Donnerstag, 10. August 2006

Die Enthaarung

Auch: Vom Glück, Metzger zu sein

Nun stellen Sie sich einfach einmal vor, Sie wären Metzger. Metzger, ganz recht. Jeden Tag stehen Sie auf, schleppen sich in den Schlachthof, und machen Kühe tot, weiden die Leichname aus und zerlegen sie in küchengerechte Teile. Auf einem Schemel in der Ecke des Schlachthofes aber liegt ihr Telephon. Dann ruft ein Bekannter an, Sie melden sich, und dann dröhnt es doch tatsächlich aus dem Hörer: „Hör mal zu, ich habe hier gerade so ein Problem, mein Hund ist so alt geworden, der macht’s eh nicht mehr lang - kannst du dich heute abend vielleicht einmal darum kümmern?“ - Korrigieren Sie mich, wenn Sie Metzger sind, aber ich wette: Das kommt eher selten vor im Leben der Metzger.

Auch als Sachbearbeiter im Rathaus verlangen wohl schwerlich Ihre Freunde, dass Sie Ihnen abends doch einmal schnell einen neuen Perso... also, wenn Sie einmal einen Moment Zeit hätten... – Aber kaum studieren Sie ein paar Jahre Jura, dann sitzen Sie nichtsahnend in Ihrem Büro, rechts und links klingeln Telephone, die Schriftstücke auf Ihrem Schreibtisch sind länger als die Frankfurter Anthologie, und wenn es einmal privat klingelt, dann möchte Sie niemand zu Braten und Knödeln einladen oder Ihnen einen Kuchen backen, nein, statt dessen meldet sich nur die A.

„Modeste!“, unterbricht Sie die A. in wirklich sehr schwerwiegenden Tätigkeiten und ihre Stimme überschlägt sich fast vor lauter Aufregung. „Modeste, hast du einen Moment Zeit?“ – „Ganz kurz!“, versuchen Sie, die Unterbrechung möglichst kurz zu halten, schauen auf die Uhr, und nicht eben kurz, aber mit außerordentlich hoher Frequenz an gesprochenen Worten pro Gesprächsminute erläutert die A. ein Problem, das wahrlich seinesgleichen sucht: Es geht um ihre Enthaarung.

Die meisten Leute, wie man weiß, enthaaren sich ja sozusagen auf eigene Faust, einige Leute sind sogar von Natur aus schon nicht so besonders haarig, die A. aber begab sich vor einigen Tagen in ein Geschäft, das der Enthaarung von Personen dient, die diese glücklicherweise heute allgemeinübliche Verrichtung durch bezahltes Personal ausführen lassen. Man legt sich also auf so eine Liege – hörst du mir auch zu, Modeste? – die Leute machen so Wachs auf die Haut – also so Wachs, na, weißt schon, Wachs eben, und dann ziehen sie das Wachs wieder ab.

Interessant, sage ich, schaue wieder auf die Uhr, und höre der A. zu. Als die A. fertig enthaart war jedenfalls, wurde sie eingeölt, legte sich auf eine andere Liege, wartete ab, bis das Öl eingezogen war und fuhr nach Hause. Daheim legte sie sich hin.

Als sie wieder erwachte, so gegen vier Uhr nachmittags, kribbelte ihre Haut. Verschlafen rieb sie sich erst die Augen und begann sich dann zu kratzen. Das Jucken jedoch ging nicht weg. Vor dem Spiegel überkam die A. ein gewaltiger Schreck: Wo vorher Haare waren, waren nun lauter kleine, rote Punkte, ganz gepunktet war die A., und so duschte sie, um die heiße, kribbelnde Haut zu kühlen, und beschloss dann, Schritte zu unternehmen, um sich das jedenfalls – gell, Modeste, da bezahlt man viel Geld, und dann sowas – nicht gefallen zu lassen.

„Du, ich muss jetzt mal wieder was tun.“, bellen Sie also etwas ungehalten in den Hörer, und versuchen, das Gespräch zu beenden. „Du bist doch Juristin...“, beharrt aber die A. - Sie dagegen denken an den Metzger und den Sachbearbeiter aus dem Rathaus, und dann werden Sie auch noch um ein Schreiben gebeten. Ganz kurz. Nur Geld zurück. Und Sie verstehen doch mehr davon, als....

Und dann legen Sie auf. Sie fühlen sich irgendwie verkannt, die Welt scheint irgendwie nicht ganz so zu sein, wie sie zu sein hat, wenn andere Leute sich für Geld enthaaren lassen, und Sie sollen sich darum kümmern, wenn diese Leute davon rote Punkte bekommen. Sie denken für noch einen Moment an den Metzger, und dann an die Beile und so, und dass es eigentlich ganz nett wäre... aber für so etwas haben Sie zum Glück keine Zeit.

Mittwoch, 9. August 2006

Schweigen

Wie die Götter vergehn
und die großen Caesaren,
von der Wange des Zeus
emporgefahren -
singe, wandert die Welt
schon im fremdesten Schwunge.
schmeckt uns das Charonsgeld
längst unter der Zunge.

Gottfried Benn

Im 3. nachchristlichen Jahrhundert verwirren sich die Fäden, die das Reich zusammenhalten, und es schweigen die Literaten, als gebe es nichts mehr zu erzählen. Doch ob nur kein Buch auf uns gekommen ist, ob gar nicht erst geschrieben wurde: Die wüsten Jahrzehnte vor Diokletian, die Jahre der Soldatenkaiser, sie stehen vor uns auf mit geschlossenen Lippen und leerer Miene. Kein Dichter spricht von dem Niedergang der civitas, dem Ruin der Freibauern und der Not der kleinen italischen Städte, durch die die Söldner ziehen, immer wieder, bis es keinen Unterschied mehr macht, ob Freund oder Feind die letzte Kuh davontreiben, die Schüsseln auf den Schwellen zerschlagen und mitnehmen, was sie nicht vor Ort verbrauchen, denn wüst sind die Zeiten, und die Schreiberschulen geschlossen wie die Schulen der Rhetoren.

Aber auch in jenen Tagen verliebt sich ein Hirte in ein Mädchen, das in einer Schenke die Teller spült. Eine Dame erwartet ein Kind von einem syrischen Sklaven und hängt sich in den Pflaumenbaum, als es aufkommt. Ein Soldat verspricht die Heimkehr, eine Frau wartet vergeblich, und fern, in den äußersten Reichsprovinzen, die nur lose noch, an ein paar letzten, zerschlissenen Fäden am Körper Roms hängen, zerfällt ein Leichnam, für dessen Rückkehr ein paar hunderte oder tausende Kilometer entfernt gebetet wird.

Ein Mann kauft sich ein Haus, die Bäume wachsen, ein Junge träumt von Ruhm, Glorie des Feldherrn, denn die Welt ist groß geworden für denjenigen, der nach den goldenen Äpfeln greift, die vormals nur denen gehörten, die unter ihren Zweigen geboren wurden. Aber die Zeit der Aristokratie ist vorbei, und was am Ende des 3. Jahrhunderts sich Adel nennen wird, in diesen Tagen wird er geboren, und fließt aus dem Blut der Toten auf allen Schlachtfeldern, auf denen Barbaren im Solde Roms gegen fremde Barbaren kämpfen. Noch ein paar Generationen, und halb Europa wird sich auf den Weg machen, irgendwohin, wo das Leben besser sein soll als daheim an den Ufern der Donau, des Rheins oder in den Steppen des Ostens.

Große Romane werden erlebt, die wir nicht kennen. Aufstieg und Niedergang, und vielleicht saß mancher alter Soldat zernarbt über mühsamen Aufzeichnungen, die die Zeit verschlungen hat. Vielleicht waren die Seiten voll von Trauer und blutiger Liebe, von all den Toten für das römische Reich, der übernationalen, überzeitlichen Idee eines Imperiums, aber nichts liegt in unseren Händen, und die Jahre wenden sich ab und schütteln den Kopf auf alle unsere Fragen.

Mag sein, es wurde nicht geschrieben. Mag sein, es hat nichts getaugt. Aber singen und erzählen muss der Mensch, und wenn nichts, kein Wort, kein Vers, keine Träne und kein scherzhaftes Wort auf uns gekommen ist, so mag es der Geist der Geschichte selber sein, der seine ungeratenen Kapitel schweigen heißt, wie auch unsere Jahre vielleicht schweigen, später, wenn dies alles vorbei ist, und nichts von uns und unseren Tagen bleibt als eine vage Erinnerung an etwas Wüstes, an die Auflösung einer alten Ordnung, an den Verfall einer ehrwürdigen Kultur zugunsten etwas Grellem, Lautem, an die vergeblichen, lächerlichen Versuche der Restauration, an die Trauer um etwas, dessen Verwesung wir nur zuschauen können. Die Erinnerung wird auch uns vielleicht einmal die Hand über den offenen Mund legen, damit auch wir kein Zeugnis ablegen von unseren verdorbenen, faulenden Tagen und dem Schmutz aller unserer Nächte. Ruhig wird es dann sein.

Und am Ende, wenn alles gut geht, spült das Meer von den Küsten, was von uns übrig bleibt, und aus den Wogen wird sich etwas Neues erheben, sauber und klar, weiß wie ein Sommermorgen, Stahl und blitzende Zähne. Ein menschenleerer Stier wird an Land gehen, und wir werden vergessen sein wie jene, und vielleicht ist das gut.

Sonntag, 6. August 2006

Nur die Nerven

„Nicht gut.“, sagt sie, und ich schäme mich ein bißchen für mein wochenlanges Schweigen. Krank geschrieben sei sie. Nein, nichts Ernstes, auch eher nichts – Körperliches, wenn ich verstehe, was sie meint. Ich nicke etwas unsicher, überlege einen Moment, bevor ich frage, aber sie schüttelt den Kopf und lächelt ein wenig verlegen das Törtchen an, das halbgegessen auf ihrem Teller liegt. Nein, sagt sie, krank sei sie eigentlich nicht, ihr Arzt hätte gemeint, es sei vielleicht besser. Vielleicht sei sie nur erschöpft, und wenn sie ein wenig schliefe, einfach mehr schliefe, acht Stunden jede Nacht oder mehr, füge sich vielleicht alles wieder von selbst.

Eine Ursache könne sie so konkret gar nicht benennen. Vielleicht der Abend im Kollegenkreis, als sechs Paare auf der Terrasse des neugekauften Hauses saßen, dass sich ihr Kollege D. gekauft hatte, in den sie ja einmal sehr verliebt gewesen sei, und nur sie war allein gekommen. „Ist sicher nicht leicht, die meisten Männer haben Vorurteile gegen Karrierefrauen.“, hatte die Frau des D. das Fehlen einer männlichen Begleitung mitfühlend kommentiert, nach dem Essen in der Küche, und sie hätte genickt und geschwiegen, weil die Frau wahrscheinlich recht hatte. Die Frau war Erzieherin gewesen, und der D. hatte am Ende die Frau geheiratet, und für sie hatte es nur zu einer Affäre gereicht, damals vor drei Jahren.

Vielleicht war es aber auch das Wochenende, an dem ihre Mutter nach Berlin kam. Sehr klein stand ihre Mutter auf dem Bahnsteig am Ostbahnhof, und fror die ganze Zeit, obwohl es Juni war. Von den Enkeln der Nachbarn hatte ihre Mutter gesprochen, und die jüngste Tochter der Nachbarn habe das Haus gegenüber gekauft und sei Apothekerin am Ort. - Dass es schwierig sei mit Kindern in ihrem Job, hatte sie der Mutter entgegnet, und dass ihr Job ihr wichtig sei. So viele Absolventen würden von ihrem Job träumen, die keine Kinder hätten und viel Zeit. – „Ist dein Job dir wichtiger als Familie?“, hatte ihre Mutter sie gefragt, in einem Ton, als sei sie krank, und sie hatte gelogen und gesagt, so sei das nun einmal. Am Abend schlief ihre Mutter in ihrem Bett, ihres Rückens wegen, und sie lag auf der zu kurzen Couch im Wohnzimmer und sah an die Decke. Von allen vier Ecken des Raumes lächelten dicke Puttenköpfe, und sie dachte daran, dass sie niemals geglaubt hatte, einmal allein zu bleiben.

Oder es war der Abend, an dem sie fast ihren Job hingeworfen hätte. Ob’s ein Fehler von ihr war, oder ihr Chef einfach nur glaubte, es sei ihr Fehler gewesen – spät am Abend kam sie weinend heim, und stolperte in ihrer dunklen Küche über ein paar herumstehende Glasflaschen, schnitt sich an den Scherben den Fuß und musste ins Krankenhaus. Der herbeigerufene Taxifahrer wollte sie nicht fahren wegen der Blutflecken, und anrufen mochte sie niemanden mehr um diese Zeit. Mit einem Handtuch um den Fuß ging sie zu Bett.

An einem Morgen vor zwei Wochen konnte sie nicht mehr aufstehen. Nur noch liegenbleiben wollte sie, die Augen schließen, eine große, weiche Abwesenheit, und selbst zum Weinen reichte die Energie nicht mehr aus, die sie bis ins Büro hätte tragen müssen. Auch im Büro anrufen konnte sie nicht mehr, nicht zum Arzt gehen, damit sie irgendwelche Tabletten bekäme, und so lag sie stundenlang einfach auf dem Rücken, vollkommen leergeräumt, und ab und zu klingelte das Telefon, weil ihr Chef wissen wollte, wo sie blieb.

Am Abend stand kein Mann vor der Tür und keine Freunde. Nur ihr Chef klingelte so lange, bis sie öffnete. Er habe sich Sorgen gemacht, sagte er. Alleinstehende könnten ja leicht einmal in der Badewanne ausrutschen, Beckenbruch, und dann fände sie ewig keiner. Schwankend stand sie im Türrahmen, so bleich, dass ihr Chef sie ins Bett schickte, und verschwand mit den Worten, bis zum Wochenende wolle er sie im Büro nicht mehr sehen.

Zwei Tage blieb sie einfach im Bett, duschte nicht und aß nichts, und schließlich hatte sie genug Energie angespart für einen Telefonanruf. Auf den Anruf kam eine Freundin, die brachte sie zum Arzt. Die Freundin lachte viel, um sie aufzumuntern, sprach von ihrer Hochzeit und legte, als sie ging, einen Stapel Frauenzeitschriften aufs Bett. Zur Zerstreuung. „Wie sie IHN verrückt machen“, stand auf einem der Cover.

Es seien bloß die Nerven, hatte der Arzt ihren Zustand kommentiert. Sie arbeite wahrscheinlich zuviel, sagte er, maß ihr den Puls und leuchtete ihr in die Augen. Dann schickte er sie heim und verschrieb ein paar Medikamente. „Haben sie jemanden, der auf sie aufpasst?“, fragte der Arzt. Es sei nicht gut, allein zu sein, wenn es wieder schlimmer würde.

"Und was raten sie mir, wenn da keiner ist?", fragte sie fast, aber dann nickte sie doch und ging nach Hause.

Sonntag, 30. Juli 2006

Der esoterische Zahn der I.

„Na, ein zweiter Zahn halt. Also ein eigentlich ein dritter, wenn man die Milchzähne mitzählt.“ berichtet die I. über die Zustände in ihrem Kiefer, und versenkt den Löffel in den zerlaufenden Resten einer Eisbombe. „Jedenfalls hat meine Zahnärztin mir dann geraten, mal untersuchen zu lassen, wie das ausschaut, wie sich der Zahn im Kiefer auswirkt, also eine Muskel...jedenfalls, irgendwas mit den Muskeln. Ich also hin, so ein Heilpraktiker.“ – Bei der Erwähnung des Heilpraktikers zieht der B., I.‘s Verlobter, ein wenig missbilligend die Augenbrauen zusammen, und der J. stößt ein komisches Geräusch aus, ähnlich dem, mit dem Luftballons ihren Inhalt in die Atmosphäre freisetzen, öffnet man den Knoten.

Ein Heilpraktiker also. „Ja, mir war auch nicht so klar, dass die Methode mit den Muskeln – dass das also ziemlich umstritten ist. Eher so Humbug, aber jedenfalls klopft der Mann an mir so herum, ich also keinen Schatten Misstrauen, und dann meint er, der Zahn im Kiefer würde also schon stören, liegt ja auch direkt an der Wurzel von dem Zahn darüber, und ich sollte ihn wirklich entfernen lassen. – Gut, sage ich, ich würde mich also bei der Zahnärztin melden, die mich dahingeschickt hatte, und einen Termin machen lassen.“

„Und ist der Zahn jetzt weg?“, frage ich und stürze ein weiteres Glas Wasser hinunter, denn für Wein ist viel zu heiß, und der schwere, spanische Wein zum Roastbeef liegt wie Leim auf meiner Zunge. „Nein, habe ich noch nicht geschafft.“, schüttelt die I. den Kopf. „Aber als ich so sage, ich würde die OP dann mal vereinbaren, da schaut mich der Heilpraktiker also an, und sagt ganz ernsthaft, also als ob das das Selbstverständlichste auf Erden sei, also so ganz normal ‚Frau S.‘, sagt er also, ‚lassen sie die OP aber nur bei abnehmendem Mond machen.‘ – Junge, Junge, habe ich da gedacht. Da bist du schön wo hingeraten.“ – Der B. schaut noch etwas gequälter drein, und der J. hebt kurz, aber missbilligend seinen Löffel.

„Aber wenn ich den Heilpraktiker jetzt wechsele, oder die OP einfach machen lassen, wenn es mir am besten passt, dann muss ich die Zahnärztin wechseln. Die ist da schon sehr überzeugt. Und meinen Orthopäden. Und Zahnärzte gibt es viele, aber gute Orthopäden?“ –„Was hat denn der Orthopäde damit zu tun?“, frage ich und rekapituliere den Bericht der I., in dem meiner Erinnerung nach bisher kein Orthopäde Erwähnung gefunden hat.

„Die hänge da alle irgendwie zusammen.“, deutet die I. ungefähr in die Weite über Berlin, und einen Moment stelle ich mir eine berlinweite Verschwörung von Ärzten vor, die denjenigen Studienfreunden, die das Physikum nicht bestanden haben und sich nun als Heilpraktiker durchschlagen, falls so etwas geht, ab und zu Aufträge zuschanzen.

„Und homöopathisch vor- und nachbereiten lassen soll ich den Eingriff auch.“, fährt die I. fort. „Jedenfalls habe ich mir gedacht, was kann’s schaden. Bis zum 15. August also, oder dann im September nach dem Urlaub.“

„Und du bist dir sicher, dass...“, beendet der J. seinen Satz nicht. „Ich glaube ohnehin nur an Antibiotika und Schneiden.“, gebe ich, nur leicht simplifizierend zum Besten, sammele die Teller ein und verteile den restlichen Wein auf die Gläser.

Freitag, 28. Juli 2006

Die sehr gelungene Hochzeit der Cousine des J.

„Da will ich nicht hin.“, maule ich am Dienstag ein wenig herum und male mir leicht verdrossen die Hochzeit der Cousine des J. aus. Die Reden. Die Hochzeitszeitung. Das Brautpaar, wie es einen Baumstamm durchsägt und die stundenlange Zeremonie in einer Kirche. Sketche. „Und deine Familie...“, hebe ich an, bis der J. leicht gereizt die Augenbrauen zusammenzieht.

„Müssen wir da wirklich hin?“, frage ich einen Abend später und krause die Nase. „Da führt jetzt kein Weg vorbei!“, ordnet der J. an und weist auf das Harmoniebedürfnis seiner Mutter hin. Überdies, so fährt er fort, könne man die Störung, die von auffälligen Abwesenheiten naher Verwandter ausginge, seiner Großmutter nicht zumuten, und ein Kleid - nun, ein Kleid müsse ich mir eben noch kaufen. „Wann soll ich das denn nun noch machen!“, rufe ich dem J. hinterher, und diese Frage ist angesichts des Grades meiner Berufstätigkeit, die sich wirklich eine Vollzeitstellung nennen darf, als ganz und gar rhetorisch zu verstehen.

„Ist dir eigentlich klar, was das kostet?“, spiele ich am Donnerstag eine der letzten Karten aus, die ich auf der Hand habe und erwähne den exorbitanten Preis, de die Deutsche Bahn für die Beförderung von zwei Personen zum Ort der Vermählung berechnet. „Ganz schön teuer.“, gibt der J. zwar zu. Allerdings – und wohl oder übel – müsse man da nun einmal hin. Und immerhin sei das Essen vermutlich gut, seine Großmutter habe er lange nicht gesehen, und es habe deswegen überhaupt keinen Sinn, die Teilnahme an diesem Fest noch länger zu diskutieren.

Am Samstag morgen also laufe ich los. Ich kaufe ein Kleid, altrosa Seide mit aufgestickten Straßperlchen, eine Stola, finde keinen passenden Hut, schwitze, schleppe eine meterlange schlechte Laune hinter mir her und dusche wie eigentlich jeden Tag mehrfach ganz vergeblich. „Bist du fertig?“, brüllt der J. durch die Badezimmertür. „Komm' gleich.“, murmele ich zurück, schließe ein letztes Mal die Augen und denke an all das, was man mit dem Wochenende sonst noch so anfangen könnte. Mit der C. und der J. Baden fahren zum Beispiel. Unter einem Baum liegen und lesen. Einen Text schreiben, nach einem Spiegel und einer Garderobe suchen. Telefonieren oder einfach in einem Café sitzen, stundenlang, und über lauter Dinge sprechen, die angenehm sind und nichts zu tun haben mit Hochzeiten oder ähnlich unangenehmen Dingen, die es gibt, ohne dass irgendjemand wüsste, wozu.

„Wir müssen dann mal los.“, greift der J. nach meiner Tasche, und schwitzend, ächzend und ein wenig müde dazu schleppe ich mich über die Schwedter Straße. Im Bahnhof ist es voll.

„Eigentlich eine blöde Idee.“, gibt nun auch der J. zu, einbetoniert in einen dunklen Anzug. „Eigentlich eine miese Sippe.“, und erzählt lauter Details aus dem Familienleben seiner Anverwandten, die man schon aus Diskretionsgründen nicht der Öffentlichkeit anvertrauen mag, und lässt die Mundwinkel hängen. „Du wolltest da doch hin!“, beschwere ich mich und schaue auf die Uhr. Ausreichend Zeit. „Lass uns erst mal was essen.“

„De Sketche!“, jammert nun auch der J. „Meine dicke Tante. Die Hochzeitsreden. Und bestimmt haben die beiden nur ganz komische Freunde.“, lamentiert er weiter. „Eigentlich eine Frechheit, einen einzuladen, und man muss dann dahin.“, und stochert in einer lieblos zusammengerührten Portion Bratnudeln.

„Wir müssen dann wohl mal los.“, schaue ich auf die Uhr und versuche mit zusammengekniffenen Augen zu erkennen, auf welchem Bahnsteig der ICE einfährt. „Oder bleiben wir einfach hier?“, glitzert es sehnsüchtig in den Augen des J. „Sagen, wir hätten den Zug verpasst?“ – Erwartungsvoll sitzt der J. mir gegenüber und schaut mich an. „Teufel werde ich tun, dich und deine Sippe....“, sage ich schließlich, zwei Minuten später, und stehe auf.

Als wir auf dem Bahnsteig stehen, fährt der ICE los. „Tja, dann....“, dreht sich der J. um. „Fahren wir jetzt nach Hause?“, frage ich erwartungsfroh, und der J. schüttelt resigniert den Kopf. Also nein.

Eine geschlagene Stunden streifen wir durch den Bahnhof, kaufen ziellos irgendwelche Gegenstände, trinken Wasser, beobachten aufmerksam die Tätowierungen fremder Menschen und blättern in der Karte einer Eisdiele. „Geht nicht mehr.“, schaut der J. auf die Uhr. „Müssen los.“ – Erneut steigen wir die Treppe aufwärts, der J. trägt die Tasche, ich schleppe schwer an der Last meiner schlechten Laune, und der ICE, so ist der Tafel zu entnehmen, die über dem Bahnsteig hängt, hat zehn Minuten Verspätung.

„Wenn der jetzt noch später kommt, fahren wir nach Hause.“, beschließt der J. und ich nicke, stelle meine Tasche ab, zähle untätowierte Menschen in meiner Nähe und komme auf drei, halte Ausschau nach einem Wagen, wo man Wasser kaufen kann, und warte auf den Zug. Zur Kirche, soviel ist sicher, sind wir zu spät. Wenigstens etwas, denke ich, und betrachte verträumt die Anzeigetafel. Wenn der jetzt noch später kommt..., denke ich.

„...erhöht sich die Verspätung auf etwa dreißig Minuten!“, schallt es über den Bahnsteig, und ich tippe den J. an. „Wir fahren nach Hause.“, sage ich.

Und während der J. seinen Eltern telephonisch zu erklären versucht, warum er mitsamt Begleitung nicht der Hochzeit seiner Cousine beiwohnen wird, segne ich bei mir die Deutsche Bahn AG, die schlechten Bratnudeln, die unerträgliche Hitze und überhaupt alles, mich und den J. und den Samstag und die Sonne und Berlin, während die lustigen Götter der Familienfreiheit unter der hohen Decke des Berliner Hauptbahnhofs mit gnädigem Kichern unseren Abzug begleiten.



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Eine Gießkanne in Hundeform, ehrlich, das ist halt...
[Josef Mühlbacher - 6. Nov., 11:02 Uhr]
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wieder einmal
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Leute an Nachbartischen...
Leute an Nachbartischen hatten das erste Gericht von...
[Modeste - 1. Apr., 22:44 Uhr]
Allen Gewalten zum Trotz...
Andere Leute wären essen gegangen. Oder hätten im Ofen eine Lammkeule geschmort....
[Modeste - 1. Apr., 22:41 Uhr]
Über diesen Tip freue...
Über diesen Tip freue ich mich sehr. Als Weggezogene...
[montez - 1. Apr., 16:42 Uhr]
Osmans Töchter
Die Berliner Türken gehören zu Westberlin wie das Strandbad Wannsee oder Harald...
[Modeste - 30. Mär., 17:16 Uhr]
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