Montag, 30. Juli 2012

Nora ist jetzt ziemlich fertig

"Nützt ja nichts!", sage ich also letzte Woche zum J. "Besser wird's nicht.", scrolle ich ein bißchen durch meinen Roman. 113 Seiten sind es jetzt, also nicht so besonders viel, und neben einigen Episoden, in denen Nora vergeblich einen Mann sucht, der sie mehr amüsiert als der, den sie hat, gibt es noch zwei Kapitel, in denen Nora einmal mit ihrer Familie und einmal mit einem alten Freund über so dies und das mit den Bienchen und den Blümchen konversiert.

Immnerhin, spreche ich mir Mut zu, habe ich endlich eimal einen Text nicht nur angefangen, sondern auch fertiggestellt. Ich mache also Fortschritte. Bis jetzt hat das nie hingehauen. Ich bin nämlich nicht nur ziemlich faul, sondern auch ziemlich unsicher, ob das, was ich schreibe, Hand und Fuß hat oder schlicht unter lächerlich vertane Zeit fällt. Bisher habe ich deswegen jedesmal, wenn mir jemand mitgeteilt hat, ich schriebe gerade haltlosen Blödsinn, aufgehört. Diesmal habe ich den Roman deswegen bis zum Ende niemandem gezeigt.

Erst am Samstag packe ich die Datei in eine Mail und schicke Sie Herrn Glam. Der versteht etwas von Literatur und hat ähnliche Vorstellungen von Literatur, Unterhaltung und Kunst wie ich. Dann sitze ich vor dem Rechner, lese noch ein bißchen in den Kapiteln, die mir besonders gut gefallen haben, als ich sie geschrieben habe, und hoffe und bete, dass der Text diesmal besser ist als die Romananfänge aus früheren Jahren, die mir die Freunde, denen ich sie gezeigt habe, verrissen haben. Am Dienstag kommt dann eine Mail von Glam, und es ist kein Verriss. Ich atme auf.

Am Abend lese ich noch einmal etwas unschlüssig im Text herum. Dann schreibe ich eine E-Mail. Eine Agentin soll das Manuskript erhalten, also jemand, der professionell liest und mich nicht kennt. Ich schließe für 30 Sekunden die Augen. Dann klicke ich: Senden. Ab jetzt wird gewartet.

Samstag, 28. Juli 2012

Auszugsschmerzen

"Hoffentlich haut das hin mit dem neuen Bett.", sage ich also ungefähr vor sechs Wochen und betrachte kritisch mein Kind. Kind F. aalt sich sehr zufrieden in dem kleinen Beistellbettchen direkt neben mir und sagt irgendetwas Undefinierbares, das klingt wie "Aaarp. Aaargh. Örrööö." Es hört sich irgendwie nicht nach Zustimmung an, fürchte ich. Ich wäre gern mal wieder allein mit dem J., aber der F. scheint den Wunsch nach separaten Schlafstätten nicht zu teilen.

"Hoffentlich haut das hin mit dem Durchschlafen trotz Jet Lag.", sage ich ungefähr vorgestern, weil der F. trotz Rückkehr nach Berlin nach wie vor im Rhythmus der amerikanischen Westküste zu ziemlich blöden Zeiten munter ist. Nachts etwa schläft er zwar ordnungsgemäß ein, wacht dann aber um 3.22 Uhr auf, muss zu uns ins Bett geholt werden und schlummert erst eine halbe Stunde später wieder ein. "Das nervt.", sage ich zum J. Der J. sieht das auch so.

"Hoffentlich klappt es heute.", sage ich gestern zum J. und verpacke den F. sorgfältig in seinen neuen Sommerschlafsack. Dann legt der J. den F. in sein neues, separates Bett. Zwanzig Minuten später schleichen wir uns weg und gehen mit dem Babyphon bewaffnet bei der Bar gegenüber Wein trinken.

Als wir nach Hause kommen, träumt Kind F. selig und lächelt im Schlaf wie eine kleine, fette Putte. "Hoffentlich schläft er heute durch.", sage ich zum F., und dann schlafe ich selbst. In meinen Träumen wandern lauter dicke Tiere im Gäsnemarsch singend durch eine sehr gelbe Sahara.

Um 4.00 Uhr morgens wache ich auf. Es ist irritierend still. Vorbei am selig schlummernden J. schleiche ich mich zum F. und schaue ins Bett. Mit offenen Augen, aber offenbar ruhig und zufrieden, liegt der F. auf dem Rücken und lächelt mich an. "Magst du trinken?", frage ich ihn und verabreiche ihm etwas Milch. Drei Minuten später seufzt der F. zufrieden auf, schließt die Augen und schläft ein. Ich bleibe neben seinem Bett stehen und schaue ihn an. F. scheint selig zu schlummern. Ohne Baby im Arm schlurfe ich ins Bett zurück und lausche. Ich höre: Nichts.

Inzwischen bin ich hellwach. Leer klafft neben mir das Beistellbett. Zwischen dem J. und mir befindet sich nichts als Luft. Auf dem Rücken liegend ziehe ich die Beine an und schaukele ein bißchen hin und her. Dann stehe ich noch einmal auf und gehe zum F. Der F. schläft.

"Was ist denn?", ächzt der J. schlaftrunken, als ich wiederkehre. "Weiß nicht. Ganz komisch ohne Baby.", sage ich und versuche, wieder zu schlafen. Einen letzten Blick werfe ich auf die Uhr. Es ist 4.35 Uhr.

In drei Stunden, rechne ich mir aus, kann ich aufstehen und F. holen.

Mittwoch, 25. Juli 2012

Nach Hause

10.000 Meilen über dem Meer döse ich ein. Ich habe etwas an der Bucht liegen gelassen, formt sich ein vager Traum, den die Stewardess mit einem Glas Wasser jäh zerreisst. Was mein Traum auch immer an den Strand von Carmel gelegt hat: Es wird doch bleiben, mondweiß und ungeformt und schimmernd vielleicht für später.

Als die Anschnallzeichen aufleuchten, wache ich ganz auf. Der F. liegt in einem kleinen Bett vor uns, das bei Turbulenzen abgehängt wird. Für 20 Minuten sitzt der F. also auf meinem Schoß und umklammert seine Füße. "Dir hat es überall gefallen.", flüstere ich ihm lobend ins Ohr. Nur in Las Vegas war der F. verstört und hat weniger gelacht als üblich. "Jetzt geht es nach Hause.", sage ich ihm und frage mich, ab wann man weiß, dass es ein Zuhause gibt und wo sich das befindet.

Als es wieder ruhig ist, döse ich noch einmal ein. An die Fische in Monterey denke ich, da gibt es ein großes Aquarium, und dass ich 36 Jahre lang nicht wusste, wie schön Quallen sind, wie wunderbar zart und herrlich anzusehen in bunten Farben oder ganz weiß wie allerfeinste, hauchdünne Seide. An die Spaziergänge am Meer denke ich, ans Kaffeetrinken an der Fillmore Street, an den Himmel, der nirgendwo so schön ist wie am Meer.

"Ich freue mich auf Zuhause.", sage ich dem J., als der wieder erwacht, und male mir die nächsten Tage aus. Ich liebe den Berliner Sommer, plane ich die letzten Tage der Elternzeit, und als wir Amsterdam erreichen, kann ich Berlin kaum noch erwarten: Berlin. Amour.

Sonntag, 22. Juli 2012

Gemüsetage

Wissen Sie, ich existiere hier ja eigentlich vor mich hin wie Gemüse. Ich schlafe lange. Dann stille ich den F. und spiele ein bisschen mit ihm, bis er wieder einschläft. Meistens stehe ich dann irgendwann auf und gehe mit dem J. irgendwohin. Der F. hängt dann auf J.s Bauch und schaut sich um.

Heute beispielsweise sind wir nach dem Aufstehen - das war so circa gegen eins - mit dem 38L von der Divisadero zur Market Street gefahren, das ist Downtown zwischen den Hochhäusern der Banken. Heute ist Samstag, deswegen ist da nichts los. Wir sind die Market Street abwärts geschlendert, ich habe photographiert. Dann haben wir ungefähr zwei Stunden lang im Yank Sing gegessen, das ist so ein Dim Sum Lokal, wo ältere chinesische Kellnerinnen auf kleinen Teewagen vorwiegend Teigtaschen, aber auch andere Kleinigkeiten herumfahren. Man sagt der jeweiligen Kellnerin dann, was man haben will, und isst auf diese Weise viel zu viel. Es war aber köstlich.

Wenn wir essen gehen, sitzt der F. immer bei einem von uns auf dem Schoß. Meistens macht er das gutmütig mit. Nur dann, wenn das Essen sehr stark und sehr gut riecht, wird er wütend und versucht, mit den Händen nach dem Essen zu greifen. Zum Glück gelingt ihm das nie.

Nach dem Essen waren wir spazieren. Ich kann gar nicht sagen, wo wir eigentlich lang gelaufen sind. Wir waren im Fery Building, soweit ist die Sache klar. Wir haben Eis gegessen und auf den Pazifik geschaut und den anderen Leuten zgeschaut, wie sie Wochenende machen, und ich habe mir einen Hut gekauft, einen Herrenhut von Dobbs, und dann sind wir wieder nach Hause gefahren, es gab Salat und Sauerteigbrot mit Pastrami und Trüffelkäse. Ich habe gelesen. Ich habe mit dem F. das Klopfspiel gespielt, das darin besteht, dass er auf dem Schoß des J. sitzt, ich ihm gegenüber, und wir beide gleichzeitig mit der flachen Hand auf den Tisch klopfen. Das kann F. noch nicht lange.

Das war eigentlich alles. Wie gesagt: Wie Gemüse.

Samstag, 21. Juli 2012

Am Wasser

Und dann an den Klippen stehen. Tief unter uns rauscht der Pazifik klar und grün, und über den roten Klippen wiegt sich eine Zypresse im Wind. Es ist ganz still hier: Man hört nur die Wellen.

Alles Leben, denke ich, kommt aus dem Meer, und wenn Gott genug von uns hat, schickt er die Fluten, uns zu beenden. Aller Dinge Anfang und Ende ist nass, und so sitzen wir niemals näher am Grund aller Dinge als hier, am Meer. Am Rande des Highway 1, irgendwo zwischen Carmel und L.A.



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