendet. Der Zug fährt vorbei.

Kein Halt bietet sich an, für drei, vier Stunden am Wasser zu sitzen. Der Zug fährt durch. Keine Gelegenheit hier, den schwarzen Göttern der Tiefsee zu opfern, kein Tee im Café überm Meer. Die Kellner sind längst zurück in der Stadt. Die Liegen verpackt für den kommenden Sommer.

Bitte oszillieren sie, singt Tocotronic mir vor, und ich nicke gehorsam. Ein Flackern stelle ich mir vor, ein schnelles An- und Ausgehen, ein unzuverlässiges Leuchten, so unfassbar wie das Meer und so grenzenlos gar wie der Himmel.

Sonntag, 10. Oktober 2010

Es regnet, regnet, regnet

Aus den Gullydeckeln strömt das Wasser in die Höhe wie eine Fontäne. Ich sehe nichts, der Taxifahrer kann an sich auch nichts sehen, und fährt doch mitten durch die Flut. Ich bin müde.

Der J. hat schlechte Laune, und vermutlich bin ich irgendwie schuld. Wir hätten in Berlin bleiben sollen, steht es unüberhörbar im Raum. Ich wollte doch weg. Wenn es hier nicht schön ist, liegt es deswegen ganz und gar an mir. Zwar war es trocken heute tagsüber, angenehm auch, zu Fuß unterwegs in Sintra, doch heute abend nehmen wir den falschen Ausgang der U-Bahn, landen irgendwo in einem Restaurant, das zwar ganz gut ist, aber außer uns sitzen dort nur aziemlich lte, eher so etwas unelegante Leute, auch nicht von hier, und nun regnet es wieder, regnet, als wolle es nie wieder aufhören, und ich zähle die Stunden bis zur Abfahrt.

Es wird noch viel regnen bis zum Montag, fürchte ich, und wünsche mir, ich wäre weit weg oder hier zumindest allein und nur für mich verantwortlich hier, und wenn es regnen würde, wäre das nur mein Problem und vielleicht nicht einmal gar so schlimm.

Freitag, 8. Oktober 2010

Flop

Der Wind peitscht den Regen fast wagerecht durch die Straßen. Es ist so ungefähr viertel nach drei, aber fast dunkel, und außer ein paar Touristen in bunten Outdoorjacken ist niemand auf der Straße. Ich habe noch nie den Wunsch gehabt, solche Kleidung zu besitzen, aber heute, heute hätte ich gern eine rote Northface-Jacke an, oder zumindest meine Barbourjacke, die gute Beaufort, aber die hängt trocken im Berliner Dielenschrank. Ich dagegen stolpere blind vor Regen und nass wie ein Fisch über die Praça do Comércio. Hinter mir stürmt der Atlantik. Neben mir flucht der J.

Auch die Portugiesen scheinen keine wetterfeste Kleidung zu besitzen, sondern drücken sich unter den klappernden Markisen an die Wände der Häuser. "Umbuchen!", schimpft der J. und spricht über alles, was man daheim so machen könnte, wenn man heute abend vorzeitig heim fliegen würde. Zweimal Lissabon - Berlin. Ins Museum gehen, etwa, schlägt der J. vor. Ausgehen. Schlafen. Ich schüttele den Kopf. In Berlin bin ich gerade so schrecklich ungern. Unterwegs möchte ich sein, aber hier, und soweit hat der J. recht, ist es gerade wenig gemütlich und noch nicht einmal sehr interessant.

Im Hotel hat noch immer niemand das Zimmer aufgeräumt. Der J. ist abwechselnd vom Wetter frustriert oder schimpft über sein Gewicht. Alles, was ich gern besichtigen würde, setzt voraus, dass man das Haus verlässt, und zwischen uns und der regulären Abreise am Montag erstreckt sich noch ein langes, langes Wochenende, an dem ich nach Sintra fahren wollte, nach Tomar, irgendwohin, aber statt dessen sieht es nach schlechter Laune zu zweit aus, und zwar hier im Hotel.

Mittwoch, 6. Oktober 2010

Schon morgen vielleicht

Vielleicht morgen auf dem Bahnhof von Porto nur noch einmal kurz zurück. Wasser kaufen. Vielleicht sich hinter einem Verschlag verbergen, vielleicht dem Zug beim Wegfahren zusehen. Vielleicht nie wieder zurück.

Vielleicht am Abend am Duoro sitzen. Den Blick auf das Wasser. Nach zwei, drei Wochen, wenn das Geld nicht mehr langt, irgendwo kellnern. Stadtführungen für Deutsche und Briten. Vielleicht Prinzen erfinden und Drachen, lachen, wenn einer das merkt, und einen Namen sagen, der einer Toten gehört, wenn einer fragt, wie man heißt.

Nach drei Jahren nicht mehr wissen, wie der Name mal war. Sich einen Geburtstag ausdenken. Nach fünf Jahren legalisiert werden, vielleicht. Wenn einer nett ist, drei Tage bleiben und dann gehen. Für niemanden zuständig sein und verantwortlich nur für mich. Bei Nacht am schwarzen Wasser sitzen, sich erinnern an Berlin wie an einen Film oder ein Buch, Gesichter, grelle Fetzen, einzelne Sätze, und nur ganz selten eine Postkarte heim, damit meine Eltern nicht weinen.

Montag, 4. Oktober 2010

Ach.

Aber seien wir ehrlich: Altern ist Mist. Meistens verdrängt man diese Erkenntnis ganz gut, hier im Bötzowviertel sind alle so ungefähr 35 oder sogar noch ein paar Jahre älter, da fällt das nicht so auf. In meinem Berufsleben ist man sowieso total erwachsen und sieht zudem auch noch so aus, aber dann setzt man sich am Donnerstag abend also aufs Rad, zittert handschuhlos bis nach Neukölln und stellt in der Yuma Bar in der Reuterstraße fest, dass Frédéric Valin wirklich gut schreibt, und dass der Rest der Welt in Neukölln sehr, sehr jung ist und zudem auch noch so aussieht, also gut, sehr gut manchmal sogar, mit diesen langen, glatten, sehr gesunden Haaren, die man ab einem bestimmten Alter halt nicht mehr so hat, und dieser schlanken Pausbackigkeit, die sich auch irgendwann verliert. Alt fühlt man sich, sehr alt, älter als zwei von diesen Leuten zusammen, und weil man außerdem hungrig ist, geht man irgendwo um die Ecke bei einem überraschend ordentlichen Italiener was essen mit dem jungen Herrn, der einen begleitet, den zu fragen man sich gerade gar nicht traut, wie alt er eigentlich denn so ist. Die Antwort könnte nur fürchterlich sein. Nach dem Essen geht man dann sogar noch einmal zurück in die Yuma Bar, unterhält sich sehr, sehr nett und trinkt irgendwas, dessen Namen man nicht behält (so ist das ab einem bestimmten Alter), und rund um einen herum sind immer noch alle 20.

Dürfen die hier schon sein, fragt man sich. Oder darf ich mich hier noch aufhalten, fragt man sich weiter. Ich feiere nie wieder meinen Geburtstag, schwöre ich mir auf dem Weg heim, und wenn doch, dann sage ich keinem, wie alt ich werde oder behaupte irgendetwas, was bei näherer Betrachtung nicht stimmt.

Das Buch von Frédéric Valin namens "Randgruppenmitglied" ist aber altersunabhängig sehr zu empfehlen.

***

Internet habe ich ja auch nur noch im Café. Ab dem 14.10. soll sich das ändern, das ist gut, aber tatsächlich kommt man sich ein bißchen blöd vor, so mit dem macbook im Spreegold, weil das so etwas Selbstgefälliges ausstrahlt, dabei treibt mich die schiere Verzweiflung, die Sucht sogar nach dem Verbundensein mit der Welt, denn Telephon habe ich natürlich auch nicht, und zudem ist der Mobilempfang in meiner Wohnung ganz, ganz schlecht und bricht ab und zu plötzlich ab.

Ich war noch nie viel zu Hause, weil ich nie weiß, was ich da soll, aber zur Zeit hilft wirklich nur Arbeit oder Verreisen. Morgen fahre ich weg.

***

Das Schreiben im Café ist vor allem wegen der anderen Leute keine ernsthafte Alternative. Neben mir sitzen fünf Frauen, alle so circa 40 und blond bis auf eine, die anscheinend miteinander zur Schule gegangen sind. Jetzt wohnen sie offenbar alle in Berlin, haben sich zum Teil lange nicht gesehen und essen Salat. Alle. Salat.

Die fabelhaft schlanken Frauen um die vierzig erzählen einander den größten Schrott von allen. "Ich will auf keinen Fall eine Küche, die wie eine Küche aussieht.", sagt gerade die eine der anderen. Vorher ging es um Teilzeitmodelle in großen Kanzleien und Redaktionen oder so. Alle hauen ganz unglaublich auf die Sahne, schwenken den portablen Teil ihrer Besitztümer, und wenn ich jemals, irgendwann, vierzig hin oder her, so werde wie die Frauen neben mir, dann gehe ich nach Hause und hänge mich auf.



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