Samstag, 19. Mai 2007

Wie man einen Gürtel trägt

„Die neuen Gürtel zaubern eine feminine Silhouette“
Vogue

„Sie wissen, wie man den Gürtel trägt?“, fragte die Verkäuferin mich mit einem freundlich-nachsichtigen Tonfall, der deutlich erkennen ließ, dass ich ihrer Ansicht nach einem Kundentypus angehöre, bei dem man sich da nicht so sicher sein konnte. „Ich denke doch.“, nahm ich den dargereichten breiten, weißen Gürtel entgegen und schlang ihn um meinen Bauch. Einige Zentimeter unterhalb des Bauchnabels blieb die ebenfalls weiße, lederbezogene, riesige Gürtelschnalle hängen und markierte gut sichtbar die breiteste Stelle meines Körpers. Leiser, aber verzweifelt, gurgelte ich vor mich hin.

„Ist vielleicht nicht ganz optimal?“, die Verkäuferin schritt mit vorsichtigen, winzigen Schritten um mich herum und sah mir auf den Bauch. Bei ihr sah der an und für sich nicht unähnliche Gürtel irgendwie anders aus, fiel mir auf.

„Können sie mir ein anderes Modell empfehlen?“, löste ich den Gürtel wieder und sah mich suchend um. „Das wird jetzt sehr viel genommen.“, reichte mir die Verkäuferin einen anderen Gürtel und trat einen Schritt zurück. Sehr lang und sehr schmal hing der Gürtel in meiner rechten Hand. „Zweimal in-between Hüfte und Taille!“, befahl die Verkäuferin, lächelte professionell und strich sich mit dem kleinen Finger der linken Hand die langen, braunen Haare aus dem Gesicht.

Ich tat, wie mir geheißen.

Mit der rechten Hand zog ich den Gürtel fest. Mit der linken Hand dagegen suchte ich nach der Partie meines Körpers, die die Verkäuferin zu meinen schien. „Hier?“, fragte ich schließlich und schnallte den Gürtel etwa drei Finger über dem Hüftknochen fest. Über und unter dem Gürtel quollen Stoff und Speck nach vorn und bedeckten das schmale, silberfarbene Lederband, das beim Ausatmen zudem haltlos nach unten fiel, bis es wiederum, einer toten Schlange nicht unähnlich, auf den Hüften lag. Dies aber war falsch.

„Diese Saison werden die Gürtel wieder körpernah getragen.“, bemängelte die Verkäuferin und nahm mir den Gürtel wieder ab. Langsam schien das Verkaufsgespräch sie zu strapazieren. Ihre grau und grün schattierten Augenlider begannen zu vibrieren, sie griff sich noch viel öfter ins Haar, und verfluchte wohl innerlich den Moment, in dem sie mich angesprochen.

„Versuchen sie doch noch einmal den hier.“, bemühte sich die Verkäuferin gleichwohl weiter und zog aus einem ganzen Ständer voller Gürtel einen breiten, elastischen Gürtel aus Lackleder, der mit zwei ineinander zu schiebenden Metallschnallen befestigt werden sollte. „Der Gürtel wird auf der Taille getragen.“, flötete die Verkäuferin und zog den Gürtel knapp unterhalb meiner Brust einmal um meinen Körper. Knalleng saß der Gürtel über meinen Rippen und beengte mir die Atmung. „Den besser nicht.“, ächzte ich und riss mir das korsettartige Gebilde wieder vom Leib.

„Was ist denn mit dem da hinten?“, griff ich nach einem breiten, weißen Gürtel mit einer seifengroßen Glitzerschnalle. „Aber gern – wird viel getragen.“, ergriff die Verkäuferin die Chance, sich nun schnell der schwierigen Kundin zu entledigen. Ebenso erleichtert warf ich den Gürtel so gut wie unanprobiert auf den Kassentisch, bevor auch dieses Produkt die Chance haben würde, mich durch grotesken Sitz zu enttäuschen. "Den können sie mehr als eine Saison tragen. Der Glam-Look hält sich.", pries die Verkäuferin mir den frisch erstandenen Gürtel an.

„Wollen sie ihn gleich tragen?“, fragte sie und schob mir ein Tütchen mit Ersatzstrass zu. Ob andere Leute so etwas aufbewahren und Strass nachkleben, wenn er abgeht?, fragte ich mich und bedankte mich überschwenglich für Strass und Mühe. „Den behalte ich gleich um.“, schlang ich mir den Gürtel um meinen Bauch. Gar nicht schlecht sah das aus, dachte ich und strebte der Rolltreppe zu.

„Sie müssen den Gürtel fester schnallen.“, rief die Verkäuferin mir halblaut hinterher und deutete mit heftigen Handbewegungen an, wie der Gürtel zu tragen sei. Vergnügt schüttelte ich den Kopf, und die Rolltreppe entzog die Verkäuferin meinen Blicken.

Donnerstag, 17. Mai 2007

Die Wahrheit über das Ende der Ehe von Onkel A.

Wie es sich gehört, weiß die Familienfama alles über das Ende der Ehen meines Onkels A., und insbesondere das Ende seiner 2. Ehe gehört zu denjenigen Erzählungen, die den ehrwürdigen Schatz der Familiengeschichte seit vielen Jahren bereichern. Zwar behauptet, dies soll nicht verschwiegen werden, die Hauptperson hartnäckig, alles sei ganz anders gewesen, befindet sich mit dieser Ansicht jedoch in einer extremen Minderheitsposition.

Keinesfalls sei er, beharrt der Onkel A., an jenem besagten Abend offenbar unerwartet nach Hause gekommen und habe geklingelt. Wieso er auch habe schellen sollen, fragt der Onkel A., denn selbstverständlich trage er, wie jeder normale Mensch, einen Haustürschlüssel bei sich. Zur Bekräftigung pflegt der Onkel A. an dieser Stelle seinen Schlüssel aus der Tasche zu ziehen und einmal kräftig mit ihm zu rasseln. Die familiäre Version, so behauptet es der Onkel, sei schon aus diesem Grunde vollkommen unplausibel und ohnehin völlig falsch.

Dies jedoch überzeugt die Familie nicht. Vielmehr, so erscheint es anderen Verwandten wahrscheinlich, trage der Onkel A. überhaupt erst seit diesem Abend seinen Schlüssel stetig mit sich, denn schließlich kenne man den Onkel als einen nachlässigen, nachgerade schlampert zu nennenden Herrn, der, wie man so sagt, seinen Kopf vergäße, wäre er nicht verlässlich am oberen Ende des Halses angewachsen.

Dass der Onkel A. seinen Schlüssel bei sich gehabt hätte, hat er – so weiß es der familiäre Volksmund genau – also nachträglich erfunden, wieso auch immer, und so sehen wir den Onkel A., mag er auch protestieren, an einem Sommerabend vor ziemlich vielen Jahren um die Ecke biegen, seinen Wagen parken und über das kurze Rasenstück zwischen Garage und Haus spazieren. Über dem Arm, denn ist warm, trägt der Onkel sein Sakko, in seiner linken Hand schwenkt er eine Aktentasche, und mit der rechten Hand, mit dem rechten Zeigefinger, um genau zu sein, drückt er einmal kräftig auf die Klingel.

Ein paar Minuten lang passiert nichts. Schließlich aber öffnet sich die Tür, und im schattigen Korridor, barfuß auf den braunen Fliesen des onkeleigenen Erdgeschosses, steht ein völlig fremder Mensch und schaut den Onkel an. „Was kann ich für sie tun?“, fragt der unbekannte, unsympathisch muskulöse Mann den Onkel. Dem Onkel verschlug es die Sprache.

Er wohne hier, sagt man, habe der Onkel geantwortet. „Ach so.“, habe man ihm die Tür auf diese Auskunft hin geöffnet, und verdattert standen sich der Onkel und der Hockeytrainer seines Sohnes im Flur gegenüber. „Wer ist denn da?“, habe die Frau des Onkels den Trainer gefragt, und sei mit aller gebotenen Nervosität einer auf frischer Tat ertappten Person herbeigeeilt gekommen, als der Trainer ihr den Sachverhalt mit kurzen Worten erläutert habe.

Dem Onkel, so sagt man, sei die Wahrheit über Frau und Trainer quasi wie ein Holzhammer auf den Kopf gefallen. Stehenden Fußes habe er kehrt gemacht, sei ins Auto gestiegen und zurück ins Büro gefahren, und sei sodann eine ganze Nacht zwischen Schreibtisch und Aktenschrank auf- und abgewandert. Einige Diskussionen mit seiner Frau später habe man sich auf einen vorerst getrennten Hausstand geeinigt, Monate später erkannt, dass der getrennte Hausstand als allseits angenehmer empfunden wurde als das Zusammenleben, und habe noch etwas später die Scheidung beantragt und erhalten.

Obkel A. indes, dies sei angemerkt, bestreitet diesen Geschehensverlauf. Niemals, so behauptet der Onkel und schüttelt empört den Kopf, habe er in seinem Hause den Hockeytrainer angetroffen. Niemals auch habe er eine Nacht im Büro verbracht, und diese wie auch alle seine weiteren Scheidungen seien vollkommen unspektakulär verlaufen, zu unspektakulär offenbar für seine sensationslüsterne Familie, die sich etwas zusammengesponnen habe, wo gar nichts sei.

Dies aber, so weiß man mit überwältigender Mehrheit, ist gar nicht wahr.

Sonntag, 13. Mai 2007

Rauchen

I.

Nach dem Essen, wenn um den Tisch herum sich schwer atmend zurück gelehnt wird. In diesen schweigsamsten Minuten des ganzen Abends, kurz bevor der Kaffee kommt, und die Kellnerin die Dessertteller abräumt und fragt, ob man die letzten Weinreste noch trinken werde. Träge den Kopf zu schütteln, halblaut und eher allgemein in die Runde gerichtet das Essen zu loben: Das Lauchzwiebelsüppchen mit Stubenküken zu einem Riesling, von dem ich mich fortan ernähren möchte. Das Bärlauchpurée zum Milchzicklein, von dem man mehr hätte essen mögen, als da war. Die säuerliche Frische des Spargelsalats mit der Jacobsmuschel. Dagegen das etwas zu alltägliche Dessert, und die Freunde nicken, schweigen, loben ihrerseits. Schwer hängt der Friede eines wirklich guten Essens dickbäuchig von den Balken unter der Decke des Lokals.

Herrschende sollten keinen Eintopf essen, denkst du bei dir und preist stillschweigend die Harmonie nach gutem Essen. Krieg und Frieden, Schmitt und Kelsen, Thomas Mann und Thomas Bernhard – ermattet rühren die Gegensätze Zucker in ihren Kaffee, und der weiße Rauch des Friedens verschleiert den Raum.

II.

Nachts. Auf irgendeinem Sofa sitzen, in irgendeiner Bar, und du und die Bar und das Sofa sind vollgesogen mit Nikotin. Jeder Hohlraum in dir, jede Zelle deines Körpers, ist angefüllt mit weißem, träge sich drehenden Rauch, und in dem Aschenbecher auf der Lehne des Sofas liegen die Leichen aller Zigaretten dieser Nacht wie abgeplatzte, gekrümmte Larven.

Zum Reden bist du längst zu müde. Mit halbgeschlossenen Augen, den Kopf nach hinten auf die Lehne des Sofas gelehnt, sitzt du da und schweigst, lässt dir Musik vorspielen und rauchst, rauchst, rauchst. Was dein Nachbar erzählt, kannst du kaum mehr hören vor Müdigkeit und Musik, und so lässt du ihn reden, lächelst ihm zu, und siehst den Schwaden nach, die langsam, graziös und sehr, sehr weiß nach oben steigen.

III.

Morgens. Wenn das Licht schmerzt beim Verlassen der falschen Nacht eines Clubs und brennt dir Löcher in die Haut. Eine ganze Schachtel musst du geraucht haben, nein, mehr, und der kalte Rauch umgibt dich wie eine nächtliche Aureole aus Aussatz und Schmutz, die dich von den frischgeduschten fremden Leuten trennt, die neben dir zur U-Bahn laufen.

Niemals gehörst du mehr der Nacht als in diesen Momenten, und auf den Rand des nächsten Blumenkübels gelehnt steckst du dir eine letzte Zigarette an, gewöhnst deine Augen an Morgen und Helligkeit, und holst dir die Nacht zurück für ein paar Züge.

Sonntag, 6. Mai 2007

Nikotinfreies Lamento

Leider, meine sehr verehrten Leserinnen und Leser, werde ich voraussichtlich im kommenden Jahr endgültig den Geist aufgeben und begraben werden, wo zwar nicht der Pfeffer, aber die Gräser wachsen, denn diese, wie man weiß, sind verantwortlich für ein Siechtum, das nun auch vor dem Allerheiligsten, vor der modestinen Substanz selbst sozusagen, nicht halt gemacht hat. Tränende Augen, Geräusche in der Lunge, als schleife da eine Fahrradkette rasselnd über die Bronchien, das undamenhafteste Niesen der Welt: Petitessen, Ärgernisse geradezu homöopathischer Natur, ach, dies jedoch sprengt nun endgültig den Rahmen dessen, was ich Natur einerseits und Immunsystem andererseits nachzusehen geneigt bin:

Mit dem Rauchen ist es nun aus.

„Sie müssen doch merken, wenn sie keine Luft mehr bekommen.“, kanzelte mich der Mittwoch morgen nach ganztags aufrecht liegend verbrachtem Feiertag aufgesuchte Allgemeinarzt ab. „Sie werden das allergische Asthma nicht mehr los, wenn sie weiter rauchen.“, beendete er eine 16 Jahre umfassende Raucherkarriere mit einem einzigen Satz und entließ mich fassungslos, die letzte, halb angebrochene Schachtel in der Tasche.

„Das geht nicht!“, überlegte ich kurz - aber wahrheitsgemäß - zu erwidern, verwarf den Gedanken dann doch als kindisch, und schleppte mich sehr langsam und sehr kurzatmig erst in die Apotheke und dann nach Hause. Alle zwanzig Meter legte ich eine kurze Pause ein. Alle hundert Meter lehnte ich mich ein bißchen gegen die Wand, und daheim begab ich mich sofort ins Bett, denn im Liegen ist der Bedarf an Atemluft am geringsten.

Nach dreißig Minuten ging es los. In der Küche, so blies es mir die Sucht in die Ohren, lag meine Tasche, in der Tasche lagen Zigaretten, das Feuerzeug auf dem Esstisch, und der Aschenbecher stand ordnungsgemäß auf dem Balkon. Genussvoll – wenn auch nur in Gedanken – zog ich den weißen Rauch tief in die Lungen. Bei der Simulation des Rauchvorgangs indes musste ich husten, der unappetitliche Inhalt meiner Lungenflügel drängte sich nach und nach bröckchenweise durch die Speiseröhre nach oben, und ich verzichtete vor diesem Hintergrund darauf, die Vision einer einzigen, einer göttlichen, einer wahrhaft dionysischen Zigarette in die Tat umzusetzen.

Am Abend wurde es schlimmer. Die Welt bestand – obschon ich die Wohnung bis Samstag nicht verließ – ausschließlich aus Rauchern und lag voller Zigaretten. Nichts Großartigeres hatte die Menschheit mir zu bieten als eine einzige Zigarette, und mit schmerzender Lunge, einem Husten, der am Leibe jugendlicher Rekruten für ein Dutzend Wehrdienstuntauglichkeitsbescheinigungen ausgereicht hätte, lag ich übellaunig, aber nichtrauchend, im Bett.

Wer mich ansprach, lief fortan mit blutenden Bisswunden durch die Stadt. Mein Körpergewicht steigt von Stunde zu Stunde. Weder ein Biergartenabend noch ein Nachmittag auf dem Helmholtzplatz vermögen mein Wohlgefallen zu erregen. Auf meiner Stirn steht der kalte Schweiß und fragt, ob ein kurzes, angenehmes und asthmatisches Leben einem langen unerfreulichen Dasein ohne Zigaretten nicht vorzuziehen sei.

Was mich der Heuschnupfen nächstes Jahr kostet, wissen wohl nur die Götter. Rechnen Sie also mit dem Schlimmsten. Und legen Sie mir - sollte es eintreffen - eine Schachtel Zigaretten aufs Grab.

Freitag, 4. Mai 2007

Ein Festival des Selbsthasses an einem Samstag im Mai

Wie ich der einschlägigen Fachpresse entnehme, sollen Oberschenkel – jawohl: dieses Stück Bein zwischen Knie und Rumpf – keinesfalls konisch geformt sein. Walzenförmig ist das Bein der Zukunft, eine sehr dünne Walze allerdings, und ganz gleich hat sein Umfang kurz unter dem Hüftknochen zu sein im Verhältnis zum Umfang knapp vor dem Knie. Entspricht ein Bein aber nicht dieser weltweit anerkannten Norm, dann, o unglückliche Beinbesitzerin, dann ergeht es Ihnen wie mir, und zunehmend gedrückt schleppen Sie sich an einem Samstag durch die Geschäfte und versuchen, Ihre Beine in sehr, sehr schmale Hosenbeine zu bugsieren, in denen – und das ist das Schlimmste – andere Leute wirklich gut aussehen. Die C. zum Beispiel, die mit immerhin 1,68 gleichwohl in Größe 34 passt, und – um dem Fass den Boden auszuschlagen – nicht einmal verhungert aussieht dabei, sondern einfach gut.

Klein, fett und hässlich schleppe ich meine Körpermassen der shoppenden C. durch Charlottenburg hinterher, zupfe resigniert an einigen herumhängenden Jackenkleidern, die an dünnen Leuten super aussehen, und die ich nicht einmal zugeknöpft bekomme, und kaufe vor lauter Verzweiflung, und um auch etwas gekauft zu haben, ein Kostüm, von dem der J. drei Stunden später behaupten wird, es sei zu eng.

„Größer gab’s das nicht.“, werde ich ächzen und die Kostümjacke auf mein Sofa werfen. Mich selbst würfe ich gern hinterher, indes liegt dort bereits der J. und schüttelt den Kopf über den blödsinnigen Einkauf. „Wegschmeißen!“, werde ich schluchzen, und das Kostüm im Schrank verstauen für später, wenn ich wieder schlank sein werde, was – wie wir alle wissen – niemals eintreten wird.

In Mitte will man mir auch nichts verkaufen. Die C. kauft ein Kleid, das es in meiner Größe dermaßen nicht gibt, das sich nicht einmal das Anprobieren lohnt, und mit hängenden Ohren, schniefend vor Heuschnupfen und Enttäuschung laufe ich heim. Die C. shoppt weiter.

„Die wollen mein Geld nicht.“, jammere ich dem J. vor und betaste meine Arme und Beine. „Blödsinn.“, schüttelt der J. den Kopf und spricht von Hosenanzügen, die mir besser stünden als die begehrten zarten, femininen Kleidchen, und meiner himmelschreienden Dummheit, wider besseren Wissens stets nach Kleidungsstücken zu greifen, die für einen Frauentyp entworfen worden sind, den der J. schonungsvoll als „anders gebaut“ bezeichnet. Verachtungsvoll kneife ich mit geschlossenen Augen in meinen Speck, bis es schmerzt und die Nägel rote, schmerzende Stellen hinterlassen. Hässlich sieht das aus, denke ich, aber auch irgendwie egal.

Manchmal wär’s gut, fünfzig zu sein, denke ich und schaue dem J. beim Musikhören zu. Wenn es erst einmal egal ist, ob man schlank ist, weil dann ohnehin die anderen an der Reihe sind, schön und geliebt zu sein, die jetzt gerade einmal geboren sind oder demnächst eingeschult werden. Auch nicht schlecht wäre es, irgendwo zu leben, wo die schönen, die beneideten, die zarten und zierlichen Frauen ihre Zartheit und Zierlichkeit genauso wenig herumzeigen könnten, wie ich mein Fett herumzeigen muss, und alle stäken in riesigen, unförmigen, vielleicht schwarzen Gewändern. Den Tschador haben dicke Frauen entworfen, sage ich laut, aber der J. hört mir nicht zu, sondern nickt im Takt der Musik aus seinen Kopfhörern, die, so denke ich mir, von lauter blitzdünnen, biegsamen und wohlgekleideten Frauen gesungen wird, die Größe 34 tragen, eisgekühlten grünen Tee trinken und Frauen wie mich mitleidig auslachen, wenn sie mit ihren Freundinnen einkaufen gehen und dicke Frauen sehen, die verzweifelt Kleidungsstücke über die Stangen schieben in der Hoffnung, es gäbe das Begehrte auch in Größe 40 oder so, aber das ist natürlich alles Quatsch.



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