Donnerstag, 1. Februar 2007

Die toten Augen des Kühlschranks

Ah, Madame, Monsieur - Sie können sich glücklich schätzen: In Ihrer Wohnung schnurrt ein zur Kühlung von Lebensmitteln bestimmtes Gerät, eine Tiefkühltruhe sogar konserviert Speisen, die Sie später vielleicht einmal verzehren werden, Gelegenheiten zur zukünftigen Nahrungsaufnahme, die Sie nicht stehen lassen konnten im Geschäft oder an den Ständen des Wochenmarktes erworben haben, wo Sie, wie auch ich, wöchentlich fast mit der Tasche fest in der Hand sich zwischen den Verkaufgelegenheiten hindurchdrängen, um hier eine Handvoll Trauben, dort ein Törtchen von Lautz, eine Seezunge, eine Entenbrust, oder ein besonders wohlschmeckendes Öl, wie es die Verkäufer zungenfertig anpreisen, erwerben, nur um zu Hause feststellen zu müssen, dass Ihre Käufe das Ausmaß dessen, was Sie auch tatsächlich in sich aufzunehmen imstande sind, sogar unter Einbeziehung aller Menschen, die Sie kennen, und bei sich zu sehen und zu bewirten wünschen, übersteigt.

Ich aber, ich Arme, misera me, wie es mir lateinisch dem Sprachklange nach richtig scheint, auch wenn die Grammatik ganz streng gennommen etwas anderes vorschreibt, so ich mich recht erinnere des lang vergangenen Unterrichts, ich Arme jedenfalls stehe seit letzter Woche ohne künstlich fein verfertigte Kühlgelegenheit da, und nur mein Balkon sorgt für die Frische der Speisen, die ich bei den zugegeben seltenen Aufenthalten daheim verzehre, und die Sonne, sonst ein so beliebter Himmelskörper, wird von mir zunehmend sorgenvoll betrachtet, ob es nicht gar zu warm werde, und die Speisen verderben.

Von der Hand in den Mund, heißt es nun also, vom Geschäft in den Topf, und nachdem noch im Laufe des Sonntag diejenigen Gerichte, um die es am ehesten schade gewesen wäre, ein ganzer Hummer gar, Geschenk eines ausgezogenen, wenn auch wiederkehrenden Nachbarn, mussten nächtlicherweise verspeist werden, und die Freunde des Hauses eilig herbeigerufen am Montag das Werk zu vollenden gehalten waren an einer Wildschweinkeule, der ungeschlachten, gehe ich nun zu Bett, bar der Milch, entbehrend der gelblich-duftenden, bald zerfließenden Butter, und lese ein bißchen im Doderer, welchen ich letzthin nicht erstanden, so doch geschenkt erhalten habe, und der mich, verehrtes Publikum, wenn man denn Sie als huschende, gleichsam nur vorbeifliegende Passanten mit derlei Attributen zu belegen die Ehre haben darf, höchstlichst erheitert, um nicht zu sagen: Ganz und gar durchtränkt.

Sonntag, 28. Januar 2007

Fütterung

Wer könnte schweigen, wenn Frau Engl fragt:

1) Kannst du kochen? Wenn ja, kochst Du gerne?
Ich bewundere Leute ganz außerordentlich, bei denen das gekochte Essen so modern aussieht und schmeckt. Mariniertes Thunfischcarpaccio auf Wasabischaum mit Couscoussalat oder so, alles auf riesigen weißen Tellern, der exorbitante Wein vom demnächst preisgekrönten Winzer – so etwas habe ich nie hinbekommen. Ich habe mir ziemlich viele Kochbücher gekauft, um auch mal elegant und modern einzuladen, aber wenn ich dann Leute an meinen Esstisch setze, gibt es jedesmal Hirschrücken mit Rotkohl und Kroketten oder Karpfen blau oder ähnlich altmodische Gerichte. Meine Fertigkeiten enden also ungefähr im kulinarischen Jahr 1960.

2) Wann ißt bei Euch die ganze Familie gemeinsam?
Wenn ich weder arbeite noch verabredet bin.

3) Was ißt Du zum Frühstück?
Nichts.

4) Wann, wo und wie eßt ihr in der Woche?
Leider hat sich herausgestellt, dass meine Gewohnheit, mittags essen zu gehen und abends meistens nochmal etwas zu essen, in Kombination mit einem Stück Nachmittagstorte den Rahmen meines Kalorienbedarfs sprengt. Zukünftig also entweder mittags eine Hauptmahlzeit oder abends, aber nicht zweimal täglich, und zwischen den Mahlzeiten höchstens ein sehr kleines Stück Torte.

5) Wie oft geht ihr ins Restaurant?
Meistens mittags, dann so zwei, bis dreimal die Woche abends und oft am Wochenende. Ich würde gern mehr kochen.

6) Wie oft bestellt ihr Euch was?
So gut wie nie.

7) Zu 5 und 6: Wenn es keine finanziellen Hindernisse gäbe, würdet ihr das gerne öfters tun?
Nein.

8) Gibt es bei Euch so was wie “Standardgerichte”, die regelmäßig auf den Tisch kommen?
Nudeln mit Sauce, Reispfannen, Eintöpfe, Gulasch, Schmorbraten und alles Mögliche mit Hackfleisch.

9) Hast Du schon mal für mehr als 6 Personen gekocht?
Eintöpfe.

10) Kochst du jeden Tag?
Nein.

11) Hast Du schon mal ein Rezept aus dem Kochblog ausprobiert?
Nein.

12) Wer kocht bei Euch häufiger?
Ich.

13) Und wer kann besser kochen?
Ich.

14) Gibt es schon mal Streit ums Essen?
Ab und zu verfallen der J. und ich auf die Idee, wir sollten weniger Fleisch essen, oder überhaupt weniger essen, weil wir leider immer dicker werden. Dann sitzen wir uns gegenüber, stochern traurig in einer vegetarischen Kartoffelpfanne mit ziemlich viel Gemüse und sonst nichts, und fangen irgendwann an, uns anzukeifen, wer auf diese idiotische Idee gekommen ist. Dann gehen wir doch irgendwohin und essen da.

15) Kochst du heute völlig anders, als Deine Mutter/Deine Eltern?
Meine Mutter kocht nicht gern.

16) Wenn ja, ißt Du trotzdem gerne bei Deinen Eltern?
Ja, mein Vater kocht ziemlich gut.

17) Bist Du Vegetarier oder könntest Du Dir vorstellen vegetarisch zu leben?
Nein, von fleischlosem Essen werde ich traurig und aggressiv.

18) Was würdest Du gerne mal ausprobieren, an was Du Dich bisher nicht rangewagt hast?
Ich würde gern einmal einen Kochkurs bei einem Mordsrestaurant machen. In der Zeit war vor ein paar Wochen oder Monaten mal ein Test verschiedener Kochkurse, aber den habe ich leider nicht aufbewahrt. Ich glaube, das mache ich mal und werde sehr modern.

19) Kochst Du lieber oder findest Du Backen spannender?
Das ist mir egal. Ich backe auch gern, allerdings kann da natürlich mehr schiefgehen.

20) Was war die größte Misere, die Du in der Küche angerichtet hast?
Ab und zu versalze ich mal irgendetwas.

21) Was essen Deine Kinder am liebsten?
Wenn ich Kinder hätte, würden sie den ganzen Tag Schokolade essen und wären kugelrund.

22) Was mögen Deine Kinder überhaupt nicht?
Weil meine Kinder mir ja sehr ähnlich wären, würde sie Innereien hassen und ab und zu gebratene Leber aus dem Fenster werfen, um ihren Abscheu öffentlichkeitswirksam zum Ausdruck zu bringen.

23) Was magst Du überhaupt nicht?
Die gefüllte Milz meiner Tante M., den gebratenen Schweinebauch meines ehemaligen Mitbewohners H., der sich zu allem Überfluss das ausgebratene Fett am Ende auch noch über ein Stück Graubrot gekippt hat. Ansonsten Blutwurst und gebratene Nieren.

24) Zusatzfrage: Wofür darf man dich nachts wecken?
Foie Gras. Diese kleinen, dunkelrosa Nordseekrabben. Und Crème brûlée. Ich stelle mir das übrigens großartig vor: Ich liege im Bett, schlafe, man klopft mir zart auf die Schulter, ich öffne kaum die Augen, und bekomme Löffel für Löffel in den halbgeöffneten Mund geschoben.

Dann schlafe ich weiter.

Antworten soll jeder, der mag, und insbesondere Herr Lucky.

Samstag, 27. Januar 2007

...

Wir freuen uns auf Sie.

Sonntag, 21. Januar 2007

Lass mich schlafen

Irgend etwas stimmt nicht mit der Beleuchtung. Es ist eine Nuance zu hell, und obwohl das Essen gut, und die Einrichtung angenehm ist, schaut man immer wieder hoch, wo eine Art leuchtende Raupe unter der Decke hängt, und überlegt, ob man den schmächtigen, britischen Kellner bittet, das Licht etwas zu dämpfen. Lass mich schlafen, denkt man, den ganze Mund voller Sojasuppe, und in der Schüssel liegen die bleichen, dicken Udon-Nudeln wie wohlschmeckende Würmer.

Jetzt soll Nacht sein, denke ich, und schließe für Momente die Augen, aber der Tag hört nicht auf, obwohl es dunkel ist. Die Woche läuft weiter und weiter, und vor meinen Augen platzen lauter kleine Pop-Ups auf, in denen steht, was ich tun muss oder hätte tun müssen. Sie habe ein Meeting am Sonntag um zehn im Büro, erzählt die C. und ich beschließe, diesen Sonntag nicht zu arbeiten, sondern zu schlafen, den ganzen Tag zu schlafen, bis ich mich wieder spüren kann und an etwas denken, was nichts mit dem zu tun hat, was ich tue.

Wie man heute wohl aussieht, von außen, überlege ich später im fließenden, orangefarbenen Licht der Bar 103, und trinke in kleinen Schlucken vom Martini bianco in meinem Glas. Um mich herum erzählen sich lauter Leute laut und aufgekratzt ihre Pläne für die Nacht, um dann irgendwohin zu fahren, wo die Nacht lang sein wird, und die Bässe laut.

Ich aber schaue der C. hinterher, wie sie die Kastanienallee entlang nach Hause fährt, und lege mich ins Bett, kurz vor eins, Samstagnacht. Lass mich schlafen, denke ich noch, und versuche, die Systeme auszuschalten, die gleichwohl unerbittlich weiterrattern, seltsame und verdorbene Nachrichten in meine Träume schicken, und meine Hände zucken lassen, als müsse ich etwas tippen, jetzt gleich, noch nachts, und will doch schlafen, schlafen, schlafen.

Dankeschön

Vollkommen leergeräumt, ausgesaugt, plattgedrückt von den Stürmen dieser Tage stehe ich schließlich im Flur. 23.57 Uhr. Lass mich schlafen, denke ich, sage irgend etwas, was "schön dich zu sehen", heißen soll und schleppe mich am geschätzten Gefährten vorbei ins Bad. Vom Büro ins Bett ins Büro.

"Da ist was für dich gekommen.", hält mir der geschätzte Gefährte ein Päckchen unter die Nase. "Habe nichts bestellt.", ächze ich und reiße mir die Stiefel von den Füßen.

Habe ich auch nicht, stellt sich dreißig Sekunden später heraus, und so bedanke ich mich herzlich bei Frau W., die mir dieses Buch hat schicken lassen. Frau W., vielen Dank - ich habe mich sehr gefreut.

Und jetzt lege ich mich ins Bett und lese.

Mittwoch, 17. Januar 2007

Meine Familie und ich

Diese Lesung ist meinen lieben Eltern gewidmet*

karles1Die Familie, liebe Leserinnen und Leser, ist bekanntlich die Keimzelle der Gesellschaft, die Urpflanze aller Obrigkeit, der Ort, an dem alle Neurosen wurzeln, wo man Leute trifft, mit denen man sonst nie zu tun hätte, die Dinge erzählen, die einem Fremde niemals mitteilen würden, ohne dass man wegliefe.

Auf diese Weise verdankt man seiner Familie nicht nur seine Existenz und die Fähigkeit, auf zehn verschiedene Arten Servietten zu falten - nein: Ein ganzer Schatz von grotesken Liebesgeschichten, absurden Todesfällen, den traurigsten Tiergeschichten des Universums und den schönsten Erbschaftsgeschichten des Abendlandes ist zu schade, um ihn für sich zu behalten.

Aus dem Nähkästchen plaudern daher Frau Wortschnittchen, Frau Lyssa, Maestro Don Alphonso und ich

am Sonntag, den 28.01.2007
um 19.30
im Café Lass uns Freunde bleiben
Choriner Str. 12 - 10119 Berlin

*Tante M. natürlich nicht zu vergessen. Und ohne Cousin L. ist eine Familie eigentlich unvollständig. Oh - und Schwesterchen. Und mein kleiner Cousin. Und all die anderen.



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