Sarabande

„Komm näher.“, flüstere ich in den Schatten neben dem Schrank, in die Falten der Vorhänge und setze mich auf. Schon rührt sich etwas zwischen Balkontür und Bett, jemand tanzt in meinen Augenwinkeln ein paar Schritte über die Dielen und singt ganze und halbe Takte mit schwankender, trunkener Stimme.

„Du kannst doch gar nicht singen.“, lache ich ihn aus und greife nach seiner Hand. „Tanz mit mir“, singt er, dreht mich um die eigene Achse und zieht mich an seine Brust, wo es nach Zimt riecht, nach Pfeffer und Zedern, und er dreht mich immer schneller, mit sicherem Griff um die eigene Achse, dreht mich wieder aus, und seine Hand wird wärmer auf meinem Rücken. „Du atmest ja wieder.“, flüstere ich ihm zu, und lasse Nina Simone lauter singen, black is the color of my true love’s hair. Sicher und fest setzt er seine Füße auf meine Dielen.

„Bist du es auch?“, frage ich ihn und fahre ihm zweifelnd durch das Haar und über die rissigen Lippen. Er lacht mich aus, dreht mich schneller, wirft mich heftiger über den Boden, und seine Füße stoßen das Holz, als wolle er Löcher in die Dielen treten. Seine rechte Hand greift kraftvoll um meinen Nacken, meinen Hals, und mit dem Zeigefinger tastet er den Kehlkopf ab und die Sehnen, die den Kopf halten.

„Komm näher.“, bitte ich ihn, und er gräbt seine Finger tief in meine weichen Seiten. „Komm näher.“, bettele ich, und er fährt mir mit seinen Nägeln durch die Haut und greift mir ins blutige Fleisch, bis ich schreie. „Spürst du mich?“, fragt er und schiebt seinen kleinen Finger in meine Adern, dass das Blut an den Seiten brennend über seine Hände läuft.

Rauh leckt er mir über die Lider, bis es dunkel wird, Purpur und Schwarz. „Noch näher?“, fragt er, und streicht durch das klaffende Fleisch den Knochen entlang, und ich nicke. Lauter wird das Reißen an meiner Haut, schmatzend löst sich das Fleisch von meinen Knochen, und am Ende wird er meine Haut in den Wind hängen, der durch die Bäume streicht, und allein weitertanzen, die ganze Nacht und später, irgendwann, wenn es mich nichts mehr angehen wird, in aller Helligkeit des Morgens.

che2001 - 22. Mär. 2006, 11:15 Uhr

Boah!

Großartig. Wenn es jemals eine gebundenen Best-of-Modeste-Ausgabe geben sollte,
muss dieser Text unbedingt dabei sein.
novesia - 22. Mär. 2006, 11:17 Uhr

!
engl - 22. Mär. 2006, 13:38 Uhr

interessanter titel
tomreuter - 22. Mär. 2006, 13:55 Uhr

Hier fehlt ein Flaschengeist

Das ist mir - zu melancholisch, zu düster, zu zerfressen von irgendwas, was ich lieber nicht wissen will. Ich hab mal kurz via iTunes in die Musik hineingehört ... passt. In der beschriebenen Umgebung stelle ich mir genau so ein verstimmtes Klavier vor.

Wenn so ein Klavier in meinem Haus stünde, dann stünde darauf eine Flasche mit einem Geist. Und falls so ein Etwas mich dann zum Tanzen aufforderte, bräuchte ich dabei nur ganz versehentlich gegen die Flasche zu stoßen (das merkt das Scheusal nicht) - und dann käm der Geist und würde von Bach den Schlußsatz vom 4. Brandenburgischen spielen, und zwar laut und lärmend.

Und schon bei den ersten beiden Viertelnoten im Cello würde sich das Scheusal von mir abwenden und sich unsicher umdrehen, dann geht - immer noch im Cello - der Tanz los, und kaum dass sich das Untier darauf eingelassen hat, fegen ihm die Violen eins über den Pelz, genau dieselbe Methode, erst zwei Schläge mit den Vierteln, dann ein kurzes Intermezzo papapaaa papapaaa und dann die kleinen Dolchstöße mit den Achteln, dann die zweiten Geigen genau das gleiche, dann die ersten Geigen, aber das - und das weiß das Scheusal nicht - sind ja noch gar nicht die wahren Gegner, das waren erst die Provokateure, die den Stier wild machen sollen, denn nach 22 Takten treten die beiden Helden in Gestalt zweier strahlender Altblockflöten auf den Plan - und die zwingen ihn mit ihren Silberklingen zu Boden, denn sie tanzen nicht mit ihm, sondern auf ihm, bis ihm die Zunge aus dem pfeifenden Halse hängt.

Und ich, ich setze mich in meinen Büchersessel und schau es mir in Ruhe an. Vielleicht guck ich auch anschließend noch die Tagesschau, wer weiß.
Modeste - 22. Mär. 2006, 14:48 Uhr

Danke, Che, für's Kompliment. Und danke, Frau Novesia, für Ihr Ausrufezeichen. "Interessant", Frau Engl, dagegen gehört ja zu den Prädikaten, die man so gemischt gern hört, und gar nicht gern höre ich ja eigentlich Bach, Herr Reuter, und würde meine Wiedergänger vielleicht selbst dann nicht vom Hof jagen, wenn ich es könnte.
engl - 22. Mär. 2006, 15:15 Uhr

'interessant' bedeutete in diesem fall einfach nur interessant, gar nichts weiter. es scheint ja eine gewisse befriedung in der entwicklung dieser musik zu liegen.
tomreuter - 22. Mär. 2006, 18:45 Uhr

Ja, mit Bach ist das wie mit allem: dem einen hilft ein Stoßgebet, der andere geht zum Arzt, manche machen beides und diskutieren dann über die Reihenfolge ... ach.

Der Text erzeugt bei mir eine düstere Edgar-Allan-Poe Stimmung. Ich fühle mich beim Lesen fast wie in ein Loch hineingeschlürft und suche nach einer Stelle wo es heißt: war nur ein Traum. Is aber nich. Also hab ich mir selber einen Ausweg basteln müssen. Oder hätte ich das nicht so öffentlich tun sollen?
Modeste - 23. Mär. 2006, 0:15 Uhr

Doch, klar. ich mag lange, ausführliche Kommentare. Und das "nur ein Traum" müssen Sie sich dazudenken.
che2001 - 22. Mär. 2006, 15:42 Uhr

Der Ausdruck "interessant" ist in der Tat sehr missverständlich.
Ich erinnere mich daran, dass ich einmal eine Frau als "Interessant"
bezeichnete und sie deswegen fast beleidigt war, dabei bedeutete das
bei mir, das ich gerne eine Beziehung mit ihr hätte.
burnston - 22. Mär. 2006, 20:59 Uhr

Die Klingen der Nachtmahr

Ich zitiere (wie schon bei mir drueben) nochmals diese Band, weils so schoen passt:

Go run along my little nightmare.
Your job is done here.
You’ve scared them all to death.
If they revive them just sit there.
Just smile dear. Make them thankful for every breath.

(Alkaline Trio: Sadie)
Modeste - 23. Mär. 2006, 0:13 Uhr

Schön. Kenne ich noch nicht, höre ich mir mal an.
Au-lait - 25. Mär. 2006, 11:01 Uhr

Mitreißend zerreißende Leidenschaft, gluttrunkene Ausgezogenheit, in wundersam sinnliche Worte gekleidet. Famos, Frau Modeste, famos.
Modeste - 26. Mär. 2006, 22:23 Uhr

Danke, Ole.

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