Montag, 3. Oktober 2011

Ruhig sein soll.

Nichts, sage ich. Zumindest nichts Nützliches. Und nicht so viel. Einfach herumliegen würde ich derzeit sehr gern, bevorzugt am See, Wälder rundherum, ein blauer, straff gespannter Himmel.

Niemand sollte anrufen können und keiner kommen. Vielleicht höchstens (am Wochenende gern, gern auch spät abends) der J. Träge glucksend soll Wasser auf Kies und Steine schlagen, ein par Katzen sonnen sich träge auf Stapeln von Holz, und die Stunden wehen unhörbar vorbei wie ein Duft nach frisch geschlagenen Bäumen, nach Harz und Rauch über Hügeln.

Mittwoch, 28. September 2011

Der B., die D. und das Vergessen

"Hey!", begrüßt mich der B. auf dem Markt vorm Stand vom Metzger und schiebt mit der linken Hand seinen kleinen Sohn an einer Frau mit Zwillingswagen vorbei. Es gehe ihm gut, entnehme ich dem kurzen Gespräch in der Schlange, er habe die Kanzlei gewechselt, seine Freundin geheiratet, mit der er das Kind hat, und ganz um die Ecke eine Wohnung gekauft. - "Schöne Grüße an die D., wenn ihr euch noch seht!", lässt er noch ausrichten, als die Verkäuferin mich zum zweiten Mal aufruft, zu bestellen. "Richt' ich aus!", wende ich mich noch einmal kurz nach hinten und ordere dann frische Weißwürste, ein Stück Leberwurst und werfe einen begehrlichen Blick auf die Lammrippchen. Dann gehe ich heim.

"Ach - der!", gluckst die D. am Montag drauf, als ich die Grüße ausrichte. Der, meint sie. Der mit den Halluzinationen. Die D. lacht und auch am Telephon höre ich die D. fröhlich den Kopf schütteln. Dann fällt auch mir alles wieder ein: Der B. und die D. und der nie geklärte Pfingstmontag.

Eines Tages nämlich - das ist schon ziemlich lange her - saßen die D. und ich vor dem 103 in der Kastantienallee. Da gehen wir schon lange nicht mehr hin, aber damals waren wir andauernd da, frühstückten, tranken frischen Pfefferminztee und den schlechtesten Wein der Stadt, und meistens trafen wir irgendwen, weil alle dahingingen. An diesem Tag, es war ein Pfingstmontag, trafen wir irgendwann spät auch den B. Der B. war ein Bekannter von mir, der D. aber sichtbar auf Anhieb sympathisch.

Was wir alles getrunken haben, habe ich vergessen. Irgendwann schloss das 103 und der große, schlanke Kellner, der, glaube ich, Klaus heißt, klapperte so ausdauernd mit Gegenständen, dass wir gingen. Irgendwann waren wir dann in Mitte. Und in Friedrichshain. Und noch später wieder in der Metzer Straße in der Wohnung vom B.

Die Wohnung vom B. war damals eine Art antibürgerliche Installation. Es war wirklich schmutzig, aber es gab noch Bier und Wodka, und als ich ging, war sogar immer noch etwas da. Mit mir brach der K. auf, den hatten wir irgendwo in Mitte aufgelesen, und erzählte mir am Rande des Bauspielplatzes in der Kollwitzstraße eine lange, ziemlich unwahrscheinliche Geschichte. Während dessen wurde es unfassbar hell.

Ein paar Tage später traf ich die D. wieder irgendwo. Es sei nicht mehr viel passiert in dieser Nacht, meinte sie eher beiläufig. Sie sei irgendwann beim B. auf dem Sofa eingeschlafen und am nächsten Morgen hätte sie mit dem B. im MS Völkerfreundschaft gefrühstückt. "Netter Kerl so an sich.", meinte sie, und dann sprach sie nicht mehr vom B.

Der B. dafür sprach um so mehr von der D. Anders als jene meinte der B. nämlich sich durchaus an bemerkenswerte Vorfälle zu erinnern, auch sei das Frühstück (hier stimmten wenigstens wieder die gemeinschaftlichen Rahmendaten) durchaus romantisch verlaufen, und so fühlte sich der B. wohl durchaus zumindest subjektiv zu recht enttäuscht, dass die D. keinerlei Anstalten machte, sich erneut zu verabreden oder sich zumindest an ihn zu erinnern. Auf ein oder zwei SMS kam wohl keine Antwort.

Die D. dagegen schwor Stein und Bein, da sei nichts gewesen. Die D. gehört auch nicht zu den Leuten, die solcherlei Intermezzi absichtsvoll verschweigen. Man darf der D. daher abnehmen, dass sie sich zu Erinnerungen bekennen würde, besäße sie jene, und auch, dass sie derlei Ereignisse an sich nicht einfach vergisst. So viel, dass das Vergessen pharmakologisch bedingt eingetreten sein könne, habe sie zudem bei weitem nicht getrunken, behauptet die D. bis heute und so schwebt ein Mysterium über diesem Pfingstmontag, ein dunkler Fleck in der Privatgeschichte der D.und des B., unaufklärbar wie alle wahren historischen Rätsel.

Sonntag, 18. September 2011

Unerträglichkeit am Sonntag

Jeden Sonntag steht in der Zeitung, die Gegenwart sei eigentlich nicht auszuhalten. Letzten Wochen heulten irgendwo die Dreißigjährigen, die Wahlmöglichkeiten zwischen unterschiedlichen Lebensmodellen machten sie depressiv. Heute behauptet ein bücherschreibender Pädagoge oder Kinderpsychiater oder so in der FAS, dass Eltern auch wegen der vielen schlechten Nachrichten in der Zeitung zu unentspannt seien und deswegen ihr Nachwuchs trotz größter Bemühungen psychisch missrate. Man müsse mehr intuitiv erziehen und den Katastrophenmodus verlassen. Nächste Woche weinen dann vermutlich wieder die Sozialverbände.

"Glaubst du, den Leuten geht es wirklich seelisch so dreckig?", frage ich den J. und verteile den restlichen Orangensaft möglichst gerecht auf beide Gläser. "Ausgeschlossen ist das nicht.", gähnt der J. und liest nicht ohne einen Anflug genießerischer Schadenfreude etwas über die Malaisen der Katholischen Kirche. Der geschätzte Gefährte ist evangelisch und freut sich - auch wenn er es nicht zugeben würde - gelegentlich ein bißchen über die schlechte Presse der Konkurrenz. Manche Leute, gibt er dann noch zu bedenken, seien halt einfach etwas empfindlicher als andere.

"Aber wieso schreiben dann immer nur die die Zeitungen voll?", frage ich mehr mich als ihn und schneide möglichst gerade Scheiben vom Stilfser Käse. Der J. zuckt mit den Achseln und sagt nichts, weil man mit vollem Mund nicht sprechen kann, und verzehrt den letzten Rest eines sehr alten, kristallin erstarrten rot-goldenen Goudas.

"Das ist doch bestimmt eine ganz besonders raffinierte Strategie.", fahre ich fort und schaufele mir weiteren Tomatensalat auf den Teller. Es ist doch kein Zufall, dass so etwas immer in den Sonntagsblättern steht. Da sitzen irgendwo die Redaktionen, planen ihr Blatt, und überlegen, was der Sonntagsleser ganz besonders gern lesen will, wenn er da so sitzt, morgens um elf mit wuscheligem Haar und Schlaf in den Augen und einem Latte Macchiato im Glas. Am Sonntag sind die meisten Leute ja mit sich total im Reinen. Alles, was man so machen muss, hat man - wenn man es denn tut - am Samstag erledigt. Der Kühlschrank ist voll. Das Diensthandy liegt saftlos und unbeachtet in einer Schreibtischschublade. Um die Hosenbeine streichen die Katzen, und um dieses Hochgefühl sonntäglichen Müßiggangs noch weiter zu steigern, schreiben die Zeitungen, wie schlecht es anderen Leuten geht, die Entspannungs- oder Entscheidungsprobleme haben.

Der Sonntagszeitungsleser soll sich dabei wohlig gruseln und ein klein wenig überlegen fühlen, weil er sich eigentlich immer und mühelos entspannt, sobald man ihn lässt. Außerdem hat er ein Gesprächsthema, wenn er mit dem Gefährten seines Frühstücks erörtert, ob es eigentlich wirklich Leute gibt, die sich von den Katastrophen, die in der Zeitung stehen, irgendwie beunruhigen lassen, und bestimmt - so vermutlich das Kalkül der Blattmacher - kauft er auch nächstes Wochenende eine Zeitung und freut sich seiner Existenz.

Sonntag, 28. August 2011

Ja, ausgerechnet Rhabarber!

Mit der Mode ist es ja eine Sache. Man will auf der einen Seite nicht jeder Mode hinterherrennen, weil man das für ein Zeichen für Dummheit hält, ganz unberührt bleibt man aber auch nicht auf der anderen Seite, denn man ist ja in der Welt, sogar sehr in der Welt, weil man halt nicht in einer abgelegenen Ecke eines Mittelgebirges in einem Dorf ansässig ist, sondern mehr so mitten in Berlin, und als Berlinerin steht man also am Sonntag früh beim vietnamesischen Supermarkt herum, eine FAS in der einen Hand, ein Stück Butter in die Zeitung geklemmt und obendrauf ein Liter Rhabarbersaft. Rhabarbersaft zur häuslichen Zubereitung von Schorle.

Weil der vietnamesische Supermarkt am Sonntag die quasi einzige Gelegenheit zwischen Greifswalder Straße und Volkspark ist, einzukaufen, ist die Schlange an der Kasse lang. Vor mir stehen vier Leute mit Körben in der Hand, teilweise mit kleinen Kindern, und weil ich neugierig bin, mustere ich die Körbe ein bißchen, was die anderen Leute so kaufen. Milch wird viel gekauft, registriere ich. Butter scheint auch bei anderen Leuten überraschend oft gerade am Wochenende auszugehen. Außerdem kauft man Saft, Rhabarbersaft, um genau zu sein, der in drei von vier Körben in der Schlange vor mir liegt, und ich kräusele ein bißchen unbehaglich die Nase, weil es ja - siehe oben - gerade nicht so ein angenehmes Gefühl ist, genau das zu kaufen, was alle kaufen, denn auch ich glaube nicht gern von mir, jeder Mode hinterherzulaufen, die gerade die Stadt durchquert, selbst wenn es eine so wenig auffällige Mode sein mag, wie der kollektive Umstieg von tout Berlin von Bionade auf Rhabarsaftschorle, der mir aus den kleinen gelben Körben in der Schlange an der Kasse entgegenspringt.

Dass auch alle anderen Leute Sonntags eine FAS kaufen, überrascht dagegen nicht, Was sollen sie auch sonst kaufen; das Sonntagszeitungswesen ist ja so ein bisschen monopolisiert, wenn man die WamS nicht kaufen will. Nur der erste Käufer in der Schlange hat keine FAS im Korb, sondern einerseits den Kicker und andererseits 11 Freunde. Nicht zum Abkassieren, sondern einfach so, hat er außerdem zwei Kinder dabei, augenscheinlich Zwillinge, circa vier, die beide in Polos und Chinos und Chucks zwar unterschiedlich bunt, aber ansonsten ganz gleich angezogen neben ihm lebhaft auf und nieder hopsen.

"Ja, ausgerechnet Rhabarber! Rhabarber verlangt sie von mir!", brüllen die beiden kleinen Buben überraschend melodisch, und der eine, der mit dem roten Polo mit dem grünen Pferd, schwenkt einen Liter Bio-Rhabarbersaft so wild hin und her, dass wohl nicht nur ich schon größere Katastrophen wittere, die dann aber - Gott sei's gedankt - nicht eintreffen.

"€ 8,65!", sagt die Frau an der Kasse, und der andere Zwilling legt einen zerknitterten Zehner auf den Tisch.

Donnerstag, 25. August 2011

In Ordnung

"Weiß nicht.", sage ich. Ich arbeite zuviel. Ich habe so viel zu tun wie zuletzt 2007 und fühle mich dabei gar nicht wie irgendwas, sondern nur einfach so da. Das ist eine etwas merkwürdige Empfindung, ganz gut, aber emotional ein bißchen entkernt und vor allem bin ich meistens ein bißchen müde.

"Stell dich nicht so an.", sage ich mir und schneide lustige Grimassen vor dem Spiegel, damit es auch mal was zu lachen gibt, mache die Dinge, weil sie anstehen und esse abends schweigend und erschöpft mit einer Zeitung in der Hand ein paar Tomaten oder eine Suppe oder etwas, was ich mir auf dem Heimweg hole, wenn der Thai um die Ecke noch offen hat und mir etwas kocht.

Früher war in solchen Nächten Sommer, denke ich auf dem Heimweg, kurz nach elf, und schaue in die schwarzen Bäume. Auch nächstes Jahr wird wieder Sommer sein, denke ich dann und überlege, wie das alles wohl wird, und fahre heim und mache weiter, denn navigare necesse est und alles in allem schon ganz okay.



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