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Montag, 23. November 2009

Vor dem Herren beider Länder (1986)

Ich bin verliebt. Leider beachtet der schöne Page mich ebenso wenig wie die S. aus Stuttgart, deren Eltern mit meinen abends an der Bar sitzen. Die S. und Schwesterchen und ich sitzen solange gemeinsam auf dem Balkon und spielen Mensch-ärgere-dich-nicht. Weitere Spiele haben wir aus irgendeinem Grund nicht mit.

Es ist wahnsinnig heiß. Rund um Luxor flimmern die roten Berge in der Sonne. Auf allen Photos aus jenem Sommer ist der Himmel so blendend weiß, wie ich mir den Tod vorstelle, irgendwann später, aber in diesem Sommer bin ich noch zehn und unsterblich. Damit das auch so bleibt, haben Schwesterchen und ich strikte Order, was gegessen werden darf und was nicht.

Die honigtriefenden Süßigkeiten vor Ort gehören nicht dazu. Jedesmal, wenn sich mir einer mit klebrigem, triefenden Konfekt nähert, presse ich die Lippen aufeinander und schaue weg. Manche Ägypter lassen dann locker, andere aber versuchen mit Worten und Gesten die Vorzüge ihrer Spezialitäten anzupreisen. Ich bin genervt.

Überhaupt bin ich von den Ägyptern enttäuscht. Ich mag überhaupt keine lauten Leute, ich mag keine Leute, die einen anfassen, ich finde die Zähne der Händler in die Souks widerlich, und die Gerüche in den Straßen gefallen mir auch nicht. Sowieso: Das hunderttorige Theben, teile ich meinem Vater mit, kann mich mal. Auch die Pyramiden habe ich mir größer vorgestellt. Man erträgt mich mit freundichem Stoizismus.

Auf Ausflüge habe ich nur so mittelviel Lust. Ich mag das Hotel mit seinen Samtfauteuils. Ich mag die Quasten, die ein wenig staubig riechen, nähert man sich ihnen mit dem Gesicht, und ich mag die krakelierte Trinkgläser mit dem schmalen, goldenen Rand. Es gibt viel, viel modernere Hotels vor Ort, die größere Pools und eigene Kinderarenen unterhalten, aber ich sitze gern mit S. aus Stuttgart in der Lobby und sehe dem schönen Pagen zu. Irgendwohin zu fahren und da zu schwitzen gefällt mir weit weniger gut.

Ins Tal der Könige komme ich trotzdem mit. Noch viel heißer als in Luxor ist es hier, auf der anderen Seite des Nil, und noch Jahrtausende später tun mir die Arbeiter leid, die die Gräber und Tempel in den Stein gehauen haben. Auf den Grabmalereien sehen die Arbeiter manchmal wie die Ägypter um mich herum aus, wie sie am Straßenrand stehen, den Wagen nachsehen, aufragend aus rötlichem Staub.

Die Grabmalereien und Reliefs habe ich fast alle vergessen. Die Geierkrone, der hundsköpfige Anubis, Arbeiter im Schilf und bunte Kelche, die Diener seltsam steif auf den Armen tragen, habe ich gesehen, Könige vor ihren Richtern und Reliefs mit Tänzerinnen, die Salbkegel auf den Köpfen tragen. Letztere werfen Fragen auf: Ob und wie der sich im Laufe des Abends verflüssigende Kegel den Tänzerinnen wohl in die Augen rann? Und tanzten die Mädchen gern in ihren durchscheinenden Gewändern? Oder war die Freude an Tanz und Gesängen gekauft bloß, künstlich, Geschäft oder gar Zwang, wie bei den Verkäufern von Süßigkeiten und kleinen Gebinden von Blumen, die - kaum älter als ich zum Teil - ununterbrochen, die ganzen zwei Wochen, ihre Waren anpriesen: Bemitleidenswert ebenso wie lästig.

Bewundernd, beeindruckt, staunend gar, hinterlässt mich nichts auf dieser Reise. Müde zwar, doch seltsam achselzuckend, komme ich abends zurück ins Hotel. An kaum einen lebendigen Moment dieses Tages in der Stadt uralter Gräber kann ich mich erinnern, doch die Rückkehr zum Hotel, den Ausstieg auf der Auffahrt und mein hastiger Lauf durch die Halle ist ganz gegenwärtig geblieben: Getrieben vor Angst, der schöne Page könnte mich so sehen, staubig und verschwitzt, und lächerlich sehe ich mich zehnjährig in meiner Sorge um den Eindruck, den einer von mir haben könnte, dem ich so gleichgültig bin wie ein totes, steinernes Bild in einer dunklen, nie geöffneten Kammer.

Die Rückkehr des Tagebuchbloggens

"Nun,", sage ich zu mir: "Das Tagebuchbloggen im Frühjahr war doch recht lustig. Du hast ganz gern Abend für Abend etwas aufgeschrieben, und dich bisweilen am Tag gefreut, wenn es etwas zu erzählen gab."

"Aber, meine Liebe,", antworte ich mir und stelle ein wenig geniert meine Teetasse ab, "niemand will wissen, was eine Berliner Rechtsanwältin mit ein bißchen Übergewicht und ganz viel Langeweile den lieben langen Tag treibt. Das Tagebuchbloggen ist genau das, was diejenigen, die aus dem Netz einen seriösen Ort mit Bedeutung und Einfluss und so machen wollen, ein bißchen dumm und ziemlich lächerlich finden. Zu alledem liest kaum jemand mehr dein Blog, wie ja Blogs generell ein wenig nachgelassen haben, so rezeptionsseitig, und Darstellungen deines beispielsweise heute abend wirklich sehr gelungenen Essens in der Kimchi Princess in Kreuzberg gemeinsam mit dem J., dem R. und der I.2 finden vermutlich sogar die Leute langweilig, die dich wirklich kennen."

"Muss ja keiner!", schleudere ich mir entgegen. Kann ja jeder durch das Netz fahren und halten, wo es ihm gefällt. Soll doch abhauen, brülle ich mir hinterher, wer hier Bedeutung vermisst, und zu langweilig ist es hier, wenn es mir zu langweilig wird.

Ab morgen geht es also wieder los.

Sonntag, 15. November 2009

Vor dem Herren beider Länder (1981)

Am Anfang bin ich fast sechs. Ich sitze im Garten auf der Schaukel, der Apfelbaum blüht, blüht, blüht, und ich schwinge immer höher dem Himmel entgegen, bis ich falle und schlage mit dem Kopf auf den Gehwegplatten auf. Ich schreie und blute. Im Krankenhaus werde ich nur ein bißchen betäubt und genäht. Vor Schmerz verschwimmt die Welt zu einem Brei aus Lärm, Putzmittelgestank und einem bösen, grellen Weiß. Ich soll ein großes Mädchen sein, sagt ein junger, strenger Arzt, der mich anschaut, als sei ich nicht nett, sondern nur dumm und lästig. In mir zieht sich alles zusammen, aber ich schweige und atme und weine fast gar nicht.

Als wir das Krankenhaus verlassen, zittert mein Vater viel mehr als ich. Noch immer tapfer laufe ich an seiner Hand die Böschung abwärts zum Parkplatz, reiße selbst die Wagentür auf, aber ich das ganze Blut auf den Sitzen sehe, drehe ich mich um und erbreche in den hellen, gelblichen Kies. Mein Vater lehnt ausgepumpt am Wagen und hält mir den Kopf. Ich würde das Piratenschiff bekommen, verspricht er, wenn alles wieder gut sei. Soft Ice soll es auch geben, das bekomme ich sonst nie. Auch nach Hamburg ins Museum dürfe ich mit, fährt er schwere Geschütze auf, damit ich wieder lache, und würde mehr Gold sehen als je in meinem Leben zuvor. Götter und Könige warten auf mich, hebt mein Vater mich sorgsam auf den Beifahrersitz und fährt ganz langsam an.

Am Sonntag stehen wir vor dem Hamburger Museum für Kunst und Gewerbe. Ich habe noch einen Verband am Kopf, aber sonst geht es mir wieder ganz gut. Vor dem Museum waren wir bei meinem Onkel T., der mit seiner wunderschönen Freundin in Hamburg-Eppendorf wohnt. Ich bin gespannt: Ich war noch nie hier. Nur einmal war ich bisher in einem anderen Museum bei uns zu Haus und habe die Knochen des Sauriers in echt gesehen, der in meinem Was-ist-Was-Buch riesengroß und völlig unglaublich abgebildet ist. Ich kenne alle Saurier mit Vor- und Nachnamen und kann alle Erdzeitalter fast fehlerfrei aufsagen, wenn man mich fragt.

Vor und hinter uns stehen viele, viele Leute. Die Ausstellung ist ein großer Erfolg, wie ich später erfahre. Ich bin zappelig. Zur Vorbereitung habe ich noch am Tag des Unfalls ein weiteres Was-ist-Was-Buch bekommen, eins über Ägypten, und ein anderes Buch, in dem es um einen Jungen geht, der Nechebu heißt, und den das Gedächtnis aufbewahren wird über fast zwanzig Jahre. Ich habe ein rotes Kleid mit weißem Kragen an, das meine Mutter für die Einschulung gekauft hat, und auf die ich mich unsagbar freue, bis dann doch die Rektorin meine Mutter überreden wird, mich zurückzustellen, aber das ist noch sechs lange Wochen hin. Lackschuhe habe ich an, auf die ich stolz bin, und werde von meinem Vater wieder und wieder photograhiert.

Im Museum ist es dunkel und kühl. Eng an meinen Vater gepresst laufe ich von Vitrine zu Vitrine. Auf Kissen oder schwarzen Quadern stehen und liegen kostbare Möbel aus Gold und Holz, uralter Lotos wiegt sich am Nil, irgendwo ragt ein Hundekopf auf, und vor den Särgen stehe ich mit offenem Mund stumm in der ersten, vergoldeten Faszination vor dem Sterben und beeindruckt von der Schönheit, der leuchtenden Perfektion einer Kultur von der ich kaum mehr weiß, als dass es sie nicht mehr gibt. Mein Vater erklärt mir einzelne Exponate mit dem Katalog in der Hand, aber was weiß ich schon von den Wirren der Amarnazeit, was von Restauration und Stilen: Pracht sehe ich, etwas ideal Entrücktes, und dass menschliches Fleisch einmal in diesen Hüllen lag, ist mir so unvorstellbar wie das Zittern der Erde unter den Hufen des Triceratops.

Eine Postkarte bekomme ich am Ausgang mit der Maske Tut-Ench-Amuns auf dunklem Grund und an der Hand meines Vaters werde ich zum Wagen zurückgeführt.

(Es folgt: 1986)

Donnerstag, 12. November 2009

Drei Dimensionen

"Maximal 10%!", verkündet mir die sonderbar verknautschte Ärztin und meint damit mein räumliches Sehen. Ich sollte das mal überprüfen lassen. Ich nicke.

Ob ich Auto fahre, werde ich gefragt, und verneine energisch. Ob ich werfen und fangen könnte, will man wissen und schreibt irgendetwas in eine Akte, in der jetzt dokumentiert steht, dass man mir auch besser weder Autos, Gewehre, noch Bälle in die Hand gibt, und ich sitze mit baumelnden Beinen auf einer Liege und schaue versonnen aus dem Fenster. Es liegt also nicht an mir. Oder besser. Es liegt schon an mir, aber ich kann daran nichts ändern, und so spreche ich mich frei von allen Pflichten bezüglich der Bewegung meiner selbst und anderer Körper im Raum.

Schön, denke ich, als ich die Tür von außen schließe. Hier besteht also keinerlei Handlungsbedarf, ziehe ich einen dicken, schwarzen Strich unter den motorisierten Lebensbereich, und tatsächlich fühlt sich das ganz gut an: Für irgendetwas nicht verantwortlich zu sein, und frei von jeder Schuld. Schicksal hat was für sich, laufe ich den langen Gang abwärts zu den Fahrstühlen, und wünsche mir für einen kurzen, winzigen, kaum spürbaren Moment, in allen Dingen wäre es ein bißchen mehr so und nicht anders, und verwerfe dann doch den Gedanken sofort, aber vielleicht auch: Zu Unrecht.

Sonntag, 8. November 2009

Elternbesuch

Eine Groteske

"Das geht doch noch!", teilt man mir mit. Die Eltern meines geschätzten Gefährten J. seien - so ist man sich rund um den Tisch einig - vergleichsweise gemäßigt anstrengend, und etwa gegenüber der Mutter des C.2 eindeutig vorzugswürdig, denn weder hätten sich des J. Eltern auf Berlinbesuch direkt bei ihm eingenistet (was die Mutter des C.2 trotz der etwas beengten Raumverhältnisse bei diesem geschätzten Bekannten regelmäßig zu tun pflegt), noch hätten J.s Eltern versucht, wie die Mutter des C.2 auf die Alltagsgestaltung ihre Nachwuchses durch fremdartige Vorschläge einzuwirken, wie man als allzu ausladend empfundene Arbeitszeiten durch ein Gespräch mit den Vorgesetzten, möglicherweise unter Beteiligung der Gewerkschaft ("der was???") verkürzen könne. Auch sei bisher unter allen lebenden Menschen nur die Mutter des C.2 auf die Idee gekommen, in dessen berufsbedingter Abwesenheit seine Unterwäsche komplett zu bügeln, neu zusammenzulegen, sodann akkurat gefaltet wieder in die hierfür vorgesehenen Schubladen zu legen und dann beleidigt zu sein, weil der Dank für diese gute Tat etwas sparsam ausgefallen sei. Man dürfe sich deswegen nicht beschweren.

Auch im Vergleich mit der Mutter der S. stehen sowohl meine als auch die Mutter des J. eigentlich recht prächtig da. Denn keine der beiden mir nahestehenden Damen hat jemals Zeitungsartikel aus der Welt am Sonntag kopiert und übersandt, in denen die Abnahme der Fruchtbarkeit ab dem 25. Lebensjahr der Frau grafisch aufbereitet und zudem populärwissenschaftlich so erklärt wurde, dass die Mutter der S. den Artikel einfach versenden musste, obwohl, "Schatz, du weisst doch, wie ich's meine", dies natürlich auf keinen Fall als Anspielung auf einen akuten Enkelwunsch gewertet werden darf, zumal ja jeder weiß, dass es hierfür (von sehr seltenen Ausnahmen abgesehen) eines Mannes bedarf, der im Leben der S. gerade rein gar nicht existiert.

Auch die Angst vor Kriminalität in der hiesigen Hauptstadt des Verbrechens teilen, wie ich höre, viele Eltern mit den Eltern des J., wie ja auch etwa die Eltern unseres lieben Freundes R. nur nach Berlin kommen, wenn sie in der Tiefgarage der Kulturbrauerei für € 12,-- täglich einen Stellplatz mieten können, damit nicht, wie es ja im Emsland täglich in der Zeitung steht, schlechte Menschen ihr Kraftfahrzeug anzünden und restlos zerstören. Überhaupt alle Eltern, so scheint es, hassen Graffiti.

"Aber wie kann das sein?", frage ich und rühre ebenso belustigt wie ratlos in meinen Reisbandnudeln mit Huhn. Waren die schon immer so? Wird man so, wenn man älter wird? Und blüht auch uns ein Leben inmitten abstruser Fehlvorstellungen hinsichtlich der angemessenen Lebensgestaltung jüngerer Menschen und der Gefahren des Alltags, wenn wir erst einmal sechzig sind, und werden dann dreißig Jahre jüngere Leute beim Lunch über einen lachen? Oder - und ich lasse vor Schreck die Stäbchen sinken - sind wir mit circa 30 bereits jenseits irgendwelcher Grenzen zutreffender Realitätswahrnehmung, und Menschen, die ungefähr 20 sind, sitzen irgendwo, essen und schütteln die Köpfe schon jetzt über uns?

Donnerstag, 5. November 2009

Novembertraum

Aber heute nacht war es wirklich schlimm. Dunkler wurde es mit jeder Minute, und die Blitze erhellten nichts als Schlamm und einige wenige trockene Zweige. Mir war so kalt.

Gerufen habe ich nach dem J., nach meinem Vater und nach jemandem, den ich fast vergessen habe, wenn es hell ist und trocken. Gekommen ist keiner zu mir. Immer mehr Regen fiel, und die Erde wurde weich und rutschig und floss mit dem Regen grün und braun Richtung Westen. Mit den nackten Füßen verlor ich den Halt, fiel hin und lag für Momente auf dem kalten, feindlichen Schlamm. Zwischen zwei Steinen, verdorrten Büschen und Trümmern klafften die Risse, denen auszuweichen schwieriger wurde von Moment zu Moment.

In den Sturm ragten spitze Steine, ein sinkender Baum, und kaum eine Stimme. Alle Menschen waren fern oder tot oder gingen mich kaum etwas an. Aufgerissenen Leibes lagen die Leichen am Wegrand, und als ich rastete, wartete, den Blitzen entgegen zu atmen, sah ich am Himmel (weit weg von mir) Gottes mürbe, bläuliche Adern.



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Recht so! Und für das Andere gibts ja Zeitungen...
[schneck08 - 23. Nov., 0:40 Uhr]
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[Modeste - 23. Nov., 0:35 Uhr]
Die Rückkehr des...
"Nun,", sage ich zu mir: "Das Tagebuchbloggen im Frühjahr war doch recht...
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Ja, da ist es mir auch schon einmal aufgefallen: 3D-Kino...
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Waldspaziergänge, das kenne ich auch. Spaziergänge...
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23. Nov. 2009, 0:40 Uhr

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