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Donnerstag, 5. November 2009

Novembertraum

Aber heute nacht war es wirklich schlimm. Dunkler wurde es mit jeder Minute, und die Blitze erhellten nichts als Schlamm und einige wenige trockene Zweige. Mir war so kalt.

Gerufen habe ich nach dem J., nach meinem Vater und nach jemandem, den ich fast vergessen habe, wenn es hell ist und trocken. Gekommen ist keiner zu mir. Immer mehr Regen fiel, und die Erde wurde weich und rutschig und floss mit dem Regen grün und braun Richtung Westen. Mit den nackten Füßen verlor ich den Halt, fiel hin und lag für Momente auf dem kalten, feindlichen Schlamm. Zwischen zwei Steinen, verdorrten Büschen und Trümmern klafften die Risse, denen auszuweichen schwieriger wurde von Moment zu Moment.

In den Sturm ragten spitze Steine, ein sinkender Baum, und kaum eine Stimme. Alle Menschen waren fern oder tot oder gingen mich kaum etwas an. Aufgerissenen Leibes lagen die Leichen am Wegrand, und als ich rastete, wartete, den Blitzen entgegen zu atmen, sah ich am Himmel (weit weg von mir) Gottes mürbe, bläuliche Adern.

Dienstag, 3. November 2009

Kleine Freuden der Woche (2)

Tja, sage ich. Auch diese Woche nicht viel. Vielleicht das Stück Torte, das mir meine Sekretärin auf den Tisch gestellt hat nach einem ganz besonders scheußlichen Termin. Oder der lustige Taxifahrer mit seinen Schaschlikgeschichten vom Wintergrillen in Grünau auf dem Weg durch das Chaos aus glitschigen Blättern, viel zu vielen Autos auf der Torstraße und der Dunkelheit, die so dicht scheint, als sei es nicht Luft, die einen umgibt, sondern etwas Festes, Fassbares, das den Raum zwischen den Körpern füllt. Bestimmt aber die Rehkeule vom Sonntag, dunkelbraunes Fleisch mit Trauben und Schalotten, die samtige Sauce aus Fond und Madeira und die Wärme am Tisch. Das Gelächter, der Wein, die Freunde und die kleinen, pointenlosen Geschichten, aus denen die Welt besteht, die wir mögen:

Helle Punkte in einem Meer aus Regen und Nacht.

Mittwoch, 28. Oktober 2009

Aus einer kalten Welt

Schöne Bilder zeigt dieser Film des Österreichers Michael Haneke, allzu schöne Bilder, die die rückwärtsgewandte Sehnsucht nach einer gerundeten, ganzen Welt aufrufen, als habe jemand eine Taste bedient: Ein kleines Dorf, Eichwald, irgendwo im Nordosten Deutschlands, Mecklenburg vielleicht, Pommern, möglicherweise noch weiter Richtung Osten. Über das Dorf herrscht der Gutsherr (Ulrich Tukur), flankiert wird diese Herrschaft durch den Pfarrer (Burghart Klaußner) mit verhärmter Frau und vielen, vielen Kindern, den Verwalter (Josef Bierbichler) und den Arzt (Rainer Bock). Jeder hat seinen Platz in diesem preussischen Universum, und ganz unten in dieser Ordnung stehen die Kinder.

Überall laufen Kinder herum. Immer sind sie da, wenn etwas geschieht, und was geschieht, wird erschreckender von Mal zu Mal. Der Arzt fällt vom Pferd über eine dünne, straff gespannte Schnur. Der Sohn des Gutsherrn (hübsch, ein langhaariger Tadzio wie von Visconti) wird verprügelt und kopfüber aufgehängt. Eine Scheune brennt, ein Kanarienvogel wird gekreuzigt, und nach und nach kristallisiert sich heraus, dass es vielleicht die Kinder waren: Unjugendlich sehen sie aus, hart, mitleid- und freudlos.

Wie schwere, steinbeschwerte Bretter lastet die Herrschaft der Erwachsenen auf den Kindern. Mit Ruten und Strafen, dem weißen Band aus dem Titel als Stigma verlorener Unschuld, mit Druck und Angst regieren die Eltern ihre Kinder, und doch gewinnt man kaum den Eindruck, hier werde ein abnormaler Ausnahmefall, ein seltener Sadismus abgebildet. Hier regiert - erzählt von dem sensiblen Lehrer des Dorfes (Christian Friedel) - eine harte, strenge, protestantische Fürsorge. Selbst im Sommer sieht diese Welt steinern und gefroren aus, und man verübelt es den Kindern zunächst nicht, sich tückisch und verquer an der Welt zu rächen, die sie aus kleinsten Anlässen bestraft, um zu unterwerfen und zu zerbrechen, was in diese enge Ordnung nicht passt.

Dann aber richtet sich die Gewalt gegen ein behindertes Kind. Um den Sohn der Hebamme geht es, einen kleinen geistig behinderten Buben, der halb totgeschlagen wird, und am Ende gleichzeitig mit dem Arzt - monströs auch er - und seiner Familie verschwindet. War jede der früheren Untaten noch als Reaktion, als Zurückschlagen gegen eine böse Erwachsenenwelt verständlich, so steht jedes Verständnis, jedes Mitleid gegenüber diesem sinnlosen Gewaltakt gegen den behinderten Knaben mit hängenden Schultern dem Bösen gegenüber. Die verhinderte, unterdrückte Vitalität der Kinder wendet sich nicht gegen ihre Unterdrücker, sondern wird weitergereicht an einen Wehrlosen, der sich noch weniger widersetzen kann als die Kinder des Pfarrers, die Tochter des Arztes oder die Verwalterssöhne, und wenn in den letzten Minuten des Filmes der Krieg ausbricht, im Sommer 1914, ahnt man den Terror und die Brutalität, die die Kinder aus dem Dorf in andere Dörfer und Städte tragen werden ein ganzes Leben lang als den Preis der Ordnung dieser alten Welt, die es so nicht mehr gibt, im deutschen Nordosten, aber - so sagt man - vielleicht noch andernorts, wo andere Kinder wohnen.

Das weiße Band
2009

Sonntag, 25. Oktober 2009

Kleine Freuden der Woche (1)

"Bleib mir weg mit positivem Denken.", ächze ich und versuche, den Kopf möglichst wenig zu bewegen. Ich bin Freitag mit dem Rad gestürzt und seither dreht sich mein Gehirn deutlich langsamer als mein Schädel. "Das Wetter ist mies, ich habe zu viel zu tun, nichts mehr zu lesen, und wo das Positive bleibt - das wüsste ich auch gern.", raunze ich. Dann lege ich auf und überlege. Viel gibt es da gerade nicht. Möglicherweise aber immerhin The Yardley English Lavender Shower Cream, die zuerst riecht wie das Gästebad alter Damen (wegen der von diesen sehr geschätzten Handseifen dieses Hauses), und dann die ganze Duschkabine mit einem zarten, quasi halbtransparenten Lavendelduft füllt, der nichts Betäubendes an sich hat, nichts von dem Über und Über provenzalischer Felder, sondern an einen klaren, gläsernen englischen Morgen erinnert: Gefüllte Rosen, Rittersporn und das sanfte, lila Zittern unter Weißdorn und Clematis, wenn Bienen und Zitronenfalter früh am Tag in Blüten rasten.

Etwas später am Tag die saukomischen Kommentare auf faz.net. Tatsächlich amüsieren die Kommentatoren dieser in gedruckter Fassung eher mittelmäßig erheiternden großen deutschen Tageszeitung mich zu eigentlich jedem Anlass dank einer unwiderstehlichen Mischung krauser Vorurteile gegen alles und jeden, bodenloser Selbstgerechtigkeit und dem festen Glauben an sehr, sehr langweilige Welt- und Wertvorstellungen, die die meist zumindest latent aggressiven Kommentatoren schon deswegen für unanfechtbar halten, weil sie noch nie auf die Idee gekommen sind, die Welt könne von anderer Warte aus anders aussehen. Insbesondere zu Jugendlichen mit Migrationshintergrund, den 68ern und Kriminalität (gern in Zusammenhang mit vorgenannten Obsessionen) übertreffen sich die Leser dieses schätzenswerten Organs regelmäßig selbst. Leider denke ich nie daran, die besten Kommentare zu sammeln.

Durchaus friedlicher, wenn auch nicht temperamentlos beschreibt Kinta Beevor (Mutter des nicht unumstrittenen Historikers Antony Beevor) ihre Kindheit (A Tuscan Childhood) in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts als Abkömmling der anglo-florentinischen Kolonie. Viele Namen tauchen auf, glanzvoll bis heute, stets wölbt sich der sorglos-südliche Himmel über die grünen Hügel der Toskana, und doch sind es nicht die Actons, Berensons oder Duff-Gordons, nicht ihre italienischen Burgen und Villen, die das bisweilen fast kunstlose Buch erleuchten, denn mehr noch als der Duft der frischen Tortellini, mehr noch als Polenta mit Zicklein und Kastanienkuchen, farbigen Schilderungen der Köchinnen, Gärtner und Steinmetze, des untergegangenen, restlos verschlungenen englischen Florenz, ach: Mehr noch als all das besticht der makellose Glanz einer Zeit vor unserer Zeit, die ich mir - wider allen besseren Wissens - nicht als besser, nicht als angenehmer, aber als harmonischer, in sich ruhender, runder und lächelnder vorstelle als all das, was mich umgibt, um mich täglich zu leeren.

Donnerstag, 22. Oktober 2009

Im Innern eines Kürbis

Es ist nicht leicht, einen Kürbis zu betreten. Bisweilen öffnet sich der Kürbis gar nicht, klopft man noch so kunstvoll an. Manchmal weitet sich die Schale auch an ganz unvorhergesehener Stelle, und nicht jeder, meine sehr verehrten Damen und Herren, passt durch die schmale Pforte der herbstlichen Frucht.

Schon mancher ist zurückgeschreckt vor dem wuchernden Fruchtfleisch. Kenner bahnen sich mit Macheten den Weg. Die großen, runden Bohrer aus dem Fachgeschäft aber werden von vielen verachtet. Für den Anfänger ist der Spaghettikürbis geeignet, dessen aufgelockertes, fasriges Fleisch den Wanderer locker umgibt.

Nicht vergessen werden darf die Sicherung des Rückwegs. Bisweilen - denn nicht jeder Kürbis ist freundlich - schließen sich hinter dem Wanderer die Wege, und manchmal gibt der Kürbis einen am Ende nicht frei. Die Krankenkassen kommen für die Folgen solcher Einschlüsse nicht auf. Wer in einem Kürbis verunglückt, kann mit der Solidarität der Versicherten also ebenso wenig rechnen wie mit groß angelegten Rettungsaktionen der Feuerwehr und der Polizei. Manche Versicherungen bieten einen Sondertarif an.

Manchmal hört man von Fällen, die früh, schon im Sommer, durch die offene Blüte den Kürbis betreten. Die Kronröhre des Kürbis erlaubt den Zugang indes selten vor Juli. Der wachsende Kürbis umfängt den Wanderer dann wie eine zweite, fleischige Haut, und wer einmal im Innern des Kürbis über Wochen campierte, wird nur mit Bedauern, mit Trauer sogar, des Welkens der leuchtenden Beere, der Fäulnis und schließlich des Endes des Kürbis gedenken.



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liebe frau modeste, ich habe das gerade sehr genossen,...
[moccalover - 6. Nov., 22:26 Uhr]
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Schön ja, und erschreckend, beklemmend in seinen...
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Ja, diese gedankenlose Brutalität von Kindern....
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Sehr schade. Der nächste gute Film.
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Tja, sage ich. Auch diese Woche nicht viel. Vielleicht das Stück Torte,...
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Wunderbarer Text zu einem zauberschönen Film.
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6. Nov. 2009, 22:26 Uhr

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