Dienstag, 24. Januar 2012

Allumfassende Misere

"Diese Dunkelheit.", ächze ich. Die Dunkelheit ist fast das Schlimmste. Man wacht morgens auf und zwischen den Häusern wabert so ein dünnes, milchiges Licht, dass einem komplett die Lust vergeht, jetzt aufzustehen und rauszugehen und sich dieser Lichtlosigkeit auszusetzen, so ein bisschen, wie man Skrupel hat, in schmutziges, brackiges Wasser zu steigen.

Zu alledem weiß ich nichts mit mir anzufangen. Gut, bis letzte Woche habe ich noch ziemlich viel gearbeitet. Das war aber gar nicht übel. Ich bin alles in allem schon eher ein Arbeitstier und halte es schlecht ohne einen randvollen Tagesplan aus. Ich verkomme dann immer relativ fix , so wie früher gegen Ende der Semesterferien, wenn ich irgendwann wirklich alles erledigt hatte und mir nichts blieb außer bis morgens auszugehen und bis mittags zu schlafen. Nach spätestens drei Tagen habe ich mich dann immer irgendwie räudig gefühlt und war froh, wenn das Semester wieder losging. Aus diesem und keinem anderen Grunde habe ich als Studentin nicht einen, sondern vier Wahlfachscheine und drei Grundlagenscheine und noch so ein bisschen Krempel in anderen Fakultäten abgelegt. Manche halten mich bis heute für fleissig; in Wirklichkeit kann ich mich schlicht allein nicht beschäftigen.

Die fremde Frau, die ich mir ausgedacht habe, um mich sozusagen an ihrem Amusement zu ergötzen, hat auch nicht so richtig Spaß. Ich schicke sie kreuz und quer durch Berlin, ich mag sie auch ganz gern inzwischen, aber wie bei jedem längeren Text fallen mich die Qualitätsmängel des Konzepts nach zwanzig Seiten an und ich fühle mich irgendwie mies, so einen Schrott zu verfassen. Dabei geht es hier gar nicht um Literatur. Aber weder weiß ich, wie ich die gute Frau am Ende des bisher acht Kapitel umfassenden Konzepts vergeblicher Bemühungen um mehr Lebensfreude wieder verabschiede, noch ist mir klar, wie man den Leser davon abhalten soll, sich genauso zu sehr langweilen wie ich. Dabei ist an Leser überhaupt nicht zu denken, ich schreibe nur so ein bisschen vor mich hin, aber die schiere Existenz des Qualitätsmaßstabes guter Unterhaltung lähmt mich und macht mir schlechte Laune.

Überdies schlafe ich schlecht. Ich kann mich nicht bewegen. Ich wollte Samstag ins reinstoff, aber da war ausreserviert. Im E. T. A. Hoffmann war das Essen dann auch ganz gut, aber natürlich nicht genauso großartig. Vorgestern auf dem Weg zum Fondue bei der M. und dem M. ist mir ein Absatz abgefallen, und ich habe keine Lust jetzt loszulaufen und die reparierten Stiefel abzuholen. Ich war doch schon gestern am Alex, bekanntlich einem der hässlichsten Plätze Europas. Zwei Tage hintereinander ist schon ästhetisch ein bisschen viel.

Verabredet bin ich erst um acht, da liest Jan Brandt irgendwo in Mitte aus seinem ziemlich dicken und ganz guten Roman. Ich habe Appetit auf Ananas, aber keine Lust, jetzt welche zu kaufen und zu schälen. Ich könnte irgendwo hingehen und mit Leuten sprechen, aber wenn man so mies gelaunt ist, wie ich heute, bringt das erfahrungsgemäß nicht viel, und nicht einmal das Internet vollzuschreiben macht gerade besonderen Spaß.

Mittwoch, 18. Januar 2012

Ideal und Wirklichkeit

"Ein Stück Gerechtigkeit, meine Liebe.", kommentiert der K. und balanciert ein großes Stück Camembert auf einem schmalen Stück Baguette vom Teller zum Mund. Es ist kurz nach 10.00 Uhr. Das Fleury ist voll.

"Das soll gerecht sein?", klage ich an und weise mit dem Kopf auf die dünnen, fluffigen Jungs beim Frühstück zwischen den Kissen des Cafés, denen ich beim besten Willen auch nach einem Liter Gin Tonic nicht zutraue, nachts um drei richtig wild zu werden. Ich fürchte, Nina Pauer hat recht. Das allerdings streitet der K. gar nicht ab. Es sei nur mit den Frauen ganz genau dasselbe.

Schon seit Generationen - wenn nicht seit Einführung des Patriarchats - gebe es nämlich auch bei den Frauen eine bedauerliche Abweichung von Wunsch und Wirklichkeit. Der Mann (wenn man denn einmal so pauschalisieren dürfe) träume von Gilda, Marlene, Lulu. An seiner Seite aber wackele faktisch Heidrun mit dem breiten Becken, Doris mit der praktischen Kurzhaarfrisur oder Katrin, die patente Grundschullehrerin durchs Leben. "Verkopft, gehemmt, unsicher, nervös und ängstlich" seien vielleicht die Männer. Phantasielos, breithüftig, praktisch, aber nüchtern seien die Frauen. Das sei auch kein neues Phänomen. Die Diskrepanz zwischen Ideal und Wirklichkeit werde ja nicht erst seit gestern beklagt.

"Es liegt also nicht an der Gesellschaft?", frage ich nach und kratze den letzten Rest Joghurt aus meiner Schüssel. "Ah, was.", kommt es postwendend zurück. Man wolle es ja gar nicht anders. Denn mit einem männlich-wagemutigen Draufgänger, einem Porschefahrer und Herrenreiter etwa, könne man doch faktisch gar nichts anfangen. Würde der Porschefahrer mit einem Babybjörn durch den Volkspark laufen und mittels einer Arbeitszeitverkürzung auf 80% pünktlich seinen Nachwuchs aus der Kita holen? Wäre der hemmungslose Tänzer und Küsser bereit, jeden zweiten Samstag einzukaufen und regelmäßig seine Schwiegermutter von Charlottenburg nach Mitte zum Arzt zu bringen, weil seine Freundin am Dienstag regelmäßig einen Abendtermin hat und das deswegen nicht schafft? Erfahrungsgemäß lassen die Helden der Nacht einen tagsüber ja nicht einmal ausreden und hören überdies selten zu.

"Okay.", sage ich, aber ganz überzeugt bin ich noch nicht. Was der K. vorbringt, so will mir scheinen, hat wenig mit den in dem Artikel angesprochenen jüngeren Veränderungen im Verhaltensmuster des europäischen Mannes, sondern mehr mit einer grundsätzlichen Abweichung von erotischem Wunsch und alltäglicher Brauchbarkeit zu tun.

Im Wesentlichen, meint der K. und zuckt mit den Achseln, sei es genau das. Nur ganz oberflächlich sei der strickjackentragende Melancholiker eine Zeiterscheinung. Schon immer - hier beschreibt der linke Arm des K. eine unbestimmt raumgreifende Bewegung - hätten weder Männer noch Frauen bekommen, was sie sich vorstellen. Auch vor fünfzig Jahren sei ja nicht Cary Grant als Kavalier, sondern mehr so Heinz Ehrhardt als Versicherungsangestellter geheiratet worden, und da seien die blassen, freundlichen Männer, die ziemlich viel über sich nachdenken, doch kein schlechter Tausch. Am Ende bekomme halt keiner, was er will.

"Und das nennst du gerecht.", seufze ich, und der K. lacht. Vielleicht, meint er, sei es ja so sogar viel besser, und ich schweige und frage nicht nach, was er meint.

Montag, 16. Januar 2012

Nichts.

"Nichts!", jammere ich. Alles durchgelesen, was da ist, und die Beschreibung der Neuerscheinungen in der Zeitung reizt mich nicht im Geringsten. Ich war Samstag nacht sogar auf dem Rückweg vom Essen mit der I. und dem S. zum Bus noch bei Dussmann und habe da beim Durchschlendern auch nichts gefunden. Es ist aber auch nicht einfach. Ich interessiere mich nicht für "radikale" Schilderungen von irgendwas oder für Bücher, die einen "ganz neuen Ton" treffen. Das Humorig-Launige allerdings liegt mir auch nicht.

Ich will grundsätzlich nie wissen, wer wen umgebracht hat, und ich interessiere mich ganz ausgesprochen nicht für gesellschaftliche Randgruppen. Ich mag mich nur mit wirklichen Problemen auseinandersetzen wie Haarausfall oder Langeweile oder die Frage, ob man jemanden lieben kann, der nackt komisch aussieht.

Das letzte Buch, das ich ungelesen weggeworfen habe, war von Dietmar Dath. Das letzte Buch, das ich gelobt habe, war gestern abend gegenüber dem liebenswürdigen J. die Autobiographie von Christopher Hitchens. Zuletzt - mit zehn Jahren Abstand - zweimal gelesen habe ich Wilhelm Speyers "Charlott etwas verrückt".

Nun ist mein Nachttisch leer. Mir ist langweilig. Helfen Sie mir.

Montag, 9. Januar 2012

Madame denkt sich was aus

Mir ist langweilig. Ich habe zu tun, so ist das nicht. Ich arbeite vielleicht sogar - wie meistens eigentlich - ein bißchen zu viel, erst recht für jemanden, der sich an sich im sogenannten Mutterschutz befindet, aber Arbeit ist (entgegen anderslautender Gerüchte) ja keine Beschäftigung, die für ein amüsantes Leben ganz allein ausreicht. Ansonsten ist aktuell alles ein wenig öde: Im Kino war ich schon gestern. Theater ist okay, aber auch nichts für jeden Tag. Ausgehen macht keinen Spaß. Nachdem mir vor einiger Zeit ein Bekannter angewidert mitgeteilt hat, dass die vielen Frauen mit den Babybäuchen ihn aus ästhetischen Gründen aus Prenzlberg vertrieben haben, geniere ich mich nämlich in manchen Bars ein bißchen. Schließlich geht keiner vor die Tür, um dicke Frauen zu sehen.

Essen gehen ist okay. Da muss man schließlich auch mit dicken Leuten rechnen. Besuch von Freunden ist gut. Ansonsten sitze ich hier herum und mopse mich ein bißchen. Um mich auf das göttliche Wunder des Lebens einzustimmen, habe ich mir ein paar Bücher bestellt. Ab und zu schaue ich einen Film.

"Was machen eigentlich andere Leute in dieser Lage den ganzen Tag?", frage ich mich und meine Umgebung. Eine vernünftige Antwort habe ich noch nicht bekommen. Meine Freundin M. hat, glaube ich, ziemlich viele DVDs gesehen. Die I.2 hat bis zum Schluss gearbeitet. Ich dagegen werde - so habe ich mir das überlegt - mir Geschichten ausdenken:

Ich werde mir eine Frau ausdenken. Ich werde ihr einen Namen geben und ein Alter. Eine Biographie. Ich werde sie mit meiner Langeweile ausstatten und sie losschicken, sich zu amüsieren.

Lauf, werde ich sagen. Lauf. Und dann schaue ihr zu.

Freitag, 6. Januar 2012

Elend Einfamilienhaus

Man versteht es nicht. Aber irgendetwas muss an der Idee dran sein. Irgendetwas treibt bis dahin ganz normale Leute, mit Mitte 30 die Innenstadt zu verlassen und sich irgendwo am Stadtrand ein Haus zu bauen. Irgendetwas muss diesem Haus anhaften, dass Leute ein klein bißchen den Verstand verlieren, denn bei Licht betrachtet ist es doch so:

Häuser liegen am Ende der Welt, und das ist in Berlin ganz schön weit weg. Es baut sich ja keiner ein Haus im Prenzlauer Berg. Noch von Glück reden kann derjenige, der in Pankow oder Wannsee ein Haus besitzt, da fährt wenigstens noch die S-Bahn und es gibt Geschäfte, Eisdielen und Pizzerien. Die Mehrzahl der Häuslebauer aber zieht aus Geldmangel irgendwo hin, wo es schlechthin gar nichts gibt außer anderen Einfamilienhäusern, die im schlimmsten Fall - weil vom selben Bauträger errichtet - alle gleich aussehen und dicht an dicht in handtuchgroßen Gärten stehen. In den Garten passt dann knapp eine Schaukel samt Sandkasten. Grillen kann man nur, wenn die Nachbarn nicht zu Hause sind.

Weil die Häuser so weit weg von der Innenstadt stehen, sitzen die Bewohner nur noch im Auto. Morgens und abends dauert der Weg zur Arbeit eine Stunde, so dass selbst derjenige, der nur acht Stunden täglich arbeitet, zehn Stunden benötigt, um seinen Lebensunterhalt zu verdienen. Wenn er dann erst mal zu Hause ist, fährt er natürlich auch nirgendwo mehr hin. Schließlich würde das ja wieder eine Stunde Hin- und Rückweg kosten, so dass ein Kinobesuch, ein schneller Drink nach der Arbeit mit einer Freundin, das spontane Klingeln bei Freunden, bei denen noch Licht brennt, komplett ausfallen. Entweder hat man dann ein tierisches Glück und die Nachbarn sind reizende Leute. Oder man hat dieses Glück nicht, dann muss man seinen Partner schon sehr unterhaltsam finden, denn Freunde hat man fortan nur noch theoretisch.

Zu alledem sind Häuser teuer. Okay, eine Wohnung im Prenzlauer Berg ist auch nicht umsonst, aber der fragwürdige Zauber des Hausbesitzens verführt Leute reihenweise dazu, sich in Kleinmachnow oder Lichterfelde West Häuser zu kaufen, die sie sich so gerade noch und eigentlich schon nicht mehr leisten können. Ab sofort reicht es dann natürlich nicht mehr für grandiose Gelage im Grill Royal, für Drinks galore in der King Size Bar. Für ein Wochenende in Paris, ein wunderschönes Gemälde, ein paar Schuhe von Loboutin. Alle Entscheidungen der nächsten Jahre, ach: Jahrzehnte, werden von der Notwendigkeit vorgegeben werden, das Haus zu finanzieren, und wenn es um die Frage geht, wer ein Jahr sein Büro verlässt, um ein Kind zu betreuen, wird es nicht danach gehen, was man sich so als wünschenswert vorstellt, sondern wer (wer wohl?) gerade weniger verdient.

Auch nicht wesentlich besser sieht es aus, wenn nicht die Bank, sondern die Eltern das Haus finanzieren. Ich habe keine wirklich repräsentativen Daten über die Frage, wie häufig Eltern einspringen. Ich meine, es müsste ungefähr in der Hälfte aller Fälle die Familie das Haus bezahlt haben, und natürlich ist auch das nicht umsonst. Man zahlt zwar keine Zinsen. Im besten Fall zahlt man gar nichts, außer verflucht viele Sonntagnachmittage, die man eigentlich lieber mit Freunden oder allein verbracht hätte als mit seinen Eltern. Mit der Verpflichtung, sich ziemlich viele Ratschläge anzuhören, wie man sein Haus ausstatten soll und seine Kinder erziehen und überhaupt sein ganzes Leben führen. Das ist total lieb gemeint und schlechthin nicht auszuhalten.

Zu alledem macht ein Haus richtig Arbeit. Auch ein kleiner Garten muss gepflegt werden. Ein Keller will aufgeräumt sein, ein Zaun gestrichen, mit den Fenstern, der Regenrinne, dem Dachboden muss irgendwas passieren, und während in Innenstadtwohnungen ein bisschen Toleranz und einmal die Woche eine gute Putzi reichen, sind Hausbesitzer eigentlich immerzu mit ihrem Haus beschäftigt, als seien nicht sie Eigentümer des Hauses sondern umgekehrt.

Irgendwann aber ist das Haus dann bezahlt. Man hat das Haus ungefähr zwanzigmal umgebaut, angebaut und neu isoliert. Im Garten plätschert ein Brunnen, im Wintergarten funktioniert die Fußbodenheizung inzwischen tadellos. Auf allen Etagen gibt es Badezimmer, die aussehen wie in Schöner Wohnen. Die Kinder sind so groß, dass man unbesorgt Bodenvasen aufstellen kann. Dann ziehen die Kinder aus. Man ist im Haus - zu zweit versteht sich - allein.

Auf Schlag ist das Haus viel zu groß. Statt vier bis fünf Personen, die schlafen, umherlaufen, Besuch haben oder duschen, sitzen zwei Fünfzigjährige im Wohnzimmer und lesen in der FAZ. Freunde kommen immer noch äußerst spärlich vorbei. Um selbst überhaupt noch vor die Tür zu kommen, hat man ein Abo in der Philharmonie. Man trifft sich mit anderen älteren Ehepaaren ab und zu in Weinbars oder Restaurants, in denen man dann nicht so viel trinkt, weil ein Taxi nach Griebnitzsee von Mitte aus ganz schön teuer ist, wenn man zwei Kinder hat, die studieren, und irgendwann ist man dann alt.

Man hat es sich irgendwann - da war man noch jung und musste sich den Kredit schönreden - mal ganz vorteilhaft vorgestellt, mietfrei zu wohnen, wenn man Rentner ist. Nun aber ist Berlin kalt, das Haus viel zu groß und irgendwie langweilt man sich zu zweit. Der Garten verwildert ein bißchen wegen eines Rückenleidens, das Gartenarbeit unmöglich macht. Die Kinder wohnen in London und Frankfurt und kommen selten vorbei.

Eines Tages stolpert man dann auf der Treppe und bricht sich was. Die Kinder überreden einen zu einer seniorengerechten Wohnung in der Innenstadt. Oder man hält die Einsamkeit nicht aus und reist jeden Winter drei Monate ans Mittelmeer oder nach Asien, jeden Frühling zu Kind 1 und jeden Herbst zu Kind 2. Im Sommer ist Berlin schön, dann ist man dann da.

Ganz am Ende fällt der Partner tot um. Nach der Beerdigung kann man unmöglich ins Haus zurück. Man setzt sich bei einem der Kinder ins Auto und fährt weg. Ein bißchen erleichtert ist man schon, dass man das Haus nicht mehr sehen muss. In einem Altenheim bezieht man ein kleines Appartement. Dann ist es vorbei. Gelohnt hat es sich nicht.

Man versteht es nicht. Aber irgendwas muss an dem Haus dran sein.



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