Sonntag, 30. Januar 2011

Was Very Heaven.

Weißt du noch, wie lackschwarz der Nachthimmel war, so sternklar, voller Glanz und Verheißung wie später nie wieder? Wie süß und wie ölig zog damals sich die Spree. Wie hallten vor Festen die Bässe. Und wie wir zu zweit morgens nach Hause gelaufen sind. Immer ein paar hundert Meter weiter voran, weil man auf meinen Schuhen noch nie gut laufen konnte, um dann erst mal Pause zu machen und auf einem Blumenkübel zu sitzen oder auf einer Bank oder in einer Fensternische, an herabgelassene Jalousien gelehnt.

Erinnerst du dich noch an den warmen Sekt? Es gab an irgendeinem Spätkauf an der Strecke nach Hause Rotkäppchen, der war zwar nicht kalt, aber dafür billig, und wir haben abwechselnd aus der Flasche getrunken, bis wir zu Hause waren, und den Rest verschenkt. Manchmal haben wir auch Kaffee aus Pappbechern getrunken, Splitterbrötchen gegessen dazu, wenn die Bäckereien schon geöffnet hatten und die Sonne leuchtete Friedrichshain aus, als sei die Stadt neu, verheißungsvoll, strahlend und rein.

Weißt du noch, wie gern ich getanzt habe damals? Ich war nie eine gute Tänzerin, nie ein Blickfang der Tanzfläche. Nie in der Mitte. Schwindelig habe ich auch damals nur mich selbst getanzt, aber schön war es, Tanz, Nächte, Heimweg und Sekt, dem Glück sah es schon verdammt ähnlich, das damals, und etwas Besseres habe ich niemals gefunden als das.

Sonntag, 23. Januar 2011

Die absolute Therapie

Sehen Sie, man kann doch inzwischen medizinisch meistens etwas machen. Diese Frau, der sie letztlich in den USA durch den Kopf geschossen haben. Leute, die seit zehn Jahren mit HIV leben. Frühgeburten, die so klein sind, dass sie aussehen wie Aliens, oder Gianna Nannini, die auf ihre sehr alten Tage ein wirklich spätes Kind bekommt. Alles eine Frage von ärztlicher Handwerkskunst und einer guten Medikation. Nur eine banale Erkältung, so etwas Schnupfen, Halsschmerzen, ein fest sitzender, bellender Reizhusten: Da muss man einfach durch.

Auf keinen Fall darf man zum Arzt gehen. Im Wartezimmer warten nämlich nicht nur alle anderen Kranken des Bötzowviertels, sondern auch alle Keime aller Krankheiten, die man noch nicht hat. Im Gegenzug steckt man selbst alle anderen Wartenden an, aber davon hat man natürlich nicht so besonders viel. Am besten ist es, man wartet einfach ab. Aspirin Complex ist ganz gut gegen die Symptome. Ingwer und Zitrone ist auch nicht übel. Manche Leute setzen auf Hühnerbrühe, die schmeckt wenigstens gut.

Verschwindet die Erkältung nicht nach spätestens drei Tagen von selbst, wird es natürlich unschön. Man wird ungeduldig. Man will gesund sein, man will nicht husten, man will so unvorsichtig drauflosleben, wie es nur ohne Erkältung sinnvoll ist, und dann begeht man Fehler. Man föhnt morgens seine Haare nicht ganz trocken. Man hat den ewigen Tee satt und stürzt sich einen halben Liter Almdudler eiskalt in den Magen. Man tanzt und schwitzt und fährt dann mit dem Rad nach Hause. Dann ist man richtig krank, muss zum Arzt wegen der Krankschreibung und legt sich daheim für mindestens eine Woche ins Bett.

Hat man einen geschätzten Gefährten, kann man sich gegenseitig Ping-Pong-Anstecken. Das geht so sicher ein paar Wochen. Irgendwann sind dann alle beide genervt, weil der andere so laut schnarcht und so schlecht gelaunt ist und so laut hustet. Dann streitet man sich, läuft erhitzt und ohne Shawl aus dem Haus, kehrt zu spät zurück ... das war es dann wieder.

Schwitzend und fluchend dämmert man dann so vor sich hin. Es wäre nicht übel, malt man sich aus, wenn die Medizin endlich etwas erfände. In der Medizin, so stelle ich es mir vor, ist es ja ähnlich wie im Fußball. Es führt nicht immer zum Erfolg, wenn man ganz, ganz viel Geld ausgibt, aber meistens halt schon, und so wäre vielleicht die Erkältung bald ein Stück Medizingeschichte, wenn die Gesamtheit der zumindest ab und zu Erkälteten Europas zusammenlegen würde, so jeder € 10 vielleicht, schnell kämen Milliardensumme zusammen, bestimmt machen die Amerikaner auch mit, wenn man fragt, und dann würden alle Forscher, die ansonsten gerade nichts auf dem Tisch haben, das ganze Jahr 2011 nach der Supertablette graben. Weihnachten wird das neue Medikament vorgestellt und 2012 ist es weltumspannend in jeder Apotheke erhältlich.

Sonntag, 16. Januar 2011

Katzenjammer

Ach, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, nichts ist es heute mit ein wenig Geplauder über Bücher, über gutes Essen und Neuigkeiten, wie sie Menschen zustoßen, die man kennt und teilweise schätzt. Nur allzu gern schriebe ich Ihnen etwas auf über die sehr, sehr großartige Caesar-Biographie von Christian Meier, die mir ein freundlicher Leser vor einigen Wochen hat schicken lassen. Ebenso gern zählte ich Ihnen auf, was ich gestern abend in Gesellschaft des des J, des R. und der I. im Paris Moskau alles gegessen habe. Auch die tatsächlich etwas merkwürdige Trennung der H. und des S., von der mir die Schwester des S. kürzlich berichtet hat .... aber ich muss passen. Den ganzen Tag, von morgens bis abends und nicht zuletzt nachts jault, maunzt, kreischt und jammert meine Katze Lilly. Dabei ist sie nicht krank. Es geht nicht um Schmerzen. Lilly fehlt nichts außer einem Kater.

Einen Kater allerdings habe ich nicht zu bieten. Der dicke Willy, meine hübsche, nur ganz leicht übergewichtige Tigerkatze, ist ein Kastrat. Fremde Kater mögen mir - die ich zwei, aber nicht zehn Kätzchen beherbergen mag - vom Halse bleiben, und so jammert Lilly immer weiter.

Zwar gibt es immerhin schon einen Tierarzttermin, um dem guten Tier die störenden Organe entfernen zu lassen. Auch soll Lilly ab nächsten Mittwoch Tabletten erhalten, die den jammervollen Zustand medikamentös beenden. Doch stets, wenn ich daran denke, Ihnen etwas über die gallischen Kriege, über das großartige Wagyu-Tartar oder das Zweierlei vom Pferd gestern abend oder diese Geistesgestörte, die einfach so auf dem Handy des S. ... ja, dann jammert sie wieder. Meinen Nachbarn gegenüber hätte ich ein schlechtes Gewissen, wären deren Kinder nicht mindestens ebenso laut. Aus dem Haus würde ich gehen, aber ich bin ein wenig erkältet, fröstele den ganzen Tag mit Halsweh und ein wenig Gliederschmerzen so vor mich hin, liege folglich bis jetzt noch im Bett, und höre meiner Katze zu, wie sie laut, durchdringend, klagend nach Katern ruft, die es hier (gottlob!) nicht gibt.

Samstag, 8. Januar 2011

The Joy Of Living

Ich weiß nicht, wo sie sind. Ich hatte vier, zwei für Longdrinks aus gefrostetem Glas, eins davon mit Flamingos, zwei Sektschalen mit farbigem Fuß, und dazu Quirle aus Kunststoff, an deren oberem Ende je ein Wölkchen prangte. Untersetzer, ebenfalls in fröhlich-bunten Farben, gehörten auch dazu.

Ich glaube, es waren Geschenke. Freundinnen hatten mir die Gläser geschenkt. Ich habe eine vage Vorstellung von Cellophan und bunten, gekräuselten Bändern. Gefreut habe ich mich, da bin ich mir ziemlich sicher. Ich weiß nur nicht mehr, wieso. Ich habe doch damals weder Longdrinks noch Sekt getrunken. Ich wurde 13 damals, glaube ich. Ich mochte Pferde und war Landesmeisterin im Doppelzweier. Ich hatte zwei hohe Ivar-Regale voll mit Büchern und zwei niedrige Ivar-Iegale, in denen auch Bücher waren und Brettspiele. Sagaland und Yenga und den ganzen Rest.

Auf den niedrigen Ivar-Regalen hatte ich bunte, sehr dünne lila Papierservietten ausgebreitet, die auch irgendwie mit den Leonardo-Gläsern zusammenhingen. Darauf standen die vier Gläser und mein erstes Teeservice, eine schwarze Kanne mit Lackmalerei und einem geflochtenen Griff und vier kleine Schalen ohne Henkel, in die rein gar nichts passte. Meine Großmutter hatte mir eine Zuckerdose gegeben, buntgeblümtes Nymphenburger Porzellan mit einer Knospe als Griff, die stand dazwischen. Das ganze Ensemble war von unglaublich schreiender Scheußlichkeit.

Meine Freundinnen hatten noch viel mehr Gläser und teilweise sogar Tabletts. Meine Freundin L. hatte eine Vitrine, die war voll. Wir haben alle ganz, ganz viel von diesem Zeug bekommen, wir haben uns gegenseitig diese Gläser geschenkt und sie nie benutzt. Wir haben nichts davon in unsere ersten Wohnungen mitgenommen. Mir scheint, die Gläser waren schon lange vorher - so mit 15, 16 - nicht mehr da. Irgendjemand muss die Gläser beiseite geschafft haben, denn in den Schränken meiner Eltern waren sie jedenfalls nicht. Vielleicht habe ich sie irgendwann in die Küche gebracht, und vielleicht hat meine Mutter die Gläser irgendwann heimlich (aber gern) im Garten zertrümmert.

Donnerstag, 6. Januar 2011

Die Anderen

Im Zug heim von der Ostsee nach Berlin den anderen Frauen in die Gesichter zu schauen. Sich die knallroten, schlecht geschnittenen Haare wezugdenken, die in Brandenburg aus irgendwelchen Gründen sehr, sehr beliebt sind. Die Anoraks, formlos und bunt. Zu überlegen, wie alt die Frauen wohl sein mögen, von wo sie kommen, und wo es hingehen soll. Ob es ihnen gut geht. Ob sie alles haben, was eine Frau braucht.

Die meisten Frauen aber sehen schlecht aus. Ein bißchen bis ziemlich zu dick. Bleich, rotgeädert, aufgesprungen und teigig. Viele der Frauen wirken ein wenig stumpf und tragen ihre Körper durch die Welt, als sei er ihnen gleichgültig. Weich, gecremt und rasiert, massiert und gestreichelt wirken die Wenigsten, und die Mundwinkel zeigen so direkt zum Boden, als führten alle Wege der Welt vor die Hunde.

Ob es den anderen Frauen manchmal leidtut um ihr einziges Leben und deren Verlauf, frage ich mich und schaue zwischen den dösenden Körpern hindurch durch das Fenster ins Schwarze. Ob sie an irgendetwas hängen, ein Kind vielleicht, eine Katze, ein Mann? Wovon sie geträumt haben, als sie noch am Leben waren, warum nichts draus geworden ist, und weshalb sie ihr Leben nicht liegenlassen, um irgendwo anders jemand anders zu sein.



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Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
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